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Full text of "Perspektiven der Menschheitsentwickelung"

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RUDOLF STEINER GESAMTAUS GABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



DER MENSCH IN SEINEM ZUSAMMENHANG 

MIT DEM KOSMOS 



Band I: Entsprechungen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos 
Der Mensch - eine Hieroglyphe des Weltenalls 
16 Vortrage, Dornach 9- April bis 16. Mai 1920. Bibl.-Nr. 201 

Band II: Die Briicke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen 
des Menschen - Die Suche nach der neuen Isis, der 
gottlichen Sophia 

16 Vortrage, Dornach, Bern, Basel, 26. November bis 26. Dezember 1920 
Bibl.-Nr. 202 

Band III: Die Verantwortung des Menschen fur die Weltentwickelung 
durch seinen geistigen Zusammenhang mit dem Erdplaneten 
und der Sternenwelt 

18 Vortrage, Stuttgart, Dornach, Den Haag, 1. Januar bis 1. April 1921 
Bibl.-Nr. 203 

Band IV: Perspektiven der Menschheitsentwickelung 

17 Vortrage, Dornach 2. April bis 5. Juni 1921. Bibl.-Nr. 204 

Band V: Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist 

Erster Teil: Der Mensch als leiblich-seelische Wesenheit 
in seinem Verhaltnis zur Welt 

13 Vortrage, Stuttgart, Bern, Dornach, 16. Juni bis 17. Juli 1921 
Bibl.-Nr. 205 

Band VI: Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist 

Zweiter Teil: Der Mensch als geistiges Wesen im historischen 
Werdegang 

11 Vortrage, Dornach 22. Juli bis 20. August 1921. Bibl.-Nr. 206 

Band VII: Anthroposophie als Kosmosophie - Erster Teil: 

Wesensziige des Menschen im irdischen und kosmischen 
Bereich 

11 Vortrage, Dornach 23. September bis 16. Oktober 1921. Bibl.-Nr. 207 

Band VIII: Anthroposophie als Kosmosophie - Zweiter Teil: 

Die Gestaltung des Menschen als Ergebnis kosmischer 
Wirkungen 

11 Vortrage, Dornach 21. Oktober bis 13. November 1921. Bibl.-Nr. 208 

Band IX: Nordische und mitteleuropaische Geistimpulse 
Das Fest der Erscheinung Christi 

11 Vortrage, Oslo, Berlin, Dornach, Basel, 24. November bis 31. Dezem- 
ber 1921. Bibl.-Nr. 209 



DER MENSCH IN SEINEM ZUS AM MEN HANG 

MIT DEM KOSMOS 

Vierter Band 



I 



RUDOLF STEINER 



Perspektiven 
der Menschheitsentwickelung 

Der materialistische Erkenntnisimpuls 

und die 
Aufgabe der Anthroposophie 

Siebzehn Vortrage, gehalten in Dornach 
zwischen dem 2. April und 5. Juni 1921 



1979 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/ SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung 

Die Herausgabe besorgten auf Grand der friiheren Bearbeitung 
durch C. S. Picht (f): Hans Huber, Caroline Wispier und Robert Friedenthal 



1 . Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1979 



Friihere Ausgaben: 

Dornach, 2., 3., 15., 16. und 17. April 1921: «Der materialistische Erkennt- 
nisimpuls und seine Bedeutung fur die ganze Menschheitsentwickelung», 
Basel 1953 

Dornach, 9- April 1921 in «Ansprachen und Vortrage Rudolf Steiners im 
Zweiten anthroposophischen Hochschulkurs», Bern 1948 

Dornach, 22., 23., 24., 29. und 30. April, 1. Mai 1921: «Die materialistische 
Weltanschauung des neunzehnten Jahrhunderts», Basel 1955 

Dornach, 2., 3., und 5- Juni 1921: III. bis V. Vortrag in «Perspektiven der 
Menschheitsentwickelung», Basel 1958 

Dornach, 5. Mai 1921: «Das Ich und die Sonne. Der Mensch innerhalb der 
Sternenkonstelladon», Dornach 1934; I. Vortrag in «Perspektiven der 
Menschheitsentwickelung», Basel 1958 

Dornach, 13, Mai 1921: «Vom Mondenaustritt bis zur Mondenzuriickkunft», 
Dornach 1934; II. Vortrag in«PerspektivenderMenschheitsentwickelung», 
Basel 1958 

Veroffentlichungen in Zeitschriften siehe S. 313 



Bibliographie-Nr. 204 

Einbandzeichen von Rudolf Steiner. Schrift von B. Marzahn 
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefuhrt von Assia Turgenieff (f ) und Leonore Uhlig 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaiSverwaltung, Dornach /Schweiz 
Copyright 1979 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/ Schweiz 
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel 

ISBN 3-7274-2040-5 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spiiter Anthroposophischen Ge- 
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei 
gehaltenenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie 
als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt berticksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, daft in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei- 
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INH ALT 



Erster Vortrag, Dornach, 2. April 1921 

Der Materialismus bestand im 19. Jahrhundert zu Recht; nur das Fest- 
halten an ihm bringt Katastrophen. Die Erkenntnis der materiellen Welt 
bleibt, del theoretische Materialismus mufi voriibergehen. Er ist Spiegel 
der Entwicklung im 19. Jahrhundert, in dem der physische Leib, ins- 
besondere Haupt- und Nervenorganisation, als vollkommenes Abbild des 
Seelisch-Geistigen ausgebildet ist und die atherische, traumschaffende 
Kraft im Menschen sich abschwacht. Moriz Benedikt - ein Denken, 
das ganz dem Physischen eingepragt ist. Stenographic - Heute ist der 
Hohepunkt der physischen Strukturvollendung schon iiberschritten. 

Zweiter Vortrag, 3. April 1921 

Irrtiimer im bloften Denken und Irrtumer, die im Tatsachlichen wurzeln. 
Letztere, zum Beispiel der theoretische Materialismus, konnen auch eine 
fur die Menschheit forderliche Seite haben. Die Aufbaukrafte des 
Hauptes werden durch die Imagination, diejenigen des rhythmischen 
Systems durch die Inspiration, diejenigen des Stoffwechselsystems durch 
die Intuition erkannt. Charakter der Imagination und Wesen des erin- 
nernden Denkens und gegenstandlichen Erkennens. Erkenntnis und 
Tod. 

Dritter Vortrag, 9. April 1921 

Vor Aristoteles wurde der Prozefi des Sprechenlernens noch verstanden; 
dadurch instinktives Wissen, dafi im Wort dasselbe Geistig-Seelische 
aufklingt, das in der Welt naturschaffend verstummt ist sowie ein Wissen 
um die Praexistenz und, weiter zuriick, um die Wiederverkorperung. Der 
Weg des Verklingens vom alten Wortverstehen zur abstrakten Geistigkeit 
von Logik und Begriff: Logik des Aristoteles - «Nus» des Anaxagoras - 
Idee bei Plato - Logoslehre der Gnosis - Logos und Christentum; 
Johannes-Evangelium. Im 4. Jahrhundert n.Chr. endgiiltiger Verlust des 
Logoswissens. Bewufites Wiedererringen durch Anthroposophie. 

Vierter Vortrag, 15. April 1921 

Bis ins 4. Jahrhundert n.Chr. lebte die aus der Weltweisheit geschopfte, 
das Atherische instinktiv verstehende Astronomie und Medizin des 
Ostens; diese Weisheit flofi auch ins kultische Leben. Das Bild des 
Mithraskultes; das Christentum. - Dionysius Areopagita. Weiterdringen 
der alten Weisheit bis zu Basilius Valentinus, Jakob Bohme und Pa- 



racelsus. Seit Konstantin, bzw. Justinian dringt das agyptisch-romische 
«FeststelJungs-Prinzip» in den Umgang mit der Wahrheit und dem Wort; 
es schneidet das Verstandnis des Christentums aus der vorchristlichen 
Weisheit heraus ab. 

FUNFTER VORTRAG, 16. April 1921 

Der Umschwung im 4. Jahrhundert n.Chr. Das Wesen des Griechentums 
und seine Tragik. Das Abendland drangt die Weisheit der alten Griechen 
und den Mithraskult in den Orient zuriick; es bleiben fur das religiose 
Leben der nordischen Volker die Tatsachenerzahlung der Ereignisse von 
Palastina sowie die Dogmen der Konzilien; notwendig zur Befestigung 
des Ich. Die Weisheit des Orients dringt nur als Verstandeskultur im 
Arabismus nach Europa. - In ganz wenigen europaischen Seelen iebt das 
Geheimnis um Brot und Wein wieder auf, und damit das der alten 
Astronomie und Medizin. Seine Realitat, im Gralsmysterium zusammen- 
gefafk, schwebt gleichsam iiber dem vermaterialisierten Abendland; es 
kann nur gefunden werden aus der inneren Frage des individuellen 
Menschen. Titurel. - Die neuerliche Vermaterialisierung dieser Suche in 
aufieren Ziigen nach Jerusalem. 

Sechster Vortrag, 17. April 1921 

Der Orientale lebte in der geistigen Welt und mufite die materielle aus 
ihr heraus begreifen. Der Europaer lebt in der materiellen und mufi die 
geistige von daher zu begreifen suchen. Der Ubergang im Griechentum. 
Das Problem der Gnosis, den Christus im Jesus zu begreifen. Abbrechen 
dieses Ringens durch das verstaatlichte romische Christentum. «Ver- 
menschlichung» des Christentums in Europa. Heliand-Dichtung. - 
Dumpfheit in bezug auf die hohere Weisheit. Gralssuche. - Seit dem 15. 
Jahrhundert Gefahr, im Materialismus gefangen zu bleiben. - Der Ruf 
nach einem durchchristeten Staat bei Solowjow. - Machte, die heute den 
Weg geistiger Aktivierung hindern; Liebe zum Bosen. 

Siebenter Vortrag, 22. April 192 1 

Friedrich Nietzsches weltanschauliche Entwicklung und Tragik - als 
Kampf gegen die Niedergangskrafte und Symptom fur das Mafi der 
Geistentfremdung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Das Bild des 
Menschen, der Sinn des Erdenlebens und das Wesen des Christentums 
konnen selbst von Nietzsche nicht mehr gefalk werden; ihre Verzerrung 
im Begriff vom «Ubermenschen», von der «ewigen Wiederkehr des Glei- 
chen» und im «Antichrist». 



Achter Vortrag, 23. April 1921 

Maft, Zahl und Gewicht - als Beispiel fur den Selbst- und Wirklichkeits- 
verlust der Menschheit auf dem Weg in die Abstraktion. Bis ins zweite 
nacharlantische Zeitalter wurde noch die Zahl in wesenhaften Qua- 
litaten erlebt, die vom Asrralleib aus dem Welrganzen aufgenommen 
und dem Atherleib eingepragt waren; bis ins dritte das Mafe als die 
Kraft, aus der der Atherleib den physischen Leib nach kosmischen 
Verhaltnissen bildete; bis ins erste das Gewicht als das Urerlebnis zwi- 
schen Ich und Astralleib, das dem Menschen als Gleichgewichtslage 
zwischen Erdfesselung und Aufwartsschweben fiihlbar war. - Letzte 
Nachklange dieser Qualitaten nur noch in der Kunst. 



Neunter Vortrag, 24 . April 1921 

Das 19. Jahrhundert als Kulmination von abstrakter Geistigkeit und Ma- 
terialismus in der Geschichte seit dem 4. Jahrhundert. Dogma und 
Kultus. - Fruher: Leben imLeibe, das gerade dadurch die kosmische Gei- 
stigkeit erlebte - heute: Leben im Geiste, das sich der Materie zuwendet 
und sich selbst verkennt. Anders bei Leibniz. - Die Kraft des Verstehens 
geisteswissenschaftlicher Begriffe, die der moderne Intellekt aus sich her- 
aus schaffen kann, als die Moglichkeit zur Verwandlung und Belebung 
der erstarrten, innerlich tragen Intelligenz. Die drei Formen der Tragheit: 
Neukatholizismus, der die alten Inhalte formelhaft bewahrt, Protestan- 
tismus, mit seinen Kompromissen zwischen Tradition und Intellekt und 
der aufgeklarte IntellektuaHsmus ohne geistigen Inhalt. Zukiinftige Pola- 
risiemng in katholischen Traditionalismus und geistig erwachende In- 
tellektualitat. 



Zehnter Vortrag, 29. April 1921 

Die Notwendigkeit im Leben des Einzelnen, wie der Menschheit, das Ziel 
der jeweiligen Entwicklungsstufe zu erreichen. - Ziel des vierten Zeit- 
raumes war die Ausbildung der Verstandesseele: der Mensch erwachte aus 
dem kosmischen Empfinden heraus zum Weltenverstand, auf der Grund- 
lage der Tatigkeit des Atherleibes. Seit dem 15. Jahrhundert hat sich die 
atherische Tatigkeit dem physischen Leib ganz eingepragt, das Denken 
wurde menschlich subjektives Schattenbild; dadurch Trennung in nur 
noch logisches Denken und sich selbst iiberlassenen triebund in- 
stinktgebundenen Willen. Uberwindung der Trennung zum Beispiel im 
Jesuitismus. - Notwendigkeit fur das 20. Jahrhundert, vom Ich her Reali- 
tat in das schattenhafte Denken zu bringen, so daft es in der chaotisierten 
sozialen und wirtschaftlichen Welt verwandelnd leben kann. 



Elfter Vortrag, 30. April 1921 

Die Bedeutung des Jahres 1840 als Zekpunkt des eigentlichen Auf- 
dammerns der Bewufltseinsseele. In den einzeinen Nationen traf die- 
ses Aufdarnmern auf verschiedenartige altere Bewuikseinshaltungen auf: 
In England auf eine dem archaisch-homerischen Griechentum ver- 
wandte, in Frankreich auf ein Erbgut der lateinischen Verstandes- 
seelenkultur, in Iralien auf ein Stuck alter Empfindungsseelenkultur, in 
Mitteleuropa auf ein Erbstuck aus dem 4. nachchristlichen Jahrhundert, 
wahrenddem in Osteuropa der Vorgang mehr verschlafen worden ist. 
Oswald Spenglers «Preufientum und Sozialismus». 

Zwolfter Vortrag, 1 . Mai 192 1 

Die beiden Hauptstromungen im 19- Jahrhundert: das formal-juristische 
romische Katholikentum der romanischen Volker mit ihren geistig 
ideologischen Kampfen - und das aus der sozialen und industriellen Pra- 
xis erwachsende wirtschaftliche Denken der Angelsachsen mit ihren 
Machtproblemen. Beide wurzeln letztlich in der persischen Kultur; der 
Katholizismus im Ormuzddienst, das Angelsachsische in Ahrimanein- 
weihungen. - Joseph de Maistre als wissender und genialer Vertreter des 
alten Katholizismus; sein Kampf gegen den seit dem 15. Jahrhundert 
aufgekommenen Geist. - Der notwendige Ausgleich und die Erneuerung 
durch ein freies Geistesleben. Goethes Wissen darum: seine Reaktion auf 
die Auseinandersetzung Cuviers mit Geoffroy Saint-Hilaire. 

Dreizehnter Vortrag, 5. Mai 1921 

Der Zusammenhang des irdischen Menschen mit den Pianetenkraften. 
Das Wissen noch im vierten nachatlantischen Zeitraum um die Zu- 
gehdrigkeit der Ich-Entwicklung zur Sonne; die Notwendigkeit heute, 
diese Erkenntnis wieder zu erlangen. - Die Polaritat von Sonnen- und 
Mondenkraften in der Gestaltung des irdischen Menschen. - Differenzie- 
rung der Krafte, abgelesen am Prozeft der Nahrungsaufnahme: Wirken 
der irdischen Krafte, des Umkreises, der Monden- und Sonnenkrafte. 
Weitere Differenzierung der planetarischen Wirkung im Astralleib: im 
«oberen Menschen» wirken aufier der Sonne, Saturn, Jupiter und Mars, 
im «unteren Menschen» aufier dem Mond, Merkur und Venus. Konstella- 
tion und irdische Geburt. 

VlERZEHNTER VORTRAG, 1 3 . Mai 1 92 1 

Materialistische Wissenschaft und Geisteswissenschaft als geistig-kos- 
mische Ereignisse zwischen Mondenaustritt und Mondenriickkunft. Die 
Geistigkeit der Naturwissenschaft konnte ein neues Naturreich zwischen 
Mineralischem und Pflanzlichem erzeugen, in Form von schattenhaft 



lebendigen Spinnenwesen, die die Erde net2artig umziehen bei ihrer 
Wiedervereinigung mit dem Mondendasein; der Mensch ware dadurch 
abgeschnitten von Leben und Geistigkeit der Welt. - Die Pflege der 
Geisteswissenschaft ermoglicht die Ankunft geistiger Wesen von anderen 
Planeten, die seit dem Ende des 19- Jahrhunderts zur Erde streben; ihr 
Wirken ist nur moglich iiber ein Denken, das auch Lebendiges und 
Beseeltes erfafit. - Der Weg zu dieser Verwandlung: Vereinigung des 
klaren Denkens mit kunstlerischer Anschauung in einer Wissenschaft, die 
zugleich Kunst wird. Goethes Metamorphosenlehre; sein Hymnus an die 
Natur; Nietzsches Bild vom Tal des Todes. 

FOnfzehnter Vortrag, 2 . Juni 192 1 

Johannes Scotus Erigenas Denken als Ausdruck einer Entwicklungsmeta- 
morphose zwischen dem alten schauenden und dem intellektuellen Den- 
ken. Die Nachwirkungen der «negativen Theologie» von Dionysios 
Areopagita und von Origenes auf die Zeit des Scotus. Die vier Teile des 
Buches «De divisione naturae»: Gotteslehre, Hierarchienlehre, Geistlehre 
von Natur und Mensch, Eschatologie; noch keine Gedanken zur SoziaJ- 
lehre. - Das Denken Erigenas: noch geistige Realitat, schon abstrakte 
Begriffe. - Widerspiegelung des Wissens friiherer Kulturepochen in den 
ersten drei Teilen des Buches in nicht chronologischer Reihenfolge; der 
vierte Teil: das damals gegenwartige Streben des Verstandes, Christen- 
tum und Menschheitszukunft zu begreifen. Es fliefit seit dem 15. Jahr- 
hundert in die Grundlegung der Naturwissenschaften. - Der Wider- 
spruch unseres Zeitalters, das eigentlich in hoherer Vergeistigung lebt, 
inhaltlich aber immer materialistischer geworden ist. 

Sechzehnter Vortrag, 3 . Juni 192 1 

Weltuntergang und Weltaufgang. Erigena zwischen dem alten und 
neuen Denken. Das Johannes-Evangelium als Zeugnis dafur, daft der 
Christus, der Logos, der Schopfer des Irdischen ist. - Im Altertum herr- 
schte das «Vaterprinzip»: der Mensch erlebte sich leiblich und im Blute 
als Ebenbild des gottlichen Vaters, reprasentiert im Stammvater der 
Generationen; Gott und Geist walteten in den Erden- und Monden- 
kraften. Die ersten drei Teile von Erigenas Buch schliefien daran an. - Das 
fruhchristliche Wissen um das Wesen der Vaterkrafte und der Christus- 
Kraft. Das Johannes-Evangelium. Der Ubergang vom Blutopfer der 
vorchristlichen Zek zum Opfer von Brot und Wein. - Der Welt- 
untergang, als Untergang der alten, leibgebundenen Geisteskraft hat 
sich im 4. Jahrhundert vollzogen. Abgestuft erscheint er im Bewufitsein 
immer wieder; Kreuzzugstimmung; Alfred Suefi; Oswald Spengler. Die 
Moglichkeit der Erneuerung aus realer Geisterkenntnis. 



SlEBZEHNTER VORTRAG, 5.Juni 1921 295 

Der Umschwung des 4. Jahrhunderts unter dem Gesichtspunkt des sich 
wandelnden Leiberlebens; Krankheit und Heilung. Agypten: der Leib als 
Teil des Erdganzen, mit dessen vier Elementen er in einem harmonischen 
Verhaltnis gehalten werden mufke; seine Gestalt als das Kunstwerk des 
von Geburt und Tod unabhangigen Ich. Griechenland: das Leiberleben 
als Ausdruck des diesseitig Geistig-Seelischen, das fast identisch mit dem 
lebendig plastizierenden Flussigkeitssystem erfahren wurde; die vier 
Saftearten im Menschen. Rom: das seelische Sich-Fuhlen im irdischen 
Dasein. - Der Spiegel dieser Wandlungen in der Entwicklung der sie- 
ben Wissenschaften von lebendiger Oftenbarung zur Abstraktion. Der 
Eintritt des Christentums. Julian Apostata. Konstantin. Justinian. 
Verdrangung des lebendigen Wissens nach Osten (Gondishapur). Der 
Bewufitseinskampf von Avicenna und Averroes aus dem Aristotelismus 
das Ich zu begreifen in Gegeniiberstellung mit dem germanischen Weg. - 
Die Aufgabe der Anthroposophie. 

Hinweise 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 



325 
327 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, 2. April 1921 

Die Zeit der materialistischen Entwickelung liegt ja vorzugsweise in 
der Mitte und in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts. Heute 
mag uns zunachst von dieser materialistischen Entwickelung mehr 
die theoretische Seite interessieren. Manches von dem, was ich heute 
iiber diese theoretische Seite sagen werde, kann aber auch in un- 
gefahr derselben Weise fur die mehr praktische Lebensseite des Ma- 
terialismus gesagt werden. Allein, wie gesagt, davonwollenwir heute 
absehen, wir wollen mehr sehen auf dasjenige, was durch die ganze 
zivilisierte Welt in der Mitte und in der zweiten Halfte des 19- Jahr- 
hunderts als die materialistische Weltanschauung aufgetreten ist. 

Bei einer solchen Sache handelt es sich eigentlich um ein Zwei- 
faches. Es handelt sich erstens darum, dafi wir uns klar sein miissen 
dariiber, inwiefern so etwas wie die materialistische Weltanschauung 
zu bekampfen ist, dafi wir gewissermafien in uns tragen miissen alle 
diejenigen Vorstellungen und Ideen, durch die wir geriistetseinkon- 
nen, um die materialistische Weltanschauung als solche abzuweisen. 
Allein neben diesem Geriistetsein mit der notigen Vorstellungswelt 
haben wir gerade vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus 
noch etwas anderesnotig. Wir haben notig, diese materialistische Vor- 
stellungsweise zu verstehen, zu verstehen erstens ihrem Inhalte nach, 
zweitens aber auch zu verstehen, inwiefern in der Menschheitsent- 
wickelung einmal diese extreme materialistische Weltanschauung 
auftreten konnte. 

Es konnte als ein Widerspruch erscheinen, dafi auf der einen 
Seite hier gefordert wird, man musse die materialistische Weltan- 
schauung bekampfen konnen, und auf der anderen Seite wiederum, 
man musse sie verstehen konnen. Es ist dies fur denjenigen, der auf 
dem Boden der Geisteswissenschaft steht, nicht in Wirklichkeit ein 
Widerspruch, sondern es ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Die 
Sache verhalt sich vielmehr so. Im Laufe der Menschheitsentwicke- 
lung miissen Momente auftreten, welche zunachst diese Menschheit 



in einer gewissen Weise herunterziehen, welche die Menschheit unter 
ein gewisses Niveau herunterbringen, damit sie sich dann durch sich 
selber wiederum heraufheben konne. Und es wurde fiir die Mensch- 
heit keine Hilfe sein, wenn sie durch irgendeinen gottlichen Rat- 
schlufi oder dergleichen davor bewahrt werden konnte, nicht die 
Niederungen des Daseins durchmachen zu miissen. Es ist fur die 
Menschheit, damit sie zum vollen Gebrauche ihrer Freiheitskrafte 
komme, durchaus notwendig, auch in die Niederungen sowohl der 
Weltauffassung wie des Lebens herunterzusteigen. Und das Gefahr- 
liche liegt eigentlich nicht darin, daft zur rechten Zeit - und die war 
fiir den theoretischen Materialismus eigentlich die Mitte des 19- Jahr- 
hunderts - so etwas auftritt, sondern das Gefahrlkhe besteht darin, 
daft wenn im Laufe der normalen Entwickelung so etwas aufgetreten 
ist, dann daran festgehalten wird, daft dann dieses fur einen 
gewissen Zeitpunkt Notwendige hiniibergetragen wird in kiinftige 
Zeiten. Und wenn man sagen kann, dafi der Materialismus in 
gewisser Beziehung fur die Menschheit eine Priifung war in der 
Mitte des 19. Jahrhunderts, die durchzumachen war, so ist es auf der 
anderen Seite auch wiederum richtig, dafi das Festhalten an dem 
Materialismus jetzt einen furchtbaren Schaden bringen mull, und 
dafi dasjenige, was wir an furchtbaren Weltkatastrophen und 
Menschheitskatastrophen durchmachen, eben darauf beruht, dafi 
die Menschheit an diesem Materialismus in weiten Kreisen fest- 
halten mochte. 

Was bedeutet eigentlich der theoretische Materialismus? Er 
bedeutet die Anschauung, dafi der Mensch zunachst der Umfang 
desjenigen sei, was die materiellen Prozesse seines physischen Leibes 
ausmacht. Der theoretische Materialismus studierte die physisch- 
sinnlichen Prozesse des physischen Leibes, und wenn auch zunachst 
dasjenige, was er in diesem Studium erreicht hat, mehr oder weniger 
am Anfange ist, so hat er doch die letzten Konsequenzen in bezug 
auf die Weltanschauungen bereits gezogen. Er hat den Menschen 
gewissermafien erklart als den Zusammenflufi dieser physischen 
Krafte, er hat sein Seelisches erklart als etwas, was nur hervorgerufen 
wird durch das Zusammenarbeiten dieser physischen Krafte. Er hat 



aber auch eingeleitet die Untersuchung der physischen Natur des 
Menschen. Dieses letztere, die weitere Untersuchung der physischen 
Natur des Menschen, das ist dasjenige, was bleiben raufi, Was das 
19. Jahrhundert als Konsequenz aus dieser physischen Untersuchung 
gezogen hat, das ist das, was eine voriibergehende Erscheinung 
bleiben mufi in der Menschheitsentwickelung. Aber als solche 
voriibergehende Erscheinung wollen wir sie zunachst einmal begrei- 
fen. 

Was liegt denn eigentlich da vor? Nun, wenn wir zuriickblicken 
in die Menschheitsentwickelung und an der Hand desjenigen, was 
ich in der «Geheimwissenschaft im Umrift»angegebenhabe, ziemlich 
weit zuriickblicken, dann miissen wir sagen: Dieses Menschenwesen 
hat die verschiedensten Stadien durchgemacht. - Wir brauchen uns 
ja nur zu beschranken auf dasjenige, was das Menschenwesen im 
Laufe der Erdenentwickelung selber durchgemacht hat, und wir 
werden uns sagen miissen: Dieses Menschenwesen ging im Verlauf 
der Erdenentwickelung von einer allerdings im Verhaltnis zu seiner 
heutigen Gestaltung primitiven Bildungsform aus, wandelte dann 
diese Bildungsform um und kam immer naher und naher derjenigen 
Gestalt, die eben der Mensch heute hat. Solange man im groben der 
menschlichen Gestaltung bleibt, so latige wird man, wenn man das 
geschichtliche Dasein des Menschen verfolgt, die Unterschiede nicht 
so aufierordentlich grofi finden. Wer etwa nach den Mitteln, die fur 
die auikre Geschichte vorhanden sind, die Gestalt eines alten 
Agypters oder selbst eines alten Inders vergleichen will mit der 
Gestaltung eines Menschen der heutigen europaischen Zivilisation, 
der wird nur verhaltnismaftig kleine Unterschiede finden, wenn er 
eben durchaus im groberen der Betrachtung bleibt. In bezug auf 
dieses grobere der Betrachtung treten ja die groften Unterschiede 
gegeniiber den primitiven Bildungsformen, die der Urmensch 
gehabt hat, erst hervor in den Zeiten, die weit hinter den geschicht- 
lichen zuriickliegen. Aber wenn wir ins feinere hineingehen, wenn 
wir in das hineingehen, was sich allerdings den aufieren Blicken ver- 
birgt, dann gilt das nicht mehr, was ich eben gesagt habe, dann mufi 
man durchaus sagen: Zwischen dem Organismus eines heutigen 



Zivilisationsmenschen und dem Organismus eines alten Agypters 
oder selbst eines alten Griechen oder Romers ist ein grower, ein be- 
deutsamer Unterschied. Und wenn auch die Umwandlung in viel 
feinerer Weise sich vollzogen hat in geschichtlichen Zeiten, so hat sie 
sich eben doch in bezug auf alle feinere Gestaltungdesmenschlichen 
Organismus vollzogen. Und was sich da vollzogen hat, das hat eine 
gewisse Kulmination, einen gewissen Hohepunkt erreicht in der 
Mitte des 19. Jahrhunderts. So paradox es klingt, es ist durchaus so, 
dafi in bezug auf seine innere Formung, in bezug auf dasjenige, was 
der menschliche Organismus iiberhaupt werden kann, der Mensch 
um die Mitte des 19 . Jahrhunderts am vollkommensten war, und 
daft gerade seit jener Zeit eine Art Dekadenz wiederum eintritt, dafi 
der menschliche Organismus in Ruckverwandlung begriffen ist. 
Daher war es auch in der Mitte des 19- Jahrhunderts so, dafi nament- 
lich diejenigen Organe am vollkommensten ausgebildet waren, 
welche als die physischen Organe der Verstandestatigkeit dienen. 

Was wir den menschlichen Verstand, den menschlichen Intellekt 
nennen, das braucht ja physische Organe. Diese physischen Organe 
waren in fruheren Zeiten bei weitem weniger ausgebildet, als sie es 
in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren. Es ist durchaus so, dafi das- 
jenige, was wir zum Beispiel am Griechen, was wir selbst an solchen 
vollendeten Griechen bewundern, wie Plato oder Aristoteles es 
waren, darauf beruht, dafi diese Griechen nicht so vollkommene 
Denkorgane im rein physischen Sinne hatten, wie die Menschen des 
19. Jahrhunderts sie hatten. Je nachdem man den Geschmack dazu 
hat, kann man sagen: Gott sei's gedankt, dafi die Menschen der 
Griechenzeit nicht so vollkommene Denkorgane hatten wie die 
Menschen des 19. Jahrhunderts! - Ist man aber ein Nuchterling des 
19- Jahrhunderts selber und will man diese Nuchterlingheit beibe- 
halten, dann kann man sagen: Die Griechen waren eben Kinder, die 
haben noch nicht jene vollkommenen Denkorgane gehabt, die der 
Mensch des 19. Jahrhunderts hat, und man mufi daher mit einer ge- 
wissen Nachsicht auf das herunterschauen, was Plato und Aristoteles 
zutage gefordert haben. - Gymnasiallehrer tun das oftmals, indem 
sie sich ungeheuer erhaben fuhlen in der Kritik iiber Plato und Ari- 



stoteies. Aber verstchen wird man das, was ich jetzt eben angedeutet 
habe, nur dann vollkommen, wenn man sich bekanntgemacht hat 
mit Menschen, die es ja auch gibt, welche bis zu einem gewissen 
Grade eine Art Schauvermogen haben, dasjenige, was man, im 
besten Sinne des Wortes, eine Art hellseherisches Bewufitsein nen- 
nen kann. 

Bei Menschen, die ein solches hellseherisches Bewufksein heme 
haben, kann das Vorhandensein dieses hellseherischen Bewulkseins 
- diejenigen, die etwa in diesem Auditorium ein solches hellsehe- 
risches Bewulksein haben sollten, mogen mir die Erzahlung dieser 
Wahrheit verzeihen - gerade auf der mangelhaften Ausbildung der 
mangelhaften Verstandesorgane beruhen. Es ist durchaus eine ganz 
gewohnliche Erscheinung, dafi wir innerhalb unserer heutigen Welt 
Menschen treffen konnen mit einem gewissen hellseherischen Be- 
wulksein, die eigentlich von dem, was man heute den wissenschaft- 
lichen Verstand nennt, aufierordentlich wenig haben. Und so wahr 
dieses ist, so wahr ist aber auch das andere, dafi nun solche hellsehe- 
rischen Menschen dazu kommen konnen, gewisse Dinge, die sie 
selber durch ihre Erkenntnis hervorbringen, aufzuzeichnen oder zu 
erzahlen, und dafi in diesen Erzahlungen, in diesen Aufzeichnungen 
Gedanken leben, die viel gescheiter sind als die Gedanken derjenigen 
Menschen, die, ohne Hellseherisches zu entwickeln, mit den aller- 
besten Verstandeswerkzeugen arbeiten. Es kann vorkommen, dafi 
vom Gesichtspunkte der heutigen Wissenschaft aus dumme - ver- 
zeihen Sie den Ausdruck -, dumme hellseherische Personen Gedan- 
ken produzieren, durch die sie zwar nicht gescheiter werden, aber die 
gescheiter sind als Gedanken der autoritativsten Wissenschafter von 
heute. Diese Tatsache ist schon durchaus vorhanden. Und worauf 
beruht sie? Sie beruht darauf, dafi solche hellseherische Personen gar 
nicht notig haben, irgend etwas von Denkorganen anzustrengen, um 
zu diesen Gedanken zu kommen. Sie schaffen aus der geistigen Welt 
heraus die betreffenden Bilder, und da drinnen sind schon die Ge- 
danken, sie sind schon fertig, wahrend die anderen Menschen, die 
nicht hellsehend sind und nur denken konnen, zur Ausbildung ihrer 
Gedanken ihre Denkorgane ausbilden miissen. Schematisch gezeich- 



net, ware das so. Nehmen wir an, solche hellseherischen Personen 
bringen in allerlei Bildern irgend etwas aus der geistigen Welt heraus; 
das hier (siehe Zeichnung, rot) sei so etwas, was durch solche Personen 
aus der geistigen Welt herauskommt. Aber da drinnen sind Gedan- 
ken, es ist ein Gedankennetz drinnen. Das denken die betreffenden 
Personen nicht, sondern sie schauen es, sie bringen es mit aus der 
geistigen Welt heraus; sie haben nicht notig, Denkorgane anzustren- 
gen. 




Schauen wir einen anderen an, der nicht hellseherisch begabt ist, 
sondern der denken kann, von dem Roten da ist nichts vorhanden 
bei ihm, das bringt er nicht heraus; er bringt auch aus der geistigen 
Welt dieses Gedankengerippe (siehe Zeichnung links) nicht heraus; 
aber er strengt seine Denkorgane an und bringt dann durch seine 
Denkorgane dieses Gedankengerippe zur Welt (siehe Zeichnung 
rechts). 

Man kann, wenn man heute die Menschen betrachtet, die 
Abstufungen zwischen diesen zwei Extremen iiberall bemerken. Fur 
denjenigen, der sein Anschauungsvermogen nicht geschult hat, ist 
es allerdings aufierordentlich schwer, zu unterscheiden, ob der 
andere wirklich gescheit ist in dem Sinne, dafi er durch seine Ver- 
standesorgane denkt, oder ob er gar nicht durch seine Verstandes- 



organe denkt, vielmehr irgendwie etwas herschafft in sein Bewuftt- 
sein, und daft nur das, was bildhaft ist, was imaginativ ist, sich bei 
ihm entwickelt, aber so schwach, daft es vonihmselbernichtbemerkt 
wird. Und so sind alle moglichen Menschen heute vorhanden, die 
sehr gescheite Gedanken hervorbringen, aber deshalb gar nicht 
gescheit zu sein brauchen, wahrend andere sehr gescheite Gedanken 
denken, aber in gar keiner besonderen Weise mit irgendeiner geisti- 
gen Welt in Beziehung stehen. Das Einschulen auf diese Unterschei- 
dung, das gehort zu den bedeutsamen psychologischen Aufgaben in 
unserer Zeit und es liefert die Grundlage zu wichtiger Menschen- 
kenntnis in der Gegenwart. Wenn Sie das zur Erklarung nehmen, so 
wird es Ihnen nicht mehr so unverstandlich sein, daft sich der em- 
pirischen iibersinnlichen Betrachtung eben ergibt, daft in der Mitte 
des 19- Jahrhunderts der menschliche Organismus bei dem Gros der 
Menschen eben die vollkommensten Denkorgane hatte. Es wurde 
niemals so ausschlieftlich viel gedacht wie urn die Mitte des 1 9. Jahr- 
hunderts, und so wenig gescheit wie um diese Zeit. 

Gehen Sie nur zunick - das tun nur die Menschen heute nicht - 
in die zwanziger Jahre oder vor die zwanziger Jahre des 19. Jahrhun- 
derts und lesen Sie durch, was damals wissenschaftlich produziert 
war, so werden Sie sehen: das hat noch einen ganz anderen Ton, da 
lebt eben noch durchaus nicht jenes ganz abstrakte, auf die mensch- 
lichen physischen Denkorgane angewiesene Denken wie spater, ganz 
zu schweigen von solchen Dingen, wie sie etwa ein Herder oder 
Goethe und ic^z/Z^hervorgebracht haben. Daleben noch groftartige 
Anschauungen darinnen. Daft man das nicht glaubt, und daft die 
Kommentare heute so sprechen, als ob das nicht der Fall ware, 
darauf kommt es ja nicht an. Denn diejenigen, die diese Kommen- 
tare schreiben und die Goethe und Schiller und Herder zu verstehen 
glauben, die verstehen sie eben nicht, die sehen das Wichtigste bei 
ihnen nicht. 

Das ist eine wichtige Tatsache, daft um die Mitte des 19. Jahr- 
hunderts der menschliche Organismus in bezug auf seine physische 
Gestaltung gewissermafien bei einer Kulmination, bei einem Hohe- 
punkt angekommen war und daft er seitdem wiederum zurikkgeht, 



und zwar - in einer gewissen Weise fur das verstandige Erfassen der 
Welt - rasch zuriickgeht. 

Mit dieser Tatsache hangt aber zusammen die Ausbildung des 
Materialismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Denn was ist denn 
eigentlich dieser menschliche Organismus? - Dieser menschliche 
Organismus ist ja ein getreues Abbild des Geistig-Seelischen des 
Menschen. Man braucht sich gar nicht zu verwundern, dafi dieser 
menschliche Organismus in seinem Bau manchem, der eben nicht 
auf das Geistig-Seelische einzugehen vermag, schon wie die Erkla- 
rung des ganzen Menschen erscheint. Insbesondere, wenn man die 
Hauptesorganisation und im Haupte wiederum die Nervenorgani- 
sation berucksichtigt, tritt das ja stark hervor. 

Ich habe neulich in Stuttgart innerhalb meiner Vortrage ein Er- 
lebnis erwahnt, das wirklich geeignet ist, Licht zu werfen auf diese 
Sache. Ich sagte: Es war so am Beginne des 20. Jahrhunderts in einer 
Versammlung des Berliner Giordano-Bruno- Vereins, da sprach zu- 
nachst ein Mensch - was ich einen handfesten Materialisten nenne -, 
ein sehr kundiger Materialist war es, der den Gehirnbau ebensogut 
kannte, wie man heute den Gehirnbau, wenn man gewissenhaft 
studiert hat, wirklich kennt; und er war einer von denjenigen Men- 
schen, welche in der Analyse des Gehirnbaues eigentlich schon die 
ganze Seelenkunde sehen, welche sagen: Man mufi nur erkennen, 
wie das Gehirn arbeitet, dann hat man die Seek, dann beschreibt 
man die Seele. - Nun war es interessant; er make auf die Tafel diese 
verschiedenen Hirnpartien auf, also die Verbindungsstrange und so 
weiter, und lieferte da eben jenes wunderbare Bild, das man ja be- 
kommt, wenn man diesen menschlichen Gehirnbau verfolgt. Und er 
glaubte eben durchaus mit der Schilderung dieses Gehirnbaues et- 
was gegeben zu haben, was Seelenkunde ist. Nachdem er seine Aus- 
einandersetzungen gemacht hatte, erhob sich ein handfester Philo- 
soph, ein Herbartianer. Dieser Herbartianer sagte: Gegen die An- 
sichten, die der Mann entwickelt hat, dafi man schon die Seelen- 
kunde besitzt, wenn man den Gehirnbau erklart, gegen diese An- 
sichten mufi ich mich naturlich entschieden wenden; aber gegen die 
Zeichnung, die er gemacht hat, brauche ich mich gar nicht zu 



wenden, diese Zeichnung stimmt ganz gut auch mit meiner Her- 
bartschen Ansicht iiberein, dafi die Vorstellungen sich miteinander 
vergesellschaften, dafi von einer Vorstellung zu der anderen gewisse 
Verbindungsstrange rein seelischer Art gehen. Und er fugte hinzu, 
er konne als Herbartianer ganz gut dieselbe Zeichnung machen, nur 
wiirden bei ihm die einzelnen Kreise und so weiter nicht Gehirnpar- 
tien bedeuten, sondern Vorstellungskomplexe. Aber die Zeichnung 
wiirde ganz dieselbe bleiben! 

Sehr interessant, sehen Sie! Wenn es darauf ankommt, die Sache 
in die Wirkhchkeit hineinzustelien, da sind die Leute ganz entge- 
gengesetzter Ansicht; wenn sie Zeichnungen machen von derselben 
Sache, so miissen sie eigentlich dieselben Zeichnungen machen, und 
der eine ist ganz und gar Herbartscher Philosoph, der andere ist 
handfester materialistischer Physiologe. 

Worauf beruht das? Das beruht darauf, dafi es in der Tat so ist: 
Wir haben das geistig-seelische Wesen des Menschen, das tragen wh- 
in uns. Und dieses geistig-seelische Wesen, das ist der Schopfer der 
ganzen Form unseres Organismus. Und wir brauchen uns nicht zu 
verwundern dariiber, dafi da, wo der Organismus seine vollkom- 
menste Partie hat, im Nervensystem des Gehirns, dafi da das 
Abbild, das die geistig-seelische Wesenheit heraussetzt, voll- 
kommen ahnlich sieht diesem geistig-seelischen Wesen. Es ist in der 
Tat so, dafi da, wo der Mensch am meisten, wenn ich so sagen 
mochte, Mensch ist, in seinem Nervenbau, dafi er da ein getreues 
Abbild ist des Geistig-Seelischen, so daiS derjenige, der zufrieden ist 
mit dem Abbild, der vor alien Dingen ein Sinnliches vor sich haben 
will und zufrieden ist mit dem Abbild, in der Tat dasselbe, was man 
zunachst mit Bezug auf den Menschen im Geistig-Seelischen sieht, 
auch in dem Abbild sieht. Und da er kein Verlangen hat nach dem 
Geistig-Seelischen, da er gewissermafien nur das Abbild will, so halt 
er sich an den Bau des Gehirns. Und weil dieser Bau des Gehirnes 
ebenso besonders vollendet sich darstellte dem Betrachter um die 
Mitte des 19. Jahrhunderts, so lag es wiederum, wenn man die 
damalige Veranlagung der Menschheit nimmt, ungeheuer nahe,.den 
theoretischen Materialismus auszubilden. 



Denn was liegt eigentlich beim Menschen vor? Wenn man den 
Menschen als solchen betrachtet - ich will ihn hier schematisch 
zeichnen - und dann den Gehirnbau nimmt, dann ist das so, dafi 
zunachst der Mensch ein dreigliedriges Wesen ist, wie wir wissen: 
der Gliedmaflenmensch, der rhythmische Mensch und der Nerven- 
Sinnesmensch. Wenn wir den Nerven-Sinnesmenschen ansehen, so 
haben wir den vollkommensten Teil des Menschen vor uns, 
sozusagen den am meisten menschlichen Teil. In diesem am meisten 
menschlichen Teil spiegelt sich die auflere Welt (siehe Zeichnung, 
rot). Ich will dieses Spiegeln dadurch bezeichnen, dafi ich zum 



Beispiel die Wahrnehmungen durch das Auge bezeichne. Ich konn- 
te auch die Wahrnehmungen durch das Ohr zeichnen und so weiter. 
Die aufiere Welt also spiegelt sich in dem Menschen, so dafi wir 
vorliegen haben den Bau des Menschen und die Spiegelung der 
aufieren Welt in diesem Menschen. Solange wir den Menschen so 
betrachten, konnen wir eigentlich gar nicht anders, selbst wenn wir 
uber die manchmal recht groben Vorstellungen des Materialismus 
hinausgehen, als den Menschen materialistisch zu deuten. Denn wir 
haben auf der einen Seite den Bau des Menschen. Wir konnen 
diesen Bau verfolgen in all seinen feineren Gewebestrukturen und 



Nerven- /y 
Sinner 




bekommen, je mehr wir gegen die Kopf organisation heraufgehen, 
ein getreues Abbild des Geistig-Seelischen. Und wir konnen dann 
weiterverfolgen dasjenige, was sich von der Auflenwelt in dem 
Menschen spiegelt. Das ist aber bloltes Bild. Wir haben die Realitat 
des Menschen, die wir in ihre feineren Strukturen hinein verfolgen 
konnen, und wir haben das Bild der Welt. 

Halten wir das recht gut fest: wir haben des Menschen Realitat 
in seinem Organausbau und wir haben dasjenige, was sich drinnen 
im Menschen spiegelt. Das ist eigentlich alles, was zunachst der aufie- 
ren sinnlichen Beobachtung vorliegt. Bei dieser aufieren sinnlichen 
Beobachtung liegt also im Grunde das Folgende vor: Diese ganze 
Struktur des Menschen zerfallt, wenn der Mensch stirbt, zerfallt als 
Leichnam. Aufierdem liegen ihr die Bilder der aulteren Welt vor. 
Wenn Sie den Spiegel zerbrechen, kann sich nichts mehr spiegeln; 
die Bilder sind also auch vergangen, wenn der Mensch durch den 
Tod geht. Ist es also nicht naturlich, dafi da der aufieren sinnlich- 
physischen Beobachtung nichts anderes vorliegt als das, was ich eben 
angefuhrt habe, dafi da gesagt werden mufi: Mit dem Tode zerfallt 
die physische Struktur des Menschen? - Die spiegelte friiher die 
Aufienwelt. Was der Mensch in der Seele tragt, ist Spiegelbild; das 
vergeht aber. Diese Tatsache stellte einfach der Materialismus des 
19. Jahrhunderts hin. Er mulke sie hinstellen, weil er schliefilich von 
anderem nichts wulke. Nun wird die Sache schon anders, wenn man 
ein wenig eingeht auf das menschliche geistige und seelische Leben 
selber. Da aber betreten wir schon ein Gebiet, wohin die phy- 
sisch-sinnliche Beobachtung nicht dringen kann. 

Nehmen wir eine naheliegende Tatsachenreihe der Seele heraus, 
die einfache Tatsachenreihe, die damit gegeben ist, dafi wir der 
Aufienwelt beobachtend gegeniiberstehen. Wir beobachten die 
Dinge, wir nehmen sie wahr, haben sie dann vorstellungsgemafi in 
uns. Aber wir haben auch ein Gedachtnis, ein Erinnerungsvermo- 
gen. Was wir an der Aufienwelt erleben, das konnen wir wiederum 
heraufheben in Bildern aus den Tiefen unseres Wesens. Wir wissen, 
welche Bedeutung diese Erinnerung fur den Menschen hat. Bleiben 
wir zunachst bei dieser Tatsachenreihe stehen. Nehmen Sie diese 



zwei inneren Erlebnisse: Sie schauen durch die Augen die Auften- 
welt an oder horen sie mit Ihren Ohren, nehmen sie sonst mit Ihren 
Sinnen wahr. Da sind Sie in einer gegenwartigen seelischen Betati- 
gung. Das geht iiber in Ihr vorstellungsgemafies Leben. Das was Sie 
heute erlebt haben, Sie konnen es in ein paar Tagen aus den Unter- 
griinden Ihrer Seele in Bildern wiederum heraufheben. Es geht ja in 
irgendeiner Weise etwas in Sie hinein, Sie holen es wiederum aus 
sich heraus. Es ist unschwer zu erkennen, dafi dasjenige, was da in 
die Seele hineingeht, von der Aufienwelt herriihren mufi. Ich will 
mich jetzt gar nicht weiter einlassen auf etwas anderes als auf den 
reinen Tatbestand, der ja offen zutage liegt, dafi das, was so erinnert 
wird, von der Auftenwelt kommen mufi. Denn wenn Sie irgend- 
einen roten Gegenstand gesehen haben, so erinnern Sie sich wie- 
derum an den roten Gegenstand, und was in Ihnen vorgegangen ist, 
ist nur das Bild des roten Gegenstandes, das wiederum in Ihnen 
heraufkommt. Also es ist etwas, was die Aufienwelt in Sie hineinge- 
pragt hat, tiefer hineingepragt hat, als wenn Sie sich nur unmittelbar 
vorstellend in der Aulknwelt betatigen. Aber stellen Sie sich jetzt 
vor: Sie gehen an irgend etwas heran, beobachten es, sind also in 
einer gegenwartigen Seelenbetatigung gegeniiber dem Beob- 
achteten. Sie verlassen es; nach einigen Tagen haben Sie Veran- 
lassung, die Bilder des Beobachteten wieder aus dem Untergrund 
Ihres Wesens heraufzuheben, da sind sie wieder da; sie sind blasser, 
gewifi, aber sie sind da, sie sind bei dem Menschen da. Aber was war 
in der Zwischenzeit? 

Nun bitte ich Sie, halten Sie das fest, was ich Ihnen gesagt habe, 
und vergleichen Sie dieses eigentumliche Spiel von gegenwartigen 
Wahrnehmungsvorstellungen und Erinnerungsvorstellungen mit 
dem, was Sie gut kennen als das Bild des Traumes. Sie werden un- 
schwer bemerken konnen, wie mit dem Erinnerungsvermogen das 
Traumen zusammenhangt. Die Traumvorstellungen brauchen janur 
nicht sehr konfus zu sein, dann werden Sie sehen, wie sie an die Er- 
innerungsvorstellungen ankniipfen, wie also eine Verwandtschaft 
besteht zwischen dem Traumen und demjenigen, was da aus den le- 
bendigen Vorstellungen in die Erinnerung iibergeht. 



Aber jetzt betrachten Sie etwas anderes. Der Mensch mufi orga- 
nisch vollkommen gesund sein, wenn er sozusagen das Traumen 
richtig vertragen will. Zum Traumen gehort, dafi man sich organisch 
vollig in der Hand hat, daft der Moment immer wiederum eintreten 
kann, wo man weifi: Das ist ein Traum gewesen. - Es mufi irgend et- 
was nicht in Ordnung sein, wenn jemand nicht zu dem Moment 
kommen konnte, wo er vollkommen durchschauen wiirde: etwas ist 
ein Traum gewesen. Man hat ja Menschen kennengelernt, die haben 
getraumt, dafi sie gekopft worden sind. Nun denken Sie, wenn diese 
Menschen hinterher nicht unterscheiden konnen dieses getraumte 
Kopfen von dem wirklichen Kopfen und glauben wiirden, dafi sie 
nun wirklich gekopft sind und wiirden doch weiterleben miissen, 
bedenken Sie doch nur einmal, wie wenig solche Menschen, ohne 
konfus zu werden, die Tatsachen durch das Unterscheiden zusam- 
menbringen konnten. Sie miifiten fortwahrend erleben: Ich komme 
eben vom Kopfen. - Und wenn sie voraussetzen mufiten, dafi sie das 
glauben mufiten, dann kann man ja ungefahr ermessen, welche 
Worte sich da ihren Iippen entringen wiirden. Also, es handelt sich 
darum, dafi der Mensch immerzu die Moglichkeit hat, sich so in der 
Hand zu haben, dafi er Traume von dem In-der-Wirklichkeit-Drin- 
nenstecken mit seinem Vorstellen unterscheiden kann. Aber es gibt 
doch auch Menschen, die konnen das nicht. Es gibt Menschen, die 
erleben allerlei Halluzinatorisch.es, Visionares und dergleichen und 
halten es fur Wirklichkeiten. Die konnen es nicht unterscheiden, die 
haben sich nicht so stark in der Hand. Was bedeutet das? Das 
bedeutet, dafi bei diesen Leuten das, was im Traume lebt, einen 
Einflufi auf ihre Organisation hat, dafi ihre Organisation angepafit 
ist der Traumvorstellung. Sie haben kgendwo etwas nicht voll- 
standig ausgebildet in ihrem Nervensystem, was vollstandig aus- 
gebildet sein sollte; daher ist der Traum in ihnen tatig, er wirkt in 
ihnen. 

Wenn also irgend jemand seine Traumvorstellungen nicht von 
den erlebten Wirklichkeiten unterscheiden kann, so bedeutet das, 
dafi die Traumkraft in ihm organisierend wirkt. Sobald der Traum 
unseres ganzen Gehirnes machtig wiirde, wiirden wir iiberhaupt die 



ganze Welt als Traum anschauen. Wer solch eine Tatsache in ihrem 
vollen Werte betrachten kann, der wird nach und nach zu Dingen 
kommen, zu dcnen sich allerdings unsere gewohnliche Wissenschaft 
heute nicht aufschwingen will, weil sie nicht den Mut dazu hat; er 
wird dazu kommen, einzusehen, daft in dem, was im Traumleben 
kraftet, dasselbe liegt, was in uns Organisationskraft ist, was Wachs- 
tums-, Belebekraft ist. Nur dadurch, daft gewissermafien unser 
Organismus so in sich konsolidiert ist, daft er so feste Strukturen hat, 
daft er widersteht dem gewohnlichen Traum, nur dadurch hat die 
Kraft der gewohnlichen Traume nicht die Macht, seine Struktur 
auseinanderzureiften, und der Mensch kann unterscheiden das 
Traumerlebnis vom Wirklichkeitserlebnis. 

Aber wenn das Kind klein ist und heranwachst, wenn es also im- 
mer grower und grofter wird, da ist eine Kraft in ihm. Das ist dieselbe 
Kraft, die im Traume ist, nur daft man sie beim Traume an- 
sieht. Und wenn man sie nicht ansieht, sondern wenn sie im Leibe 
wirkt, diese Kraft, die sonst im Traume ist, dann wachst man durch 
sie. Und man braucht nicht einmal so weit zu gehen, auf das Wach- 
sen hinzuschauen. Auch wenn Sie taglich zum Beispiel essen und 
das Gegessene in sich verdauen, es in dem ganzen Organismus ver- 
breiten, so ist es durch die Kraft, die im Traume lebt. Wenn daher 
irgend etwas im Organismus nicht rich tig ist, dann hangt das auch 
mit unrichtigem Traumen zusammen. Es ist dieselbe Kraft, die in 
dem Traumleben aufterlich angeschaut wirkt, und die da in einem 
wirkt selbst bis in die Verdauungskrafte hinein. 

So konnen wir sagen: Wir werden gewahr, wenn wir nur das 
Leben des Menschen richtig anschauen, die wirksame Traumeskraft 
in seinem Organismus. Und indem ich das schildere, diese wirksame 
Traumeskraft, betrete ich eigentlich in dieser Schilderung dieselben 
Wege, die ich betreten muft, wenn ich den menschlichen Atherleib 
beschreibe. 

Denken Sie sich, irgend jemand konnte durchschauen alles das- 
jenige, was im Menschen wachst vom Kinde auf, was im Menschen 
die Verdauung bewirkt, was im Menschen wirkt, um den ganzen 
Organismus in seiner Tatigkeit zu erhalten; denken Sie sich, ich 



konnte dieses ganze Kraftsystem nehmen, herausnehmen aus dem 
Menschen und es vor den Menschen hinstellen, dann hatte ich den 
Atherleib vor den Menschen hingestellt. Dieser Atherleib, dieser 
Leib also, der sich nur in Unregelmafiigkeiten in dem Traume offen- 
bart, war in sich viel mehr ausgebildet vor dem Zeitpunkte im 19. 
Jahrhundert, den ich angefuhrt habe. Er wurde immer schwacher 
und schwacher in seiner Struktur. Dafiir wurde der physische Leib 
immer starker und starker in seiner Struktur. Der Atherleib kann in 
Bildern vorstellen, er kann traumhafte Imaginationen haben, aber er 
kann nicht denken. Und sobald in irgendeinem Menschen der Ge- 
genwart dieser Atherleib besonders stark tatig zu sein beginnt, dann 
wird er das, was ich vorhin sagte, er wird etwas hellseherisch; aber er 
kann dann weniger denken, denn zum Denken braucht er gerade 
den physischen Leib. 

Daher ist es nicht zu verwundern, dafi die Menschen, wenn sie 
im 19. Jahrhundert das Gefuhl hatten, sie konnten besonders gut 
denken, eigentlich zum Materialismus hingetrieben wurden. Was 
ihnen zu diesem Denken am meisten half, das ist dieser physische 
Leib, mit anderen Worten ausgedrikkt. Aber mit diesem Denken 
gerade, mit diesem physischen Denken hangt die besondere Art 
des Gedachtnisses zusammen, die im 19. Jahrhundert entwickelt 
worden ist, es ist ein Gedachtnis, das womoglich wenig bildhaft ist, 
womoglich in Abstraktionen verlauft. 

Interessant ist solch eine Erscheinung. Ich habe offers den Krimi- 
nalanthropologen Moriz Benedikt angefuhrt; ich mochte auch heute 
ein interessantes Erlebnis, das er selber erzahlt in seinen «Lebenserin- 
nerungen», anfuhren. Er hatte eine Rede zu halten auf einer Natur- 
forscherversammlung, und nun erzahlt er, daft er sich auf diese 
Rede, indem er Tag und Nacht nicht geschlafen hat, zweiundzwan- 
zig Nachte lang vorbereitet hat. Zweiundzwanzig Nachte hat er die 
Rede vorbereitet, und am letzten Tag, bevor er die Rede gehalten 
hat, ist ein Journalist bei ihm erschienen, der sollte diese Rede verof- 
fentlichen. Er diktierte sie ihm. Er hatte die Rede nicht niederge- 
schrieben, erzahlt er, er hatte sie nur dem Gedachtnis eingepragt. Er 
diktierte sie dem Journalisten; also im Kammerchen diktierte er sie 



dem Journalisten und dann hielt er bei der Naturforscherversamm- 
lung diese Rede. Was der Journalist nach dem Diktat abgedruckt hat, 
stimmte nun bis aufs Wort genau mit dem uberein, was Benedikt 
dann der Naturforscherversammlung vorgetragen hat. - Ich mufi 
sagen, ich bewundere so etwas aufierordentlich! Denn man be- 
wundert immer dasjenige, was zu leisten man selbst niemals im- 
stande ware. Das also ist eine sehr interessante Erscheinung. Der 
Mann hat zweiundzwanzig Nachte lang daran gearbeitet, Wort fur 
Wort einzuverleiben seiner Organisation, was er vorbereitet hat, so 
dafi er niemals hatte irgendeinen Satz anders sagen konnen in der 
Wortfolge, als wie er safi in seinem Organismus, so fest safi er da. 

So etwas ist nur moglich, wenn man die ganze Rede absolut aus 
dem allmahlich sich formenden Wortlaut dem physischen Organis- 
mus einpragen kann. Es ist schon richtig so, dafi man das, was man 
da ausdenkt, so fest dem physischen Organismus einpragt, wie die 
Naturkraft das Knochensystem fest aufbaut. Dann ruht diese ganze 
Rede wie ein Gerippe im physischen Organismus. Es ist ja das Ge- 
dachtnis gewohnlich an den Atherleib gebannt, aber hier hat sich 
der Atherleib ganz im physischen Organismus abgedruckt. Der ganze 
physische Organismus hat etwas in sich, wie er seine Knochen in sich 
hat, was als ein Gerippe dieser Rede dasteht. Dann kann man auch 
so etwas machen, wie es der Professor Benedikt gemacht hat. Und so 
etwas ist eben nur moglich, wenn dieser physische Organismus in 
seiner Nervenstruktur so ausgebildet ist, dafi er in seine Plastik das- 
jenige hineinnimmt, ohne Widerstand hineinnimmt, was in ihn 
hineingebracht wird, nach und nach allerdings, zweiundzwanzig 
Tage beziehungsweise zweiundzwanzig Nachte hindurch mufite es 
hineingearbeitet werden. 

Man braucht sich da nicht zu verwundern, dafi jemand, der so 
auf seinen physischen Leib baut, das Gefuhl bekommt, dieser phy- 
sische Leib ist das einzig Arbeitende im Menschen drinnen. - Und es 
war schon das Leben des Menschen allmahlich so geworden, dafi es 
sich ganz und gar in den physischen Leib hineinarbeitete, und er 
daher auch zu dem Glauben kam: der physische Leib ist dies in der 
menschlichen Organisation. Ich glaube nicht, dafi ein anderes Zeit- 



alter als dasjenige, welches auf den physischen Leib diesen grolkn 
Wert legt, hatte zu einer so grotesken Erfindung - verzeihen Sie 
diesen Ausdruck - kommen konnen, wie es die Stenographic ist. 
Denn man hat ja, als man keine Stenographic gehabt hat, nicht 
solchen Wert darauf gelegt, das Wort und die Wortfolge so unbe- 
dingt festzuhalten und so festzupragen die Worte, wie sie im Steno- 
gramm festgehalten werden wollen. So festpragen kann sie ja nur 
der Abdruck im physischen Leib. Also nur die besondere Vorliebe 
fur das Abpragen im physischen Leibe bewirkt auch die andere Vor- 
liebe, dieses abgepragte Wort zu erhalten, ja nicht irgend etwas zu 
erhalten, was um ein Niveau hoher erhoben ist. Da hatte die Steno- 
graphic namlich nichts zu suchen, wenn man diejenigen Formen 
festhalten wollte, die sich im atherischen Leibe auspragen. Es gehorte 
schon die materialistische Tendenz dazu, um etwas so Groteskes 
zu erfinden, wie es die Stenographic ist. 

Nun, das sollte nur erlauternd hinzugefugt werden zu dem, was 
ich zu dem Problem beitragen mochte: das Verstehen des Auftretens 
des Materialismus im 19. Jahrhundert. Die Menschheit war bei einer 
gewissen Verfassung angelangt, die hinneigte zu dem Einpragen des 
Geistig-Seelischen in den physischen Organismus. Sie mussen das, 
was ich gesagt habe, als eine Interpretation nehmen, nicht als eine 
Kritik der Stenographic Ich will nicht, dafi die Stenographic heute 
gleich abgeschafft wird. Das ist niemals die Tendenz, die solchen 
Charakteristiken zugrunde liegt. Denn man mufi sich ganz Mar sein: 
Damit, dafi man etwas versteht, will man es ja auch nicht durchaus 
gleich abschaffen! Es gibt vieles in der Welt, was notwendig ist zum 
Leben, was aber auch nicht zu allem dienen kann - ich will das 
Thema nicht weiter ausfuhren - und was man doch auch in seiner 
Notwendigkeit begreifen mufi. Aber wir leben, das raufi ich immer 
wieder betonen, in einem Zeitalter, in dem es durchaus notwendig 
ist, etwas mehr in die Tiefe sowohl der Naturentwickelung wie der 
Kulturentwickelung einzudringen, sich sagen zu konnen: Woher 
kommt die eine oder die andere Erscheinung? - Denn mit dem 
blofien keiferischen Aburteilen und Abkritisieren ist es nicht getan; 
man raufi alle Dinge der Welt wirklich verstehen. 



Was ich also heme ausgefuhrt habe, mochte ich dahin zusam- 
menfassen, daft uns die Entwickelung der Menschheit zeigt, dafi 
gewissermafien die Strukturvollendung des physischen Leibes in der 
Mitte des 19. Jahrhunderts einen Hohepunkt erreichte, dafi jetzt 
schon wieder die Dekadenz eintritt, und dafi mit diesem Vervoll- 
kommnen des physischen Leibes der Aufschwung der theoretischen 
materialistischen Weltanschauung zusammenhangt. Ich werde ja 
iiber diese Dinge in den nachsten Tagen von dem einen oder an- 
deren Gesichtspunkt aus das eine oder das andere noch zu sagen 
haben. Heute mochte ich gerade dieses vor Sie hingestellt haben, 
was ich eben zusammengefafit habe. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 3. April 1921 

Ich bemerke zuvor ausdriicklich, dafi dieser heutige Vortrag nicht in 
die Reihe der Kursusveranstaltungen gehort, sondern in einer gewis- 
sen Beziehung sich anschliefien soil an das, was ich gestern Abend 
ausgefiihrt habe. Es hat sich gestern darum gehandelt, hinzublicken 
auf jene besondere Entwickelungsgestaltung des geschichtlichen 
Menschheitswerdens, die in die Mitte und noch in die zweite Half- 
te des 19. Jahrhunderts fallt, auf den Entwickelungsimpuls des 
Materialismus. Ich habe gesagt, dafi unser Augenmerk gerichtet sein 
soli bei diesen Betrachtungen nicht so sehr auf den Materialismus im 
allgemeinen, der ja wieder andere Gesichtspunkte erfordert, als viel- 
mehr im besonderen auf den theoretischen Materialismus, auf den 
Materialismus als Weltanschauung. Und ich habe darauf aufmerksam 
gemacht, dafi es ja notwendig ist, in einer hinreichenden Kritik 
diesem Materialismus gegeniiberzutreten, dafi aber auf der anderen 
Seite dieser Materialismus eine notwendige Entwickelungsphase der 
Menschheitsgeschichte war, dafi wir nicht etwa blofi davon sprechen 
durfen, dafi dieser Materialismus abzuweisen sei, dafi er eine 
menschliche Verirrung sei, sondern dafi dieser Materialismus verstan- 
den sein will. Die beiden Dinge schliefien sich namlich durchaus 
nicht aus. Und es ist gerade bei einer solchen Betrachtung wichtig, 
das Gebiet jener Vorstellungen, die sich auf Wahrheit und Irrtum 
beziehen, weiter auszudehnen, als das gewohnlich geschieht. Man 
spricht ja gewohnlich dariiber, dafi man sich im logischen Gedanken- 
leben irren kann, oder dafi man die Wahrheit findet. Aber man 
spricht nicht davon, daft unter Umstanden auch der auf die aufiere 
Welt fallende Blick in der aufteren Wirklichkeit Irrtiimer vorfinden 
kann. Und so schwer es fiir das heutige Vorstellen auch noch sein 
wird, im Naturgeschehen Irrtiimer anzuerkennen - was aber auch 
durch die Geisteswissenschaft geschehen will -, so liegt es doch dem 
heutigen Menschen schon nahe, in dem, was heraufkommt im Laufe 
des geschichtlichen Werdens, was gewissermafien im gemeinsamen, 



im sozialen Leben der Menschheit sich auswirkt, reale Irrtiimer anzu- 
erkennen, Irrtiimer, die nicht blofi logisch korrigiert sein wollen, 
sondern die aus ihren Entstehungsbedingungen heraus begriffen 
sein wollen. 

Im Denken hat man ja den Irrtum einzig und allein abzuweisen. 
Man hat aus dem Irrtum herauszukommen und durch die Uberwin- 
dung des Irrtums zur Wahrheit zu gelangen. Wenn es sich aber um 
Irrtiimer handelt, die im Tatsachlichen wurzeln, dann mufi man im- 
mer sagen, daft diese Irrtiimer auch ihre positive Seite haben, dafi sie 
in einer gewissen Weise durchaus fur die Menschheitsentwickelung 
ihren Wert haben. Und so darf auch nicht blofi in einseitig phili- 
stroser Weise der theoretische Materialismus des 19. Jahrhunderts 
verdammt werden, sondern er mull in seiner Bedeutung fur die 
ganze Menschheitsentwickelung begriffen werden. Er bestand ja 
darin - und was von ihm geblieben ist, besteht noch heute darin -, 
dafi man sich einer gewissenhaften genauen Erforschung der aufieren 
materiellen Tatsachen hingibt, dafi man sich in einer gewissen Weise 
an diese Tatsachenwelt verliert, und dafi man dann, ausgehend von 
dieser Untersuchung der Tatsachenwelt, an die man sich stark ge- 
wohnt, eine Lebensauffassung findet, dahin zielend, dafi es nur 
diese Tatsachenwelt als Wirklichkeit gebe, dafi alles das, was geistig, 
seelisch ist, im Grunde genommen nur ein Produkt ist, das sich er- 
gibt aus diesem materiellen Geschehen. - Auch diese Lebensauffas- 
sung war in einem gewissen Zeitalter notwendig, und das Gefahrliche 
bestiinde nur, wenn sie starr festgehalten wiirde und die weitereEnt- 
wickelung der Menschheit in einer Zeit beeinflussen wiirde, in der 
schon andere Inhalte in das menschliche Bewulksein einziehen 
miissen. 

Heute wollen wir einmal untersuchen, worauf denn dieser Ent- 
wickelungsimpuls des theoretischen Materialismus eigentlich be- 
ruht. Dazu kommen wir, wenn wir von einem gewissen Gesichts- 
punkte aus heute noch einmal uns vor die Seele riicken die «Drei- 
gliederung des menschlichen Organismus». Ich habe bei den ver- 
schiedensten Gelegenheiten diese «Dreigliederung des menschlichen 
Organismus» charakterisiert. Ich habe gesagt: Wir haben zu unter- 



scheiden innerhalb der menschlichen Gesamtorganisation dasjenige, 
was man nennen kann zunachst fur den physischen Menschen die 
Sinnes-Nervenorganisation; sie ist vorzugsweise im menschlichen 
Haupte konzentriert, erstreckt skh aber in einer gewissen Art auch 
iiber den ganzen menschlichen Organismus, durchdringt auch die 
anderen Glieder dieses Organismus. Wir haben dann als zweites 
Glied die rhythmische Organisation des Menschen, deren Haupt- 
sachlichstes uns entgegentritt in dem Atmungsrhythmus und in der 
Blutzirkulation. Und wir haben als drittes die Stoffwechselorganisa- 
tion des Menschen im weiteren Sinne, wozu ja auch das gesamte 
Gliedmaftensystem des Menschen gehort. Das Gliedmafiensystem 
des Menschen ist Bewegungssystem, und alle Bewegung des Men- 
schen ist im Grunde genommen nur ein Ausdruck seines Stoffwech- 
sels. Wenn man einmal des Naheren wird untersuchen konnen, was 
eigentlich im Stoffwechsel vor sich geht, wenn der Mensch in Bewe- 
gung ist, dann wird man diesen innigen Zusammenhang zwischen 
dem menschlichen Gliedmafiensystem und dem Stoffwechselsystem 
erkennen. 

Wenn wir diese drei Systeme des Menschen uns vorhalten, dann 
haben wir zunachst den tiefgreifenden Unterschied gegeben, welcher 
zwischen diesen drei Systemen besteht. Ich habe schon gestern dar- 
auf aufmerksam gemacht, wie zwei Menschen von ganz verschiedener 
Weltauffassung durch dieselben Zeichnungen sich klarmachen woll- 
ten, was sich auf die menschliche Hauptorganisation, aber auch auf 
das menschliche Vorstellen bezieht. Ich habe darauf hingewiesen, 
wie es mir einmal passiert ist bei einem Vortrag anwesend zu sein, 
der gehalten wurde von einem extremen Materialisten. Er wollte das 
Seelenleben beschreiben, beschrieb aber eigentlich das menschliche 
Gehirn, beschrieb die einzelnen Partien dieses Gehirnes, ihre Ver- 
bindungsfasern und so weiter. Er bekam dadurch ein Bild heraus; 
dieses Bild, das er auf die Tafel zeichnete, das war bei ihm nur der 
Ausdruck desjenigen, was materiell physisch im menschlichen 
Gehirn vorgeht, es war aber zu gleicher Zeit der Ausdruck fur ihn 
des seelischen Erlebens, vorzugsweise des Vorstellungserlebens. Ein 
anderer, der Herbartischer Philosoph war, sprach von Vorstellungen, 



von Assoziationen der Vorstellungen, von der Wirkung also einer 
Vorstellung auf die andere und so weiter, und er sagte, er konne 
dasselbe Bild gebrauchen. - Es liegt da, ich mdchte sagen, ganz em- 
pirisch etwas vor , was auflerordentlich interessant ist. Es liegt das vor, 
daft jemand, dem das Seelenleben fur die Beobachtung, wenigstens 
in seinen Vorstellungen - das mufi man ja beim Herbartianismus 
immer hinzusetzen -, etwas Reales ist, dafi der durch dasselbe Bild 
sich klarmacht, wie dieses Seelenleben wirkt, wie der andere, der 
eigentlich nur die Geschehnisse im Gehirn darstellen will, das 
Seelenleben beschreibt. 

Nun, was liegt denn einer solchen Sache eigentlich zugrunde? 
Das liegt zugrunde, dafi ja in der Tat das menschliche Gehirn in 
seiner plastischen Gestaltung ein aufserordentlich getreues Abbild ist 
desjenigen, was wir als Vorstellungsleben kennen. In der Plastik des 
menschlichen Gehirnes driickt sich wirklich das Vorstellungsleben in 
einer, man mochte fast sagen adaquaten Weise aus. Um aber diesen 
Gedanken wirklich zu Ende denken zu konnen, ist noch etwas 
notwendig. Dazu ist notwendig, dafi man dasjenige, was man als die 
Vorstellungsverkettungen in der gewohnlichen Psychologie lernt, 
zum Beispiel auch in der Herbartischen Psychologie, was man lernt 
als die Vorstellungsverkettungen im Urteil, im Schliefien durch 
Logik und so weiter, dafi man das nicht bei Gedanken belafit, 
sondern dafi man es wenigstens in der Phantasie - wenn man auch 
nicht aufsteigen kann zu hellseherischen Imaginationen -, es wenig- 
stens dann in der Phantasie ins Bild auslaufen lafit; also dasjenige, 
was das Gewebe der Logik ist, was das Gewebe ist, das uns die 
Psychologie iiber das Vorstellungsleben gibt, die Seelenkunde, daft 
man das ins Bild auslaufen lafit. Wenn man in der Tat dazu gelangt, 
ich mochte sagen, Logik und Psychologie malerisch-plastisch ins Bild 
hinuberzugestalten, dann kommt die menschliche Gestaltung des 
Gehirnes heraus, dann haben wir ein Bild hingezeichnet, dessen 
Verwirklichung das menschliche Gehirn ist. 

Worauf beruht das eigentlich? Das beruht darauf, dafi in der Tat 
das menschliche Gehirn, uberhaupt das ganze Nerven-Sinnes- 
system, ein Abdruck eines Imaginativen ist. Und vollstandig verste- 



hen lernt man den Wunderbau des menschlichen Gehirnes erst, 
wenn man imaginativ forschen kann. Dann hat man dieses mensch- 
liche Gehirn gegeben als realisierte menschliche Imagination. Das 
imaginative Erkennen lehrt, das auflere Gehirn, das Gehirn, das wir 
durch die Physiologie und durch die Anatomie kennenlernen, als 
realisierte Imagination kennenzulernen. Das ist bedeutsam. 

Eine andere Tatsache daneben ist aber nicht minder bedeutsam. 
Halten wir auf der einen Seite fest: Das menschliche Gehirn ist reale 
menschliche Imagination. Wir werden ja schon geboren, wenn auch 
nicht mit dem fertigen Gehirn, so doch mit den Wachstumstenden- 
zen des Gehirnes; es will sich dahin entwickeln, realisierte imagi- 
native Welt zu sein, es will Abdruck werden einer imaginativen 
Welt. Das ist sozusagen das Fertige an unserem Gehirn, dafi es ein 
Abdruck ist einer imaginativen Welt. In diesen Abdruck der imagi- 
nativen Welt bauen wir hinein, was Vorstellungserleben nun ist in 
der Zeit, die wir durchlaufen zwischen der Geburt und dem Tode. 
Wir haben in dieser Zeit Vorstellungserlebnisse; wir stellen vor, wir 
verwandeln die Wahrnehmungen in Vorstellungen, wir urteilen, wir 
schliefien und so weiter. Das bauen wir in unser Gehirn hinein. Was 
ist dieses fur eine Tatigkeit? 

Solange wir im unmittelbaren Wahrnehmen leben, solange wir 
in der Wechselwirkung stehen mit der Aufienwelt, solange wir un- 
sere Augen offnen den Farben und im Zusammensein mit den 
Farben leben, solange wir unsere Hororgane offnen den Tonen und 
im Zusammensein in diesen Tonen leben, so lange lebt die Aufien- 
welt, indem sie durch die Sinne wie durch Golfe eindringt in 
unseren Organismus, in uns weiter. Wir umfassen mit unserem in- 
neren Leben in uns diese Aufienwelt. In dem Augenblicke aber, auf 
den ich schon gestern aufmerksam machte, wo wir aufhoren mit 
diesem unmittelbaren Erleben der Aufienwelt, in dem Augenblicke, 
wo wir das Auge abwenden von der Farbenwelt, das Ohr unaufmerk- 
sam werden lassen in bezug auf das Tonen der Aufienwelt, oder in 
dem Augenblicke, wo wir diese Sinne anderem zuwenden, tritt 
dasjenige, was Konkretheit hat - unsere Wechselwirkung mit 
der Aufienwelt im Wahrnehmen -, in die Tiefen unserer Seelen 



hinunter und kann in der Erinnerung wiederum im Bilde her- 
vorgeholt werden. Wir konnen sagen: Wahrend unseres Lebens 
zwischen Geburt und Tod gliedert sich vorstellungsgemaft unser 
Wechselverkehr mit der Auflenwelt in zwei Teile, in das unmittel- 
bare Erleben der Auflenwelt in Wahrnehmungen und umgestalteten 
Vorstellungen. Da sind wir sozusagen an die Gegenwart ganz hinge - 
geben, da hort unsere innere Tatigkeit in der Gegenwart auf. Dann 
aber setzt sich fort diese gegenwartige Tatigkeit. Sie entzieht sich 
zum grofien Teile zunachst unserem Bewufksein; sie tritt in das Un- 
bewufite hinunter, kann aber wiederum heraufgeholt werden in die 
Erinnerungsvorstellung. Wie ist sie da in uns vorhanden? 

Da ist ein Punkt, wo nur das unmittelbare Anschauen, daserrun- 
gen werden kann in der Imagination, Aufschlufi zu geben vermag. 
Der Mensch, der ehrlich in seinem Wissenschaftsstreben seinen Weg 
verfolgt, mufi sich unbedingt sagen: in dem Augenblick, wo das 
Ratsel der Erinnerung an ihn herantritt, kommt er mit seinem For- 
schen keinen Schritt mehr weiter. Indem sich dasjenige, was in un- 
mittelbarer Gegenwart erlebt wird, hinunterschiebt in das Unterbe- 
wufksein, entriickt es sich dem gewohnlichen Bewufitsein; man kann 
es da nicht weiter verfolgen. Wenn nun entsprechend gearbeitet 
wird in der Menschenseele durch diejenigen seelisch-geistigen 
Ubungen, von denen oftmals gesprochen worden ist in diesen Be- 
trachtungen, dann kommt man dazu, nicht mehr zu verlieren den 
Anblick der Fortsetzungen unseres unmittelbaren Wahrnehmungs- 
und Vorstellungserlebens, das dann in die erinnerungsmoglichen 
Vorstellungen ubergeht. Ich habe ja des ofteren auseinandergesetzt, 
wie eine erste Folge, ein erstes Ergebnis des Aufsteigens zu imagina- 
tiven Vorstellungen das ist, dafi man wie in einem machtigen 
Lebenstableau vor sich hat, vor der Seele hat die Erlebnisse seit der 
Geburt. Wahrend sonst nur der Strom des Erlebens im Unbewufiten 
hinfliefit und die einzelnen Vorstellungen, die in der Erinnerung 
kommen, aus diesem unbewulken oder unterbewulken Strom her- 
auftauchen durch eine halb traumerische Tatigkeit, wird fur den- 
jenigen, der das imaginative Vorstellen entwickelt hat, die Moglich- 
keit geboten, wie in einem Bilde zu iiberschauen den Strom der 



Erlebnisse. Man mochte sagen, die Zeit, die da verflossen ist seit 
unserer Geburt, nimmt sich dann aus wie der Raum selber. Man 
sieht im Zusammenhange der Bildform dasjenige, was sonst im 
Unterbewulksein ist. Wenn man in dieser Weise in unmittelbares 
Schauen herauf erhebt dasjenige, was sonst ins Unterbewufitsein 
entschliipft, dann kann man beobachten diese Fortsetzung der 
gegenwartigen unmittelbaren Wahrnehmungs- und Denkerlebnisse 
bis zu den erinnerungsmoglichen Vorstellungen; man kann ver- 
folgen, was im menschlichen Wesen vor sich geht, sagen wir, mit 
irgendeinem Erlebnis, das man in der Vorstellung hat, von dem 
Zeitpunkte, wo man es zunachst fur das Vorstellen verloren hat, bis 
zu dem Zeitpunkte, wo man sich wiederum daran erinnert. Da 
geschieht ja fortwahrend, vom Erleben bis zum Erinnern, etwas in 
diesem menschlichen Organismus; fur das imaginative Vorstellen 
wird das anschaubar; es wird in Imaginationen anschaubar, aber es 
enthullt sich nun in einer ganz besonderen Weise. 

Die Gedanken, die da ins Unterbewulke gewissermafien sich ver- 
loren haben, die regen in diesem Unterbewufitsein nicht eine Tatig- 
keit an, welche mit unseremLebensimpuls, mitunserem Wachstums- 
impuls zusammenhangt, sondern sie regen eine Tatigkeit in uns an, 
welche zusammenhangt mit unserem Sterbeimpuls. Das ist das be- 
deutungsvolle Ergebnis, das sich auf dem Wege, den ich heute nur 
andeuten konnte, dem imaginativen Erkennen ergibt, dafi der 
Mensch seine Erinnerungstatigkeit, die zur Erneuerung von Ge- 
danken, von Vorstellungserlebnissen, von Wahrnehmungserleb- 
nissen fiihrt, nicht kniipft an dasjenige, was uns ins Leben ruft, was 
uns ins physische Leben ruft, was uns im physischen Leben die Ver- 
dauung befordert, so dafi wir die unbrauchbar gewordenen Stoffe 
durch brauchbare ersetzen und so weiter. Nicht mit diesem auf- 
steigenden Lebenssystem des Menschen hangt das zusammen, 
was wir als Erinnerungskraft hinunterschicken in die menschliche 
Wesenheit, sondern mit dem hangt es zusammen, was wir in uns 
tragen auch schon seit unserer Geburt, mit dem wir ebenso ge- 
boren werden wie mit dem, wodurch wir leben und wachsen, es 
hangt mit dem zusammen, was uns dann, zusammengedrangt in 



einem einzigen Momcnte, fur den ganzen Organismus erscheint 
im Sterben. 

Das Sterben erscheint nur solange als eih grofies Ratsel, solange 
es nicht gesehen wird in dem fortgehenden Leben zwischen Geburt 
und Tod. Wir sterben nicht nur - wenn ich mich paradox ausdriicken 
darf -, wenn wir sterben, wir sterben im Grunde genommen in 
jedem Momente unseres physischen Lebens. Und indem ausgebildet 
wird in unserem Organismus jene Tatigkeit, welche zur Erinnerung 
fuhrt als das erinnerungsmaflige Denken - und jedes Erkennen im 
gewohnlichen physischen Leben ist ja im Grunde genommen an die 
Erinnerung geheftet insofern ausgebildet wird dieses Erkennen, 
insofern sterben wir fortwahrend. Es ist ein leises Sterben, ausgehend 
von unserer Hauptesorganisation, fortwahrend in uns. Indem wir 
gerade diese Tatigkeit ausfuhren, die sich fortsetzt in der Erin- 
nerung, beginnen wir den Akt des Sterbens fortwahrend. Nur wird 
diesem Akt des Sterbens entgegengearbeitet durch dasjenige, was in 
uns Wachstumskrafte in den anderen Gliedern des menschlichen 
Organismus sind, die iiberwaltigen die Sterbekrafte. Und so halten 
wir das Leben durch. Kame es auf unsere Hauptesorganisation, auf 
die Nerven-Sinnesorganisation an, so ware eigentlich jeder Augen- 
blick im Leben fur uns ein Todesaugenblick. Wir besiegen als Men- 
schen fortwahrend den Tod, der von unserem Haupte nach unserer 
iibrigen Organisation gewissermafien hinstromt. Unsere ubrige Or- 
ganisation wirkt diesem Tode entgegen. Und erst wenn unsere ubrige 
Organisation erlahmt, erlahmt durch das Alter oder erlahmt durch 
irgendeine andere Schadigung, so dafi diese andere Organisation 
nicht den todbringenden Kraften des menschlichen Hauptes ent- 
gegenwirken kann, erst dann tritt fur den ganzen Organismus der 
Tod ein. 

Ja, wir arbeiten eigentlich im heutigen Denken, in dem Denken 
der heutigen Zivilisation, mit Begriffen, die wie erratische Blocke 
nebeneinanderliegen, ohne dafi wir den Zusammenhang in richtiger 
Weise erkennen. Licht mufi hineinkommen in dieses Chaos von er- 
ratischen Blocken unserer Begriffs- und Vorstellungswelt. Wir haben 
auf der einen Seite das menschliche Erkennen, das so eng an die Er- 



innerungsfahigkeit gebunden ist. Wir schauen dieses menschliche 
Erkennen an und ahnen nicht seine Verwandtschaft mit der Vorstel- 
lung, die wir vom Tode haben. Und weil wir diese Verwandtschaft 
nicht ahnen, deshalb bleibt uns das, was sich sonst im Leben ent- 
ratseln konnte, so ratselvoll. Wir konnen nicht dasjenige, was sich 
im Alltag erleben lafit, mit den grolten aufierordentlichen Augen- 
blicken des Erlebens verbinden. Die mangelnde geistige Uberschau 
iiber das, was als Brocken herumliegt in unserer Vorstellungswelt, 
die bewirkt, dafi das Leben nach und nach trotz dergrofienErrungen- 
schaften des 19. Jahrhunderts so undurchschaubar geworden ist. 

Wenden wir jetzt den Blick auf das zweite System, auf das zweite 
Glied der menschlichen Organisation; da haben wir die rhythmische 
Organisation. Diese rhythmische Organisation ist ja auch in der 
menschlichen Hauptesorganisation vorhanden. Das Innere des 
menschlichen Hauptes atmet mit dem Atmungsorganismus mit. 
Das ist schon eine aufierliche physiologische Tatsache. Aber die At- 
mung des menschlichen Hauptes ist gewissermafien mehr nach in- 
nen liegend, sie verbirgt sich vor der Nerven-Sinnesorganisation. Sie 
ist verdeckt durch dasjenige, was fur die Hauptesorganisation die 
Hauptsache ist. Aber das menschliche Haupt hat durchaus auch 
seine verborgene rhythmische Tatigkeit. Diese verborgene rhyth- 
mische Tatigkeit tritt aber vorziiglich zutage eben in der mensch- 
lichen Brustorganisation, in den Verrichtungen des menschlichen 
Organismus, die ihren Mittelpunkt im Atmungsorgan und im 
Herzen haben. Wenn wir allerdings diese Organisation, wie sie sich 
uns aulSerlich darbietet, anschauen, so konnen wir nicht in der 
gleichen Weise wie bei der Hauptesorganisation in ihr erblicken wie 
ein plastisches Bild dasjenige, was aJs seelisches Gegenstuck dazu 
vorhanden ist, namlich das Gefuhlsleben. Unser Gefuhlsleben 
erscheint uns ja schon, wenn wir das seelische Erleben betrachten, als 
etwas mehr oder weniger ineinander Verschwimmendes. Wir haben 
von unseren Vorstellungen scharfe Konturen. Wir haben auch von 
den Assoziationen der Vorstellungen wiederum deutliche Begriffe. 
Aber wir haben nicht in derselben Weise scharfe Konturen der 
Einzelheiten unseres Gefiihlslebens. Das regt sich und lebt sich in- 



einander. Und man wird niemals einen Herbartianer flnden, der 
dasjenige, was er als Abbild fur das Gefuhlsleben schafft, in einer 
ahnlichen Zeichnung wird charakterisieren wollen, wie etwa der 
Anatom oder der Physiologe das Lungensystem oder das Herz- 
Blutsystem aufzeichnet. Da findet man schon, dafi zwischen dem- 
jenigen, was innerlich seelisch ist, und demjenigen, was aufierlich 
ist, ein soldier Bezug nicht da ist. Daher kann man skh aber auch 
nicht diesen Zusammenhang des seelischen Gefuhlslebens mit dem 
rhythmischen System durch die Erkenntnis der Imagination vor die 
Seek fuhren. Dazu ist notwendig dasjenige, was ich in meinen 
Schriften charakterisiert habe als die Erkenntnis der Inspiration. 
Dieser besonderen Erkenntnisart der Inspiration ergibt sich, dafi das 
Gefuhlsleben des Menschen einen unmittelbaren Bezug zu dem 
rhythmischen System hat, daft ebenso wie das Nerven-Sinnessystem 
dem Vorstellungsleben zugeeignet ist, das rhythmische System dem 
Gefuhlsleben des Menschen zugeeignet ist. Aber - gewissermafien 
vergleichsweise gesprochen - der Wachsabdruck des Gefuhlslebens 
ist das rhythmische System nicht so, wie das Gehirnsystem der 
Wachsabdruck des Vorstellungslebens ist. Daher konnen wir nicht 
sagen, in unserem rhythmischen System sei ein imaginatives Abbild 
gegeben des Gefuhlslebens. Dagegen mussen wir sagen, dasjenige, 
was sich in uns als rhythmisches System ausbildet, was in uns als 
rhythmisches System lebt, das ist - nun ganz abgesehen von jeder 
menschlichen Erkenntnis - durch Weltinspiration entstanden. Es ist 
inspiriert in uns. Die Tatigkeit, die in der Atmung, die in der Blut- 
zirkulation ausgeiibt wird, ist ja nicht nur etwas, was in uns lebt in- 
nerhalb unserer Haut, sie ist ein Weltgeschehen, wie das Blitzen und 
Donnern ein Weltgeschehen ist. Wir hangen ja auch durch unser 
rhythmisches System zusammen mit der Aufienwelt. Die Luft, die 
jetzt in mir ist, sie war vorher draufien; die Luft, die jetzt in mir ist, 
sie wird nachher draufien sein. Es ist ein Wahn, zu glauben, dafi der 
Mensch nur innerhalb seiner Haut lebt. Er lebt als ein Glied der- 
jenigen Welt, die um ihn ist. Und aus dieser Welt herein inspiriert 
ist die Gestalt seines rhythmischen Systems, das in engster Bezie- 
hung zu seinen Bewegungen steht. 



Wenn wir nun zuriickblicken darauf, kdnnen wir sagen: Im 
menschlichen Haupte haben wir zugrunde liegend zuerst die Ver- 
wirklichung einer imaginativen Welt, dann, ich mochte sagen, unter 
dem, was skh da als eine imaginative Welt realisiert, die Welt des 
rhythmischen Systems, also eine inspirierte Welt. Von unserem 
rhythmischen System konnen wir nur sagen: Da drinnen ist realisiert 
eine inspirierte Welt. 

Und wie ist es mit unserem Stoffwechsel-Gliedmaflensystem? - 
Der Stoffwechsel gehort mit dem Gliedmaltensystem zusammen, 
wie ich schon vorhin angedeutet habe. Was sich uns im Stoffwechsel 
des Menschen darbietet, steht im unmittelbaren Zusammenhang 
mit der menschlichen Willenstatigkeit. Aber dieser Zusammenhang 
enthullt sich weder der imaginativen Erkenntnis noch der inspirier- 
ten Erkenntnis. Er enthullt sich erst der intuitiven Erkenntnis, dem, 
was ich in meinen Schriften die «intuitive Erkenntnis» genannt habe; 
daher riihrt die Schwierigkeit, dasjenige, was aufierlich-materiell im 
Stoffwechsel erscheint, als Realisierung einer Weltintuition an- 
zusehen. Aber dieser Stoffwechsel ist ja auch vorhanden im rhythmi- 
schen System. Der Stoffwechsel des rhythmischen Systems verbirgt 
sich unter dem Lebensrhythmus, wie sich unter der Nerven-Sinnes- 
tatigkeit im menschlichen Haupte verbirgt der Lebensrhythmus. 

Beim menschlichen Haupte haben wir eine realisierte imagina- 
tive Welt, darunter verborgen eine realisierte inspirierte Welt mit 
Bezug auf den Rhythmus im Haupte. Darunter aber ist auch im 
Kopfe der Stoffwechsel, also das realisierte Intuitive, so dafi wir zu- 
nachst unser Haupt begreifen, wenn wir in ihm sehen den Zusam- 
menflufi des realisierten Imaginativen, des realisierten Inspirierten 
und des realisierten Intuitiven. Im menschlichen rhythmischen 
System fallt das Imaginative weg, da ist nur die Realisierung des In- 
spirierten und Intuitiven. Und im Stoffwechselsystem fallt auch 
die Inspiration weg, da haben wir es nur mit der Realisierung einer 
Weltintuition zu tun. 

So tragen wir in uns in diesem dreigegliederten menschlichen 
Organismus zuerst die Hauptesorganisation, ein Abbild desjenigen, 
was wir anstreben in der Erkenntnis, in der Imagination, Inspiration, 



Intuition. Wollen wir das menschliche Haupt verstehen, miifiten wir 
uns eigentlich sagen: wenn wir nur die auflere gegenstandliche Er- 
kenntnis haben, die ja nicht einmal Imagination ist, die nicht bis 
zum Intuitiven aufrikkt, ist mit dieser Erkenntnis, die nur eine 
gegenstandliche, an der aufieren Sinneswelt gewonnene ist, halt- 
zumachen vor dem menschlichen Haupte. Denn das menschliche 
Haupt beginnt erst sich in seiner inneren Wesenheit der imagina- 
tiven Erkenntnis zu erschliefien, und hinter dem, was sich da er- 
schlielk, liegt dann ein Tieferes, das sich der Inspiration erschliefit, 
und hinter diesem wiederum dasjenige, was sich dem intuitiven 
Erkennen erschliefit. Das rhythmische System ist auch fur die Imagi- 
nation noch nicht zuganglich, das erschliefit sich erst im inspirierten 
Erkennen. Und dasjenige, was unter ihm verborgen ist, ist das In- 
tuitive. Und den Stoffwechsel sollten wir durchaus unbegreiflich 
finden mnerhalb des menschlichen Organismus. Der richtige Stand - 
punkt gegeniiber dem menschlichen Stoffwechsel, er kann kein 
anderer als der folgende sein. Wir konnen nur sagen: Draufien 
beobachten wir den Stoffwechsel der Welt; wir versuchen, ihn mit 
den Gesetzen des gegenstandlichen Erkennens zu durchdringen, 
erlangen dabei eine Naturerkenntnis des aufier lichen Stoffwechsels. 
In demselben Momente, wo dieser aufierliche Stoffwechsel sich urn- 
wandelt, metamorphosiert in unseren inneren Stoffwechsel, wird er 
etwas ganz anderes, und er wird etwas, in dem dasjenige lebt, was 
sich erst der Intuition ergibt. 

Man mulke deshalb sagen: In der Welt, die uns zunachst sinn- 
lich vorliegt, gehort zum Unbegreiflichsten des Unbegreiflichen das- 
jenige, was die Stoffe innerhalb der menschlichen Haut machen, die 
wir draufien durch Physik, Chemie und so weiter kennenlernen. - 
Man miifite sich sagen: Zum hochsten geistigen Erfassen mufi man 
aufriicken, wenn man erkennen will, was mit den Stoffen, die wir 
draufien so gut anschauen nach ihrer Aufienseite, was mit denen 
eigentlich im menschlichen Organismus vor sich geht. 

So sehen wir, dafi im Aufbau unseres Organismus dreierlei zu- 
nachst tatig ist. In diesem Aufbau des Organismus ist zuerst tatig 
dasjenige, was der intuitiven Erkenntnis sich erschliefit, es baut aus 



dem Stoffe der Welt zuerst den Organismus auf. Es ist in diesem 
Organismus aufierdem tatig dasjenige, was sich der inspirierten Er- 
kenntnis erschliefit; es gliedert ein dem Stoffwechselorganismus das 
rhythmische System. In diesem menschlichen Organismus ist weiter 
tatig dasjenige, was sich der imaginativen Erkenntnis erschliefit; es 
gliedert ein das Nervensystem. Dann, wenn dieser Organismus sich 
in die auflerliche physische Welt durch die Geburt hineinstellt, dann 
entwickelt sich dasjenige, was ja gewissermafien durch ihn fertig ist, 
weiter, indem der Mensch zwischen Geburt und Toddiegegenstand- 
liche Erkenntnis entwickelt. Aber wir haben gesehen von dieser 
gegenstandlichen Erkenntnis, dafi sie gebunden ist an die Erinne- 
rungstatigkeit, dafi sie nun nicht einem Aufbau angehort, sondern 
einem Abbau angehort, Wir haben gesehen, wie diese Erkenntnis 
ein langsames Sterben, vom Haupte ausgehend, ist, so dafi wir 
sagen konnen: Durch dasjenige, was begriffen werden konnte in 
Intuition, Inspiration, Imagination, ist der menschliche Organis- 
mus aufgebaut worden, das lebt auf eine dem heutigen Erkennen 
unzugangliche Weise in diesem menschlichen Organismus. Das- 
jenige aber, was er als unsere gegenstandlichen Erkenntnisse in ihn 
hineinbaut zwischen Geburt und Tod, das baut ihn ab, das zerstort 
ihn. Und in die Zerstorung hinein denken wir eigentlich, stellen wir 
vor, wenn wir das Vorstellungs-, das Denkleben entwickeln. 

Man kann, wenn man durchschaut, worin das Erkennen, das mit 
der Erinnerungsfahigkeit so innig zusammenhangt, eigentlich be- 
steht, gar nicht Materialist sein. Denn wollte man Materialist sein, so 
mufke man sich vorstellen,dafi der Mensch durch seine Wachstums- 
krafte aufgebaut wird, daft die Krafte tatig sind, welche die Stoffe 
aufnehmen, sie weiterbefordern zu den verschiedenen Organen, um 
die Verdauung im weiteren Sinne im Organismus zu vollziehen; 
man mulke sich diese Fahigkeit, die im Wachstum, in der Verdau- 
ung und so weiter im Aufbau liegt, fortgesetzt denken, und irgend- 
wo miifite sie dann ausmiinden in das Vorstellen, in das Denken, das 
zum gegenstandlichen Erkennen kommt. Das ist aber nicht der Fall. 
Der menschliche Organismus wird aufgebaut durch etwas, was der 
Intuition, der Inspiration, der Imagination zuganglich ist. Er ist 



dann aufgebaut, wenn er diese Krafte in sich verarbeitet hat. Dann 
beginnt aber die Rikkentwickelung, dann beginnt das Zerf alien. 
Und dasjenige, wodurch das Zerfallen beginnt, das ist das gewohn- 
liche Erkennen zwischen Geburt und Tod. 

Wir bauen im gewohnlichen Erkennen nicht in die aufbauenden 
Krafte hinein, sondern wir schaffen dabei zuerst, indem wir den 
Aufbau zerstoren, die Grundlagen eines fortwahrenden Todesele- 
mentes im Menschen. Und in dieses fortdauernde Todeselement 
setzen wir unsere Erkenntnis hinein. Wir wiihlen nicht im Materiel- 
len, indem wir vorstellen, nein, wir zerstoren das Materielle, wir 
iibergeben das Materielle den Todeskraften. Und in den Tod hinein 
denken wir, in das Vernichten des Lebens hinein denken wir. Ver- 
wandt ist das Denken, verwandt ist das gewohnliche Erkennen nicht 
dem sprieltenden, sprossenden Leben, verwandt ist es dem Tode. 
Und wenn wir auf dieses menschliche Erkennen schauen, so find en 
wir nicht in den naturlichen Gestaltungen bis zum menschlichen 
Gehirn hinauf ein Analogon, wir finden allein ein Analogon in dem 
Leibe, der nach dem Tode zerfallt. Denn dasjenige, was der zer- 
fallende Leib, ich mochte sagen, intensiv darstellt, was der zerfal- 
lende Leib in einer gewissen Grofie darstellt, das mufi fortwahrend 
vor sich gehen in uns, wenn wir im gewohnlichen Sinne gegenstand- 
lich erkennen. 

Man schaue auf den Tod hin, wenn man das Erkennen begreifen 
will. Man schaue nicht in materialistischer Weise auf das Leben hin, 
sondern man schaue auf das hin, was die Negation, die Aufhebung 
des Lebens ist. Dann kommt man zu einem Begreifen des Denkens. 
Dann allerdings gewinnt dasjenige, was wir den Tod nennen, eine 
ganz andere Bedeutung, es gewinnt schon aus dem Leben heraus 
eine andere Bedeutung. 

Man kann auch an aufieren Erscheinungen so etwas schon ermes- 
sen. Ich sagte Ihnen gestern: Die Kulmination der materialistischen 
Weltanschauung lag in der Mitte des 19- Jahrhunderts oder im letz- 
ten Drittel des 19. Jahrhunderts. Sie sah auf den Tod hin als auf et- 
was, was unbedingt abgewiesen werden muf], und sie kam sich in 
gewisser Weise vornehm vor in diesem Hinschauen auf den Tod, der 



das Leben schlieflt, das Leben, das man allein eigentlich betrachten 
wollte und das man aber selber als abgeschlossen betrachten wollte 
mit dem Tode. - Man sieht vielfach etwas verachtlich zuriick auf das 
«kindliche Volksbewulksein». Aber nehmen Sie ein Wort dieses 
«kindlichen» Volksbewufitseins. Nehmen Sie das Wort «verwesen» fur 
dasjenige, was nach dem Tode geschieht: «ver-wesen», die Vorsilbe 
«ver» ist immer ein Hinbewegen zu demjenigen, was das Wort aus- 
driickt; «verbrudern» heiik, sich nach der Richtung des Bruderwer- 
dens bewegen, «versammeln» heilk, sich nach der Richtung des Sam* 
melns bewegen. «Verwesen» bedeutet im Volksmund nicht auflosen, 
nicht aufhoren, sondern in das Wesen hinein sich bewegen. Solche, 
mit dem geistigen Erfassen der Welt wahrend eines instinktiven 
Erkennens zusammenhangende Wortbildungen wurden sehr selten. 
Im 19- Jahrhundert materialisierte man, lebte man nicht mehr in 
dem, was die geistmaftige Durchdringung des Wortes war. Und man 
konnte viele solche Beispiele anfuhren, welche zeigen wurden, dafl 
sich einfach schon in der Sprache der Menschen der Materialismus in 
seiner Kulmination dargelebt hat. 

So konnen wir verstehen, wie, nachdem der Mensch aufgebaut 
war, wie ich gestern sagte, bis zu einer Kulmination dutch Krafte, 
die sich in der Inspiration, Intuition und Imagination erschliefien, er 
dann zu einer hochsten Kulmination im 19. Jahrhundert kam, und 
wie dann wieder eine Dekadenz folgte. Wir konnen begreifen, dafi 
gewissermafien der Mensch sich entfernte von der Kraft, sich inner- 
lich zu erfassen, indem er am starksten die Krafte ausbildete, die 
dem Tode als Erkenntniskrafte am verwandtesten sind, die Abstrak- 
tionskrafte . Und hier ist es, wo dann von der heutigen Betrachtung 
ausgehend, man fortschreiten kann zu dem, was in der ganzen 
Menschheksentwickelung der eigentliche wesentliche Impuls ist des- 
jenigen, was man den materiahstischen Erkenntnisimpuls innerhalb 
der Menschheitsgeschichte nennen kann. 



DRITTER VORTRAG 



Dornach, 9. April 1921 

Ich mochte am heutigen Abend nicht in direkter Weise die Betrach- 
tungen, die sonst an Sonnabenden und Sonntagen hier gepflegt 
werden, fortsetzen. Sondern ich mochte - damit die Freunde unserer 
Sache, die hierher gekommen sind, moglichst viel von dem mitneh- 
men konnen, was gerade in einem weiteren oder engeren Zusam- 
menhange mit den Betrachtungen steht, die hier wahrend dieser 
Woche angestellt worden sind - einige allerdings intimere Betrach- 
tungen noch anstellen, die sich aber anschlieften sollen an die 
Fragen, die auch schon in dieser Woche angeschlagen worden sind. 

Ich habe selbst mit Hinblick auf die Befruchtung des Sprachwis- 
senschaftlichen durch die anthroposophische Geisteswissenschaft 
darauf hingewiesen, wie eine urspriingliche Empfindungsweise 
gegenuber der Sprache verlorengegangen ist, und wie anstelle dieser 
Empfindungsweise mehr ein abstraktes Hingeordnetsein auf die 
Dinge der Umwelt getreten ist. Ich habe darauf hingewiesen, dafi es 
eine bedeutsame Entwickelungskraft in dermenschlichen Geschichte 
darstellt, daft durch Aristoteles, also im 4. Jahrhundert vor unserer 
Zeitrechnung, das auftaucht, was dann die Logik genannt worden 
ist. Denn das bewufite Hineinleben in das Logische, das vorher in 
der menschlichen Seelenverfassung mehr unbewufit und instinktiv 
gewaltet hat, bedeutet eben ein Hingeordnetsein nach der Welt im 
abstrakten Sinne. 

Ich sagte, dafi in alteren Zeiten ein innerer, konkreterer Vorgang 
noch gefuhlt worden ist, der sich vergleichen lalk mit dem, was wir 
studieren konnen im Geschlechtsreifwerden des Menschen. Was auf- 
tritt im Kinde, wenn es sprechen lernt, ist eben eine Metamorphose, 
eine mehr nach innen sich ausbildende Metamorphose des Prozesses, 
der sich beim Geschlechtsreifwerden spater im Menschen dann ent- 
faltet. Und was in diesem Prozefi des Sprechenlernens im Inneren 
des Menschen verlauft, das hatte fur die altere Menschheit dann 
Nachwirkungen fur das ganze menschliche Leben: Der Mensch 



fuhlte sich so, als ob in ihm durch das Wort etwas zum Ausdrucke 
kame, was auch in den Dingen draufien lebt, was die Dinge aber 
nicht aussprechen, weil sie gewissermafien verstummt sind. Im Er- 
klingen des Wortes im Inneren wurde etwas gefuhlt, was Vorgangen 
im Aufieren entspricht. Was da erlebt wurde, war ein viel Inhalts- 
volleres, ein dem menschlichen Leben viel Naherliegendes als das- 
jenige, was heute innerlich erfahren wird in dem Erfassen der Welt 
durch abstrakte Begriffe. Aber was da der Mensch erlebte durch das 
Wort, es war, ich mochte sagen, organischer, es war instinktiver, es 
war mehr dem Animalisch-Seelischen zugeneigt, als das ist, was sich 
durch das begrifflich abstrakte Erfassen der Dinge erfahren lafit. 
Man wurde dem geistigen Leben nahergeriickt durch dieses abstrakte 
Erfassen. Aber zugleich wurde eben der Mensch zur Abstraktion 
gebracht. So daft in dem Augenblicke, dem weltgeschichtlichen 
Augenblicke, in welchem der Mensch gleichsam heraufgehoben 
wurde, um allmahlich den Geist zu erfahren, er zu gleicher Zeit - 
man kann sich ja in diesen Dingen nur mehr oder weniger bildhaft 
ausdriicken, da die Sprache noch nicht eigentliche Worte dafur ge- 
pragt hat - gewissermafien in seinem Geist-Erleben eine Verdiin- 
nung erfuhr, eben eine Verdunnung in die Abstraktion hinein. 

Dieser Prozefi vollzog sich, wie Sie ja begreifen werden, nicht bei 
alien Volkern in der gleichen Weise. Bei den Volkern, die gewisser- 
mafien die zunachst hervorragendsten Trager der Zivilisation waren, 
vollzog er sich fruher, andere blieben zuriick. Und ich konnte ja 
sagen, darl die in Mitteleuropa sitzenden Volker etwa im 11. Jahr- 
hunderte noch auf einem Standpunkte standen, der gegenuber der 
griechischen Zivilisationsentwickelung als voraristotelisch bezeichnet 
werden mull. In Mitteleuropa uberschritt man den Punkt, den die 
Griechen durch Aristoteles iiberschritten, eben erst viel spater. Die 
Griechen nahmen durch den Aristotelismus vieles von dem voraus, 
was fur die mitteleuropaischen Volker und diejenigen, die in der 
Zivilisation zu ihnen gehoren, eigentlich erst mit dem ersten Drittel 
des 15. Jahrhunderts eintrat. 

Nun hangt zweierlei mit diesem Fortschreiten des Menschen in 
bezug auf das Verstehen des Sprachlichen und das Verstehen des 



Abstrakten zusammen. Auf das eine habe ich ja schon hingedeutet: 
Indem mit dem Aristotelismus - der aber nur das Symptom war fur 
eine allgemeine Erfassung der Sache in der griechischenZivilisation - 
des Menschen Seelenieben heraufgehoben wurde in die Abstraktion, 
wurde es fremd jenem unmittelbaren Erleben des Wortes, der 
Sprache. Und damit schlofi sich gewissermalten das Tor nach der- 
jenigen menschlichen Lebensentfaltung, die gegen die Geburt zu 
liegt. Der Mensch fand sich nicht mehr in seinem gewohnlichen 
Erleben zuriick bis zu dem Punkte, wo er am Sprechenlernen hatte 
sehen konnen, wie Geistig-Seelisches in ihm waltet, ein ebenso 
Geistig-Seelisches wie draufien in der Welt. Dadurch aber wurde er 
auch abgelenkt, weiter zuriickzuschauen. Und die nachsten Etappen 
hatten ja ergeben, was man nennen konnte: Verbindung des Geistes 
mit der physisch-leiblichen Materie iiberhaupt. Sie hatten ergeben 
das Durchschauen der Praexistenz, die Erkenntnis davon, dafi das 
Geistig-Seelische des Menschen in iibersinnlichen Welten ein Dasein 
fiihrt, bevor es sich verbindet mit dem korperlichen Wesen, das in- 
nerhalb der physischen Materie gegeben ist. Diese Erkenntnis war 
allerdings in alteren Zeiten der Menschheitsentwickelung nicht in 
der ausgesprochenen bewufiten Form, wie wir sie uns heute wieder 
erringen wollen durch Geisteswissenschaft, sondern in einer instink- 
tiven Weise vorhanden; und die Reste davon sind ja in dem, was uns 
als orientalische Kultur entgegentritt, geblieben, fur welche das 
Hinschauen auf die praexistierende Menschenseele eine Selbstver- 
standlichkeit ist. 

Und ist der Mensch dann noch in der Lage weiterzugehen, so 
wird auch das, was noch schwieriger zu durchschauen ist als die Pra- 
existenz, namlich die wiederholten Erdenleben, eine wirkliche Er- 
kenntnis, eine wirkliche Anschauung. Diese Anschauung, sie war 
da, allerdings in instinktiver Weise, in alteren Zeiten der Mensch- 
heitsentwickelung. Sie hat sich dann erhalten in einer mehr poeti- 
schen, phantasievollen Form in den Zivilisationen des Orients, als 
diese aber schon in die Dekadenz gekommen waren, wenn auch in 
eine sehr bedeutsame, schone Dekadenz. 

So finden wir, wenn wir - ohne die Vorurteile der heutigen An- 



thropologie - zuriickblicken auf altere Zeiten der Menschheitsent- 
wickelung, eine zwar instinktive, aber in die Dinge eindringende 
Anschauungsweise. Indem der Mensch gewissermaften den Sprach- 
werdeprozefi noch verstand, verstand er etwas von dem seelischen 
Waken auch in der aufleren Natur, und indem er verstand die Ein- 
korperung des Geistig- Seelischen in das Physisch-Leibliche, verstand 
er etwas von dem die Welt durchwellenden und durchwallenden 
Geist. 

So weit die historische griechische Erkenntnis zuruckgeht, sind 
nurmehr die sparlichen Reste dieser alten Geist-Erkenntnis tradi- 
tionell in der griechischen Zivilisation enthalten. Man ftndet, wenn 
man hinter Aristoteles, hinter Plato zuruckgeht zu den ionischen 
Philosophen etwa bis in die Wende des 5. und 6. Jahrhunderts der 
griechischen Gedankenentwickelung, man findet etwa bei Anaxa- 
goras eine Philosophic, die aus den heutigen Voraussetzungen 
heraus nicht verstanden werden kann. Es soli ten sich eigentlich aus 
einer gewissen gesunden Erkenntnis heraus die Philosophen des 
Abendlandes sagen: Um den Anaxagoras zu verstehen, dazu fehlen 
eigentlich der abendlandischen Philosophie die Voraussetzungen; 
denn was Anaxagoras - in einer dekadenten Form bereits - als seinen 
Nus anerkennt, das geht in jene Zeiten zuruck, von denen ich eben 
gesprochen habe, in denen noch empfunden, erkennend empfun- 
den worden ist, wie die Welt vom Geistigen durchwellt und durch- 
wallt ist, und wie aus dem Geistigen heraus das Geist- Seelische des 
Menschen herabsteigt, um sich mk dem Physisch-Leiblichen zu ver- 
binden. Dies war in alteren Zeiten eine instinktiv anschauliche 
Erkenntnis. Sie hat sich dann abgeschwacht zu der Erkenntnis, die 
eben durch das instinktive Durchschauen des Sprachvorganges ge- 
geben war, was dann auch zur Zeit des Aristotelismus verlorenge- 
gangen ist gerade fur die fortgeschrittensten Zivilisationen. 

Als man noch hineinschaute in diesen Sprachwerdeprozefi, da 
fuhlte man, wie ich schon sagte, im Erklingen des Wortes etwas, was 
ein Ausdruck war fur ein objektives Geschehen draulkn in der 
Natur. Und damit komme ich auf einen wesentlichen Unterschied: 
Was die in diesem Sinne alte «Sprachkenner» zu Nennenden als 



die Weltenseele auffafiten, wurde vorziiglich raumerfullend ge- 
dacht, und der Mensch fuhlte sich aus diesem raumerfullenden 
Geistig-Seelischen herausgestaltet. Aber das war etwas anderes als 
dasjenige, worauf man kommt, wenn man weiter riickwarts geht von 
dem Nus des Anaxagoras. Da kommt man zu etwas, was in die Pra- 
existenz der Menschenseele hineinfuhrt, was nicht blofi damit zu tun 
hat, daft die Menschenseele in der Gegenwart drinnen mit dem 
Weltengeist und der Weltenseele webt und west, sondern wir rlnden 
hier, daft diese Menschenseele mit dem Weltengeist und der Wel- 
tenseele in der Zek lebt. 

Man mufi diese Dinge durch ein inneres Verstandnis kennen, 
wenn man einen ganz bedeutsamen Vorgang in der westasiatisch- 
europaischen Zivilisationsentwickelung historisch wirklich verstehen 
will. Man hat heute eigentlich keine zutreffende Vorstellung von der 
Geistesverfassung jener Menschheit, welche gelebt hat in der Zeit, 
als das Christentum begrundet worden ist. Gewifi, wenn man die 
allgemeine menschliche Seelenverfassung von heute in ihrer beson- 
deren Konfiguration ins Auge faftt, mufi man sich im Verhaltnis zu 
der stolzen Bildung von heute die grofie Mehrheit der Menschen 
Westasiens und Europas als ungebildet vorstellen. Aber aus dieser 
grofien Masse der Ungebildeten ragten dazumal einzelne Menschen 
hervor. Ich mochte sagen, die Nachfolger der alten Eingeweihten 
oder Initiierten ragten hervor mit einem bedeutsamen Wissen, mit 
einem Wissen, das allerdings nicht in derselben Weise in der Seele 
lebte wie unser von abstrakten Begriffen iiberall durchzogenes und 
deshalb zum vollen Bewufitsein gekommenes Wissen. Es war noch 
etwas Instinktives selbst in dem hochsten Wissen der damaligen 
Zeit. Aber es war zugleich in diesem instinktiven Wissen etwas Ein- 
dringliches gegeben, etwas, was doch in die Tiefen der Dinge ging. 

Es ist merkwurdig, welche kuriose Angst viele Vertreter der ge- 
genwartigen traditionellen Glaubensbekenntnisse davor haben, daft 
irgend jemand dahinterkommen konnte, daft ein solches eindring- 
liches Wissen in der damaligen Zeit bestanden hatte, ein Wissen, 
das zu f einen Begriffen kam, wenn diese, wie gesagt, auch mehr in 
instinktiven Bildern angeschaut und in Sprachformen ausgedriickt 



wurden, fur deren Erfassung heute wenig Empflnden vorhanden ist. 
Von dem, was Gnosis genannt wird, soil unsere Anthroposophie 
keine Erneuerung sein; aber unsere Anthroposophie ist der Weg, in 
das Wesen dieser Gnosis hineinzublicken. Und wie unsere Anthro- 
posophie, trotzdem sie in bezug auf ihre Quellen nichts gemein hat 
mit den alten indischen Philosophien, wie sie trotzdem in das 
Eindringliche, Grolkrtige, aus den Dingen Herausfliefiende der 
Vedanta- oder Sankhya- oder der Jogaphilosophie eindringen kann, 
weil sie in bewufiter Weise die Regionen der Welt wieder erreicht, 
die dazumal instinktiv erreicht worden sind, geradeso kann sie auch 
eindringen, unsere Anthroposophie, in das Wesen der Gnosis. Jene 
Gnosis ist ja dutch gewisse Sekten der ersten christlichen 
Jahrhunderte ausgetilgt worden, so dafi historisch sehr wenig Gnosti- 
sches vorhanden ist, und die Gnosis der neueren Menschheit eigent- 
lich nur durch die Schriften derjenigen bekanntgeworden ist, die sie 
widerlegen wollten, und die daher Zitate aus den schriftlichen Auf- 
zeichnungen in ihren Gegenschriften haben, wahrend die urspriing- 
lichen Schriften selbst verlorengegangen sind; so ist die Gnosis 
eigentlich nur auf die Nachwelt gekommen durch die Schriften der 
Gegner, die natiirlich nur zitiert haben, was sie entsprechend ihrer 
Klugheit zu zitieren angemessen fanden. 

Nun, studieren Sie einmal die Zitierkunste unserer Gegner, 
dann werden Sie eine Vorstellung davon bekommen, wie sehr man 
in das Wesen einer solchen Sache eindringen kann, wenn man an- 
gewiesen ist auf die Schriften der Gegner! Die Erkenntnis der Gnosis 
ist vielfach angewiesen gewesen - aufierlich historisch ist sie heute 
noch fast darauf angewiesen - auf die Schriften der Gegner der 
Gnosis. Stellen Sie sich nur einmal vor: es konnte doch ganz ge- 
wifi im Sinne, sagen wir, so eines Herrn von Gleich sein, dafi die 
samtlichen anthroposophischen Schriften verbrannt wurden - 
es ware ihm ja sicher am liebsten! - und dafi man Anthroposophie 
nur aus seinen eigenen Kundgebungen eben auf die Nachwelt 
kommen lassen wiirde. Man mufi sich die Dinge nur immer durch 
etwas versinnlichen, was auf sie wirklich aufmerksam machen 
kann. 



Aber wenn man aus diesen Griinden nicht hineinschauen kann in 
das, was dazumal schon war, so wird man mit alien wissenschaftlich 
noch so gut gemeintenUntersuchungen fehlgehen, die sichauf etwas 
Wichtigstes gerade im Verstandnis des Christentums beziehen. Das- 
jenige, worin noch fast alles zu leisten ist, weil alles Geleistete durch- 
aus nicht zu dem fuhrt, was ein ehrlicher Erkenntnistrieb als wirk- 
liche Erkenntnis bezeichnen konnte, das ist der Logosbegriff, der 
uns im Johannes-Evangelium gleich bei seinem Eingang auftaucht. 
Diesen Logosbegriff kann man nicht verstehen, wenn man nicht in- 
nerlich versteht die geistig-seelische Entwickelung der Menschen vor- 
geschrittenster Zivilisation jener Zeit, namentlich wenn man nicht 
versteht die geistig-seelische Entwickelung, wie sie ihren Weg durch 
das Griechentum genommen hat, das ja ausgestrahlt hat nach Asien 
himiber, und das seine Schatten wirft in das, was uns im Johannes- 
Evangelium entgegentritt. Diesem Logosbegriff darf man sich nicht 
etwa blofi durch irgendeine lexikale oder aufierlich philologische 
Methode nahern. Diesem Logosbegriff kann man sich nur nahern, 
wenn man innerlich studiert die seelisch-geistige Entwickelung, die 
hier in Betracht kommt, etwa vom 4. Jahrhundert der vorchristlichen 
Zeit bis zum 4. Jahrhundert der nachchristlichen Zeit. Was da inner- 
lich in der fortgeschrittensten Menschheit und ihren reprasentativen 
Weisheitsvertretern geschehen ist, daruber ist eigentlich noch keine 
Geschichte in befriedigender Weise geschrieben. Denn das hangt 
zusammen mit dem Untergange des Verstandnisses fur das Spre- 
chenlernen. Das andere, das Verstandnis fur die Praexistenz, hat 
sich ja traditionell forterhalten bis zu Origenes; aber dem innerlichen 
Durchschauen ist es viel friiher verlorengegangen als das Verstandnis 
des Sprachprozesses, des Erklingens des Wortes im menschlichen In- 
neren. 

Wenn wir die seelisch-geistige Verfassung der vorderasiatischen 
und europaischen Bevolkerung in ihren reprasentativen Weisheits- 
vertretern ins Auge fassen, so finden wir eben, dafi da ein Urn- 
schwung eintritt. Was als einheitlicher Prozefi da war in der An- 
schauung, das Erklingen des Wortes, und im Worte des Wesens 
der Welt, das wird differenziert in ein Hinschauen auf die abstrak- 



ten Begriffe und Ideen und in ein Fiihlen, ein dumpfes Fuhlen des- 
jenigen, was mehr in das Unterbewulksein hinuntergedriickt wird: 
des Wortes als solchem. Und was ergab sich dadurch? Dadurch ergab 
sich fur das menschliche Seelenleben eine ganz bestimmte Tatsache: 
undifferenziert empfand der altere Mensch Wortinhalt und Ideen- 
Begriffsinhalt des Bewurkseins. Nun sonderte sich der Begriffsinhalt 
ab. Aber er behielt in den ersten Zeiten noch etwas von dem, was 
man einst im Undifferenzierten von Wort, Begriff, Vorstellung 
gehabt hatte. Man sprach von «Begriffen» und man sprach von der 
«Idee», aber man kann es, ich mochte sagen, mit Handen greifen 
noch bei Plato, dafi man die Idee noch voll inhaltlich, geistig fuhlte. 
Indem man von der Idee sprach, war in ihr noch etwas enthalten von 
dem, was man fruher bei dem undifferenzierten Wortbegriff inner- 
lich erschaute. Man naherte sich also schon der Idee, die als blofter 
Begriff erfalk wird, aber es hing dieser Erfassung noch etwas an von 
dem, was im alten Worterklingen verstanden worden ist. Und in- 
dem dieser Fortgang sich bildete, wurde dem Menschen der Inhalt 
der Welt, den er geistig erfafite, zu dem, was dann im Logosbegriff 
sich ausdruckte. Den Logosbegriff hat man nur, wenn man weifi, in 
ihm liegt dieses Hingehen zur Idee, aber ohne ein Anhaften vom 
alten Wortbegriff im Erfassen dieser Idee. Und indem man von dem 
Logos als dem Weltschopferischen sprach, war man sich nicht mehr 
deutlich, aber undeutlich bewufit, dafi dieses weltschdpferische 
Geistige etwas in seinem Inhalt hat, was eben in alteren Zeiten 
dutch die Wortanschauung erfafit worden ist. 

Diese ganz besondere Nuance des seelischen Erlebensder Aufien- 
welt im Logos mufS man ins Auge fassen. Da hat eine ganz besondere 
Nuance seelischer Anschauung, die Logosanschauung, gelebt. Ari- 
stoteles hat dann sich herausgearbeitet, sich naher zur Abstraktion 
hingearbeitet und die subjektive Logik daraus gewonnen. Bei Plato 
aber ist die Idee das weltschopferische Prinzip, und bei Plato ist sie 
noch von konkreter Geistigkeit durchzogen, weil sie noch die Reste 
des alten Wortbegriffes in sich hat, weil sie im Grunde genom- 
men der Logos, wenn auch in Abschattierung ist. 

Und so kann man sich vorstellen: Was mit dem Christus in den 



Menschen Jesus eingezogen ist, das sollte als das weltschopferische 
Prinzip aus den Anschauungen der damaligen Zeit heraus bezeich- 
net werden. Man hatte dafur eine Vorstellung, die Vorstellung, die 
eben im Logosbegriff erhalten war. Der Logosbegriff war da. Durch 
den Logosbegriff wollte man begreifen, was mit der Geschichte des 
Christus Jesus der Welt gegeben war. Der Begriff, der sich aus alten 
Zeiten herausgebildet und eine ganz besondere Form angenommen 
hatte, der wurde dazu verwendet, den Ausgangspunkt des Christen- 
tums auszudrikken, so dafi man also damals hochste Weisheit ver- 
wendete, um dieses Mysterium zu durchschauen. Man mufi sich 
ganz in die Zeit hineinversetzen konnen, aber nicht im Sinne einer 
aufierlichen Anschauung, sondern im innerlichen Erfassen dessen, 
wie die Menschen dazumal die Welt anschauten. 

Es ist ein grofier Sprung von Plato zu Aristoteles. Aber auf der 
anderen Seite ist der ganze Duktus des Johannes-Evangeliums so 
gefalk, daft man sieht: er ist zustande gekommen dadurch, dafi 
zugrunde lag eine lebendige Erfassung des weltschopferischen Prin- 
zips und zu gleicher Zeit bei dem, der es zum Niederschreiben des 
Johannes-Evangeliums gebracht hat, ein Bekanntsein mit dem ent- 
schwundenen Logosbegriff. Alles Ubersetzen des Johannes-Evange- 
liums ist eine Unmoglichkeit, wenn man nicht eingehen kann auf die- 
se Entstehung des Logosbegriffs. Dieser Logosbegriff hat wirklich bei 
den reprasentativen Weisheitsvertretern der am meisten fortgeschrit- 
tenen zivilisierten Welt in voller Frische gelebt zwischen dem 4. vor- 
christlichen Jahrhundert und dem 4. nachchristlichen Jahrhundert. 

Als das Staatschristentum entstand, dem dann die spatere katho- 
lische Kirche nachgebildet worden ist, da war das Zeitalter erreicht, 
wo auch, ich mochte sagen, die letzte Nuance vom alten Wort, vom 
alten Wortbegriff verlorengegangen ist aus der Vorstellung der Idee. 
Aristoteles hat im Grunde genommen nichts anderes getan, als die 
subjektive Logik herausgelost aus dem Logos und die Theorie dieser 
subjektiven Logik ausgebildet. Die herrschende Geistes- und Seelen- 
verfassung der Menschheit hat aber damals noch wenig berikksich- 
tigt, was Aristoteles so als die subjektive Logik begriindet hat. Im 
Gegenteil, es ist vergessen worden und erst wiederum auf dem 



Umwege der Araber in die spatere Zeit hineingekommen. Es hat 
gelebt; aber so, wie es aufier diesem Umweg durch direkte Tradition 
gelebt hat, hat man noch genau empfunden, dafi man es da zu tun 
hat auf der einen Seite mit der subjektiven Logik, auf der anderen 
Seite aber mit der Anschauung eines weltschopferischen Prinzipes 
im Logos, in welchem noch etwas war von dem, was man erfafit hatte 
in der alten Vorstellung vom Worteerklingen im Inneren des 
Menschen als dem Gegenbild des Wortverstummens, aber des im 
Verstummen die Natur schaffenden Logos. 

Dann, im 4. Jahrhundert der nachchristlichen Zeit ging diese 
Nuance verloren aus dem Logosbegriff. Sie ist nicht mehr aufzu- 
finden, sie verschwindet. Sie erhalt sich hochstens in einigen ein- 
samen Denkern, mystischen Forschern. Aus dem allgemeinen 
Bewuiksein auch der reprasentativen Kirchenvater und Kirchen- 
lehrer verschwindet sie. Und was dann noch immer als eine sehr um- 
fassende, ideell durchgeistigte Weltanschauung auftritt etwa bei 
Scotus Erigena, darin ist nicht mehr der alte Logosbegriff, wenn 
auch das Wort gebraucht wird. Es ist der alte Logosbegriff vbllig 
filtriert zum abstrakten Ideenbegriff. Und das weltschopferische 
Prinzip wird jetzt aufgefaik nicht durch den alten Logosbegriff, 
sondern durch den sublimierten oder filtrierten Ideenbegriff. Das ist 
es, was in der Schrift des Scotus von der Einteilung der Natur dann 
aufgetreten ist, was aber schon vollstandig im Grunde aus dem 
Bewufitsein verschwunden ist: dieses Nicht-mehr-Haben des Logos- 
begriffs, diese Umwandlung des Logosbegriffs in den Ideenbegriff. 

Man hatte in der europaischen Menschheit, von der ich ja gesagt 
habe, dafi sie sich fur eine spatere Zeit eine altere Entwickelung 
bewahrt hat, notig, sogar hinter die Zeit zuriickzugehen, in der der 
Logosbegriff in seiner vollen Frische gewirkt hatte. Aber man ging 
zuriick in einer abstrakten Form. Und man machte dieses Zuriick- 
gehen in einer abstrakten Form sogar dogmatisch. Auf dem achten 
okumenischen Konzil zu Konstantinopel 869 ist festgestellt worden, 
dafi die Welt und der Mensch nicht zu denken smd als gegliedert in 
Leib, Seele und Geist, sondern blofi in Leib und Seele, und dafi die 
Seele eben einige geistige Eigenschaften habe. 



Dem, was da dogmatisch festgesetzt worden ist, geht jener Ent- 
wickelungsprozefi parallel, von dem ich eben jetzt gesprochen habe. 
Fur den, der die Entwickelung der abendlandischen Zivilisation stu- 
diert von den ersten christlichen Jahrhunderten herauf, wo so vieles 
noch gnostisch durchdrungen war, bis ins 4., 5. Jahrhundert der 
nachchristlichen Zeit herein, ist es eine aufierordentlich interessante 
Tatsache, dieses Abklingen des Logosbegriffs zu erfahren. Und als 
dann spater die Evangelien iibersetzt wurden, da war selbstverstand- 
lich in diese Ubersetzung nichts hineinzubringen von einer Empfin- 
dung fur den Logosbegriff, wie er in den acht Jahrhunderten, in 
deren Mitte das Ereignis von Golgatha liegt, innerhalb der vorchrist- 
lichen Menschheit gewaltet hat. Man mufi diese Eigentumlichkeit 
jenes Zekalters, aus dem das Christentum sich herausgebildet hat, 
auch durch solche Intimitaten studieren. Man mochte heute durch- 
aus mit leichtgeschiirzten Begriffen, mit den Begriffen, die man sich 
leicht aneignet, die schwierigsten Probleme losen. Allein solche 
geschichtlichen Probleme, wie das von dem ich Ihnen eben gespro- 
chen habe, lassen sich nur losen, wenn man die Vorbereitung zur 
Losung im Aneignen von ganz bestimmten Nuancen des mensch- 
lichen Seelenlebens sucht, wenn man von der ehrlichen Vorausset- 
zung ausgehen will, daft wir einfach in der gegenwartigen Zeit in der 
allgemeinen Kultur jene Nuance nicht im Seelenerleben haben, die 
zum Logosbegriff, wie er im Johannes-Evangelium gemeint ist, 
hingeht. Daher diirfen wir nicht mit dem Wortschatz, mit dem 
Begriffsschatz der Gegenwart das Johannes-Evangelium verstehen 
wollen. Wenn wir mit diesem Begriffsschatze der Gegenwart das 
Johannes-Evangelium verstehen wollen, dann diktiert uns von vorne- 
herein die Oberflachlichkeit. Es ist etwas, was durchaus mit wachem 
Seelenauge durchschaut werden mufi, was auch historisch auf sol- 
chen Gebieten zu leisten ist, denn mit Bezug auf die Historie dieser 
Gebiete steht es eigentlich recht bose in der Gegenwart. Ich habe erst 
in diesen Tagen wiederum eine aufierordentlich bedeutsame Tatsa- 
che vor meine Seele treten lassen miissen in bezug auf dieses Kapitel. 

Es kam mir vor Augen der Brief, den einer der geschatztesten 
Theologen geschrieben hat - der Brief war nicht an mich geschrie- 



ben. Dieser geschatzte Theologe der Gegenwart sprach sich aus iiber 
Anthroposophen, Irvingianer und ahnliches Geziicht. Er verwechselt 
alles. Namentlich aber tritt in seiner Auseinandersetzung ein Punkt 
in merkwiirdiger Art hervor: Ich habe - so sagte er von sich selbst - 
fur soiche Art von Anschauung, die auf das Ubersinnliche geht, wie 
es die Anthroposophie tun will, kein Organ; ich mufi mich be- 
schranken auf alles dasjenige, was die menschliche Erfahrung gibt. 

Ein Theologe, dessen Handwerk es ist, fort und fort von dem 
Ubersinnlichen zu reden, der beruhmt geworden ist dadurch, dafi er 
historisch iiber das Leben des Ubersinnlichen in der Menschheits- 
entwickelung dicke Bucher geschrieben hat, die eine Autoritat sind 
fur unzahlige Menschen der Gegenwart, auf die es ankommt, ein 
Theologe der Gegenwart gesteht, dafi er fur das Ubersinnliche kein 
Organ hat, sondern sich an die «mensch\khe Erfahrung» halten will! 
Er redet aber iiber das Ubersinnliche und sagt nicht: Ich will mich an 
die menschliche sinnliche Erfahrung halten, deshalb negiere ich alle 
Theologie -, nein, er wird in unserer Zeit ein beruhmter Theologe! 
Haben wir nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, notig, mit 
wachsamem Auge auf alles das hinzublicken, was eigentlich heute, 
man mochte sagen, in gewisser Beziehung dekretierend ist in unserer 
Jugend, was aber zu gleicher Zeit sich erweist als eine innere Unmog- 
lichkeit. 

Es ist notwendig, dafi mit starker Kraft erfafit werde, wie man zu 
aufrkhtiger und ehrlicher Erkenntnis vorzuschreiten hat. Man kann 
es vielleicht gerade an solchen Problemen sehen, wie das Logospro- 
blem eines ist, und es sollte eigentlich derjenige, der sieht, was An- 
throposophie iiber ein solches Problem geltend machen mufi, daran 
sehen, dafi es sich diese Anthroposophie nicht gerade leicht macht, 
dafi sie ernst und ehrlich forschen will, und dafi sie nur dadurch in 
Konflikt kommt mit allerlei zeitgenossischen Stromungen, weil man 
heute geradezu entweder Hafi oder Furcht hat vor solcheiner Griind- 
lichkeit, die aber angestrebt werden mufi, und die wir brauchen, 
brauchen auf alien Gebieten des wissenschaftlichen Lebens. Ich 
frage Sie: Weifi denn iiberhaupt die Welt der Gegnerschaft, die so 
leichtgeschiirzte Urteile iiber Anthroposophie abgibt, weifi sie denn 



iiberhaupt, womit sich Anthroposophie beschaftigt? Weifi sie, dafi 
diese Anthroposophie ringt mit solchen Problemen, wie es das Logos- 
problem ist, das ja nur eine Einzelheit ist, wenn auch eine wichtige 
Einzelheit? Es ware schon Pflicht derjenigen, die heute im wissen- 
schaftlichen Leben tonangebend sind, sich erst einmal anzuschauen, 
woriiber sie so von auflen her urteilen. Allerdings, das ist es ja, dafi 
man das aufiere Leben heute bequem mitmachen kann - und fur 
viele Menschen gilt das doch -, wenn man sich nicht in die Unbe- 
quemlichkeit einlafit, in ernster Weise zu forschen. Allein man 
merkt bei einem solchen Lieben der Bequemlichkeit nicht, wie starke 
Niedergangskrafte in unserer gegenwartigen Zivilisation sind. Das 
«nach uns die Sintflut» beherrscht sehr stark gerade die gegenwartige 
landlaufige wissenschaftliche Welt. 

Das ist es, was ich heute habe veranschaulichen wollen an einem 
wichtigen Probleme sprachlich-geschichtlicher Forschung. Es ist ja 
meine Hoffnung, dafl, wenn gerade die verehrten Kommilitonen 
immer mehr und mehr sehen werden, wie gewissenhaft versucht 
wird, gerade diejenigen Probleme ins Auge zu fassen, die so links 
liegen gelassen werden von der landlaufigen Forschung, dafi dann 
immer mehr und mehr gerade auch in der Jugend ein Sinn dafur 
aufgeht, dafi solche Wege begangen werden mussen. Ich hege diese 
Hoffnung, und ich weifi auch: Wenn geniigend gearbeitet werden 
wird in der Richtung hin nach der Entwickelung des Enthusiasmus 
und des Bekenntnisses gegemiber der Wahrheit, dann mufi das- 
jenige, was wir brauchen, damit wir wieder Aufgangskrafte bekom- 
men in der menschlichen Zivilisation, doch erreicht werden. Viel- 
leicht konnen fur eine gewisse Zeit manche Machte der Finsternis 
niederdrucken, was angestrebt wird von hier aus. Auf die Dauer 
werden sie es nicht konnen, wenn die Wirklichkeit dem Wollen ent- 
spricht, wenn wirklich etwas Lichtes enthalten ist in dem, was An- 
throposophie will. Denn die Wahrheit hat Wege, welche nur sie auf- 
finden kann, und welche den Machten der Finsternis doch nicht auf- 
findbar sind. Mochten wir uns doch vereinigen, alt und jung, jung 
und alt, um uns einen klaren Blick anzueignen fur das Auffinden 
solcher Wahrheitswege! 



VIERTER VORTRAG 



Dornach, 15. April 1921 



Eine Betrachtung, die kh begonnen habe, bevor unser Kursus in 
Szene gesetzt worden ist, wird erst vollig verstandlich werden, wenn 
wir noch weiter zurikkgehen in der Betrachtung der Entwickelung 
der Menschheit der neueren Geschichte, denn.wir haben ja im 
wesentlichen nur zunachst einige Andeutungen gegeben iiber die 
Menschheitsentwickelung im 19. Jahrhundert. Nun wollen wir 
heute einmal die geistige Entwickelung der Menschheit um einiges 
weiter zuruck verfolgen und zwar zuriickweisend auf einen aufler- 
ordentlich wichtigen Einschnitt in der abendlandischen Zivilisations- 
entwickelung, auf jenen Wendepunkt, der da liegt im 4. nachchrist- 
lichen Jahrhundert. In diesem 4. nachchristlichen Jahrhundert 
taucht ja auf als eine Gestalt, deren Andenken gewissermafien noch 
klar geblieben ist fur die abendlandische Zivilisation, Aurelius Au- 
gustus. In ihm sehen wir eigentlich eine Personlichkeit, welche in 
der intensivsten Weise zu kampfen hat auf der einen Seite mit dem- 
jenigen, was herubergekommen ist aus alten Zeiten, was in den 
ersten Jahrhunderten des Christentums aus einer gewissen alten 
Weisheit heraus das Christentum zu begriinden versuchte, und 
einem anderen Elemente, demjenigen, das dann zunachst fur die 
abendlandische Zivilisation gesiegt hat, das diese altere Weise ab- 
lehnte und sich darauf beschrankte, das Christentum mehr in einer 
aufierlich materiellen Weise aufzufassen, es nicht zu durchdringen 
mit Ideen alter Weisheit, sondern einfach es seinem tatsachlichen 
Griindungsverlaufe nach zu erzahlen und es dann, so gut es damals 
schon ging, intellektuell zu begreifen. 

Diese Kampfe zwischen diesen zwei Richtungen, ich mochte 
sagen, zwischen der Richtung eines weisheitsvollen Christentums 
und eines mehr oder weniger nach einem materialistischen Auffassen 
hin erscheinenden Christentums, diese Kampfe mufiten die Seelen 
gerade des 4. und des beginnenden 5 . Jahrhunderts am intensivsten 
durchmachen. Und in Augustinus ist eben eine solche Personlichkeit 



dem Andenken der Menschheit erhalten geblieben, welche solche 
Kampfe durchgemacht hat. Wir miissen uns nur heute dariiber 
vollig klarsein, dafi iiber dasjenige, was eigentlich vor diesem 4.nach- 
christlichen Jahrhundert lebte, die historischen Dokumente fast 
vollig irrtiimliche Vorstellungen hervorrufen. So klar dies eben liegt 
seit dem 5. Jahrhundert, so unklar sind eigentlich alle gewdhnlichen 
Vorstellungen iiber diejenigenjahrhunderte, die vorangehen. Wenn 
wir aber zunachst ins Auge fassen, was eigentlich die meisten wissen 
konnten aus dieser Zeit vor dem 4. nachchristlichen Jahrhundert, so 
werden wir auf zwei Gebiete verwiesen, auf ein Gebiet, das mehrein 
Gebiet, sagen wir, des Erkennens ist, ein mehr in den Schulen 
gepflegtes Gebiet, und ein anderes Gebiet, das mehr ein solches des 
Kultus ist, der Verehrung, des religiosen Elementes. In diese zwei 
Gebiete ragt allerdings noch etwas sehr Altes aus der Mensch- 
heitszivilisation herein; aber in einer gewissermafien christ- 
lichen Umfarbung war dieses Alte nach den beiden Richtungen hin, 
nach der Weisheitsseite und nach der Kultusseite eben in den ersten 
vier christlichen Jahrhunderten mehr oder weniger noch vorhanden. 

Sehen wir nach der Weisheitsseite hin, so finden wir eine Lehre 
bewahrt aus fruheren Zeiten, die allerdings schon in einem gewissen 
Sinne ersetzt worden war durch dasjenige, was wir heute das helio- 
zentrische Weltsystem nennen - ich habe dariiber in fruheren Vor- 
tragen auch hier gesprochen -, aber das doch noch vorhanden war 
aus alteren astronomischen Lehren heraus und das man nennen 
konnte eine Art Astronomie, jetzt nicht vom Standpunkt physischer 
kosmologischer Betrachtung aus. Man ist in sehr alten Zeiten auf 
diese - nennen wir sie atherische im Gegensatz zu unserer physi- 
schen - Astronomie auf folgende Art gekommen. Man hatte in alten 
Zeiten durchaus noch ein Bewufitsein davon, dafi der Mensch mit 
seinem Wesen nicht nur der Erde angehort, sondern dafi er auch an- 
gehort zunachst der kosmischen Nachbarschaft der Erde, dem Pla- 
netensystem, und eine alte Weishek hatte ziemlich konkrete Vor- 
stellungen iiber diese atherische Astronomie. Es wurde etwa das 
Folgende gelehrt. Wenn man dasjenige ins Auge fafit, was mehr die 
Organisation des oberen Menschen ausmacht - ich bediene mich 



jetzt derjenigen Ausdriicke, die uns heute gelaufig sein sollten -, in- 
sofern man seinen Atherleib betrachtet, so steht der Mensch im 
Wechselverhaltnis mit Saturn, Jupiter und Mars, so dafi also hinge - 
sehen worden ist auf gewisse Wechselwirkungen zwischen dem 
oberen Teil des menschlichen Atherleibes und Saturn, Jupiter und 
Mars. Dann sagte man sich, derjenige Teil des Menschen, der mehr 
astralischer Natur ist, der steht wiederum in einer Art von Wechsel- 
wirkung mit Venus, mit Merkur und mit dem Mond. Und die- 
jenigen Krafte, welche den Menschen dann heremfuhren in sein ir- 
disches Dasein, welche machen, dafi sich diesem Atherleib ein 
physischer Leib eingliedert, das sind die Krafte der Erde. Diejenigen 
Krafte aber, welche machen, daf] der Mensch nicht aufgeht im ir- 
dischen Leben, dafl der Mensch gewissermafien eine Art Ausblick hat 
vom irdischen Leben hinaus, das sind die Krafte der Sonne. 

Und so sagte man sich: Der Mensch kommt aus unbekannten 
geistigen Welten, die er durchgemacht hat im praexistenten Leben, 
und er tritt ein nicht etwa blofi ins irdische Leben, sondern er tritt 
ein aus aufierplanetarischen Welten in das planetarische Leben. Das 
planetarische Leben nimmt ihn so, wie ich es beschrieben habe, nach 
Sonne, Mond, Erde, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn auf. In 
dem Umlaufe des Saturn sah man etwa die Sphare, in die der 
Mensch eintritt seinem atherischen Leibe nach aus dem aufierpla- 
netarischen Leben in das planetarische Leben. Und man brachte 
durchaus dasjenige, was atherisch ist am Menschen, mit diesem 
planetarischen Leben in Beziehung. Nur insofern der Atherleib sich 
dann auslebt im physischen Leib, brachte man diesen physischen 
Leib mit der Erde in Beziehung. Insofern der Mensch aber durch sein 
Ich sich wiederum heraushebt aus atherischem und astralischem 
Leib, brachte man das mit der Sonne in Beziehung. 

So hatte man eine Art atherischer Astronomic Diese atherische 
Astronomie hat durchaus auch noch die Moglichkeit gehabt, nicht so 
blofi auf die physischen Geschicke des Menschen hinzuschauen wie 
die physische Astronomie; sondern, da man des Menschen Ather- 
leib, der wiederum mit dem Geistigen des Menschen in einem in- 
timeren Zusammenhange steht, im Wechselverhaltnis erblickte mit 



denselben Kraften des Planetensystems, so hatte man die Moglich- 
keit, weil ja im Menschen sich aus dem Planetensystem heraus 
auf dem Umwege durch den atherischen Leib die Schicksalskrafte 
ausleben konnen, von der menschlichen Konstitution zu reden 
und in diese menschliche Konstitution die Schicksalsmachte einzube- 
ziehen. 

Es war also in dieser Lehre alter Schule, welche fortgepflanzt 
wurde, nachdem man schon das heliozentrische System als eine 
Art esoterisch-physischer Wissenschaft ausgebildet hatte, es war in 
dieser atherischen Astronomie eine letzte Weisheitslehre aus alten 
instinktiven Weisheitsforschungen hervorgegangen, und diese hatte 
sich als Tradition erhalten. Man redete nicht anders von den Ein- 
fliissen des Himmels, als dafi man sich sagte: Ja, diese Einfliisse des 
Himmels sind vorhanden; sie tragen aber nicht blofi die Natur- 
angelegenheiten, sie tragen auch die menschlichen Schicksalskrafte. - 
Und so war durchaus dazumal eine Verbindung zwischen dem, 
was man nennen konnte die Naturlehre, die Kosmologie, und dem, 
was dann spater iibergegangen ist in alles das, was die Leute nun als 
Astrologisches auffassen, was aber in alten Zeiten einen viel ex- 
akteren und auf unmittelbarer Beobachtung ruhenden Charakter 
hatte. 

Wenn der Mensch dann gewissermafien auf seinem Weg zur 
neuen Geburt die Planetensphare - so dachte man sich das - betre- 
ten hat und von ihr seinem atherischen Leib nach aufgenommen 
worden ist, so betritt er fernerhin die Erde. Er wird von der Erde auf- 
genommen. Aber auch da dachte man noch nicht blofi etwa an die 
feste Erde, sondern auch da dachte man eigentlich an die Erde in 
ihren Elementen. Man sagte sich: Der Mensch wird aufierdem, dal5 
er von der Planetensphare aufgenommen wird - wodurch er aber ein 
iiberirdisches Wesen sein wiirde, wodurch er dasjenige sein wiirde, 
was er eigentlich nur als Seele ist als Kind aufgenommen von den 
Elementen der Erde, von Feuer oder Warme, von Luft, von Wasser 
und von der eigentlichen Erde. - Das war erst die eigentliche Erde. 
Und dadurch, dachte man sich, wird sein Atherleib von diesem 
aufieren Elemente so tingiert, so durchtrankt, dafi nun in diesem 



Atherleib die Temperamente entstehen. So dachte man sich diese 
Tempcramente an den Atherleib und damit an die Vitalorganisation 
des Menschen eng gebunden. Man sah also in demjenigen, was 
eigentlich physisch im Menschen ist, oder wenigstens was durch den 
physischen Leib sich offenbart, durchaus etwas Geistiges mit in 
dieser alten Lehre. Und ich mochte sagen, der menschlichste Teil 
dieser Lehre war dann dasjenige, was zum Beispiel noch deutlich zu 
sehen ist in der Medizin der damaligen Zeit. Die Arzneimittel, die 
Heillehre, das war durchaus hervorgegangen aus dieser Anschauung 
von dem Verhaltnis des atherischen Leibes des Menschen zu dem 
Planetensystem und aufterdem zu dem Eindringen gewissermaften 
des atherischen Menschen in die hoheren Spharen, in Luft, Wasser, 
Warme, Erde, wodurch sich also in seine Organisation hineinfanden 
die physischen Abdriicke seiner atherisch-seelischen Temperamente: 
schwarze Galle, weifie Galle, die anderen Safte, Phlegma, Blut und 
so weiter. Diese Anschauungsweise also, daft in den Saften des 
Menschen erkannt werden kann das Wesen der menschlichen Kon- 
stitution, das war etwas, was in dieser Lehre gang und gabe war. 
Man studierte dazumal nicht etwa die einzelnen Organe, die sich 
zeichnen liefien, sondern man studierte in der Medizin die Safte - 
zusammenmischung, die Saftedurchdringung, und man sah in 
einem Organ eben ein Ergebnis einer besonderen Saftedurchdrin- 
gung. Man sah in dem gesunden Menschen eine bestimmte Art, wie 
sich die Safte durchdringen, man sah in dem kranken Menschen eine 
abnorme Durchdringung der Safte, so dafi man sagen kann: Die 
Medizin, welche sich aus dieser Lehre ergab, war durchaus begriindet 
auf der Anschauung des wafoigen menschlichen Organismus, des 
fliissigen menschlichen Organismus. Was wir heute die Erkenntnis 
des menschlichen Organismus nennen, das ist ja begriindet auf dem 
festen menschlichen Organismus, auf dem erdigen menschlichen 
Organismus. In bezug auf die Anschauung vom Menschen ist der 
Gang der, daft man von einem alteren Durchschauen des fliissigen 
Menschen iibergegangen ist zu einem neueren Durchschauen des 
festen Menschen mit den scharfen Konturen der Organe. 

Dieser Gang der medizinischen Lehre geht parallel dem Uber- 



gang der alten atherischen Astronomie zu der modernen physischen 
Astronomie. Der atherischen Astronomie entspricht noch imwesent- 
lichen die Medizin des Hippokrates, aber audi noch bis in das 4. 
nachchristliche Jahrhundert hinein sind die Leistungen dieser medi- 
zinischen Anschauung vorhanden, welche sich auf die Saftemischung 
des Menschen bezieht, und zwar in einer exakten Weise, nicht wie 
spater in der Tradition. Und indem verdunkelt worden ist diese alte 
Lehre seit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert, und dann heraufge- 
kommen ist mit dem 15. Jahrhundert die physische Astronomie an 
die Stelle der alten atherischen Astronomie, ist auch die Pathologie, 
ist die ganze medizinische Anschauung begriindet worden auf der 
Lehre von dem Festen im Menschen, von dem durch scharfe Kon- 
turen im menschlichen Organismus zu Begrenzenden und Auszu- 
druckenden. Das ist im wesentlichen die Seite der Entwickelung der 
Menschheit in dem anorganischen Zeitalter. 

Wir konnen nun aber auch den Blick werfen auf dasjenige, was 
von jenen Zeiten zuruckgeblieben ist an Kulthandlungen, an reli- 
giosen Zeremonien. Die religiosen Zeremonien wurden mehr der 
groflen Masse gegeben; dasjenige, was ich jetzt auseinandergesetzt 
habe, wurde mehr eben als ein Weisheitsgut der Schule betrachtet. 
Diejenigen kultischen Verrichtungen, welche sich von Asien heruber 
nach Europa erstreckt haben und welche durchaus entsprechen als 
Kultusbestrebungen dieser Anschauung, die ich Ihnen jetzt ent- 
wickelt habe, die sind der Mithrasdienst, jener Mithrasdienst, den 
wir ja durchaus noch in den ersten christlichen Jahrhunderten 
finden, sich heriibererstreckend vom Osten nach dem Westen, den 
wir verfolgen konnen den Donaulandern entlang bis zu den Rhein- 
gegenden, bis nach Frankreich hinein. Dieser Mithrasdienst, den Sie 
ja seinen aufterlichen Formen nach kennen, lafit sich etwa kurz durch 
eine Formel dadurch charakterisieren, daft mit dem irdischen und 
kosmischen Zusammenhange imaginativ bildhaft der Besieger des 
Mithrasstieres dargestellt worden ist: der Mensch auf dem Stiere rei- 
tend und die Stierkrafte besiegend. Man hat heute sehr leicht die 
Vorstellung, daft sich solche Bilder, die ja alle Kultbilder sind - 
religiose Versinnbildlichungen, wenn wir so sagen diirfen, die aus 



den alten Weisheitslehren organisch hervorgegangen sind -, daft sich 
solche Kultbilder einfach abstrakt-symbolisch aus den alten Weis- 
heitslehren ergeben hatten. Aber es ist eine ganz und gar falsche 
Vorstellung, wenn man glauben wiirde, es hatte alte Weisheitslehrer 
gegeben und die hatten sich hingesetzt und hatten gesagt: Jetzt 
wollen wir ein Symbol ausdenken; fur uns ist die Weisheitslehre, fur 
das dumme Volk mussen wir Symbole ausdenken i die dann zu ihren 
Kultushandlungen fiihren konnen und dergleichen. - Solche 
Voraussetzungen waren grundfalsch. Eine solche Voraussetzung 
haben ungefahr die modernen Freimaurer, und die modernen Frei- 
maurer denken ahnlich auch iiber das Wesen ihrer Symbolik. Aber 
es ist das nicht die Anschauung der alten Weisheitslehrer gewesen. 
Die Anschauung der alten Weisheitslehrer, mochte ich Ihnen jetzt 
gerade an den Beziehungen des Mithrasdienstes zu derjenigen An- 
schauung, die ich eben entwickelt habe, darlegen. Diejenigen 
Menschen, die noch eine lebendige Anschauung hatten von diesem 
Aufgenommenwerden des Menschen durch die planetarische Welt 
hinsichtlich seines Atherleibes, von dem Aufgenommenwerden des 
Menschen dann in die irdischeElementensphare, Warme oderFeuer, 
Luft, Wasser, Erde, und von dem Herausbilden von schwarzer 
Galle, weifier Galle, Phlegma, Blut aus der Einwirkung dieser Ele- 
mente auf die menschliche Atherwesenheit, diejenigen, die davon 
eine Ahnung hatten, die konnten sich auch noch eine bedeutsame 
Frage vorlegen, eine grundbedeutsame Frage. Sie legten sich eine 
Frage vor, auf die man kommen kann, wenn man wirklich eine ima- 
ginative Anschauung hat. Die Antwort auf diese Frage, sie war dazu- 
mal eine instinktive imaginative Anschauung, aber man kann sie 
heute wiederholen mit vollem Bewulksein. Wenn man sich eine 
imaginative Anschauung, von diesem Hereingehen des Menschen 
aus der geistigen Welt durch die Planetensphare in die irdische 
Feuer-, Luft-, Wasser-, Erdensphare, wenn man sich eine solche 
Vorstellung bildet, da kommt man namlich dazu, sich zu sagen: 
Ja, wenn da etwas hereingeht aus der auflerplanetarischen Sphare in 
die planetarische und in die Erdensphare und aufgenommen wird 
von der Erdensphare, da wird ja gar kein wirklicher Mensch daraus; 



ich meine, wenn man sich die Vorstellung bildet von dem, was da 
eigentlich wird, wenn man dasjenige, was man in rein imaginativer 
Vorstellung erblicken kann aufierhalb der Planetensphare, was da 
hereingeht und aufgenommen wird von der Planetensphare, was 
dann ergriffen wird von dem, was von der Erdensphare ausgeht, 
wenn man das als imaginative Anschauung hat, so wird ja kein 
Mensch daraus. Man kommt nicht zu der Vorstellung des Menschen. 
Man kommt zu der Vorstellung, die sich am deutlichstenwiedergibt, 
wenn man nicht einen Menschen sich vorstellt, sondern einen Stier 
sich vorstellt, ein Rind sich vorstellt. - Es sagten sich die alten Weis- 
heitslehrer: Wenn es nur das gabe, was da als eine auflerplanetarische 
Wesenheit herunterzieht in diese planetarische Werdesphare, so 
lebten auf Erden keine Menschen. Man kommt allerdings, sagten 
sie sich, wenn man das zunachst betrachtet, dazu, sich diese Vor- 
stellung zu bilden von dem Hereinziehen einer Wesenheit aus der 
aufierplanetarischen in die planetarische und Erdensphare; aber 
wenn man nun herausgestalten will ganz plastisch eine imaginative 
Anschauung aus dem, was man in diesen Vorstellungen hat, da wird 
es kein Mensch, da wird es ein blofier Stier. Und wenn man nichts 
anderes begreift im Menschen als dieses, begreift man im Menschen 
auch nur das Stierhafte. - Diese Vorstellungen habendie alten Weis- 
heitslehrer sich gebildet, diese Vorstellung war da. Nun sagten sie 
sich: Also mufi der Mensch gegen dieses Stierhafte mit noch einem 
Hoheren ankampfen. Er mufi dasjenige, was diese Weisheit als 
Anschauung gibt, uberwinden. Er ist als Mensch mehr ein Wesen, 
das blofi aus der aufierplanetarischen Sphare kommt, in die planeta- 
rische Sphare hineinkommt und von den irdischen Elementen er- 
griffen wird; er hat etwas in sich, was mehr ist. 

Ich mochte sagen, bis zu diesem Begriff kamen diese Weisheits- 
lehrer, und deshalb bildeten sie dann den Stier aus, setzten den 
Mithras darauf, den kampfenden Menschen, der den Stier iiberwin- 
det und der sich sagt: Ich mufi einen weit hoheren Ursprung haben 
als denjenigen, den ein solches Wesen hat, welches im Sinne jener 
alten Weisheitslehre vorgestellt wurde. - Und nun sagten sich diese 
Lehrer: Diese alte Weisheitslehre enthalt allerdings eine Hindeu- 



tung auf das, worauf es hier ankommt. Diese alte Weisheitslehre 
blkkt auf in die Planetensphare zu Saturn, Jupiter, Mars, Merkur, 
Venus, Mond und so weiter; aber sie sagt auch: Indem der Mensch 
sich der Erde nahert, wird er fortwahrend von der Sonne herausge- 
hoben, daft er nicht aufgehe in dem Irdischen, daft er nicht blofi 
bleibe dasjenige, was aus der Mischung von schwarzer und weifter 
Galle, Phlegma und Blut und aus dem Atherleib hervorgeht, wenn 
er von der Planetensphare aufgenommen wird, und wenn der astra- 
lische Leib von der anderen Planetensphare aufgenommen wird 
durch Merkur, Venus, Mond. Was den Menschen heraushebt, es 
wohnt in der Sonne. Daher sagten sich diese Lehrer: Machen wir den 
Menschen aufmerksam auf die in ihm wohnenden Sonnenkrafte, so 
ist er der Mithras, der den Stier besiegt! 

Das war dann das Kultusbild. Es sollte nicht bloft ein ausgedach- 
tes Symbolum sein, sondern es sollte tatsachlich das Faktum, das 
kosmologische Faktum geben. Die religiose Zeremonie war mehr als 
ein bloftes aufteres Zeichen; sie war etwas, wasgewissermaftenheraus- 
geschnitten war aus dem Wesen der Welt selber. 

Dieses Kultartige, das war etwas, was seit sehr alten Zeiten da 
war, was aus Asien nach Europa heriibergebracht worden war. Es 
war, kh mochte sagen, das Christentum von der einen Seite ange- 
sehen, von der aufteren, von der astronomischen Seite angesehen, 
denn Mithras war die Sonnenkraft im Menschen. Mithras war der 
Mensch, der sich auflehnte gegen das bloft Planetarische und Irdi- 
sche. Und nun entstand ein gewisses Bestreben, dessen Auslaufer wir 
iiberall wahrnehmen konnen, wenn wir auf die ersten christlichen 
Jahrhunderte zuriickgehen. Es entstand das Bestreben, die histori- 
sche Tatsache, das Mysterium von Golgatha zusammenzunehmen 
mit dem Mithrasdienst. Zahlreich waren in der damaligen Zeit, 
insbesondere innerhalb der romischen Legionschaft, die Menschen, 
die dasjenige, was sie in Asien, was sie uberhaupt im Oriente er- 
fahren konnten, heriibertrugen in die Donaulander bis weit herein 
nach Mitteleuropa, ja sogar nach Westeuropa. In dem, was sie da als 
Mithrasdienst heriibertrugen, lebten Empfindungen, die, ohne das 
Mysterium von Golgatha zu reflektieren, durchaus christliche An- 



schauungen, christliche Empfmdungen in sich hatten. Der Mithras- 
dienst wurde als ein konkreter Dienst betrachtet, der sich bezog 
auf die Sonnenkrafte im Menschen. Nur wurde noch nicht gesehen 
in diesem Mithrasdienst, dafi mit dem Mysterium von Golgatha 
diese Sonnenkraft selber heruntergestiegen war als die geistige 
Wesenheit und sich mit dem Menschen Jesus von Nazareth vereinigt 
hatte. 

Und nun gab es - und je weiter wir in den Untersuchungen nach 
Osten gehen, desto klarer wird es - bis in das 4. nachchristliche Jahr- 
hundert herein Weisheksschulen im Osten, welche nach und nach 
Berichte bekamen, Nachrichten bekamen, Kenntnis bekamen von 
dem Mysterium von Golgatha, von dem Christus. Sie bemuhten sich 
nun, ein Diktum iiber die Welt hin zu verbreiten, und es war eine 
Zeitlang durchaus das Bestreben, in den Mithraskultus hineinzu- 
giefien dasjenige, was der ubersinnlichen Anschauung entspricht: 
Der wahre Mithras, das ist der Christus, und Mithras ist sein Vor- 
laufer; man mufi hineingiefien in diejenigen Krafte im Menschen, 
welche den Stier besiegen, die Christus-Kraft. Aus dem Mithras- 
dienst einen Christus-Dienst zu machen, das ist etwas, was in den 
ersten nachchristlichen Jahrhunderten bis ins 4. hinein intensiv 
lebte. Und ich mochte sagen, der Verbreitung des Mithrasdienstes 
folgte die Stromung, welche nun diesen Mithrasdienst verchristli- 
chen wollte. Eine Synthese wurde angestrebt zwischen demChristen- 
tum und dem Mithrasdienst. Ein altes bedeutsames Bild vom Wesen 
des Menschen, der auf dem Stier reitende und den Stier besiegende 
Mithras, sollte in Zusammenhang gebracht werden mit der Christus- 
Wesenheit. Man mochte sagen: Ein ganz glorioses Bestreben bestand 
in dieser Richtung, und es war in einer gewissen Weise dieses Bestre- 
ben stark. 

Wer nun die Verbreitung des ostlichen Christentums, die Ver- 
breitung des Arianismus beobachtet, kann an der Verbreitung des 
Arianismus wahrnehmen, wie ein Mithraselement in diesem Aria- 
nismus drinnen ist, obwohl es schon sehr geschwacht ist. Und jede 
Ubersetzung der Ulfilas-Bibel in die neueren Sprachen bleibtunvoll- 
kommen, wenn man nicht weifi, dafi in die Termini des Ulfllas, des 



Wulfila, noch Mithraselemente hineinspielten. Aber wer beachtet 
denn heute im linguistischen, im sprachlichen Elemente noch diese 
tieferen Zusammenhange. In Griechenland gab es bis ins 4. Jahr- 
hundert hinein Philosophen, welche daran arbeiteten, die alte 
atherische Astronomie mit dem Christentum in Einklang zu brin- 
gen, und daraus entstand jene wahre Gnosis, welche durch das 
spatere Christentum griindlich ausgerottet worden ist, so daft nur 
einige Fragmente von den literarischen Proben dieser Gnosis iibrig- 
geblieben sind. Was wissen denn die heutigen Menschen, das sagte 
ich schon neulich, eigentlich iiber die Gnosis, von der sie in ihrer 
Torheit sagen, daft unsere Anthroposophie eine Aufwarmung dieser 
Gnosis sei. Selbst wenn sie es ware, so konnten es diese Menschen gar 
nicht wissen, denn sie kennen von der Gnosis eben nur das, was in 
den abendlandischen christiichen kritischen Schriften iiber die 
Gnosis stent. Die Zitate kennen sie, welche die Bekampfer der 
Gnosis von ihr hinterlassen haben. Von der Gnosis ist ja kaum mehr 
vorhanden als nur dasjenige, was sich etwa durch folgenden Ver- 
gleich ausdriicken laftt: Denken Sie einmal, es gelange dem Herrn 
von Gleich, alles auszurotten, was von der anthroposophischen Lite- 
ratur da ist, und es bliebe nichts anderes als seine Zitate, und dann 
wiirde man spater einmal konstruieren wollen diese Anthroposophie 
nach diesen Zitaten, dann wiirde man im Abendlande ungefahr das 
Verfahren haben, das man hat mit der Gnosis. Wenn also die Leute 
sagen, die neuere Anthroposophie ahme die Gnosis nach, so konnen 
sie, selbst wenn sie es tate, es ja nicht wissen, denn sie kennen die 
Gnosis nicht, sie kennen sie ja nur von den Gegnern! 

Also in Athen namentlich war bis ins 4. Jahrhundert herein, ja 
noch langer, eine Weisheitsschule, welche sich bemuhte, die alte 
atherische Astronomie mit dem Christentum in Einklang zu bringen. 
Die letzten Reste dieser Anschauung von dem Hereinkommen des 
Menschen aus hoheren Welten durch die Planetensphare in die 
Erdensphare, sie durchglanzen noch die Schriften des Origenes, 
glanzen noch durch selbst durch die Schriften der griechischen Kir- 
chenvater. Man kann iiberall sehen, wie das da durchglanzt; und es 
glanzte namentlich durch die Schriften des wahren Dionysius des 



Areopagiten. Dieser Dionysius der Areopagite hinterliefi ja eine 
Lehre, die eine reine Synthesis war zwischen der atherischen Astro- 
nomic und demjenigen, was im Christentum lebte: dafi sich die 
gewissermafien in der Sonne astronomisch oder kosmisch lokalisier- 
ten Krafte in dem Christus durch den Menschen Jesus von Nazareth 
in die Erdensphare hineinbegeben haben, und dafi damit eine 
gewisse Beziehung, die vorher nicht vorhanden war, zur Erde ent- 
standen ist in bezug auf alle hoheren Hierarchien, die Hierarchien 
der Engel, die Hierarchien der Weistiimer, die Hierarchien der 
Throne, die Hierarchien der Seraphime und so weiter. Eine Durch- 
dringung dieser Hierarchienlehre mit atherischer Astronomie, das 
war es, was beim ursprunglichen Dionysius dem Areopagiten vor- 
handen war. 

Im 6. Jahrhundert hat man dann versucht, die Spuren zu ver- 
wischen auch der alteren Lehren des Dionysius des Areopagiten, und 
man hat sie so umgestaltet, dafi man darin eigentlich nur noch eine 
abstrakte Geisteslehre hatte. So wie heute die Lehre des Dionysius 
des Areopagiten vorliegt, ist sie ja eine Geisteslehre die nicht mehr 
viel mit atherischer Astronomie zu tun hat. Und so nennt man ihn 
dann den Pseudo-Dionysius. Auf diese Weise hat man der Weis- 
heitslehre einen Untergang bereitet, auf der einen Seite, indem man 
den Dionysius verballhornt hat, und auf der anderen Seite da- 
durch, dafi man jene noch in Athen ganz lebhaft lebendige Lehre, 
welche die atherische Astronomie mit dem Christentum vereinigen 
wollte, ausgerottet hat, und dafi man in bezug auf das Kulthafte 
dann den Mithrasdienst ausgerottet hat. 

Und dann haben ein ubriges getan solche Personlichkeiten wie 
Konstantin, dessen Taten in spaterer Zeit verstarkt wurden dadurch, 
dafi ja der Kaiser Justinian die Athenische Philosophenschule 
schliefien liefi, so dafi die letzten Menschen, welche sich damit be- 
fafit haben, die alte atherische Astronomie mit dem Christentum in 
Einklang zu bringen, auswandern mufiten und in Persien eine Statte 
fanden, wo sie wenigstens ihr Leben fortfristen konnten. Justinian 
hat ja aus demselben Programm heraus, aus dem er die Athenische 
Philosophieschule schlofi, auch den Origenes fur einen Ketzer er- 



klaren lassen, und er hat die romische Konsulswiirde aus dem- 
selben Grunde abgeschafft, die ja eigentlich nur noch ein Schatten- 
dasein fuhrte, in der man aber doch, selbst als sie nur noch ein Schat- 
tendasein fuhrte, eine Art Widerstandskraft suchte gegeniiber der 
romanischen Staatsidee, die in der reinen Juristerei aufging. Das alte 
Menschliche, das man noch mit der Konsulswiirde verband, liefi 
man verschwinden in dem staatlichen Imperialismus des Romanen- 
tums. 

So sehen wir im 4. Jahrhunderte abglimmen, was als Kuitus- 
dienst mit dem Menschen naher hatte zusammenbringen konnen 
das Christen turn, wir sehen abglimmen dasjenige, was als alte Weis- 
heitslehre in einer atherischen Astronomie sich vereinigen wollte mit 
der Erkenntnis von der Bedeutung des Mysteriums von Golgatha. 
Und wir sehen im Westen an dessen Stelle treten dasjenige, was nun 
schon die Keime des spateren Materialismus in sich trug, der ja erst 
sich theoretisieren konnte im 15. Jahrhundert, als der funfte nach- 
atlantische Zeitraum begann, der aber vorbereitet wurde im wesent- 
lichen durch die Vermaterialisierung desjenigen, was noch spirituell 
aus dem Oriente herubergekommen war. 

Diesen Gang der europaischen Zivilisation miissen wir durchaus 
ins Auge fassen. Es wird uns sonst niemals ganz durchsichtigwerden, 
welches eigentlich die Grundlagen der europaischen Zivilisation sind. 
Und es wird uns sonst niemals ganz klar werden, wie es eigentlich 
hat moglich sein konnen, dafi immer wieder und wiederum die Men- 
schen, wenn sie nach dem Orient gezogen sind, starke spirituelle 
Anregungen aus diesem Orient haben mitnehmen konnen. Vor 
alien Dingen war ja durch das ganze erste Mittelalter hindurch ein 
lebendiger Handelsverkehr von dem Orient an der Donau herauf, 
gerade jene Wege entlang, die der alte Mithrasdienst, der naturlich 
im ersten Mittelalter bereits verklungen war, genommen hatte. Die 
Leute,* die da als Handelsleute nach dem Orient und vom Orient her 
zogen, haben immer wieder das im Orient gefunden, was dem 
Christentum vorangegangen war, was aber durchaus schon nach dem 
Christentum hintendierte. Und wir sehen es ja auch, als die Kreuz- 
fahrer nach dem Oriente zogen, wie sie aus den Resten, die sie noch 



haben erkennen konnen im Orient, Anregungen empfangen haben, 
wie sie altes Weisheitsgut nach Europa gebracht haben. Ich sagte: 
Mit diesem alten Weisheitsgut war die alte Saftemedizin verkniipft. 
- Immer wieder brachten die Menschen, die nach dem Orient 
zogen, auch noch diejenigen, die als Kreuzfahrer oder mit den 
Kreuzziigen nach dem Orient zogen und die wiederum nach Europa 
zuriickkamen, immerzu brachten sie auch noch Reste dieser alten 
Medizin nach Europa. Diese Reste einer alten Medizin wurden 
iiberall durch Tradition dann in Europa fortgepflanzt. Einzelne 
Menschen, die dann zu gleicher Zeit mit ihrer eigenen geistigen Ent- 
wickelung ihrer Zeit vorangegangen waren, machten dann merkwiir- 
dige Entwickelungen durch, wie die Personlichkeit, die unter dem 
Namen des Basilius Valentinus weiterlief. 

Was war denn das fur eine Personlichkeit? Es war eine Person- 
lichkeit, welche unter den Leuten, mit denen sie ihre Jugend ver- 
lebt hatte, die Tradition der alten Saftemedizin, zuweilen ganz un- 
verstandig, iibernommen hatte, in dieser oder jener Andeutung. Bis 
vor ganz kurzer Zeit - heute ist das schon weniger der Fall - waren in 
den alten Bauernregeln noch Uberreste dieser aus dem Orient durch 
die Wanderziige heriibergetragenen medizinischen Tradition vor- 
handen, die eigentlich im Bauerntum sich ablagerten, die dann 
gehort wurden von denjenigen, die im Bauerntum aufwuchsen; sie 
waren, in der Regel diejenigen, die dann Priester wurden. Nament- 
lich diejenigen, die Monche wurden, wuchsen aus dem Bauerntum 
heraus. Sie hatten da dies oder jenes gehort, was aber eben verball- 
horntes, dekadent gewordenes altes Weisheitsgut war. Sie machten 
aber eine selbstandigere Entwickelung durch. Was man als Entwicke- 
lung durchmachte durch die christliche Theologie, war ja bis zum 
15., 16. Jahrhundert noch etwas viel Freieres als es spater geworden 
war. Da brachten diese Priester und Monche allmahlich aus ihrer 
eigenen Geistigkeit heraus eine gewisse Ordnung in die Dinge hin- 
ein. Sie dachten nach uber das, was sie gehort hatten; aus dem 
eigenen Genie heraus verbanden sie die Dinge, und so entstanden 
dann die Schriften, die sich erhaken haben als die Schriften des 
Basilius Valentinus. Ja, es bildete sich durch so etwas sogar durchaus 



noch eine Schule, in der audi Paracelsus und selbst Jakob Bohme 
lernten. Auch diese nahmen noch das, ich mochte sagen, in der 
Volksgruppenseele lebende alte medizinische Weisheitsgut auf. 
Man kann das ja bei Jakob Bohme, wo dieses elementar gilt, auch bei 
Paracelsus und anderen bemerken, auch wenn man die Schriften nur 
so aufierlich nimmt. Aber wenn man so etwas nimmt bei Jakob 
Bohme, wie seine Schrift «De signatura rerum», da wird man in der 
Art der Darstellung flnden, dafi das, was ich gesagt habe, da mit 
Handen zu greifen ist. Es ist das solch ein altes Volksgut, das aber im 
Grunde genommen in sich verballhorntes Weisheitsgut enthielt. 
Solch ein altes Volksgut war durchaus noch nicht so abstrakt, wie 
unsere heutige Wissenschaft es ist, sondern es war da etwas von dem 
Erfuhlen des Objektiven in den Worten. Man fiihlte in den Worten. 
So wie man heute in den Begriffen erkennen will, so fiihlte man in 
den Worten. Man wuflte, dafi der Mensch die Worte aus dem ob- 
jektiven Wesen der Welt selber hervorgeholt hat. Das kann man 
merken, wenn sich Jakob Bohme so viel Miihe gibt, zu fiihlen, was 
eigentlich steckt in der Silbe «Sul», und was wiederum steckt in der 
Silbe «fur»: Sulfur. Sehen Sie sich an, wie zum Beispiel in «De 
signatura rerum» Jakob Bohme ringt, ich mochte sagen, um etwas 
herauszusaugen aus einem inneren Wort, einen inneren Wortex- 
trakt, aus dem Worte Sulfur etwas herauszusaugen, um auf eine 
Wesenheit zu kommen. Es ist da durchaus das Gefiihl vorhanden, 
daft, wenn man den Extrakt der Worte erlebt, man auf etwas Reales 
kommt. Es hat sich in alteren Zeiten, so fiihlte man, in die Worte 
dasjenige hineingesetzt, was aufgenommen hat die menschliche 
Seele, als sie hereingezogen ist aus aufierweltlichen Spharen durch 
die Planetensphare ins irdische Dasein. Was sie da aber aus ihrem 
noch Naherstehen der Saftemischung in die Worte hineingelegt hat, 
wenn das Kind sprechen lernte, das war noch etwas Objektives, es 
war noch etwas in der Sprache, was wie ein Gotterunterricht war, 
nicht blofi ein menschlicher Unterricht. Und man sieht bei Jakob 
Bohme dieses scheme Bestreben, das etwa sich so aussprechen lafit, 
wie wenn er gef iihlt hatte: Ich mochte in der Sprache etwas sehen, 
wo noch hinter den Erscheinungen lebendige Gotter in die mensch- 



liche Organisation hereinwirken, um in den Menschen die Sprache 
zu form en und mit der Sprache zugleich ein gewisses Weisheitsgut. - 
Da sehen wir, wie durchaus audi noch in spatere Zeiten sich fortsetzt 
das alte Weisheitsgut, aber schon aufgenommen vom modernen 
Denken, das allerdings kaum angedeutet ist bei solchen elemen- 
taren Geistern wie Jakob Bohme oder Paracelsus. Und in das pragt 
sich jetzt hinein dasjenige, was rein intellektualistisch-theoretisch 
ist, was aus dem physischen Denken des Menschen heraus bloft das 
Physische ergreift. Wir sehen, wie auf der einen Seite entsteht die 
rein physische Astronomie, wie auf der anderen Seite entsteht die 
rein auf die festbegrenzten Organe des Menschen gerichtete Physio- 
logic und Pathologie, kurz, die ganze medizinische Abschattung. 
Und so steht allmahlich der Mensch da mit einer Welt um sich, die 
er nur physisch begreift, in der er naturlich als kosmisches Wesen 
nicht darinnen sein kann. Er begreift an sich nur noch dasjenige, 
was er durch die Erde geworden ist, denn durch die Erde ist er dieses 
festbegrenzte physische organische Wesen geworden. Er kann 
keinen Einklang mehr finden zwischen dem, was ihm vom Kosmos 
durch die Erkenntnis gegeben wird, durch die physische Astronomie 
gegeben wird, und demjenigen, was in seiner Gestalt lebt, was aller- 
dings auf etwas anderes weist; aber er wendet den Blick ab von dem, 
wie diese menschliche Gestalt auf etwas anderes weist. Er verliert 
schlieftlich ganz das Bewufttsem, daft sein Aufrichtebestreben und 
die besondere Art und Weise, wie er aus seinem Organismus heraus 
die Sprache hat, nicht entstehen konnen in dem Mithrasstier, 
sondern erst in dem Mithras. Er will mit alledem sich nicht mehr 
beschaftigen, denn er segelt dann hinein in den Materialismus. Er 
muft hineinsegeln in den Materialismus, denn das religiose Bewuftt- 
sein selber hat ja von dem Christentum nur aufgenommen die 
auftere materielle Erscheinung und diese auftere materielle Erschei- 
nung dogmatisiert, indem man nicht versucht hat, aus irgendeiner 
Weisheit heraus zu erkennen, wie sich das Mysterium von Golgatha 
zugetragen hat, sondern indem man versuchte, durch Beschliisse 
festzustellen, was die Wahrheit ist. 

So sehen wir den Ubergang von der orientalischen alten Gedan- 



kenstellung aus der Welterkenntnis heraus zu der besonderen 
romisch-europaischen Art der Feststellung. Wie wurde im Orient 
«festgestellt», und wie mufite aus orientalischem instinktivem An- 
schauen heraus auch etwas iiber das Mysterium von Golgatha «fest- 
gestellt» werden? - Indem man nahm die Erkenntnis, die sich aus 
der Welt heraus ergeben hatte, indem man hinaufschaute in Ster- 
nenwelten, da ergab sich aus der Erkenntnis heraus, wenn sie auch 
eine instinktive, elementare war, oder sollte sich wenigstens ergeben, 
auch das, was das Mysterium von Golgatha war. Das war der Weg, 
der im Orient genommen wurde. Dieser Weg wurde vom 5. Jahr- 
hundert an nicht mehr empfunden. Friihere Konzilien schon hat- 
ten, indem sie an die Stelle des Asiatischen mehr das Agyptische ge- 
setzt hatten, darauf hingewiesen, daft man ja nicht auf diese Art 
ausmachen solle, wie es mit dem Mysterium von Golgatha eigentlich 
beschaffen ist, sondern daft man durch die Mehrheit der Vater, die 
auf den Konzilien versammelt sind, entscheiden lassen solle. Es wur- 
de das juristische Prinzip an die Stelle des orientalischen Erkennt- 
nisprinzips gestellt, es wurde die Dogmatik in das Juristische her- 
iibergebracht. Man hatte nicht mehr das Gefiihl, dafi aus dem 
Weltengewissen heraus iiber die Wahrheit zu entscheiden ist. Man 
eignete sich das Gefuhl an, dafi man auf juristische Art durch Konzil- 
beschlusse sagen konne, ob die gottliche und die menschliche Natur 
in Chrisms Jesus zwei Naturen oder eine Natur sei und dergleichen. 
Wir sehen in das innerste Gefiige der abendlandischen Zivilisation 
das Agyptisch-Romanisch-Juristische einziehen, dasjenige, was 
heute noch so tief in den Menschen sitzt, die nicht die Neigung 
haben, entscheiden zu lassen iiber ihr Verhaltnis zur Wahrheit diese 
Wahrheit, sondern die aus ihren Affekten heraus entscheiden wollen 
und daher keinen anderen Mafistab fur das Festsetzen haben als die 
Majoritat in irgendeiner Form. 

Davon wollen wir dann morgen noch weiter sprechen. 



FUNFTER VORTRAG 
Dornach, 16. April 1921 

Ich habe gestern hingewiesen auf den bedeutsamen Ubergangs- 
punkt, der in der abendlandischen Zivilisationsentwickelung liegt 
im 4, nachchristlichen Jahrhundert, und ich habe darauf hingewie- 
sen , wie aus der europaischen Zivilisation damals verschwindet auf 
der einen Seite die griechische Weisheit, jene Weisheit, durch die 
man versuchte, die Tiefen des Christentums eben weisheitsvoll zum 
Ausdrucke zu bringen. Der aufSere Zeitpunkt des Verschwindens 
liegt ja etwas spater. Er liegt da, wo der Kaiser Justinian die Schriften 
des Origenes fur ketzerisch erklarte, die romische Konsulwiirde ab- 
schaffte und die griechische Philosophenschule von Athen schlofi, so 
dafi die Trager griechischer Weisheit nach dem Oriente entfliehen 
mulken und gewissermafien sich zuriickzogen vor dem, was euro- 
paische Zivilisation war. Was sich vom Orient aus vorgeschoben 
hatte bis nach Griechenland hinein, was dann in Griechenland seine 
besondere Form angenommen hatte, das war die eine Seite. 

Die andere Seite aber war diese, daft der Mithrasdienst in einem 
bedeutsamen aulteren Kultus andeuten sollte, wie der Mensch sich 
herausheben sollte durch sein Geistig-Seelisches aus alledem, was zu 
begreifen war durch den Zusammenflufs der Wesen in der Planeten- 
sphare mit den irdischen Machten, wie dieser Mensch sich als Voll- 
mensch fuhlen konnte. Das sollte eben angedeutet sein im Mithras- 
kultus. Und dieser Mithraskultus, der dahin tendierte, dem Men- 
schen sich selber zu zeigen, er verschwand ebenfalls, nachdem er sich 
ausgebreitet hatte die Donaulander herauf bis nach Mittel- und 
Westeuropa. Und was in Europa an die Stelle dieser beiden Stro- 
mungen, einer kultischen und einer Weisheitsstromung trat, das war 
zunachst etwas, was eine den aulteren Tatsachen nach verlaufende 
Erzahlung der Ereignisse von Palastina war. Und so kann man sagen: 
Weder konnte zunachst in Europa den Einzug halten ein Kultus, 
welcher in dem Christus Jesus den Uberwinder alles desjenigen ge- 
sehen hatte, was der Mensch in der Weltenentwickelung unter sich 



zu bringen hatte, noch konnte in dieses Europa einziehen dasjenige, 
was die eigentlichen Geheimnisse des Christentums weisheitsvoll 
ergreifen wollte, und es breitete sich aus die aufierliche Erzahlung 
der Vorgange in Palastina. Was aber begfifflich festgestellt werden 
sollte an diesen Ereignissen von Palastina, das wurde eingetaucht in 
ein juristisches Denken, in dem an die Stelle der Erforschung der 
Weltengeheimnisse die Feststellung der Dogmen durch die Mehr- 
heitsbeschlusse der Konzilien und so weiter trat. 

Nun zeigt gerade diese Tatsache, dafi ein bedeutungsvoller, ein 
gewaltiger Umschwung in der abendlandischen Zivilisationsent- 
wickelung und damit in der Entwickelung der ganzen Menschheit 
sich in diesem 4. nachchristlichen Jahrhundert vollzogen hat. Alles 
dasjenige, was vom Orient ausgehend den Osten der europaischen 
Zivilisation ergriffen hatte, das wurde sozusagen nach dem Orient 
wieder zuruckgeschoben. Dasjenige allein konnte sichabendlandisch 
halten neben der Erfassung der aufieren sinnlichen Tatsachenwelt, 
was in der romanischen Welt aufgekommen war als ein Anlauf zum 
abstrakten Denken. 

Wie lebendig sind doch die Vorstellungen iiber die griechischen 
Gotter bei den Griechen gewesen, und wie abstrakt begrifflich sind 
die Vorstellungen, die sich die Romer von ihren Gottern gemacht 
haben. Im Grunde genommen war in der spateren Zeit dasjenige, 
was die Griechen an Ideen hatten iiber die ubersinnliche Welt,schon 
ein Unlebendiges, obwohl es in sich sehr lebendig war, aber verhalt- 
nismafiig ein Unlebendiges gegeniiber den lebendigen Vorstellun- 
gen der ubersinnlichen Welten, die darstellten ein Darinnenleben in 
diesen ubersinnlichen Welten, wie sie in der alteren persischen Zi- 
vilisationsform vorhanden waren oder in der alteren indischen Zivi- 
lisationsform. Da lebte man in den ubersinnlichen Welten, wenn 
auch durch ein instinktives menschliches Erkennen, da lebte man 
aber doch mit diesen ubersinnlichen Welten so, wie in der Gegen- 
wart eine spatere Menschheit mit der sinnlichen Welt lebt. Fur den 
alten Orientalen war die geistige Welt durchaus etwas Erschlossenes. 
Fur den alten Orient war die geistige Welt etwas, was fur den Men- 
schen so da war in bezug auf ihre Wesenheiten, wie fur den spateren 



Menschen, nun, sagen wir, die anderen Menschen sind, die als seine 
Nebenmenschen neben ihm da sind, und der Grieche hatte aus 
dieser lebendigen iibersinnlichen Welt heraus sein Begriffssystem 
gebildet. Die griechischen Ideen waren bis auf Aristoteles herunter 
im 4. Jahrhundert der vorchristlichen Zeit nicht solche abstrakte 
Ideen, die an der aufieren sinnlichen Beobachtung gewonnen und 
dann hinaufabstrahiert waren, diese griechischen Ideen waren noch 
herausgeboren aus der lebendigen iibersinnlichen Welt, aus einer 
uralten Anschauung. Diese lebendigen griechischen Ideen durch- 
seelten, durchwarmten noch den Menschen, gaben ihm noch den 
notigen Enthusiasmus zu seiner Art des sozialen Lebens, insofern er 
an diesen Ideen teilnehmen konnte. Gewifi, man darf niemals 
vergessen, daft ein grofier Teil des griechischen Volkes nicht teilneh- 
men durfte; es war das die weitausgebreitete Sklavenwelt. Aber die- 
jenigen Menschen, welche die Trager der griechischen Kultur waren, 
die waren eben durchaus in einer Ideenwelt, die im Grunde genom- 
men ein Herunterstrahlen ubersinnlich-geistiger Machte in die Welt 
des Irdischen war. 

Demgegemiber nahm sich allerdings die romische Welt, die nur 
dutch das Meer abgeschieden war von der griechischen Welt, ganz 
abstrakt aus. Die Rdmer bezeichneten ihre Gotter, man mdchte 
sagen, in derselben nikhternen, trockenen Weise, wie unsere Natur- 
forscher ihre Naturgesetze bezeichnen. Und wenn sich schon darin 
der bedeutsame Umschwung ausdrikkt, auf den ich hier hinzuwei- 
sen habe, so tritt er uns noch ganz besonders entgegen, wenn wir 
nun recht aufmerksam hinschauen auf eine seelische Tatsache, die 
sich nur halb in der Weltentwickelung ausgelebt hat, die nicht voll- 
standig zur Entwickelung gekommen ist. Betrachten Sie einmal das 
Schicksal des alten griechischen Volkes. Dieses Schicksal des alten 
griechischen Volkes hat eine gewisse Tragik in sich. Dieses griechi- 
sche Volk, nach seiner grofien Bliite siecht es dahin; es verschwindet 
im Grunde genommen doch aus der Weltgeschichte. Denn was in 
seinem Territorium dann als ein Schatten hingetreten ist, ist ja nicht 
eine wirkliche Nachkommenschaft. In schwerer weltgeschichtlkher 
Krankheit siecht das griechische Volk dahin und bringt aus seinen 



alten Ideen etwas heraus, das, ich mochte sagen, die Morgenrote 
aller spateren Kultur ist, bringt den Stoizismus, den Epikuraismus 
aus sich hervor, in denen sich als in bestimmten Lebensanschau- 
ungen schon vorausverkiindet, was dann in der abendlandischen 
Zivilisation auf viel abstraktere Art gewonnen wird. Aber man sieht 
es auch dem Stoizismus, dem Epikuraismus an, man sieht es selbst 
der spateren griechischen Mystik an, dafi sie ausdrucken ein Hin- 
siechen des alten Griechentums. 

Warum mufite denn in der Weltenentwickelung dieses Griechen- 
tum krank werden und dann im Grunde genommen absterben? - 
Man mochte sagen, in diesem Krankwerden und Absterben des 
alten Griechenvolkes liegt ein bedeutsames weltgeschichtliches 
Mysterium. Ja, dieses Griechenvolk sah noch mit dem, was es als 
einen Nachklang der alten orientalischen Weltanschauung heruber- 
bekommen hatte, den seelisch-geistigen Menschen in seinem vollen 
Lichte. Und in den alteren Zeiten der griechischen Kultur sah sich 
doch jeder Mensch an als ein seelisch-geistiges Wesen, das aus gei- 
stigen Welten durch die Geburt oder durch die Empfangnis herun- 
tergestiegen ist, das seine Heimat hat in ubersinnlicher Sphare, das 
berufen ist zu ubersinnlichen Spharen. Aber es fuhlte zu gleicher 
Zeit, dieses Griechenland, selbst noch in seiner Bliitezeit - ich habe 
das oftmals erwahnt - seinen weltgeschichtlichen Niedergang. Es 
fuhlte, daft der Mensch nicht Mensch werden kann auf der Erde 
durch dieses Hinaufschauen, durch dieses alleinige Hinaufschauen 
in ubersinnliche Welten. Es fuhlte sozusagen sich umschlungen und 
durchdrungen von den irdischen Machten. Daher jener uralte 
griechische Spruch: Besser ein Bettler zu sein in der sinnlichen Welt, 
als ein Konig im Reiche der Schatten. - Der Grieche hatte in seinen 
alten Zeiten noch alien Glanz der ubersinnlichen Welt geschaut; 
aber er hat zu gleicher Zeit dadurch, daft er in diesem Griechenland 
ganz Mensch wurde, gefuhlt, wie er ihn nicht erhalten kann, diesen 
Glanz der geistigen Welten, wie er ihm verlorenging, und wie sein 
Seelisches verstrickt wurde in die irdischen Dinge, und er furchtete 
sich gewissermaften vor dem Sterben deshalb, weil die Seele durch 
das Leben zwischen Geburt und Tod entfremdet werden kann ihrer 



ubersinnlichen Heimat. Man mufi das Griechentum durchaus nach 
diesem Gefiihle schildern. 

Solche Menschen wie Nietzsche, sie haben im Grunde genom- 
men richtig gefuhlt. Nietzsche hat richtig gefuhlt, wenn er das Zeit- 
alter der griechischen Entwickelung, das dem sokratischen, dem 
platonischen vorangegangen ist, das tragische Zeitalter griechischer 
Entwickelung genannt hat. Denn schon bei den Denkern Thales, 
namentlich aber bei Anaxagoras, Heraklit sehen wir hinabdammern 
eine groflartige Weltanschauung, iiber die die heutige Geschichte so 
gar nichts mehr vermeldet. Wir sehen die Furcht, entfremdet zu 
werden der ubersinnlichen Welt und verbunden zu werden mit 
dem, was einem einzig und allein bleibt beim Durchgang dutch das 
Leben zwischen Geburt und Tod, verbunden zu werden mit der 
Welt des Hades, mit der Schattenwelt, die im Grunde genommen 
dem Menschen zuteil wird. Aber der Grieche hatte doch etwas geret- 
tet, gerettet dasjenige, was in seiner schonsten Bliite erscheint in der 
platonischen Idee. Ich mochte sagen, mit dem absterbenden Siech- 
tum tritt diese platonische Ideenwelt, der letzte glanzvolle Rest des 
alten Orients auf , der selber dann bestimmt ist zu sterben im Aristo- 
telismus, aber es tauchen eben doch auf diese griechischen Ideen. 
Und fortwahrend empfand der Grieche, wie das Ich des Menschen 
im menschlichen Leben eigentlich etwas Verlorengehendes ist. Das 
war im Grunde genommen Grundempfindung der Griechen. 
Nehmen Sie die Schilderung, die ich iiber die Ich-Entwickelung in 
meinen «Ratseln der Philosophie» gegeben habe, wie da das Ich mit 
dem Denken verbunden war, mit der aufieren Wahrnehmung. Da 
aber mit dem Denken das ganze Ich-Erleben zusammenhangt, so 
fiihlte der Mensch auch das Ich noch weniger in seiner eigenen Leib- 
lichkeit drinnen, als er es verbunden fiihlte mit alledem, was 
draufien in der Welt lebt, mit dem Bliihen der Blumen, mit dem 
Blitzen und Donnern draufien im Weltenraum, mit den hinstiir- 
menden Wolken, mit den Baumen, mit dem aufsteigenden Nebel 
und dem herabfallenden Regen. Mit alledem verkniipft fuhlte der 
Grieche sein Ich. Er fuhlte sozusagen mit den Kraften des Ichs, 
gleichsam ohne das Gehause dieses Ichs; er fuhlte vielmehr: Wenn 



ich hinauswende den Blick auf die Blumenwelt, da haftet mein Ich, 
da blunt es mit den Blumen. - Das fiihlte er. Und man kann eben 
schon sagen, diese griechische Kultur konnte sich nicht fortsetzen. 
Wie aber ware sie geworden, wenn sie sich fortgesetzt hatte? Es lag 
gar nicht in ihr die Moglichkeit, sich in gerader Linie fortzusetzen. 
Was ware aus ihr geworden? - Der Mensch hatte nach und nach sich 
gefuhlt als ein Erdenwesen, das untermenschlich ist, und das, was 
das eigentlich Geistig-Seelische im Menschen ist, das hatte man ge- 
fuhlt wie etwas, was eigentlich in den Wolken und in den Blumen, 
in den Bergen, in Regen und Sonnenschein wohnt und das da 
kommt, einen zu besuchen. Gefuhlt hatte man nach und nach, 
wenn die griechische Kultur in gerader Linie sich weiterentwickelt 
hatte, daft man ja, wenn man des Abends einschlaft, das Heran- 
nahen seines eigenen Ichs in seinem Glanze erfuhlen kann, daft es 
einen da besonders besucht. Aber gefuhlt hatte man auch, daft, 
wenn man wiederum des Morgens aufwacht und sich einlafit auf die 
Welt der niederen Sinne, daft man dann eigentlich nur als Erden- 
mensch das aufterliche Gehause ist. Eine gewisse Fremdheit gegen- 
uber dem Ich ware eingetreten bei einer geradlinigen Fortentwicke- 
lung desjenigen, was man gefiihlsmafiig merken kann als den 
eigentlichen Grundton, als das eigentliche Grundtemperament der 
griechischen Natur. 

Das war notwendig, daft gewissermaften das den Menschen ent- 
fliehende Ich, das hinaus in Natur und Kosmos entfliehende Ich, 
daft das gefestigt wurde in der menschlichen Innenwesenheit als 
einer organischen, auf der Erde wandelnden Wesenheit. Dazu 
bedurfte es eines kraftigen Impulses. Das war jadieEigentumlichkeit 
des Orientalismus, daft er zwar scharf auf das Ich hingewiesen hat, 
gerade dadurch hingewiesen hat, daft er die wiederholten Erden- 
leben in bezug auf die menschliche Lebensauffassung lehrte, daft 
aber zu gleicher Zeit in ihm die Tendenz lag, dieses Ich dem 
Menschen zu entfremden, dieses Ich dem Menschen zu nehmen. 
Deshalb hatte das Abendland, das sich eben nicht bis zur griechi- 
schen Hohe emporschwingen konnte, auch nicht die Kraft, die 
griechische Weishek entgegenzunehmen in ihrer vollen Gestalt, es 



liefi sie sozusagen zuriickfluten nach dem Orient. Es hatte auch nicht 
die Kraft, den Mithraskultus zu iibernehmen, es liefi auch ihn zu- 
riickfluten nach dem Orient. Es hatte nur die Kraft, aus der vollen 
Robustheit des Menschen heraus, aus der irdischen Menschennatur 
heraus sich erzahlen zu lassen die rein tatsachlichen Vorgange von 
Palastina und sie bekraftigen zu lassen durch die konzilienmafiig 
festgesetzte Dogmatik. Gewissermafien zunachst in einen Person- 
lichkeits-Materialismus wurde der europaische Mensch hineinge- 
stellt. 

Das zeigt sich dann am intensivsten in dem Umschwung im 4. 
nachchristlichen Jahrhundert. Da schwindet allmahlich alles nach 
Asien zuriick, was ein tieferes Erfassen des Christentums gebracht 
hatte, was einen Kultus hatte bringen konnen, welcher den Christus 
als den Triumphierenden hatte ansehen konnen, nicht blofi als den- 
jenigen, der unter den schweren Lasten des Kreuzes hinuntersinkt 
und dessen Triumphieren man nur ahnen kann hinter dem Kruzi- 
fixus. Es handelte sich fur das Abendland bei diesem Zumckfluten- 
lassen der Weisheit und des alten Zeremonialdienstes um die Befe- 
stigung zunachst des Ichs. Aus der robusten Kraft der nordischen 
Barbarenvolker ging hervor dasjenige, was die Kraft dieser Befesti- 
gung des Ichs im irdischen Organ des Menschen sein sollte. Und 
wahrend sich das vollzog in den Gegenden der Donaulander, in 
denen, die etwas siidwarts davon waren, im Siiden Europas, im 
Westen Europas, verpflanzte sich nun vom Orient heriiber in 
anderen Gestalten, als was fruher orientalische Weisheit war, der 
Arabismus. Der Arabismus pflanzte sich nach Spanien hinein fort, 
und man sah den Siidwesten Europas iiberflutet von einer phanta- 
stischen Verstandeskultur, die es in der aufieren kunstlerischen Welt 
nur bis zu der Arabeske brachte, die es nicht bis zu einem Durch- 
dringen des Organischen mit dem Geistig-Seelischen brachte. So 
war Europa erfullt auf der einen Seite von der Erzahlung des rein 
Tatsachlichen in bezug auf die Kultushandlungen, so war es auf der 
anderen Seite erfullt mit einer abstrakt phantastischen Wahrheit, 
Weisheit, mit demjenigen, was dann filtriert die reine Verstandes- 
kultur bildete und was iiber Spanien nach Europa hereinkam. 



Innerhalb dieser Welt, in welcher also nur die rein auf das 
Aufterliche beziiglichen Erzahlungen von den Ereignissen in Pala- 
stina lebten, in welcher nur das lebte, was an phantastischer Verstan- 
desweisheit durch den Arabismus gekommen war, in dieser Welt 
tauchten auch einzelne Menschen auf - einzelne gibt es ja immer 
wieder und wiederum innerhalb des Gros der Menschheit denen 
etwas aufging von dem, wie eigentlich die Sache war. Es stieg in 
ihrer Seele auf, daft es ja ein groftes christliches Geheimnis gibt, fur 
das die hochste Weisheit nicht hoch genug ist, um es in seiner 
ganzen Bedeutung zu durchdringen, fur das das intensivste Fuhlen 
nkht stark genug ist, um dafur einen Zeremonialdienst auszubilden, 
dafi eben von dem Kreuz von Golgatha etwas ausging, was mit 
hochster Weisheit und kuhnstem Gefiihle erfafit werden musse. Das 
ging in einzelnen Menschen auf. Und ihnen stieg so etwas auf, wie 
die bedeutsame Imagination: In dem Brote des Abendmahles war 
etwas vorhanden wie eine Synthesis, wie eine Zusammenfassung der 
Kraft des aufieren Kosmos, der mit alledem, was aus dem Kosmos an 
Kraftestromung herunterkommt auf die Erde, diese Erde durch - 
dringt, aus dieser Erde hervorzaubert die Vegetation; dann wird das- 
jenige, was da aus dem Kosmos der Erde anvertraut wird, was dann 
aus der Erde hervorquillt, zusammengefafk synthetisch im Brote 
und konstituiert den menschlichen Leib. 

Und etwas anderes noch ging durch alle Nebel, mochte ich 
sagen, die sich hiniibergezogen haben iiber die alten Traditionen, 
etwas anderes ging auf diese europaischen Weisen iiber, etwas, was ja 
allerdings im Orient seinen Ursprung genommen hat, was aber eben 
durch die Nebel durchdrang und von einzelnen verstanden wurde. 
Das war das andere Mysterium, das sich an das Mysterium des Brotes 
anreihte, das Mysterium von der heiligen Schale, in welcher Joseph 
von Arimathia aufgesammelt hat das heruntertraufelnde Blut des 
Christus Jesus, das war die andere Seite des Weltengeheimnisses. 
Wie im Brote zusammengenommen ist alles dasjenige, was der Ex- 
trakt des Kosmos ist, so ist im Blute zusammengenommen alles das- 
jenige, was der Extrakt der menschlichen Natur und Wesenheit ist, 
in Brot und Blut, wofur ja der Wein nur das aufiere Symbolum sein 



sollte, in Brot und Blut driickte sich das aus fur diese europaischen 
Weisen, die wirklich wie aus geheimnisvollen Mysterienorten sich 
herausentwickelt hatten, weit hinausragend uber das Gros der euro- 
paischen Bevolkerung, das nur die Tatsachen von Palastina horen 
konnte und das, wenn es zur Gelehrsamkeit heranwuchs, nur sich 
allmahlich hineinfand in die abstrakte Phantastik des Arabismus. 
Bei diesen Menschen, die sich ebenso auszeichneten durch etwas, 
was wie eine reifste, iiberreife Frucht orientalischer Weisheit war und 
zugleich eine reifste Frucht europaischen Empfindens und Fiihlens, 
bei ihnen entwickelte sich dasjenige, was sie nannten das Geheimnis 
des Grals. Aber, so sagten sie sich, auf der Erde ist nicht zu finden, 
was das Geheimnis des Grales ist. 

Die Menschen sind gewohnt worden, einen Verstand zu ent- 
wickeln, wie er ja seine hochste Blute trieb im Arabismus. Die Men- 
schen sind gewohnt, nicht hinzuschauen auf den Sinn der aufieren 
Tatsachen, sondern lediglich sich diese aufieren Tatsachen ihrer 
sinnenfalligen Wirklichkeit nach erzahlen zu lassen. Durchdringen 
mulS man zu demjenigen, was in dem Geheimnis des Brotes ist, das 
ja in derselben Schale gebrochen worden sein soil durch den Christus 
Jesus, in der dann das Blut durch Joseph von Arimathia aufgefangen 
worden ist, welche Schale dann entriickt worden ist nach Europa, 
aber, wie die Sage sagt, so von Engeln uber der Erdoberflache, hoch 
oben uber der Erdoberflache gehalten wurde, bis Titurel kam, der 
diesem Gral, dieser heiligen Schale, dieser das Mysterium des Brotes 
und Blutes umfassenden Schale den Tempel auf dem Montsalvatsch 
schuf. In heiliger spiritueller Tempelstatte wollten schauen die- 
jenigen, die auf diese Weise europaische Mysterienweise geworden 
waren, durch die Nebel der Abstraktion hindurch und durch die 
Nebel der reinen Tatsachenerzahlungen hindurch das Geheimnis 
vom Gral, das Geheimnis vom Kosmos, das verschwunden war mit 
der atherischen Astronomie, das Geheimnis vom Blute, das ver- 
schwunden war mit der alten medizinischen Anschauung. Wie die 
alte medizinische Anschauung ubergegangen ist in abstraktes Den- 
ken, so ist ubergegangen die alte atherische Astronomie in abstraktes 
Denken. Das hatte sich in der hochsten Blute zu einer bestimmten 



Zeit gerade durch die Araber in Spanien abgelagert. In diesem Spa- 
nien war es, wo man aufierlich unter den Menschen nicht finden 
konnte das Geheimnis des Grales. Da war nur abstrakte Verstandes- 
weisheit. Bei den Christen war nur auftere Tatsachenerzahlung, bei 
den Arabern, bei den Mauren phantastische Verstandesentwicke- 
lung. Und in Hohen nur iiber dieser Erde schwebte der Heilige Gral, 
und nur von denjenigen, denen von gottlichen Machten dazu die 
Fahigkeiten gegeben wurden, konnte betreten werden dieser spiri- 
tuelle Tempel, dieser Heilige Gral, dieser die Geheimnisse des 
Brotes und Blutes umschlieftende Tempel. Es ist kein Zufall, daft er 
gefunden werden sollte in Spanien, wo wirklich meilenweit aus 
dem, was die irdische Tatsachlichkeit bot, herausgeschritten werden 
mulke, wo durchbrochen werden mufiten dornige Hecken, um vor- 
zudringen zu dem spirituellen Tempel, welcher den Heiligen Gral 
umschlofi. 

Aus solchen gefuhlsma&gen Voraussetzungenherausentwickelte 
sich die Anschauung des Heiligen Grals. Die unsichtbare Kirche, die 
ubersinnlkhe Kirche, die doch aber auf Erden zu finden ist, das war 
es, was sich mit dem Mysterium des Grals umhullte. Es war ein un- 
mittelbar Daseiendes, das aber derjenige nicht findet, der sein In- 
neres teilnahmslos der Welt gegenubersteHt. In alten Zeiten, da sind 
die Mysterienpriester aus den Mysterien hinausgegangen in die 
Welt, haben Umschau gehalten unter den Menschen, haben aus 
dem Anblicke der menschlichen Aura sich gesagt: Das ist einer, den 
wir hereinnehmen mussen in die Mysterien; das ist ein anderer, den 
wir hereinnehmen mussen in die Mysterien. - Man brauchte nicht zu 
fragen, man wurde erwahlt. Es brauchte nicht im Inneren des 
Menschen selber die Aktivitat zu entspringen, man wurde erwahlt, 
man wurde hineingeholt in die heiligen Mysterienstatten. Diese Zeit 
war um das 11. , 12. und das 9. , 10. Jahrhundert schon vorbei. Befe- 
stigt mufite im Menschen durch die Christus-Kraft, die eingezogen 
war in die europaische Zivilisation, dasjenige sein, was ihn drangte 
zu fragen: Was sind die Geheimnisse des Daseins? - Und keiner 
konnte sich dem Grale nahern, der teilnahmslos schlafrig mit seinem 
Inneren die Aufienwelt durchwanderte und durchschritt. Allein der- 



jenige, so sagte man, konne eindringen in die Wunder, das heifit in 
die Geheimnisse des Heiligen Grals, der in seiner Seek den Antrieb 
empfand, zu fragen nach den Geheimnissen des Daseins, des kosmi- 
schen Daseins und des innermenschlichen Daseins. Und seither ist es 
im Grunde genommen so geblieben. Nur nachdem um die Mitte 
des Mittelalters herum die Menschen ernst hingewiesen worden 
waren auf dieses Fragestellen, auf dieses Fragensollen, trat zunachst 
sek dem Beginne des 14. Jahrhunderts, das heifit im ersten Drittel 
des 14. Jahrhunderts, der grofie Riickschlag ein. Immer weniger und 
weniger blieben von denen, die da fragten nach den Wundern des 
Heiligen Grals, immer inaktiver und inaktiver wurden die Seelen. 
Sie sahen nunmehr hin nach den aufieren Gestaltungen der mensch- 
lichen Wesenheit auf Erden und nach dem, was sich anschauen lafit 
und was sich zahlen und wagen und messen und errechnen lafit im 
Kosmos. Aber geblieben ist auch diese schon im fruhen Mittelalter 
in die europaische Zivilisation hereintretende heilige Aufforderung: 
zu fragen nach den Geheimnissen des Kosmos ebensowohl wie nach 
den inneren Geheimnissen des Menschen, das heifit nach den 
Mysterien des Blutes. Die Menschen haben ja in den verschiedensten 
Phasen durchgemacht dasjenige, was notwendigerweise der Materia- 
lismus mit all seinen Kraften iiber die europaische Zivilisation brin- 
gen mulke. Es waren schon eindrmgliche Worte, wenn sie auch viel- 
fach verklungen sind. Man mufi nur bedenken, wie grofi die Mog- 
lichkeit war, daft bedeutsame Worte erklingen konnten innerhalb 
der europaischen Zivilisation. Dasjenige, was fur ein bestimmtes 
Zekalter geschaffen war, das Erzahlen der aufieren Tatsache von 
Palastina, das Durchdringen dieser aufieren Tatsache mit dem Ara- 
bismus, was dann die Scholastik des Mittelalters besorgt hat als mit- 
telalterliche christliche Philosophic, das war fur ein gewisses Zek- 
alter grofi. Aber so, wie es sich herausentwickelt hat aus einer Zeit 
grofierer Weisheit und grofierem Zeremoniellen, die nur zuriickge- 
schoben wurden in den Orient, so hat es das, was sich da heraus- 
gebildet hat, auch nicht verstanden: hinzuhorchen auf die iiber- 
sinnlichen Mysterien des Christentums, auf die Mysterien des Hei- 
ligen Grals. Und all die wirklich eindringlichen Stimmen, die ertont 



haben im Friihlingsalter - es waren ihrer nicht wenige sie sind 
ebenso zum Verstummen gebracht worden durch den immer mehr 
und mehr in die Dogmatik hinein versinkenden Katholizismus 
Roms, wie die Gnosis - wie ich ja auch gestern wiederum angedeutet 
habe - mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden ist. 

Man darf nicht negativ urteilen liber das Zeitalter vom 4. nach- 
christlichen Jahrhundert bis ins 12., 13. Jahrhundert herein, weil 
von den zahlreichen, ich mochte sagen, mit heiliger Sufle und Uber- 
reifheit durch die europaische Zivilisation, die im ubrigen barbarisch 
war, hindurchklingenden Stimmen nur die etwas ungelenke eines 
Menschen zurikkgeblieben ist, der nicht schreiben konnte, die des 
Wolfram von Eschenbach. Er ist noch grofi genug; ihn hat das- 
jenige ubriggelassen, was als Dogmatik sich in Europa festgesetzt hat 
und was im Grunde genommen dasjenige ausgerottet hat, was an 
machtigen Stimmen, aber eben unter Kampf und Bitterkeit den Ruf 
nach dem Heiligen Gral ertonen liefi. Und diejenigen, die ertonen 
liefien den Ruf nach dem Heiligen Gral, sie wollten ihn schon als in 
der dumpfen Seele heraufdammernde Freiheit ertonen lassen. Sie 
wollten dem Menschen nicht seine Freiheit nehmen, sie wollten ihm 
nichts aufdrangen, er sollte ein Fragender sein. Er sollte aus den 
Tiefen seines Seelenwesens heraus nach den Wundern des Grals fra- 
gen. Was da an geistigem Leben untergegangen ist, war wahrhaftig 
noch groiter als sein Gegenspiel, wenn dieses auch nicht einer ge- 
wissen Grofie entbehrt. Und als dann dasjenige, was als einen geisti- 
gen Weg bezeichnet hatten die Diener des Heiligen Grals, abgelost 
wurde von dem physischen Weg nach dem physischen Jerusalem im 
Orient driiben, abgelost wurde der Kreuzweg nach dem Gral durch 
die Kreuzzuge nach dem physischen Jerusalem, und als dann Gott- 
fried von Bouillon im Gegensatz zu Rom ein auflerliches Reich in 
Jerusalem aufrichten wollte, aus seinem Empfinden heraus seinen 
Ruf «Los von Rom» ertonen liefi, da war dieser allerdings weniger 
suggestiv als derjenige des Peter von Amiens, der wie eine gewaltige 
Suggestion wirkte, um dasjenige, was die Diener des Heiligen Grals 
spirituell gemeint hatten, in das Materialistische zu ubersetzen. 

Das war auch einer der Wege, die durch den Materialismus ge- 



gangen worden sind, der Weg nach dem physischen Jerusalem statt 
nach dem spirituellen Jerusalem, das in Titurels Tempel bergen 
sollte dasjenige, was von dem Mysterium von Golgatha in dem Heili- 
gen Gral iibriggeblieben war. Titurel, so sagte man, habe ihn aus 
den Wolken, wo ihn die Engel schwebendgehaltenhaben -wahrend 
Arabismus und rein aufiere Tatsachenerzahlungen herrschten Ti- 
turel habe ihn heruntergebracht, den Heiligen Gral, auf die Erden- 
sphare. Aber das materialistische Zeitalter fing nicht an, nach ihm 
zu fragen. Einsame Menschen, vereinzelte Menschen, Menschen in 
der «Dumpfheit», nicht gerade in der Weisheit, wie der Parzival, 
waren es, welche Wege antraten zu dem Heiligen Gral, aber sie 
verstanden es im Grunde genommen auch nicht richtig, die entspre- 
chende Frage zu stellen. Und voran ging schon dem geistigen Mate- 
rialismusweg, der dann in dem ersten Drittel des 14. Jahrhunderts 
begann, der andere Materialismusweg, der im Grunde genommen 
schon in der Wendung nach dem Osten hinuber war, nach dem 
physischen Jerusalem. UnddieseTragik erlebtedie moderne Mensch- 
heit, die eben durch diese Tragik hindurchgehen mufite und mufi, 
um sich in dieser Tragik innerlich zu ergreifen und so recht zu 
Fragenden zu werden. Diese Tragik mufite und mufi die moderne 
Menschheit erleben, daft das Licht, das ihr einstmals aus dem Osten 
gekommen war, nicht erkannt wurde als spirituelles Licht, dafi das 
spirituelle Licht zuriickgeschoben worden ist und dafur gesucht wor- 
den ist das physische Land, die physische Materialitat des Orients. 
Den physischen Orient fing man an im Mittelalter zu suchen, nach- 
dem man im Ausgang des Altertums den spirituellen Orient zuruck- 
gestellt hatte. 

Das ist die europaische Situation, und in dieser europaischen Si- 
tuation ist auch unsere heutige noch. Denn noch sind wir, wenn wir 
den wahren innersten Ruf der Menschheit verstehen, Sucher nach 
dem Heiligen Gral und mufiten es sein, Sucher nach dem Heiligen 
Gral. Noch miissen die Bestrebungen der Menschheit, wie sie, ange- 
fangen in den Kreuzziigen, hervortreten, die Umwandlung, die 
Metamorphose ins Spirituelle erfahren. Noch miissen wir wiederum 
kommen zu einem solchen Erfassen der kosmischen Welten, dafi wir 



den Ursprung des Christus in diesen kosmischen Welten suchen 
konnen. Solange diese kosmischen Welten nur mit der aufieren 
physischen Astronomie erfafit werden, konnen sie selbstverstandlich 
nicht als die Heimat des Christus aufgefaik werden, denn aus dem, 
was heute der Astronom lehrt als das Geheimnis des Himmels, fur 
dessen Beschreibung er nur die Geometrie, die Mathematik, die 
Mechanik hat, fur dessen Anschauung er nur das Teleskop hat, aus 
diesem Himmel kann der Christus nicht herabgestiegen sein auf die 
Erde, um sich in dem Menschen Jesus von Nazareth zu verkorpern. 
Denn diese Verkorperung, sie kann auch nicht verstanden werden, 
wenn man lediglich den Menschen kennenlernt, so wie man ihn, um 
ihn zu erforschen, aus dem lebendigen Leben heraus in die Klinik 
bringt, wo man den Leichnam seziert, um sich dann von der Leiche 
Vorstellungen uber den lebendigen Menschen zu machen. Die Alten 
hatten eine lebendige Astronomie, sie hatten eine lebendige 
Medizin. Suchen miissen wir wiederum nach einer lebendigen 
Astronomie, nach einer lebendigen Medizin. So wie uns eine leben- 
dige Astronomie zeigen wird einen Himmel, einen Kosmos, der 
wirklich von jener Geistigkeit durchdrungen ist, aus der der Christus 
heruntersteigen kann, so wird uns die verlebendigte Medizin den 
Menschen wiederum so vorfuhren, daiS wir ihn ergreifen mit 
unserem Wissen, mit unserem Erkennen bis in sein Geheimnis des 
Blutes hinein, bis in diejenige organische innere Sphare, wo sich die 
Krafte des atherischen, des astralischen Leibes, des Ichs umwandein 
in das physische Blut. In dem Augenblicke, wo wir das Geheimnis 
des Blutes ergriffen haben von einer wirklich medizinischen Erkennt- 
nis und wo wir begriffen haben die Weltensphare, die kosmische 
Sphare durch eine durchgeistigte Astronomie, werden wir verstehen, 
wie aus diesen kosmischen Spharen der Christus heruntersteigen 
konnte auf die Erde und wie er flnden konnte auf der Erde den 
Menschenleib, der mit seinem Blute ihn aufnehmen konnte. Es ist 
das Geheimnis des Grals, das im Ernste auf diese Weise gesucht 
werden mufi: uns mit dem ganzen Menschen, mit Kopf und Herz 
auf diesen Weg nach dem spirituellen Jerusalem zu machen. Das ist 
die Aufgabe der modernen Menschheit. 



Es ist merkwurdig, wie dasjenige, was geschehen soli, objektiv 
durch die Sphare des Daseins webt. Und wenn es nicht in richtiger 
Weise Empflndung wird, so wird es aufterlich empfunden, wird es 
aufierlich vermaterialisiert. Wie die Christen zuerst nach Jerusalem 
gezogen sind, so Ziehen jetzt Ansammlungen des judischen Volkes 
nach Jerusalem, damit wiederum eine Phase des Materialismus zum 
Ausdruck bringend, zeigend, wie dasjenige, was geistig verstanden 
werden sollte von der modernen Menschheit in alien ihren Teilen, 
nun doch materialistisch verstanden wird. Aber es mufi die Zeit 
kommen, in der in der richtigen Weise wiederum das Geheimnis des 
Grals empfunden werden kann. Sie wissen, ich habe es erwahnt in 
meiner «Geheimwissenschaft im Umrifi», ich habe es gewissermafien 
in den Text verwebt, der dasjenige ausspricht, was auf diesem Wege 
der Geisteswissenschaft gesucht werden soil, und ich habe dadurch 
hingedeutet auf dasjenige, was wir uns erobern miissen als eine Art 
Bild und Imagination fur das, was aber in ernster Geistesanstrengung 
und mit tiefem menschlichem Fiihlen gesucht werden soli eben als 
der Weg zum Gral. 

Wir wollen morgen wiederum hier dariiber weiter reden. 



SECHSTER VORTRAG 
Dornach, 17. April 1921 

In diesen Tagen habe ich mich bemiiht, zu zeigen, wie die abend- 
landische Zivilisation entstanden ist, wie ein bedeutsamer, ein ge- 
waltiger Einschnitt in der Menschheitsentwickelung uberhaupt zu 
verzeichnen ist im 4. nachchristlichen Jahrhundert, und es ist not- 
wendig gewesen, darauf hinzuweisen, wie das Griechentum allmah- 
lich gewissermaften zu dieser Abenddammerung hin sich entwickelt 
hat, wie dann aus ganz anderen Impulsen heraus die Mittel- und 
Westeuropaische Zivilisation entstanden ist, und wie die Auffassung 
des Christentums sich unter diesen Einflussen herausgebildet hat. 
Versuchen wir zunachst von einem gewissen anderen Gesichtspunkte 
aus noch einmal auf die entsprechenden Tatsachen hinzuweisen. Das 
Christentum entsteht im westlichen Orient aus dem Mysterium von 
Golgatha heraus. Die orientalische Kultur war in ihrer besonderen 
Eigenart schon durchaus im Sinken. Die alte Urweisheit war in ihren 
letzten Phasen vorhanden in dem, was sich herausbildete gegen Vor- 
derasien, Griechenland zu als Gnosis. Diese Gnosis war immerhin 
noch eine solche Weisheit, welche in der verschiedensten Art zusam- 
menfafke, was dem Menschen vorlag an Welt- und Naturerschei- 
nungen . Sie hatte aber doch schon im Verhaltnis zu dem unmittel- 
baren anschaulich-instinktiven Einblicke in die geistige Welt, der 
eigentlkh der orientalischen Entwickelung zugrunde lag, sie hatte 
demgegeniiber einen schon mehr, man konntesagenintellektuellen, 
verstandesma&gen Charakter. Es war das geistige Leben, das im 
alten Orient alles menschliche Anschauen durchdrang, nicht mehr 
vorhanden. Und eigentlkh aus den letzten Resten der alten Urweis- 
heit heraus suchte man jene philosophisch-menschliche Anschauung 
zusammenzusetzen, die man als Weisheitsgut anwendete, um das 
Mysterium von Golgatha zu verstehen. Es wurde gekleidet das- 
jenige, was im Mysterium von Golgatha lag, in die Weisheit, die sich. 
ins Griechentum heruber vom Orient gerettet hatte. 

Nunfassen wir einmal diese Weisheit ganz im geisteswissenschaft- 



lichen Sinne auf. Wenn wir den Menschen betrachten wollen, so wie 
er sich dieser Weisheit einstmals hingegeben hat, so finden wir, dafi 
im alten Orient das Wesentliche doch war, daft der Mensch mit dem, 
was in ihm sein astralischer Leib wirkte, mit dem, was erdurchseinen 
astralischen Leib in seiner Seele erleben konnte, die Welt ansah, 
auch wenn sich Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemutsseele 
herausgebildet hatten. Es war der astralische Leib, welcher in diese 
seelischen Glieder des Menschen hineinwirkte und welcher den Men- 
schen befahigte, den Blick eigentlich abzuwenden von den irdischen 
Erscheinungen, dasjenige noch klar zu durchschauen, was im Gei- 
stig-Ubersinnlichen aus demKosmos hereindringt. Der Mensch hatte 
noch nicht eine Ich-Anschauung der Welt. Sein Ich sprach nur 
dumpf . Sein Ich war fur den Menschen noch nicht eine eigentliche 
Frage. Der Mensch lebte im Astralischen und in diesem Astralischen 
lebte er noch in einem gewissen Einklang mit den ihn umgebenden 
Welterscheinungen. Gewissermafien war fur ihn die eigentlich ratsel- 
hafte Welt diejenige, die er mit seinen Augen erblickte, diejenige, 
die sich abspielte als Menschenwelt um ihn herum. Dagegen war fur 
ihn die verstandliche Welt die ubersinnliche Gotterwelt, die Welt, 
in welcher die geistigen Wesenheiten ihr Dasein hatten. Der Mensch 
blickte hiniiber zu diesen geistigen Wesenheiten, zu ihren Hand- 
lungen, zu ihren Geschicken. Das war ja das Wesentliche in der 
Anschauung des alten Orients, dafi der Blick hingerichtet war auf 
diese geistigen Welten. Aus den geistigen Welten heraus wollte man 
die sinnliche Welt verstehen. 

Wir stehen heute als innerhalb unserer Zivilisation befmdlich 
auf dem gegenteiligen Standpunkte. Uns ist die sinnlich-physische 
Welt gegeben, und von ihr aus wollen wir die geistige Welt irgend- 
wie begreifen, wenn wir das iiberhaupt wollen, wenn wir es nicht ab- 
lehnen, wenn wir nicht im bloften Materialismus stecken bleiben. 
Die materielle Welt betrachten wir als das Gegebene. Der alte Orien- 
tale betrachtete die geistige Welt als das Gegebene. Aus der materiel- 
len Welt wollen wir etwas herausbekommen, um die Wunderbarkeit 
der Erscheinungen, die Zweckmafiigkeit des Baues der Organismen 
und so weiter zu verstehen, und aus dieser physisch-sinnlichen Um- 



welt wollen wir uns die ubersinnliche beweisen. Der alte Orientale 
wollte die physisch-sinnliche Umwelt aus der ihm gegebenen iiber- 
physischen, iibersinnlichen Welt verstehen. Aus ihr heraus wollte er 
das Licht empfangen, er empfing es auch, und ohne es war ihm die 
physisch-sinnliche Welt iiberhaupt Finsternis und Bangigkeit. Und 
so empfand er auch dasjenige, was er als sein innerstes Wesen noch 
ganz vom astralischen Leibe durchstrahlt empfand, als aus den gei- 
stigen Welten hervorgegangen. Er sagte sich nicht: Ich bin herauser- 
wachsen aus dem irdischen Leben -, er sagte sich: Ich bin heraus- 
erwachsen aus dem gottlich-geistigen Wesen, ich bin herunterge- 
stiegen aus gottlich-geistigen Welten und das Beste, was ich in mir 
trage, ist die Erinnerung an diese gottlich-geistigen Welten. - 
Noch Plato, der Philosoph, spricht davon, wie der Mensch Erkennt- 
nisse hat, Erinnerungen aus seinem praexistenten Leben, aus dem 
Leben, das er gefuhrt hat, bevor er heruntergestiegen ist in die 
physisch-sinnliche Welt. Der Mensch betrachtete sein Ich durchaus 
als einen Strahl, der hervorkam aus dem Lichte der iibersinnlichen 
Welt. Fur ihn war ratselhaft die sinnliche Welt, nicht die uber- 
sinnliche Welt. 

In Griechenland hatte dann diese Anschauung ihre Auslaufer 
gefunden. Der Grieche fuhlte sich schon in seinem Leibe, aber er 
fuhlte noch nicht in seinem Leibe irgendwie etwas, was diesen Leib 
besonders erklaren konnte. Er hatte noch die Uberlieferungen des 
alten Orients. Er schaute sich in gewissem Sinne an als etwas, was 
heruntergestiegen war aus den geistigen Welten, aber was in gewis- 
sem Sinne das Bewufitsein von diesen geistigen Welten schon 
verloren hatte. Es ist tatsachlich die letzte Phase des orientalischen 
Weisheitslebens, die in Griechenland auftrat. Und aus dieser Welt- 
empfindung heraus sollte das Mysterium von Golgatha verstanden 
werden. Es legte ja dieses Mysterium dem Menschen das grofte Pro- 
blem vor, dieses ungeheure Lebensproblem: Wie hat das uberwelt- 
liche, das ubersinnliche Wesen, das kosmische Wesen, der Christus, 
seinen Platz finden konnen im menschlichen Leibe? - Die Durch- 
dringung des Jesus mit dem Christus, das war das grofie Problem, 
und wir sehen es aufleuchten iiberall in den gnostischen Bestrebun- 



gen. Aber der Mensch hatte ja von sich aus kein solches Verstandnis 
des Zusammenhanges zwischen dem Ubersinnlichen seines eigenen 
Wesens und dem Sinnlich-Physischen dieses Eigenwesens, und weil 
er an sich die Erkenntnis des Zusammenhanges des Geistig- 
Seelischen und des Leiblich-Physischen nicht hatte, wurde gerade 
fur dasjenige, was unter dem Einflufi der griechischen Anschauung 
stand, das Mysterium von Golgatha ein unauflosliches Problem, 
aber ein Problem, mit dem das Griechentum rang, dem es seine 
besten Weisheitskrafte widmete. Die Geschichte iiberliefert viel 
zu wenig von dem, was da eigentlich stattfand an geistigen Kamp- 
fen. 

Ich habe aufmerksam darauf gemacht, daft ja die gnostische Li- 
teratur ausgerottet worden ist. Wiirde sie noch da sein, diese gnosti- 
sche Literatur, so wiirde man in ihr sehen dieses tragische Ringen um 
das Verstehen des Zusammenlebens des ubersinnlichen Christus mit 
dem sinnlichen Jesus, man wiirde dieses so aufierordentlich tiefe Pro- 
blem in seiner Entwickelung sehen. Aber dieses Ringen ist ausge- 
loscht worden. Diesem Ringen wurde ein Ende gemacht durch das 
niichterne, abstrakte Wesen, das vom Romanismus ausging, das nur 
durch, ich mochte sagen, Aufpeitschung der Emotionen dazu 
kommt, Innerlichkeit hineinzutragen in die Abstraktionen. Die 
Gnosis wurde iiberschuttet, und Dogmatik und Konzilsbeschliisse 
wurden an die Stelle gesetzt. Durchtrankt wurden die tiefen An- 
schauungen des Orients, die nichts vomjuristischen hatten, mit einer 
Form, die das Christentum annahm in der mehr westlichen Welt, 
der damals westlichen Welt, der romischen Welt. 

Aus diesem Romertum ging das Christentum hervor, indem es 
sozusagen durchjuristet wurde, indem iiberall juristische Begriffe 
einzogen, indem die romischen Staatsbegriffe iiber das Christentum 
sich ausbreiteten. Das Christentum nahm die Form des romischen 
Staatskorpers an, und wir sehen hervorgehen aus demjenigen, was 
einstmals die Weltenhauptstadt Rom war, die christliche Haupt- 
stadt Rom. Wir sehen, wie dieses christliche Rom annimmt vom 
alten Rom die besonderen Anschauungen, wie man Menschen 
regieren raufi, wie man iiber Menschen seine Herrschaft ausdehnen 



mufi. Wir sehen, wie sich ausbreitet eine Art kirchlicher Imperialis- 
mus, indem hineingegossen wird dasjenige, was das Christentum ist, 
in die romische Staatsform. Was in spirituelle Erkenntnisformen 
gegossen war, ging ein in juristisch-menschliche Staatsform. Das 
erste Mai wurde in einer gewissen Weise zusammengeschmiedet 
Christentum und aufierliche Staatsweisheit, und in dieser Form 
breitete sich da das Christentum dann aus. Im Christentum sind so 
tiefe Krafte, im Christentum sind so gewaltige Impulse, daft sie 
natiirlich tatig und fortwirkend sein konnten, trotzdem sie in die 
Form des romischen Staatstums hineingegossen waren. Und es konn- 
ten sich eben, als diese romische Staatsform die westliche Welt 
ergriff, neben dem forterhalten die schlichten Erzahlungen, das 
Tatsachliche, was in Palastina geschehen ist. 

Aber in dieser westlichen Welt war man in einer ganz besonderen 
Weise auf das Christentum vorbereitet und man war so vorbereitet, 
dafi der Mensch sich aus seiner physischen Natur heraus erfafite, sein 
Ich fuhlte aus seiner physischen Natur heraus. Es zeigte sich da der 
Unterschied, als gewissermafien das Christentum durchging durch 
die griechische Welt und diese griechische Welt abschmolz , es zeigte 
sich der gewaltige Unterschied dieses griechischen Christentums und 
desjenigen Christentums, das dann das eigentlich staatliche Chri- 
stentum war, das Herrschaftschristentum, das romanische Christen- 
tum. Und es zeigte sich dann mehr vom Norden herein jenes Chri- 
stentum, welches hineingegossen wurde in die nordlichen Menschen, 
die von den Griechen und Rdmern die Barbaren genannt worden 
sind, in jene nordlichen Menschen, welche aus ihrer Natur heraus, 
ich mochte sagen, ihr eigenes Wesen zusammenfassend ihr Ich fuhl- 
ten und aus dem ganzen Menschen im Physisch-Sinnlichen, aus der 
menschlich-physisch-sinnlichen Ich-Verkorperung heraus sich be- 
griffen und nun auch dasjenige begreifen wollten, was als schlichte 
Erzahlung sich bis zu ihnen fortpflanzte von den Vorgangen in 
Palastina. Und so stielten zusammen in dieser barbarischen Welt die 
schlichte Erzahlung von den Vorgangen in Palastina mit dem, was 
Ich-Gefiihl, ich mochte sagen, Bluts-Ich-Gefuhl war, namentlich in 
der mittleren europaischen Welt und in der nordischeneuropaischen 



Welt. Diese Dinge stiefien zusammen. Und man wollte begreifen, 
aus diesem Ich-Erfassen des Menschen heraus wollte man begreifen 
die schlichte Erzahlung iiber die Vorgange in Palastina. Ihren tiefe- 
ren Gehalt wollte man nicht erfassen. Mit Weisheit wollte man sie 
nicht durchdringen. Man wollte sie nur eben in das Physisch-Sinn- 
lich-Menschliche hereinziehen. 

Man sieht, wie im «Heliand» ganz vermenschlicht und ganz in 
die europaische menschliche Welt, in diese Ich-Welt hereingezogen 
erscheinen diese Erzahlungen iiber die Vorgange in Palastina. Wir 
sehen, wie da alles vermenschlicht wird, wie da kein Vermogen vor- 
handen ist, so wie es Griechenland gemacht hat, mit Weisheitsgut 
zu durchdringen das Mysterium von Golgatha. Und es entwickelte 
sich der Drang, ohne Aufblick zum Ubersinnlichen auch als schlichte 
menschliche Vorgange darzustellen das Wirken des Christus Jesus in 
der Welt, immer mehr und mehr diese Erzahlungen zu vermensch- 
lichen. Und dahinein wurde geschoben dasjenige, was sich vom ro- 
manisch-christlichen Imperium dogmatisch als Konzilsbeschliisse 
ausbreitete; wie zwei einander fremde Welten schoben sich diese in- 
einander, jenes Christentum, welches sozusagen vereuropaisierte die 
Palastinaerzahlung, und jenes Christentum, welches verjuristet- 
romanisiertes Griechentum war, abstrakt geworden war. Das ist das- 
jenige, was nun in den Jahrhunderten fortlebte, und in das sich 
hineinstellen konnten nur einzelne in der Weise, wie ich es gestern 
erzahlt habe von den Weisen, die die Vorstellung iiber den Gral aus- 
gebildet haben und die darauf hingewiesen haben, daft ja einstmals 
in orientalische Weisheit gekleidet war der Impuls des Christentums, 
dafi aber der Trager dieser orientalischen Auffassung, die Heilige 
Gralsschale, der Heilige Gral nach Europa nur so gebracht werden 
konnte, dafi er iiber der Erde schwebend gehalten wurde von iiber- 
irdischen Geistern, und dann erst ihm eine verborgene Burg gebaut 
wurde, die Gralsburg auf dem Montsalvatsch. Aber es war auch zu- 
gleich daran die Vorstellung gefiigt, dafi der Mensch sich allein 
durch unwegsame Gebiete nahern konne demjenigen, was die 
Wunder des Heiligen Grales skid. Dann sagten diese Weisen nicht: 
Sechzig Meilen ist der Umkreis, den man unwegsam zu absolvieren 



hat, wenn man zu den Wundern des Grales kommen will -, sondern 
dann sagten sie in einer viel esoterischeren Weise, wie dieser Weg 
zum Heiligen Gral eigentlich ist, dann sagten sie: Oh, diese 
Menschen Europas, sie kommen nicht zu dem Heiligen Gral, denn 
der Weg, den sie gehen sollen, um zum Heiligen Gral zu kommen, 
der ist so weit, wie der Weg von der Geburt bis zum Tode, und erst, 
wenn die Menschen am Tode ankommen, indem sie den fur Europa 
unwegsamen Weg durchgemacht haben, der da sich erstreckt von der 
Geburt bis zum Tode, erst dann kommen sie bei der Gralsburg auf 
dem Montsalvatsch an. - Das war im Grunde genommen das esote- 
rische Geheimnis, das dem Schtiler mitgeteilt wurde. Mitgeteilt 
wurde den Schulern - well noch nicht erwacht war die Zeit, in der 
die Menschen mit klarem Bewufitsein sehen konnten, wie die 
geistige Welt wiederum gefunden werden kann -, mitgeteilt wurde 
den Schulern aus diesem Grunde, dafi sie nur in einzelnen Licht- 
blitzen hineinkommen konnen zu der heiligen Gralsburg. Aber be- 
sonders tief wurde ihnen eingescharft, daft sie zu fragen hatten, dafi 
die Zeit gekommen sei in der Menschheitsentwickelung, in der der 
Mensch, wenn er nicht fragt, das heifit, wenn er nicht sem Inneres 
entwickelt, wenn er nicht aus sich heraus den Impuls der Wahrheit 
sucht, wenn er passiv bleibt, er nicht zu einem Erleben seines 
Selbstes kommen konne. - Denn der Mensch mufi sein Ich finden 
aus seiner physischen Organisation heraus. Und dieses Ich, das aus 
der physischen Organisation heraus sich findet, das mufi durch seine 
eigene Kraft sich wiederum hinaufschwingen, um sich da zu sehen, 
wo selbst noch in der alteren griechischen Zivilisation dieses Selbst 
gesehen worden ist, in iibersinnlkhen Welten. Das Ich mufi sich 
erst wiederum hinaufheben, um sich zu erkennen als ein Ubersinn- 
liches. 

Im alten Orient sah man, was in dem astralischen Leibe vorging, 
und in dem astralischen Leibe sah man die Folge der fruherenErden- 
leben. Daher sprach man da von Karma. In Griechenland war die 
Vorstellung bereits abgeschattet. Man nahm nur noch dumpf astra- 
lisch die Weltgeschehnisse war. Daher sprach man unbestimmt vom 
Schicksal, vom Fatum. Diese Anschauung vom Schicksal, vom 



Fatum, ist nur eine Abschwachung, eine Ablahmung der vollen 
konkreten Vorstellung des alten Orients von dem Durchgang des 
Menschen durch die wiederholten Erdenleben, deren Folgen sich in 
dem Erleben innerhalb des astralischen Leibes, wenn auch nur in- 
stinktiv, aber doch ankiindigten, so daft gesprochen werden konnte 
vorn Karma, das sich ausbildete in den wiederholten Erdenleben, 
und dessen Folgen eben da waren in dem astralischen Erleben. 

Jetzt ruckte man vor gegen den Westen zu in dem Ich-Erleben. 
Aber dieses Ich-Erleben war zunachst gebunden an den physischen 
Leib. Dieses Ich-Erleben war egoistisch in sich selber abgeschlossen. 
Dieses Ich-Erleben lebte zunachst in der Dumpfheit, das lebte, 
selbst wenn in ihm ein starker Impuls nach ubersinnlichen Welten 
hin war, in der Dumpfheit; und Parzival, der pilgert nach dem Hei- 
ligen Gral, wird uns als ein Mensch in der Dumpfheit geschildert. 
Man mufi es durchaus verstehen, daft, als der Mithrasdienst sich aus- 
breitete heruber aus dem Orient nach dem Westen, er von dem 
Westen zuriickgewiesen wurde, nicht verstanden wurde. Denn der 
da auf dem Stier safi, der der Besieger werden sollte der niederen 
Krafte, der fand sich ja selbst als aus niederen Kraf ten hervorgehend. 
Sah der westliche Mensch den auf dem Stiere reitenden Mithras, so 
verstand er dieses Wesen nicht, denn dieses Wesen konnte ja nicht 
dasjenige sein, was das Ich herausempfindet und -erlebt aus seiner 
physischen Organisation. Es verging, verglomm das Verstandnis fur 
diesen reitenden Mithras. 

Man kann sagen: Das alles muftte geschehen, denn das Ich 
mulke seinen Impuls in der physischen Organisation erleben. Das 
Ich mulke sich fest binden an die physische Organisation, aber es 
darf sich nicht in diesem Sich-fest-Fuhlen in der physischen 
Organisation versteifen. - Es war das eine gewaltige Reaktion auf die 
Weisheitsguter des Orients, als man im Westen immer mehr und 
mehr drang auf das aus dem reinen Physischen heraus sich Ent- 
wickelnde. Diese Reaktion mulke da sein. Es fand sich auch in 
Europa alles moglkhe zusammen, um diese Reaktion zu einer recht 
starken zu machen. Aber sie durfte sich nicht langer als einige Jahr- 
hunderte in dieses geistige Streben hinein erstrecken. Eine neue 



Geistigkeit ist ja dann heraufgezogen, aber eine abstrakte Geistig- 
keit, eine sublimierte Geistigkeit, eine filtrierte Geistigkeit seit dem 
ersten Drittel des 15. Jahrhunderts. 

Die Menschen haben die physische Astronomie ergriffen, auch 
die physische Medizin, und mufiten zunachst diese Anregung aus 
diesem physisch erfiihlten Ich-Impuls heraus haben. Aber es darf sich 
weiterhin nicht versteifen in der europaischen Zivilisation, wenn 
diese europaische Zivilisation nicht ihren Niedergang finden will. 
Und Niedergangskrafte sind ja genug schon da, Reste, die eben nur 
Reste sein sollten, die man als Reste erkennen sollte. Man bedenke 
nur einmal, wie gerade die modernste Theologie, ich habe das oft- 
mals hervoigehoben, verloren hat die Moglichkeit, den Christus zu 
begreifen, wie sie immer mehr und mehr dazu gekommen ist, den 
Christus Jesus ganz zu verirdischen, ganz zu vermenschlichen, wie sie 
den «schlichten Mann aus Nazareth» an die Stelle des Christus Jesus 
setzte, wie in einem materialistisch gestalteten Herrschaftsverhaltnis 
vom Romanismus aus immer mehr und mehr verloren wurde die 
lebendige Geistigkeit, durch die das Mysterium von Golgatha wirk- 
lich dem Menschen nahegebracht werden kann. Und man sehe, wie 
sich eine Wissenschaft herausentwickelt in der neueren Zeit, welche 
alles, was aulterlkh ist, begreifen will, welche aber nicht herandrin- 
gen will zum Menschen. Und man sehe, wie im Gefolge dieser Wis- 
senschaft Impulse im sozialen Leben entstehen, die nur menschliche 
physische Ordnung herbeifuhren wollen und die nicht durchdringen 
wollen die menschlichen physischen Ordnungen mit demjenigen, 
was das gottlich-geistige, das ubersinnlich-geistige Prinzip ist. 

Dabei ist es immer nur so, wie wenn in den Menschenseelen, in 
einigen Menschenseelen zuriickbliebe so ein einzelner Lichtblick. 
Wenn ein Strahl von dem, was noch immer in ihnen von diesem 
Astralischen lebt, mit diesem Ich sich vermischt, dannbekommen sie 
solche Lichtblicke, und es gehort zu den eindrucksvollsten Erschei- 
nungen des neueren Europa, wenn wir sehen, wie aus dem Osten 
heriiberstrahlt eine gewaltige Mahnung in der Religionsphilosophie, 
in der ganz, ich mochte sagen, in ostliche Schwule getauchten Reli- 
gionsphilosophie des Solowjow, wie da heriiberstrahlt etwas von 



dem: es musse durchdringen die irdische soziale Ordnung ein Uber- 
sinnlich-Geistiges. Wir sehen gewissermaflen, wie dieser Solowjow 
eine Art Christus-Staat traumt. Er kann diesen Christus-Staat trau- 
men, weil letzte Reste eines das Ich durchstrahlenden astralischen 
subjektiven Erlebens in ihm sind. 

Halten wir heben diese Traume eines durchchristeten Staates, 
halten wir daneben dasjenige, was mit der AblehnungallesGeistigen 
nunmehr im Osten aufgerichtet worden ist, das, was nur Nieder- 
gangskrafte in sich birgt - ein ungeheurer, ein kolossaler Kontrast! 
Die Welt mufite aufmerksam werden auf einen solchen kolossalen 
Kontrast. Und wenn man heute schon Distanz genug hatte, diese 
Dinge zu sehen, man wiirde hinstellen auf die eine Seite den For- 
derer des durchchristeten Staates, des durchchristeten sozialen Ge- 
bildes, Solowjow, man wiirde ihn betrachten als jemanden, der noch 
von orientalischem Wesen angeregt war und gewissermaften einen 
letzten Funken hinwarf in dieses erstarrende Europa, um es von 
diesem Gesichtspunkte aus zu beleben. Man wiirde dann auf der 
anderen Seite ruhig zusammenstellen konnen den Zaren Nikolaus 
oder seine Vorganger und den Zaren Lenin, denn dafi sie verschieden 
schwatzen in die Weltenentwickelung der Menschheit hinein, das 
macht ihren Unterschied im Grunde genommen nicht aus. Nur das 
macht es aus, was an weltgestaltenden Kraften in ihnen lebt, und da 
lebt das gleiche in Lenin, das gleiche in dem russischen Zaren; da ist 
im Grunde genommen kein besonderer Unterschied. Es ist selbstver- 
standlich schwer, innerhalb dieser durcheinanderwogenden, aus der 
Vorzeit in die europaische Zivilisation hereinragenden Krafte sich 
zurechtzufinden. Ein Gewoge ist es zunachst, und zu suchen ist eine 
feste Richtung. In nichts anderem kann diese feste Richtung gefun- 
den werden, als in dem Hinaufheben des Ich zu einem geistigen Be- 
greifen der Welt. In einem geistigen Begreifen der Welt mufi der 
christliche Impuls wiedergeboren werden. Was angestrebt worden ist 
fur die aufiere Welt seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, das 
mulj fur den Menschen angestrebt werden, der ganze Mensch raufi 
aus der Welt heraus begriffen werden. Im Einklange mufi geschaut 
werden Weltbegreifen und Menschheitsbegreifen. In Phasen, in 



Metamorphosen miissen wir die Erdenentwickelung begreifen. 
Friihere Verkorperungen unserer Erde miissen wir sehen, aber nicht 
miissen wir hinschauen auf menschenleere Urnebel. Hinschauen 
miissen wir auf Saturn, Sonne und Mond, welche schon durchtatigt 
waren von der Menschenwesenheit, hinschauen miissen wir, wie die 
jetzige Gestaltung der Menschenwesenheit aus der Gestaltung der 
friiheren Metamorphosen des Erdenplaneten entstanden ist, wie da 
schon die menschliche Gestaltung ebenfalls in fruher Phase tatig 
war. Den Menschen miissen wir erkennen in der Welt, und aus die- 
ser Erkenntnis des Menschen in der Welt wird auch wiederum ein 
Verstandnis hervorquellen konnen des Mysteriums von Golgatha. 
Die Menschen miissen lernen zu verstehen, warum eine unwegsame 
Gegend um die Gralsburg herum ist, warum der Weg zwischen der 
Geburt und dem Tode unwegsam ist. Und wenn sie verstehen, 
warum er unwegsam ist, wenn sie verstehen, dafi das Ich sich darin- 
nen nun erfuhlt aus der physischen Organisation heraus, wenn sie 
fiihlen, wie unmoglich eine blofie physische Astronomie ist, wenn 
sie fiihlen, wie unmoglich eine blofie physische Medizin ist, dann 
werden sie sich selbst die Wege bahnen, dann werden sie in dieses 
bisher unwegsame Leben zwischen der Geburt und dem Tode etwas 
hineinbringen, was durch die eigene Seelenarbeit des Menschen ent- 
steht. Aus dem Material der Seele, des Geistes heraus selber miissen 
die Werkzeuge geschaffen werden, durch die zustande kommen die 
Spatenstiche auf jenem Felde, das ein Seelisches sein mufi, das hin- 
fiihrt zur Gralsburg, zum Geheimnis des Brotes und des Blutes, zur 
Erfiillung des Wortes: Tuet dies zu meinem Angedenken. - Denn 
vergessen ist dieses Angedenken, unbewufit ist worden dasjenige, 
was in den Worten lebt: Tuet dieses zu meinem Angedenken. - 
Denn man tut dieses zum Angedenken an den groften Moment von 
Golgatha, wenn man versteht, in dem Symbolum des Brotes, das 
heifit desjenigen, was aus der Erde sich heraus entwickelt durch die 
Synthesis der kosmischen Krafte, und wenn man versteht, in einer 
wiederum durchgeistigten Kosmologie und Astronomie die Welt zu 
begreifen, und wenn man lernt, den Menschen zu verstehen aus 
demjenigen, was sein Extrakt ist, das dasjenige ist, wo das Geistige 



in ihm unmittelbar eingreift, wenn man versteht das Mysterium 
des Blutes. Hingefunden werden raufi durch die Arbeit am Inneren 
der Menschenseelen der Weg zum Heiligen Gral. Das ist eine Er- 
kenntnisaufgabe, das ist eine soziale Aufgabe. Das ist aber auch 
eine Aufgabe, welche im weitesten Umfange in der Gegenwart ge- 
haftt wird. 

Denn was die Menschen vermoge ihres Darinnenstehens in der 
Ich-Erziehung der westlichen Zivilisation in sich entwickeln, das ist 
vor alien Dingen eine Sehnsucht, innerlich-seelischpassivzu bleiben, 
sich nicht aus dem Weltendasein geben zu lassen, was die Seelenvor- 
wartsbringen sollte. Das aktive Erfassen der Seelenkrafte, das in- 
nerliche Erleben, das ja nicht gleich eine okkulte Entwickelung zu 
sein braucht, sondern das Erleben des Seelischen iiberhaupt, das ist 
das, was eine Menschheit in Europa nicht will, welche fortsetzen 
will, was fur das uns unmittelbar vorangegangene Zeitalter selbst- 
verstandlich war: die Ich -Entwickelung, was aber hineinfuhrt in den 
krassesten Egoismus, in das blindeste Wuten der Instinkte, wenn es 
ausgedehnt wird iiber seine Zeit hinaus. In die nationalen Chauvi- 
nismen hinein hat sich dieses iiber sein Zeitmafi hinaus erstreckende 
Ich-Gefuhl zunachst begeben; in den nationalen Chauvinismen er- 
scheint es, und aus den nationalen Chauvinismen kommen die Gei- 
ster heraus, welche den Weg zum Heiligen Gral unwegsam erhalten 
wollen. Aber die Verpflichtung ist ja, alles zu tun, was getan werden 
kann, um die Menschenseelen aufzurufen zur Aktivitat sowohl auf 
dem Erkenntnisgebiete wie auf sozialem Gebiete. Aber gegen einen 
solchen Aufruf erstehen eben alle diejenigen Krafte, die von Haft er- 
fullt sind gegen diese Aktivitat der Seele. Hat man denn die Men- 
schen nicht lange genug dazu erzogen,dafi sie sich gesagt haben: Wir 
sollen als ketzerisch ansehen die eigene Arbeit der Seelen, um von 
Schuld frei zu werden, wir sollen das Siinden- und Schuldbewufit- 
sein recht entwickeln, denn wir sollen nicht durch uns vorwarts- 
kommen, wir sollen in Passivitat durch den Christus auch erlost 
werden? 

Den Christus verkennt man, wenn man ihn nicht so erkennt, daft 
er diejenige Weltenkraft ist, die sich ganz mit uns vereinigt, wenn 



wir uns durch Fragen, durch innere Aktivitat zu ihm hindurcharbei- 
ten. Und iiberall sieht man heute aufstehen aus den Bekenntnissen 
heraus, aus der Theologie, aus denjenigen, die mit der Theologie 
immer verbunden waren, aus dem Soldatentum, aus der Wissen- 
schaft, iiberall sieht man diejenigen Machte heute aufsteigen, die 
den Weg der Aktivitat verbauen wollen. 

Dafi dies der Fall ist, darauf mufite ich seit langer Zeit hinweisen 
und seit langer Zeit mulke ich immer wieder und wiederum sagen: 
Was heraufzieht als gegnerische Machte, das wird immer heftiger 
und heftiger werden; und bis heute ist das durchaus eingetroffen. 
Und nicht etwa ist es moglich, heute zu sagen, daft diese Gegner- 
schaft ihren Hohepunkt erreicht habe. Diese Gegnerschaft hat noch 
lange nicht ihren Hohepunkt erreicht. Diese Gegnerschaft hat eine 
starke organisierende Kraft im Zusammenfassen alles desjenigen, 
was zwar in Wirklichkeit zum Untergange bestimmt ist, was aber in 
seinem Untergehen durchaus fur die Zeit aufhalten kann dasjenige, 
was mk den Aufgangskraften arbeitet. Und demgegenuber sind die 
Krafte, die hinarbeiten zur Aktivitat der Seelen, heute schwach. Die- 
jenigen Krafte sind schwach, welche aus dem Erfassen der geistigen 
Welt heraus die Aufgangskrafte zu den Kraften ihrer eigenen Seele 
machen wollen. Die Welt hat einen ahrimanischen Charakter an- 
genommen. Denn das mulke geschehen, dafi das Ich, indem es sich 
im Physischen erfafite, dann, wenn es nicht zur rechten Zeit sich 
hinaufhebt zum geistigen Sich-Erfassen als eines Geisteswesens, daft 
es dann, wenn es im Physischen bleibt, von den ahrimanischen 
Machten ergriffen wird. Und dieses Ergriffenwerden von den ahri- 
manischen Machten, das sehen wir; das sehen wir daran, dafi, so- 
wenig es sich die schlafrigen Seelen gestehen wollen, geradezu eine 
Hinneigung zum Bosen heute sich iiberall geltend macht. Eine Hin- 
neigung zum Bosen ist ja deutlich wahrzunehmen gerade in der 
Kampfesart, die zum Beispiel gegen anthroposophische Geisteswis- 
senschaft und alles dasjenige unternommen wird, was mit dieser 
zusammenhangt. Aus den triibsten Pfutzen wird dasjenige entnom- 
men, mit dem heute Personlichkeiten gegen anthroposophische 
Geisteswissenschaft kampfen, die in der Welt sogar ein wissenschaft- 



liches oder theologisches Anschen genieflen. Nicht wird gefragt nach 
der Wahrheit, sondern nur gesehen wird darauf, welche Verleum- 
dung diesen Personlichkeiten besser gefallt, welche Verleumdung 
ihnen sympathischer sein kann; es ist ein starkes Besessensein der 
Menschheit von den Kraften des Bosen, von der Liebe zum Bosen. 
Und wer heute nicht zu rechnen versteht mit dieser Liebe zum Bosen, 
mit diesem Immer-grofier-und-grofier-Werden gerade dieser Liebe 
zum Bosen in dem Kampf gegen anthroposophische Geisteswissen- 
schaft, der wird ein Gefuhl, eine Erkenntnis nicht in sich entwickeln 
konnen von dem, was noch alles heraufziehen wird an gegnerischen 
Kraften und gegnerischen Machten. Seit Jahren wird gesprochen von 
mir von diesem Immer-grofier-und-grofter-Werden. Und wenn zu- 
nachst auch nichts anderes zu erlangen ist als ein deutliches Gefuhl 
davon, dann mufi wenigstens dieses deutliche Gefuhl, das immerhin 
auch eine Macht ist, aufrechterhalten werden. Man mull hinein- 
schauen in die Welt, wie sie uns heute umgibt, und man mufi nuch- 
ternen Blickes sehen, was eigentlich mit so etwas gegeben ist, wie 
mit den Schmutzereien, die jetzt bei unseren Gegnern auftauchen 
und die um so mehr Eindruck machen, je triiberen Pfiitzen sie ent- 
stammen. 

Es ist schon notwendig, daft man sich mit dieser besonderen Ei- 
genart, die immer mehr und mehr auftreten wird, mit dieser Liebe 
zum Bosen bekanntmacht und dafi man nicht in einer schlafrigen 
Weise immer wieder und wiederum in Entschuldigungsgrunden 
schwelgt, dafi die Gegner von diesen Dingen iiberzeugt seien. 
Glauben Sie iiberhaupt, dafi Sie in einem solchen Menschen, wie 
der, der als der neueste Gegner aufgetreten ist gegen anthroposophi- 
sche Geisteswissenschaft, glauben Sie denn, dafi in dem iiberhaupt 
die Moglichkeit einer inneren Uberzeugungskraft vorhanden ist? - 
Es ist in ihm gar nicht die Moglichkeit einer Uberzeugungskraft 
vorhanden. Er handelt aus ganz anderen Untergriinden heraus. Und 
es ist schon, ich mochte sagen, ein schlauer Griff, gerade nach dieser 
Seite hin zu suchen, zu suchen nach derjenigen Art, die Dinge an- 
zuschauen, die ja gerade darauf beruht, den Gegner zu tauschen. 
Wann ist man ein besserer Feldherr? - Wenn man besser den Gegner 



tauschen kann! - Wenn aber ubertragen wird dieses Prinzip auf die 
Kampfesweise um die Wahrheit, dann ist dieser Kampf ein Kampf 
der Luge, der personifizierten Luge gegen die Wahrheit. Und damk 
mufi man sich bekanntmachen, dafi dieser Kampf der personifizier- 
ten Luge gegen die Wahrheit zu allem fahig ist, da$ er dasjenige, 
was wir versuchten und versuchen, namentlich an aufieren Stiitzen 
zu gewinnen, um der Wahrheit Trager zu finden in der Zivilisation, 
daft er uns das durchaus wird nehmen wollen. Es ist nicht iiber- 
trieben, wenn gesagt wird: Alles dasjenige, was da ist als « Waldorf - 
schule» und so weiter, als dieser Bau, es ist demgegenuberdietiefste, 
griindlichste Sehnsucht in der Welt vorhanden, uns das zu nehmen! 
Und wenn wir darauf nicht aufmerksam sind, wenn wir nicht einmal 
ein Gefuhl von der ganzen Art und Weise dieser Kampfesweise in 
uns entwickeln, dann bleiben wir eben schlafende Seelen, dann er- 
greifen wir doch nicht mit innerer Wachsamkeit dasjenige, was durch 
anthroposophische Geisteswissenschaft quellen will. 

Im Grunde genommen sollte eigentlich der Zeitpunkt nicht ge- 
kommen sein, wo man sich verwundert, dafi die Gegner so werden 
konnten; denn das konnte lange voraus gewulk werden. Und wir 
stehen ja durchaus heute unter dem Eindrucke dessen, dafi wir zu- 
wenige Personlichkeiten haben, die sich zu aktiven Tragern unserer 
Geistesstromung machen. Es ist im allgemeinen unter Menschen 
heute noch leichter, durch Gewalt und Macht und Unrecht zu 
wirken als durch die Freiheit. Diejenige Wahrheit, die durch anthro- 
posophische Geisteswissenschaft verkundet werden soli, sie darf nur 
rechnen auf die Freiheit der Menschen. Sie mur* Frager finden. Und 
man darf gar nicht sagen: Warum hat diese Wahrheit nicht in sich 
selber durch gottlich-geistige Macht die Gewalt, die Seelen zu zwin- 
gen? - Das will sie nicht, das kann sie nicht. Sondern weil sie, was sie 
immer tun wird, die innere Freiheit, die Freiheit des Menschen uber- 
haupt als das Unantastbarste ansehen wird. Soli der Mensch zur an- 
throposophischen Geisteswissenschaft mit seinem Urteil kommen, er 
mufi ein Frager werden, er mufi in der innersten Freiheit des Urteiles 
sich selber uberzeugen. Gesprochen werden soli zu ihm das Wort 
von der geistigen Wahrheit; uberzeugen mufi er sich selber. Soli er 



mittatig sein im sozialen Leben, so mull er das aus dem innersten 
Impuls seines Herzens heraus tun. Frager miissen diejenigen Men- 
schen werden, die im wahren Sinne des Wortes zur anthroposophi- 
schen Geisteswissenschaft gehoren. 

Was erblicken wir auf der gegnerischen Seite? - Glauben Sie 
nicht, dafi da nur diejenigen sich zusammen organisieren, die ir- 
gendwie einseitig sind in irgendeinemBekenntnis. Nein, in Stuttgart 
wird in einer katholischen Kirche gepredigt: Genet hinein zu dem 
Vortrag des Herrn von Gleich, denn dadurch konnt ihr eure katho- 
lischen Seelen starken, ihr konnt die Gegner eurer katholischen 
Seelen iiberwinden! - Und die katholischen Seelen gehen hinein, 
der katholische General von Gleich halt einen Vortrag und schliefk 
mit einem Lutherlied! Schone Vereinigung hiiben und driiben, 
zusammen organisieren sich Gegner! - Es kommt nicht darauf 
an dafi sie irgendwie in ihrem Glauben, in ihren Meinungen einig 
sind. 

Fur uns kommt es aber an auf die Kraft, festzustehen auf dem als 
richtig erkannten Boden. Ja, es wird nichts unversucht bleiben, um 
diesen Boden zu untergraben, dessen konnen Sie sicher sein. Ich 
mulke das noch einmal aussprechen, gerade in Anlehnung an die 
Betrachtungen des Herganges der europaischen Zivilisation, denn es 
ist notwendig, dafi wenigstens die Absicht entsteht, sich fest zu 
stellen auf den Boden, den wir als den richtigen erkennen miissen. 
Und es ist notwendig, dafi man unter uns sich nicht den ja auch so 
beliebten Illusionen iiber die Gegnerschaften hingibt. Es wird darauf 
ausgegangen, uns den Boden zu unterhohlen. An uns ist es, so viel 
zu arbeiten, als nur irgend geht, und wenn der Boden unterhohlt 
werden sollte und wir hineinfielen in den Spalt, dann miifite unsere 
Arbeit dennoch so gewesen sein, dafi sie ihren geistigen Weg durch 
die Welt findet. Denn was da auftritt, es ist das letzte Zucken einer 
untergehenden Welt; aber sie kann auch noch, wenn es das letzte 
Zucken ist, wie ein Tobsikhtiger um sich schlagen; man kann unter 
diesem tobsuchtigen Umsichschlagen sein Leben verlieren. Deshalb 
mufi wenigstens erkannt werden, aus welchen Impulsen heraus das 
tobsikhtige Umsichschlagen geschieht. Mit kleinen Mitteln wird 



nichts erreicht; an das grofie miissen wir appellieren. Versuchen wir, 
gewachsen zu sein einem solchen Appellieren! 

Ich muftte dieses einschlieflen, damit gefuhlt werde, dafi wir in 
einem wichtigen, bedeutungsvollen, entscheidungsvollen Momente 
stehen und dafi wir zu iiberlegen haben, wie wir die Kraft finden 
sollen, urn durchzukommen. 



SIEBENTER VORTRAG 



Dornach, 22. April 1921 



Eine zukiinftige Geschichtsschreibung wird diese Tage als zu den 
wichtigsten der europaischen Geschichte gehorig verzeichnen; denn 
es ist ja heme bekanntgeworden, wie von Mitteleuropa aus der Ver- 
zicht geleistet wird auf einen eigenen europaischen Willen. Es wird 
sich zeigen, in welcher Weise sich die Dinge in den nachsten Tagen 
weiter entwickeln, aber wie immer auch das geschehen mag, es ist ja 
schliefilich ein Akt, der viel mehr als diejenigen, die in unserer kata- 
strophalen Zeit ihm vorangegangen sind, zusammenhangt mit 
menschlicher Willensentschliefiung, mit jener menschlichen Willens- 
entschliefiung, die im vollen Sinne aus den Niedergangskraften der 
europaischen Zivilisation heraus erfolgte. An einem solchen Tage kann 
man zuriickerinnert werden an diejenigen Zeiten, von denen ja alles 
das ausgegangen ist innerhalb der europaischen Zivilisation, was ich 
in den letzten Wochen hier seiner Herkunft nach geschildert habe, 
was gewissermaflen seinen Ausgangspunkt hat in dem von der Ge- 
schichte so oberflachlich Geschilderten, aber in die Zivilisation der 
Menschheit tief Eingreifenden des 4. nachchristlichenjahrhunderts. 

Wir haben ja diese Ereignisse nach gewissen Seiten hin charak- 
terisiert. Wir haben charakterisiert, wie vom 4. nachchristlichen 
Jahrhundert ab eigentlich dasjenige, was man den total juristischen 
Geist nennen kann, in kirchliche und weltliche Zivilisation des 
Abendlandes einzieht und dann immer intensiver und intensiver 
wird. Wir haben dann hingedeutet, aus welchen Quellen diese 
Dinge hervorgegangen sind, und wir haben ja auch schon fruher 
darauf aufmerksam gemacht, wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts 
die Menschheit der modernen Zivilisation eine Krisis durchmacht, 
die zwar weniger bemerkt wird, die aber sogar, wie wir vor einigen 
Wochen hier gesehen haben, anatomisch-physiologisch beschrieben 
werden kann. Unter dem Einflufi desjenigen, was in der Mitte des 
19- Jahrhunderts sich vollzogen hat, steht ja dann alles dasjenige, 
was sich abgespielt hat in der zweiten Halfte, namentlich im letzten 



Drittel des 19. Jahrhunderts und was dann ausgelaufen ist in die 
ungliickseligen beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. 

Eben der heutige Tag gibt Veranlassung, diese Betrachtungen, 
die wir hier in diesen Tagen nun pflegen wollen, einzuleiten in der ja 
schon otters gepflogenen, aber vielleicht gerade von dem Gesichts- 
punkte, den ich heute einnehmen will, besonders wichtigen Weise 
mit der Betrachtung einer Personlichkeit, welche in einer ganz in- 
tensiven Weise, man mochte sagen, halb als Zuschauer, halb als 
tragische Personlichkeit, welche durch die Ereignisse geht, miterlebt 
hat, was da an Absterbekraften innerhalb der europaischen Zivilisa- 
tion im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts vorhanden war. Ich 
meine Friedrich Nietzsche. 

Nicht um irgendwie die Personlichkeit Nietzsches als solche etwa 
biographisch zu betrachten, wollen wir heute unseren Gesichtspunkt 
einnehmen, sondern um an Nietzsche einiges zu zeigen aus dem 
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Sein Wirken fallt ja ganz und 
gar in dieses letzte Drittel des 19- Jahrhunderts hinein. Er ist die- 
jenige Personlichkeit, die, ich mochte sagen, mit feinvibrierenden 
Nerven mitgemacht hat alles dasjenige, was im letzten Drittel des 
19- Jahrhunderts an geistigen Stromungen iiber Europa hinweg- 
gezogen ist, und er ist diejenige Personlichkeit, die in der tragisch- 
sten Weise gelitten hat an diesen Stromungen, die in der schreck- 
lichsten Weise mitempfunden hat die Niedergangskrafte, welche in 
diesen Stromungen drinnenliegen, und die ja an dieser Tragik, an 
diesen Schrecknissen zuletzt zerbrochen ist. 

Man kann natiirlich die verschiedensten Linien zu dem Bilde Zie- 
hen, welches wir da im Auge haben. Es sollen heute einigevon diesen 
Linien gezogen werden. Aus einem mitteldeutschen Pfarrhause 
stammt Friedrich Nietzsche. Er hat um sich damit von Kindheit auf 
dasjenige, was bezeichnet werden kann mit der neuzeitlichen Kultur- 
enge, Zivilisationsenge. Er hat um sich alles das, was sich philistros- 
sentimental gibt, was zu gleicher Zeit selbstzufrieden, hochmutig ist 
und trivial-genugsam. Selbstzufrieden, hochmutig aus dem Grunde, 
weil es glaubt, in leichtgeschiirztenEmpfindungen die Unsumme der 
Weltengeheimnisse in sich zu tragen, trivial-genugsam, weil diese 



Empfindungen nunwahrhaftdie alleralltaglichsten sind, die eindrin- 
gen in die philistrose Sentimentalitat aus dem Allerallermenschlich- 
sten und die so gewertet werden in der philistrosen Sentimentalitat, 
als wenn sie das waren, was der Gott in der Menschenbrust spricht. 

Aus dieser Zivilisationsenge ist Nietzsche hervorgegangen und er 
hat als junger Mann alles dasaufgenommen, was derjenige aufneh- 
men kann, der, man mochte sagen, als zeiten- und weltenfremder 
Jungling durchgeht durch die Gymnasialbildung der Gegenwart. Er 
hat ahnen konnen durch die Gymnasialphilistrositat die Grofie des 
Griechentums. Er ging ja schon in friihesten Jiinglingsjahren mit 
vollem Herzen hinein in alles das, was ausstromt aus der griechischen 
Tragik eines Sophokles oder Aschylos, er erfullte sich mit alledem, 
was aus dem griechischen Vollmenschentum hinaufstrebt zu einer 
gewissen Erfassung des geistig-physischen Welterlebens, und er 
wollte als Vollmensch mit allem Denken, Ftihlen und Wollen drin- 
nenstehen in diesem Erleben des totalen Weltganzen, von dem der 
Mensch sich fuhlen kann als ein einzelner Teil, als ein einzelnes 
Glied. Und es mag wohl immer wieder und wiederum vor der Seele 
des Jiinglings Friedrich Nietzsche jener grofie Kontrast gestanden 
haben zwischen dem, was eben in philistroser Sentimentalitat und 
engherziger, trivialer Selbstzufriedenheit die Mehrzahl der moder- 
nen Menschen Realitat nennt auf der einen Seite und dem Hoheits- 
streben der griechischen Tragiker und Philosophen der alteren 
griechischen Zeit auf der anderen. Gewifi pendelte seine Seele hin 
und her zwischen dieser philistrosen Realitat und diesem iiber alles 
trivial-menschliche Mafi hinausgehenden Hoheitsstreben des grie- 
chischen Geistes. Und als er dann eintrat in die Sphare moderner 
Gelehrsamkeit, da odete ihn besonders an die Geist- und Kunst- 
losigkeit dieser modernen Gelehrsamkeit, das blofi intellektualisti- 
sche Treiben. Seine geliebten Griechen, an denen er das Hoheits- 
streben am intensivsten empfunden hatte, waren ihm durch die 
moderne Wissenschaft in philologisch-formale Trivialitaten gegossen . 
Er mufite sich herausfinden aus diesen philologisch-formalen Tri- 
vialitaten, und so fafite er denn seine griindliche Antipathie gegen 
denjenigen Geist, den er als den Ursprungsgeist des neuzeitlichen 



Intellektualismus auffaftte: er wurde ergriffen von einer tiefen Anti- 
pathie gegen Sokrates und alles sokratische Streben. 

Gewifi, es gibt ja die grofiartigen, guten Seiten des Sokrates, es 
gibt alles das, was man in intensiver Weise an Sokrates lernen kann. 
Aber da ist auf der einen Seite Sokrates, wie er einstmals innerhalb 
der Griechenwelt stand, und da ist der Sokrates, das Schauerge- 
spenst, welches dutch die Schilderung der modernen Gymnasial- 
lehrer und Universitatsphilosophen geht. Wen konnte denn schlieft- 
lich der junge Nietzsche kennenlernen, indem er zunachst seine 
Umgebung betrachtete? - Doch nur das Schauergespenst Sokrates! 
Und so falke er denn seine Antipathie gegen diesen Sokrates aus 
dem, was durch den Sokratismus innerhalb dieser europaischen Zivi- 
lisation heraufgezogen ist. So sah er in Sokrates den Abtoter des 
Vollmenschentums, das in der vorsokratischen Zeit kunstlerisch und 
philosophisch durch die europaische Zivilisation hindurchgestromt 
ist, und so erschien ihm zuletzt eine philistros gewordene, ode ge- 
wordene Wirklichkeit als dasjenige, was auf dem Grunde desDaseins 
die Welt iiberschaut, und aus dem sich herausarbeiten mufi, was als 
Hoheitsstreben hinauf will zu den geistigen Spharen des Daseins. 

Das letztere konnte er nicht sehen in irgend etwas, was hervor- 
gebrochen ware etwa aus dem Erkenntnisstreben; er konnte es nur 
sehen in dem, was hervorgebrochen ist in demjenigen Streben, das 
kiinstlerischen Charakter angenommen hat. Es durchglanzte ihm die 
Philisteratmosphare, zu der der Sokratismus endlich geworden war, 
das, was vom alten Griechentum heriiber als tragische Kunst auch 
heraufgekommen war. Er sah es gewissermafien wiedergeboren wer- 
den Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre in dem, was 
Richard Wagner als Tragodie aus dem Geiste der Musik erschaf- 
fen wollte. Er sah in diesem Musikdrama, das da geschaffen werden 
sollte, etwas, was mit Ignorierung des Sokratismus unmittelbar an- 
knupfte an die erste griechische Vqllmenschenzeit, und vor seiner 
Seele standen die zwei Kunstrichtungen: auf der einen Seite die dio- 
nysisch-orgiastische, die aus unergrundlichen Tiefen herauf den 
Vollmenschen hereinsaugen will in die Welt, und auf der anderen 
Seite jene andere Eichtung, welche nach und nach in Europa so ab- 



gekehrt wordcn ist, dafl sie alien Glanz verloren hat und so verfallen 
ist in die absolute geistige Sklerose des modernen Gelehrtentums: 
die apollinische Richtung. Und er strebte nach einer neuen diony- 
sischen Kunst. Das durchweht sein erstes Werk: «Die Geburt der 
Tragodie aus dem Geiste der Musik.» Und er mulke ja sogleich 
sehen, wie der typische Philister losgezogen ist gegen das, was aus 
einer von Phantasie beflugelten Erkenntnis, aus einer von Erkenntnis 
getragenen Phantasie sich ausgesprochen hat in diesem Buche «Die 
Geburt der Tragodie aus dem Geiste der Musik». Sogleich machte 
der Urphilister der modernen Zivilisation mobil, Wilamowitz, der 
dann die Leuchte der Berliner Universitat geworden ist, der die grie- 
chischen Tragiker in ein modernes triviales Gewand gekleidet hat, 
das dann unendlich bewundert worden ist von all denjenigen, die 
ebenso tief eingedrungen sind in das griechische Wort, wie sie ferne- 
stehen dem griechischen Geiste. Es fand sogleich jener Zusammen- 
stofi statt zwischen dem, was vom Geiste getragen hinein wollte in 
das erkenntnisgemafi Kiinstlerische und dem, was sich nicht wohl- 
fuhlt innerhalb dieses phantasievollen Geistes der Erkenntnis, inner- 
halb dieser geistgetragenen Erkenntnis, und was heraus sich fliich- 
tet in die philistrose Pedanterie. 

All das, was Nietzsches Seelean diesem Gegensatze erlebenkonn- 
te, all das liefi er ja dann ausstromen im Beginn der siebziger Jahre in 
seine vier sogenannten «Unzeitgemaiten Betrachtungen». Die erste 
dieser Betrachtungen war gewidmet dem eigentlichen Bildungs- 
philister der modernen Zeit. Man mufi diese «Unzeitgemafien Be- 
trachtungen» nur im rechten Lichte sehen. Es sollten gewifi nicht die 
einzelnen Personlichkeiten damit getroffen werden. Es sollte zum 
Beispiel in der ersten Unzeitgemaften Betrachtung gewifi nicht der 
sonst ja ganz brave und wackere David StrauJZ als Personlichkeit 
getroffen werden, sondern er sollte gefafit werden als der Typus des 
modernen Bildungsphilisteriums, welches so unendlich zufrieden ist 
mit dem, was in diesem modernen Leben an Trivialitaten sich ent- 
wickelt. Wir erleben es ja wieder und immer wieder, denn die Dinge 
haben sich ja im Grunde genommen seit jenen Zeiten nicht gebes- 
sert, sondern gesteigert. 



Es ist ungefahr das gleiche Erlebnis, das man hat, wenn versucht 
wird, aus den geisteswissenschaftlichen Untergriinden heraus ein 
Weltbegreifen zu geben. Dann kommen allerlei Leute und sagen: 
Ja, das mag ja alles richtig sein, was da gesagt wird iiber einen Ather- 
leib, iiber einen Astralleib, iiber eine geistige Entwickelung; aber 
wenn das alles auch richtig ist, man kann es nicht beweisen. Aber 
beweisen kann man eines: zwei mal zwei ist vier. Und man mufl vor 
alien Dingen sich auseinandersetzen dariiber, wie denn diese un- 
beweisbare Geisteswissenschaft steht zu der sicheren Wahrheit: zwei 
mal zwei ist vier. - Das ungefahr hort man ja heute in alien Tonarten 
- wenn auch nicht gerade in dieser radikalen Abschattierung -, daft 
ja doch einzuwenden ist gegen alles, was iiber Seelen- und Geistes- 
lande gesagt wird: Zwei mal zwei ist vier! - Als ob irgend jemand 
bezweifeln wiirde, dafi zwei mal zwei vier ist! 

Das Bildungsphilisterium der modernen Zeit wollte Friedrich 
Nietzsche treffen, indem er seinen Typus, den David Friedrich 
Straufi, den Verfasser des «Alten und Neuen Glaubens», dieses ur- 
philistrosen Buches, schilderte. Und dann wollte er zeigen, wie ode 
es um die moderne Geistigkeit eigentlich geworden ist. Man braucht 
sich ja nur zuriickzuerinnern an wichtige Tatsachen, um zu zeigen, 
wie ode es um diese moderne Geistigkeit geworden ist. Man braucht 
sich nur zuriickzuerinnern, wie in der ersten Halfte des 19- Jahr- 
hunderts noch in einem gewissen Sinne Feuergeister da waren, wie 
zum Beispiel jener Rotteck, der die Geschichte, wenn auch in ein- 
seitig freisinniger Weise, dennoch mit einer gewissen Feuergeistig- 
keit vortrug. Man braucht sich nur daran zu erinnern, wieinRottecks 
«Geschichte» iiberall etwas lebt von einem, kh mochte sagen, wenn 
auch etwas ausgetrocknetem, so doch ausgetrocknetem Vollmen- 
schen, der in das ganze Erdenleben der Menschheitsentwickelung 
wenigstens so viel Geistigkeit hineinbringen wollte, als in ihr Ver- 
niinftigkeit ist. Und man braucht nur dagegenzustellen diejenigen 
Menschen, die dann auftraten und sagten: Ach was, Staatsverfas- 
sung, Menschheitszustande aus der Vernunft heraus konstruieren zu 
wollen, das ist ja doch nichts. Man mufi die alten Zeiten studieren, 
man mufi sich in die Geschichte vertiefen, man mufi sehen, wie alles 



verlaufen ist und sich darnach richten, urn die Gegenwart einzu- 
richten. 

Das ist ja der Geist, der zuletzt auch in der Nationalokonomie 
und Volkswirtschaftslehre etwa durch einen Lujo Brentano seine 
oden Frikhte getragen hat, der Geist, der nur hinblicken wollte auf 
die Historie, der also eigentlich glaubte, dafi nur in alten Zeiten 
irgend etwas Produktives in die Menschheitsentwickelung hinein- 
gebracht werden konnte, daft man gegenwartig aber eigentlich das 
Innere der menschlichen Wesenheit aushohlen miisse und es ganz 
wie einen Sack vollpfropfen miisse mit dem, was man aus der Hi- 
storie gewinnen kann, damit dann dieser moderne Menschzwarnoch 
Haut und allenfalls ein bifichen etwas von dem, was unter der Haut 
liegt, habe, aber dann unterhalb dieses Bifichens ganz vollgepfropft 
ist mit dem, was alte Zeiten hervorgebracht haben, so dafi er altes 
Griechentum, altes Germanentum und so weiter von sich geben 
kann. An eine Produktivitat, an ein Selbsterfulltsein der mensch- 
lichen Seele in der Gegenwart, an das dachte man nicht und wollte 
man nicht glauben. Historie wurde die Losung der Zeit. Das ekelte 
den Nietzsche der siebziger Jahre an und er schrieb sein Buch: «Vom 
Nutzen und Nachteil der Historie fur das Leben», wo er andeutete, 
wie der moderne Mensch unter der Historie erstickt. Und er forderte, 
dafi man wiederum zur Produktivitat komme. 

Es lag noch der Geist des Kiinstlerischen in ihm. Nachdem er zu 
einem «gewissermafien Philosophen», zu Wagner, sich hingewendet 
hatte, wendete er sich wiederum zu einem Philosophen, zu Schopen- 
hauer. In dem, was in Schopenhauer lebte, sah er eine Art Wirk- 
liches des sonst oden, staubigen Philosophengeistes. Er sah in Scho- 
penhauer eine Art von Erzieher der modernen Menschheit, nicht 
etwa einen solchen nur, der es gewesen ist, sondern einen solchen, 
der es werden mufite. Und er schrieb sein Buch: «Schopenhauer als 
Erzieher» und liefi dann diesem folgen: «Eichard Wagner in Bay- 
reuth», noch einmal, ich mochte sagen, selbst in orgiastischer Weise 
hindeutend darauf , wie aus der Kunst eine Belebung der modernen 
Zivilisation hervorgehen mufite. 

Es ist merkwiirdig, aus welchen Untergriinden gerade diese 



Schrift: «Richard Wagner in Bayreuth» hervorgegangen ist. Fried- 
rich Nietzsche hat ja selbst sorgfaltig ausgesondert, was er zu dem 
noch hinzugeschrieben hatte, was dann unter dem Titel «Richard 
Wagner in Bayreuth» in die Welt hinausgezogen ist. Man mochte 
fast sagen: jede Seite dieses damals 1876 gedruckten Buches hat eine 
zweite Seite, welche etwas ganz anderes enthalt. Wahrend in 
schwungvoller Weise Bayreuth und seine Tatigkeit gefeiert wird in 
dem Buche «Richard Wagner in Bayreuth», schrieb Nietzsche dane- 
ben, ich mochte sagen zu jeder solchen Seite, eine andere, die erfiillt 
ist von tief tragischen Empfindungen iiber die Niedergangskrafte der 
modernen Zivilisation. Und er kann nicht, kann doch nicht glauben 
an das, was er selber schreibt, er kann nicht glauben, daflin Bayreuth 
die Kraft liegt, nun wirklich diese Niedergangskrafte in Aufgangs- 
krafte zu verwandeln. Diese Tragik herrscht vor in den damals aus- 
gesonderten, als Manuskript liegenbleibenden Blattern, die ja erst 
nach der Erkrankung von Friedrich Nietzsche dann das Licht der 
Offentlichkeit gesehen haben. Und damals kam der grolte Ruck, 
eigentlich schon 1876. Diese Periode in Nietzsches Leben endete 
tragisch mit dem Schmerze iiber das, was an Niedergangskraften in 
der modernen Zivilisation war. Im Jahre 1876 sehen wir Nietzsche 
schon so, dafi der Ekel iiber den Niedergang in ihm grofier ist als die 
Siifiigkeit der Aufgangskrafte, die er anfangs in Bayreuth gesehen 
hat. Und nun wird er vor alien Dingen in seiner Seele uberflutet von 
dem Ansehen alles dessen, was in die moderne Zivilisation herein- 
gezogen ist an unwahren Elementen, an moderner Unwahrhaf- 
tigkeit. Und ich mochte sagen: Das gliedert sich ihm zusammen zu 
einem Bilde von dem, was in dieser modernen Zivilisation mensch- 
lich wirkt. Er kann in dieser modernen Zivilisation nicht mehr sehen 
etwas, was in Wahrheit etwa sich hiniiberlegt wie eine erlosende 
Geistigkeit iiber das, was philistroser Wirklichkeitsgeist ist, und er 
tritt in seine zweite Epoche ein, wo er dem, was in verlogener Gestalt 
der Mensch sich in der modernen Zeit iiber sich selber vorstellt, wo 
er dem entgegenstellt dasjenige, was er das «Allzumenschliche» 
nennt, das, woriiber dieser moderne Mensch kein Bewufitsein haben 
will, was aber doch die wahre Gestalt ist. 



Man mochte sagen: Man sehe hin auf diejenigen, welche die mo- 
derne Historie in einer solchen Weise gefeiert haben, wie etwa die 
Savignys oder Lujo Brentanos oder die anderen Historiker, wie die 
Rankes und so weiter; man sehe hin auf sie alle, was treiben sie denn 
eigentlich? Was wird denn da getrieben im Gewebe des spinnenden 
Weltengeistes? - Es wird etwas hingestellt, was wahr sein soil. 
Warum wird es hingestellt als wahr? - Es wird hingestellt als wahr, 
weil diejenigen Geister, die von solcher Wahrheit sprechen, in Wirk- 
lichkeit selber impotente Geister sind, Sie leugnen den Geist, weil 
sie ihn nicht haben, weil sie nicht auf ihn kommen konnen. Sie 
diktieren der Welt: So mufit du sein -, weil ihnen selber das Licht 
fehlt, das sie iiber die Welt breiten sollen. Das Allzumenschliche, 
das ganz menschlich Eingeengte, das ist dasjenige, was zum Mensch- 
lichen hinauforganisiert wird und was wie eine absolute Wahrheit 
vor die Menschheit hingestellt wird. Das lebt als Empfindung vom 
Jahre 1876 an in Nietzsche, wahrend er seine zwei Bande «Mensch- 
liches, Allzumenschliches» schreibt; dann die «Morgenr6te» und 
endlich die «Fr6hliche Wissenschaft», durch die er sich, ich mochte 
sagen, trunken hineinstiirzt in die Natur, um herauszukommen aus 
alledem, was ihn eigentlich umgeben hat. 

Aber es ist dennoch eine tragische Empfindung in ihm. Auf ihn 
hat gewirkt der deutsche Norden, uberhaupt der europaische Nor- 
den und das mittlere Europa, er hat alles das angenommen, er hat 
aus Schopenhauer, Richard Wagner heraus den Weg zum Voltai- 
rismus genommen, und Voltaire ist die Schrift «Menschliches, Allzu- 
menschliches» gewidmet. Er versucht den Sokratismus zu erneuern, 
indem er ihm Leben einzuhauchen versucht, aber indem er hinter 
der modernen Zivilisationsluge sucht die allzumenschliche Wahr- 
heit, die menschliche Engigkeit. Er sucht aus dieser menschlichen 
Engigkeit heraus den Geist zu erringen. Er findet ihn nicht hinter 
dem, was die Menschen in der neueren Zeit hervorgebracht haben. 
Er glaubt ihn durch eine Art trunkenen Sich-Hineinsturzens in die 
Natur zu flnden. Und dieses trunkene Sich-Hineinsturzen in die 
Natur, das versuchte er zu leben, indem er immer wieder und wie- 
derum wahrend seiner Urlaubszeit nach dem Siiden ging, um in der 



warmen Sonne und unter dem blauen Himmel eben zu vergessen, 
was in der neueren Zek Menschen hervorgebracht haben. Dieses 
trunkene Sich-Hineinstiirzen in die Natur, das liegtalsEmpfindung, 
als der Grundton in seiner «Morgenr6te» und in der «Fr6hlichen 
Wissenschaft». Froh ist er dabei nicht geworden, tragisch ist er ge- 
blieben. Und es ist eine merkwurdige Empfindung, die wir da in 
ihm finden. Sie tritt uns besonders entgegen, wenn wir ihn diese 
Empfindung in Lyrik einschliefien sehen und von ihm horen: 

Die Krahen schrei'n 

und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: 

bald wird es schnei'n, - 

wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat! 

Er hat auch keine Heimat. «Flieg\ Vogel, schnarr dein Lied im Wii- 
stenvogelton.» Er hat keine Heimat; denn so kam er sich vor, als 
ob die Krahen um ihn herum schrieen, als er von Deutschlandimmer 
wieder geflohen war nach Italien. Aber dafi er in dieser Stimmung 
nicht stehenbleiben darf, das zeigt sich gleich; es gibt von Nietzsche 
Sprikhe, wo er sich gleich wiederum dagegen verwahrt, dafi man 
diese Stimmung von «Die Krahen schrei'n und ziehen schwirren 
Flugs zur Stadt» zu ernst nehme. Er will nicht als der tragische 
Mensch blofi genommen werden, er will doch zu gleicher Zeit lachen 
uber all das, was sich da in der modernen Zivilisation abgespielt hat. 
Wie gesagt, lesen Sie die paar Zeilen, die dann auf dieses «Krahen 
schrei'n»-Gedicht in der jetzigen Nietzsche-Ausgabe folgen. Und 
so sehen wir denn, wie gewissermaflen in Nietzsche ein Geist da ist in 
diesem letzten Drittel des 19- Jahrhunderts, pradestiniert dazu, zu 
verlassen alles das, was die Menschen der modernen Zivilisation her- 
vorgebracht haben, herauszufliehen aus alledem, was die Kunst her- 
vorgebracht hat, was die Erkenntnis hervorgebracht hat, um ein Ur- 
spriingliches zu finden, um neue Gotter zu finden und die alten 
Gotzen zu zertrummern. 

Man mochte sagen, die Zeit hat aber diesem Geiste zu tiefe 
Wunden geschlagen, als dafi diese Wunden hatten heilen konnen 



und etwa gar aus diesen Wunden hervorgegangen ware ein produk- 
tiveres Neues. Und so springen denn hervor aus diesen Wunden in- 
haltleere Geschopfe, inhaltleere Ideen; es erscheint, von blutender 
Lyrik durchschwiilt, der «t)bermensch». Unmoglich fur Nietzsche, 
im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aus der Naturwissenschaft 
heraus, die den Menschen ausgeloscht hat, aus der Soziologie und 
dem sozialen Leben des letzten Jahrhunderts heraus, das die Maschi- 
nen hat, aber nicht mehr den Menschen, nur den Menschen, der an 
der Maschine steht -, unmoglich fur Nietzsche, da noch zu dem 
Menschen vorzudringen. Aber den Drang erlebt er: heraus, mit 
Negation heraus aus dem, was nicht mehr als Mensch gewufit und 
empfunden ist. Statt des Begreifens des Menschen aus der ganzen 
Welt heraus, statt einer «Geheimwissenschaft», der abstrakte «Uber- 
mensch», lyrisch durchschwiilt, lyrisch iiberhitzt, krankhaft, krampf- 
haft, in Visionen vor seine Seele tretend im «Zarathustra», in Visio- 
nen, die zum Teil die tiefsten Seiten des menschlichen Wesens be- 
riihren, die aber im Grunde genommen immer disharmonisch 
irgendwo erklingen, die gewollte Disharmonie aus sich heraus- 
setzend. 

Und dann die andere Negation oder eigentlich inhaltsleere Idee. 
Dieses Leben zwischen Geburt und Tod des Menschen, es kann nicht 
begriffen werden, wenn es nicht zugleich in Erweiterung gedacht 
wird iiber das eine Erdenleben hinaus. Derjenige, der wirklich einen 
Sinn hat, das eine Leben zwischen Geburt und Tod zu erfassen, der- 
jenige, der es nur mit einer so tiefen Empfindung und mit einem 
solchen Lyrismus erfafit, wie Friedrich Nietzsche es erfafit hat, der 
ahnt zuletzt: Es kann dieses Leben nicht verstahden werden als ein 
einzelnes, man mufi es in seiner Entwickelung durch viele Leben be- 
trachten. - Aber sowenig Nietzsche dem Menschen einen Inhalt 
geben konnte und deshalb zu der Negation «Ubermensch» hinan- 
schreitet, krampfhaft, so wenig konnte er den wiederholten Erden- 
leben einen Inhalt geben. Er hohlte sie aus, diese Leben, sie wurden 
zu der oden Wiederkehr des Immergleichen, zu der ewigen Wieder- 
kehr des Gleichen. Man denke sich nur einmal, was uns vor die Seele 
treten kann in den wiederholten Erdenleben, die im Karma durch 



ein machtiges Schicksalsrollen miteinander zusammenhangen, man 
denke sich, wie da das eine Leben in das andere Inhalt hineingielk, 
und man denke sich nun ausgeleert diese Erdenleben bis zumwesen- 
losen Balg, alien Inhaltes entleert, und die ewige Wiederkehr des 
Gleichen steht da, das Zerrbild der wiederholten Erdenleben. 

Und unmoglich, durchzudringen durch das, was die modernen 
Konfessionen geben, zu dem Bilde des Mysteriums von Golgatha - 
so erschien fur Nietzsche dasjenige, was sich ihm durch das Christen - 
turn hatte erschlieften konnen! Unmoglich, durch das, was seit dem 
4. nachchristlichen Jahrhunderte entstanden ist an konfessionellen 
Anschauungen, hindurchzudringen zu dem Bilde desjenigen, was 
sich abgespielt hat im Beginne unserer Zeitrechnung in Palastina. 
Aber erfullt war Nietzsche von einem tiefen Wahrheitsdrang. Das 
Allzumenschliche war in trauriger Gestalt vor seine Seele gezogen. 
Nicht wollte er mitmachen die Luge der modernen Zivilisation; er 
liefi sich nicht ein Bild des Mysteriums von Golgatha vormachen, wie 
es etwa die Widersacher des Christentums von dem Schlage Adolf 
Harnacks vor die Welt hinstellen, in absoluter Verlogenheit. Er 
wollte selbst noch in der Luge, die als das wirklich Gegebene da war, 
die Wahrheit erkennen. Daher seine Verzerrung des Mysteriums von 
Golgatha im «Antichrist». Im « Antichrist* stellte er das Bild hin, das 
man hinstellen mufi, wenn man herauswachst aus dem modernen 
konfessionellen Vorstellen und wenn man, statt zu liigen, die Wahr- 
heit sagen will aus diesem Vorstellen heraus, wenn man aber zu- 
gleich nicht hindurchdringen kann durch dasjenige, was die 
moderne Erkenntnis bietet, zu dem, was nun wirklich dasteht mit 
dem Mysterium von Golgatha. 

So etwa stand Nietzsche da im Jahre 1886, 1887. Verlassen hatte 
er alles, was moderne Zivilisationserkenntnis bietet. Zur Negation 
des Menschen im «Ubermenschen» war er iibergegangen, weil er aus 
der modernen Erkenntnis, die den Menschen ausgetilgt hatte aus 
ihrem Bereiche, den Menschen nicht gewinnen konnte. Aus seiner 
Empfindung gegenuber dem einen Erdenleben hatte er die Ahnung 
empfangen von den wiederholten Erdenleben, aber die moderne Er- 
kenntnis konnte ihm keinen Inhalt dafur geben. So leerte er aus das- 



jenige, was er erahnte; keinen Inhalt hatte er mehr, nur das formale 
Fortrollen des Ewiggleichen in ewiggleicher Wiederholung, das stand 
vor seiner Seele; und das Zerrbiid des Mysteriums von Golgatha, wie 
er es in seinem «Antichrist» schilderte, weil kein Weg ist, wenn man 
die Wahrheit beibehalten will, von demjenigen, was moderne Theo- 
logie bietet, zu dem, was die Anschauung des Mysteriums von Gol- 
gatha ist. 

Uber die Christlichkeit der neueren Theologie hatte er ja schon 
in den Schriften des Basler Theologen Overbeck manches lesen kon- 
nen. Daft diese moderne Theologie nicht christlich ist, sollte im 
wesentlichen durch Overbecks Schriften uber die moderne Theologie 
bewiesen werden. Alles was im modernen Christentum als Unchrist- 
liches lebt, hat tief in der Seele Nietzsches gewohnt. Ihm war durch 
die Aussichtslosigkeit dieser modernen Erkenntnis ein wirklicher 
Uberblick uber das, was beim Menschen durch das eine Leben fur 
das andere gezeugt wird, genommen worden, und so erstand ihm 
der inhaltsleere Gedanke von der Wiederkehr des Gleichen. Ihm war 
genommen worden der christliche Impuls durch dasjenige, was sich 
in der modernen Zeit Christlichkeit nennt, und ihm war vor Augen 
getreten die Unwahrhaftigkeit der modernen Zeit, so daft er nicht 
einmal an die Wahrhaftigkeit der Kunst glauben konnte, an die er 
hat glauben wollen im Beginne seiner aufsteigenden Laufbahn. Und 
er ist schon mit dieser Tragik erfullt, als sich aus seiner Seele solche 
Ausspruche heraus entwickeln wie der: «Und die Dichter liigen zu 
viel...». Aus dem tiefsten menschlichen Wesen heraus haben aller- 
dings Dichter und Kiinstler in der neueren Zivilisation zuviel 
gelogen und liigen zuviel bis heute. Denn was fur die Zukunfts- 
krafte am meisten gebraucht wird und was die moderne Zivilisation 
am wenigsten hat, das ist der Geist der Wahrheit. 

Nietzsche strebte nach diesem Geist der Wahrheit, der allein den 
Menschen vor den Menschen hinstellen kann, der allein durch die 
Entwickelung der Erdenleben diesem Erdenleben einen anderen 
Sinn geben kann als die sinnlose Wiederkehr des Gleichen. Ihn 
diirstete aus einem Wahrheitssinne heraus nach der wirklichen Ge- 
stalt desjenigen, der uber die Fluren Palastinas gewandelt ist. Erfand 



nur das Zerrbild innerhalb der modernen Theologie und innerhalb 
der modernen Christlichkeit. An alldem zerbrach er. Und so ist die 
Personlichkeit Friedrich Nietzsche der Ausdruck fur das Zerbrechen 
des nach Wahrheit strebenden Geistes innerhalb der Unwahrhaftig- 
keit, welche heraufgezogen war seit dem Krisenpunkt der neueren 
Zeit, seit der Mitte des 19- Jahrhunderts. So stark war sie herauf- 
gezogen, diese Unwahrhaftigkeit, dafi ja die Menschen nicht einmal 
ahnen, wie tief sie verstrickt sind in die Netze dieser Unwahrhaftig- 
keit, dafi die Menschen schon gar nicht mehr daran denken, wie man 
heute schon in jedem Augenblicke an die Stelle der Unwahrhaftig- 
keit stellen sollte die Wahrhaftigkeit. Aber nicht anders als indem 
man darauf aufmerksam wird, wie gerade diese Grundempflndung: 
Wahrhek anstelle der Unwahrhaftigkeit, unsere Seele durchziehen 
mull - nicht anders als durch diese Grundempflndung kann anthro- 
posophische Geisteswissenschaft leben. Die moderne Zivilisation 1st 
auferzogen in dem Geiste der Unwahrhaftigkeit, und mit dem Geist 
der Unwahrhaftigkeit - man kann dies schon sagen als ein Exempel - 
hat gerade anthroposophische Geisteswissenschaft am allermeisten zu 
kampfen. Und jetzt ist es schon einmal so, wie ich auch am Schlusse 
meiner letzten Betrachtungen hier gesagt habe, dafi wir in einer 
tiefen, in einer intensiven Krise auch in bezug auf anthroposophisch 
orientierte Geisteswissenschaft stehen, und wir hatten es gar sehr 
notwendig, dafi aus einem Enthusiasmus der Wahrheit heraus ge- 
wirkt werde, intensiv gewirkt werde. Denn schliefilich exempliflziert 
sich an dem, was stundlich und taglich geschieht, dasjenige, woran 
unsere Zivilisation krankt, dasjenige, an dem sie zugrunde gehen 
mufi, wenn sie sich nicht ermannt. 

Sehen Sie, in einer Wochenschrift, die zumeist der Ausdruck ist 
einer weitverbreiteten offentlichen Meinung, sehen wir in der letzten 
Nummer Stimmung gemacht gegen das, was Simonssche Politik ist. 
Selbstverstandlich hat anthroposophische Geisteswissenschaft eben- 
sowenig wie «Dreigliederung» irgend etwas zu tun mit der Simons- 
schen Politik. Aber zusammengeworfen wird heute aus einem tiefen 
Unwahrhaftigkeitsgeiste heraus anthroposophische Geisteswissen- 
schaft mit Simonsscher Politik. Man weifi, was man mit solchen 



Dingen erreicht, und man wird viel damit erreichen. Und es driickt 
sich wirklich etwas von der ganz versumpften Verlogenheit aus, wenn 
man lesen mull einen solchen Satz, der unter Anfiihrungszeichen 
hier in dieser Wochenschrift erscheint und mit dem Simons charak- 
terisiert werden soil: «Er ist der Lieblingsschiiler des Theosophen 
Steiner, der ihm eine grofie Zukunft prophezeit hat, steht fest auf 
dem Evangelium der Dreigliederung, ist aber auch im Sinne seines 
Wuppertales ein frommer Christ. » 

Nun, so viele Worte, so viele Liigen! Ich sage nicht: so viele 
Satze, so viele Liigen, sondern ich sage ganz bewufit: So viele Worte, 
so viele kniippeldicke Liigen - mit Ausnahme des letzten Satzes -; 
die ersten Satze sind in jedem Wort erlogen: «Er ist der Lieblings- 
schiiler des Theosophen Steiner, der ihm eine grofie Zukunft pro- 
phezeit hat, steht fest auf dem Evangelium von der Dreigliederung» 
- es ist naturlich alles erlogen! - «ist aber auch im Sinne seines Wup- 
pertales ein frommer Christ. » 

Damit wird, mit diesem letzten Satze, indem er zu den fruheren 
hinzugefiigt wird, zu der Verlogenheit selbstverstandlich noch die 
absolute Paralyse hinzugefiigt. Denn man stelle sich nur einmal vor 
dieses Geschopf, das entstehen wiirde, wenn es wirklich zustande 
kommen konnte, dafi irgendeiner mein Lieblingsschiiler wiirde, dafi 
ich diesem Lieblingsschiiler eine grofie Zukunft prophezeien wiirde, 
dafi er feststehen wiirde auf dem «Evangelium der Dreigliederung», 
und dafi er nun im Sinne der biederen Leute im Wuppertal ein 
frommer Christ ware! Man stelle sich dieses Gebilde eines Menschen 
vor! Das aber ist heutige Zivilisation, ist, so unbedeutend es schei- 
nen mag, dennoch ein deutliches Symptom fiirmodeme Zivilisation. 
Denn diejenigen, die sehr haufig gegen solche Dinge polemisieren, 
die polemisieren mit gleicher Luge und mit gleicher Paralyse. Und 
die anderen merken gar nicht, was fur sonderbare Gebilde «vor ihre 
dummen Augen gezaubert werden», verzeihen Sie, ich zitiere nur, 
was in einem meiner Mysterien von den Gnomen gesagt wird. Sie 
merken gar nicht, was vor die, nun ja, sagen wir jetzt «intelligenten» 
Augen - so wie Intelligenz in der neueren Zivilisation gemeint ist - 
gezaubert wird. Man nimmt tatsachlich heute alles hin, weil die 



Empfindung fehlt fur die Wahrheit und Wahrhaftigkeit, und der 
Enthusiasmus fehlt fur das Geltendmachen der Wahrheit und Wahr- 
haftigkeit inmitten einer unwahren und unwahrhaftigen Zivilisation. 

Ehe man nicht ernst macht mit solchen Dingen, eher kann es 
nicht weitergehen. Man mufi ein anderes Bild heute vor die Seek 
hinstellen. In diesen Tagen tritt es deutlich vor die Seele der Men- 
schen, dafi Europa das Grab seiner Zivilisation schaufeln will und 
dafi es herbeirufen will, dieses Europa, ein Auftereuropaisches, 
damit iiber dem zugeschaufeken Grab der alten Zivilisation, auch 
schon iiber dem zugeschaufeken Grab des Goetheanismus, etwas 
ganz anderes sich erhebe. Nun, es wird sich ja zeigen, ob aus dem- 
jenigen, dem ja durch die Politiker das Grab geschaufelt werden 
soli, noch etwas hervorgehen kann, das nun wirklich aufnimmt die 
Aufgangskrafte, das da findet den Menschen, das da findet die wie- 
derholten Erdenleben als den einzig wirklichen Impuls des Ewig- 
keitsgedankens, das da findet das wahre Mysterium von Golgatha als 
den richtigen Impuls, das Christentum gegenuber alldem, was auf 
diesem Gebiete als das Unwahre und Unwahrhaftige auftritt. 



ACHTER VORTRAG 



Dornach, 23. April 1921 



Ich werde heute ein scheinbar entlegeneres Kapitel vorzubringen 
haben, das sich aber doch mit dem gestern Gesagten und morgen zu 
Sagenden zu einem Ganzen zusammenschliefien wird. Ich habe 
6ft ers erwahnt, dafi der Mensch, indem er die Entwickelung der 
Menschheit uberblickt, zu sehr von der Anschauung ausgeht, dafi 
eigentlich die Gesamtverfassung des menschlichen Seelenlebens, so 
lange es iiberhaupt eine menschliche Entwickelung gibt, die ge- 
schichtlich oder vorgeschichtlich zu verfolgen ist, im wesentlichen 
gleichgeblieben sei. Aber das, was da geglaubt wird, entspricht eben 
durchaus nicht den Tatsachen. Aller dings, es ist schwer zu konstatie- 
ren, wie die aufeinanderfolgenden Metamorphosen der menschlichen 
Seelenentwickelung gewesen sind, wenn man blofi in der Lage ist, 
auf die geschichtlich durch Dokumente iiberlieferten Tatsachen zu 
sehen. Wenn man jedoch weiter zurikkschauen kann, als diese Tat- 
sachen gehen, dann zeigt sich auch das geschichtlich Uberlieferte in 
einem anderen Lichte, und dann zeigt sich, dafi es mit der mensch- 
lichen Seelenbeschaffenheit nicht immer so gewesen ist, wie es heute 
ist, oder wie es in den Zeiten war, die gerade noch durch Aufierliches 
zu uberschauen sind. Vor alien Dingen glaubt man: Nun ja, der 
Mensch hat zum Beispiel heute so etwas wie eine Geometrie, er hat 
so etwas wie eine Arithmetik, die ja im wesentlichen die Lehre vom 
Zahlen ist, und er hat dann die Kunst des Wagens, des Gewicht- 
bestimmens. Man macht sich Vorstellungen dariiber, was messen ist, 
was ein Mafi ist. Man macht sich Vorstellungen dariiber, wie man 
heute zahlt und wie man die Dinge abwiegt, und man denkt sich: 
Gewifi, in der Zeit, in der nach unserer nun einmal bestehenden 
Meinung die Menschen noch ganz kindlich waren, in der haben sie 
eben noch nicht messen, zahlen und rechnen gekonnt. Aber seitdem 
man das kann, seitdem wird es eben ungefahr in derselben Weise 
ausgeubt, wie das heute ausgeiibt wird. 

Das ist eben durchaus nicht der Fall, und wenn es auch, wie 



gesagt, in ein entlegeneres Gebiet fuhrt, wir miissen uns schon ein- 
mal, bevor wir auf das Geschichtliche der Menschheit eingehen, et- 
was genauere Vorstellungen bilden iiber Mafi, Zahl und Gewicht. 
Sie wissen ja, daft auch nach der aufieren Uberlieferung in der pytha- 
goraischen Schule iiber die Zahlen etwas andere Ansichten ge- 
herrscht haben als heuteherrschen. Die Pythagoraer haben,wie Sie ja 
alle wissen, bestimmte Vorstellungen verkniipft mit der Zahl - eins, 
zwei, drei, vier und so weiter -, sie haben ganz bestimmte Vorstel- 
lungen verbunden mit der geraden Zahl, mit der ungeraden Zahl. 
Kurz, sie haben in einer gewissen qualitativen Weise, nicht blofi in 
quantitativer Weise von der Zahl gesprochen. 

Wenn man dasjenige, was da zugrunde liegt, geisteswissen- 
schaftlich betrachtet, so kommt man dazu, einzusehen, wie das, was 
in der pythagoraischen Schule vorhanden war, die ja immerhin noch 
eine Art Geheimschule war, im Grunde schon nur mehr der letzte 
Nachklang von einer viel alteren Zahlenweisheit war, die in uralte 
Zeiten zuriickgeht, und von der sich nur Uberlieferungen erhalten 
haben. Und das, was uns iiber Pythagoras gesagt wird, das ist im 
Grunde genommen schon etwas, was im Niedergange begriffen war 
von einer uralten Zahlenlehre. Man kommt eben, wenn man die 
Sachen geisteswissenschaftlich verfolgt, iiber Mafi, Zahl und Ge- 
wicht zu wesentlich anderen Vorstellungen, als wir sie heute haben. 
Aber wie gesagt, wir mussen uns da ein wenig klarmachen 
konnen, wenn das auch manchen von Ihnen Schwierigkeiten be- 
reiten mag, wie es heute um diese Begriffe Messen, Zahlen, Wagen 
steht. 

Messen - wie messen wir? Wir konnen nur ein Mafi haben, und 
dieses Mafi, das mufi in irgendeiner Weise angenommen sein. Wir 
konnen nicht sagen, dafi dieses Mafi, das wir zugrunde legen, 
nehmen wir also heute das Metermafi, irgendwie absolut bestimmt 
sei. Es ist angenommen, es ist bestimmt als ein bestimmter Teil des 
nordlichen Erdmeridianquadranten, der durch Paris geht, und es ist 
nicht einmal dieser Teil, der zehnmillionste Teil, genau enthalten in 
jenem gewissermafien ehernen Grundmafistab, der zu Paris sich be- 
findet als der Urmeterstab. Aber es ist angenommen. Man sagt, man 



will von einem bestimmten Mafi ausgehen, und dann mifit man an- 
dere Langen damit oder auch Flachen, indem man aus dem Langen- 
mafi ein Quadratmafi bildet. Aber dasjenige, was man da herausbe- 
kommt iiber das zu Messende, ist zuriickgefuhrt auf ein rein Will- 
kurliches, auf ein einmal Angenommenes. Das ist wichtig, dafi wir 
uns das klarmachen, dafi wir eigentlich ein willkiirliches Mafi 
zugrunde legen, so dafi wir immer nur das Verhaltnis irgendeiner 
Grofie zu diesem willkiirlich angenommenen Mafi haben, wenn wir 
messen. Mit der Zahl verhalt es sich schon etwas anders. 

So wie wir heute einmal in unserem abstrakten Dasein leben, so 
zahlen wir «eins», «zwei», «drei»; wir zahlen «eins», «zwei», «drei», 
wenn wir Apfel zahlen, wenn wir Menschen zahlen, wenn wir Pferde 
zahlen, wenn wir Stiihle zahlen. Fiir das, was da durch die Zahl be- 
stimmt werden soil, ist es gleichgiiltig, wofiir wir «eins» sagen. Wir 
haben unsere besondere Art des Zahlens fur alle Dinge, die wir eben 
abzahlen und die als Einheit etwas in sich Geschlossenes bilden. 

Merken Sie, wenn wir messen, so legen wir eine willkurliche 
Maikinheit zugrunde; aber auf diese willkurliche Mafieinheit bezie- 
hen wir dann alles. Diese Mafieinheit ist gewissermafien etwas, sie ist 
da; sie ist sogar vorstellbar, ich mochte sagen, in einer dingahnlichen 
Art, in einer sachahnlichen Art. Die Einheit als Zahl, die ist nicht 
vorstellbar in einer dinglichen Art. Was die Einheit als Zahl ist, das 
ist ein volliges Abstraktum, das ist etwas, was auf alles anwendbar 
ist. Es kommt nicht darauf an, ob wir Jahre zahlen oder ob wir Men- 
schen zahlen oder ob wir Sterne zahlen, wir werden ins vollig Ab- 
strakte gefiihrt, in dasjenige, mit dem gar keine Wirklichkeit ge- 
meint werden kann, weil alle Wirklichkeiten damit gemeint sein 
konnen und keine Wirklichkeit gemeint sein kann. Wenn wir arith- 
metisch die Einheit zugrunde legen, da entfallt uns das bifichen 
Dinghafte, Sachhafte, was wir noch haben, wenn wir messen. Und 
gar beim Wagen, beim Wagen haben wir es zu tun damit, daft wir 
dasjenige gar nicht ubersehen, was wir zugrunde legen. Da entfallt 
uns die Geschichte noch mehr als bei der Zahl. Bei der Zahl haben 
wir wenigstens, wenn wir etwa Stiihle zahlen und sagen «eins», 
«zwei», «drei», mit dem dritten Stuhle abgeschlossen und er steht als 



Einheit vor uns. Wenn wir aber eine Waage haben, da legen wir auf 
der einen Seite ein Gewicht auf - das Gewicht ist ja fur skh nichts, 
wenn es nicht angezogen wird von dcr Erdc , wie wir sagen -, und das 
wiederum, was wir abwagen, ist gleich dem Gewichte des Gewichtes. 
Aber wir stehen da gar nicht mehr allein; wir stehen im Grunde ge- 
nommen mit der ganzen Erde da. Dasjenige, worauf wir uns be- 
ziehen, liegt vollig irgendwie aufierhalb des Bereiches, den wir iiber- 
schauen. Wir kommen in ein volliges Abstraktum hinein, wenn wir 
sagen: Irgend etwas wiegt funf Kilo. - Denken Sie nur, was Sie da 
eigendich in der Vorstellung haben, wenn Sie sagen, etwas wiegt 
funf Kilo, Sie legen ein Funfkilogewicht auf eine Waagschale, ja, 
aber ein Funfkilogewicht, das ist ja nichts fur sich! Es ist keine Eigen- 
schaft des Dinges da. Wenn ich sage: Ein Stuhl - so ist wenigstens 
dieses «eins» geschlossen in dem Stuhl drinnen; aber diese funf Kilo, 
die miissen sich auf die Erde beziehen. Da haben Sie nur irgend et- 
was, was eine Beziehung zu etwas ist, was Sie gar nicht iiberschauen: 
zum ganzen Erdenkorper. Und wenn Sie dann das andere auf der 
Waagschale, die funf Kilo abwiegen sollen, so haben Sie wieder 
etwas, was Ihnen ganz entschliipft, was wieder einem Ganzen ange- 
hort, was weniger ist als ein Abstraktum. 

Gehen wir von der Zahl aus. In friiherer Zek - und wir werden 
dabei zuriickgefuhrt eigentlich bis in den zweiten nachatlantischen 
Zeitraum -, in dem zweiten nachatlantischen Zeitraum, da behan- 
delte man das ganze Denken iiber die Zahl wesentlich anders, als es 
heute in der aufleren Welt behandelt wird. Da hatten wirklich die 
Menschen Vorstellungen iiber «eins», iiber «zwei», iiber «drei». Fur 
uns ist «zwei» nichts anderes als das zweimalige Vorhandensein der 
Einheit; und «drei» ist das dreimalige Vorhandensein der Einheit 
und «vier» eben das viermalige Vorhandensein der Einheit. Und so 
zahlen wir fort, indem wir immer nur «eins» dazugeben, also 
denselben Denkakt wiederholen. Wir konnen ihn ad infinitum, ins 
unendliche wiederholen. 

So war es nicht in dem zweiten nachatlantischen Zeitraum. Da 
fuhlte man, sagen wir zwischen «zwei» und «drei», einen solchen 
Unterschied, wie man ihn heute nur zwischen Gegenstanden fiihlt. 



Man fiihlte in der Drei etwas wesentlich anderes als in der Zwei, 
nicht blofi dafi die Einheit dazugefiigt ist, sondern man fiihlte in der 
Drei etwas Geschlossenes, etwas, wo sich die drei Dinge aufeinander 
beziehen, in der Zwei etwas Offenes, etwas, wo die zwei Dinge 
gleichgiiltig nebeneinanderliegen. Diese Gleichgultigkeit desNeben- 
einanderliegens, an das dachte man, wenn man «zwei» sagte. In der 
Drei fiihlte man nicht etwas gleichgiiltig Nebeneinanderliegendes, 
sondern man konnte sich unter Drei nur etwas vorstellen, was zu- 
sammengehort, wovon sich jedes auf das andere bezieht. Von der 
Zwei konnte man sich vorstellen, dafi das eine links entwischt, das 
andere rechts entwischt. Von der Drei konnte man sich das nicht 
vorstellen. Von der Drei stellte man sich immer vor: Wenn das eine 
entwischt, dann sind die zwei anderen nicht mehr das, was sie ge- 
wesen sind, denn dann sind sie ein Gleichgiiltig-Daseiendes. Die 
Drei schlofi gewissermafien die Zwei zu einer Totalitat, zu einem 
Ganzen zusammen. Ein solches Rechnen, wie wir es haben, das 
elementare Rechnen, das Wiederholen desselben Aktes, das gab es 
in jenen alteren Zeiten iiberhaupt nicht. Und erst heute werden wir 
durch die Geisteswissenschaft wiederum in einer gewissen Weise in 
das Qualitative der Zahl hineingefiihrt. 

Ich kann Ihnen das an einem Beispiel, das Sie langst kennen, 
veranschaulichen, so dafi Sie sehen werden: man ist genotigt, nicht 
blofi eins zu eins zu eins und so weiter hinzuzufugen, sondern mit 
der Zahl nun auch wirklichkeitsgemafi unterzutauchen in das Da- 
sein. Damit Sie eine, es ist noch, ich mochte sagen, dieelementarste, 
Vorstellung von der Sache bekommen, machen Sie mit mir das Fol- 
gende durch. Sie finden in meiner «Theosophie» die einzelnen 
Glieder des Menschen beschrieben; diese Glieder des Menschen wer- 
den beschrieben: 

1. Physischer Leib 

2. Atherleib 

3. Astralleib 

4. Empfindungsseele 

5. Verstandes- oder Gemiitsseele 



6. Bewufitseinsseele 

7. Geistselbst 

8. Lebensgeist 

9. Geistesmensch 

Aber diese Glieder der menschlichen Wesenheit so nebeneinander- 
zufiigen, das heifit, sie nacheinander abstrakt aufzuzahlen, das heifit 
nicht in die Wirklichkeit untertauchen. Denn diese Neun hier, die 
gibt es ja gar nicht; man kann gar nicht so zahlen: 1 . Physischer Leib, 
2. Atherleib, 3. Astralleib, 4. Empfindungsseele; man kann gar nicht 
so zahlen, wenn man sich die menschliche Wesenheit klarmachen 
will, wenn man heute den Menschen seiner Wirklichkeit nach an- 
sieht. Tatsachlich mull man so sagen: Physischer Leib, gut, der grenzt 
sich als ein in sich Geschlossenes ab, Atherleib auch; aber der Astral- 
leib, indem wir also zum Dritten iibergehen, der ist nicht etwas in 
sich Abgeschlossenes, und wir konnen nicht einfach die Empfin- 
dungsseele zu ihm hinzuzahlen beim wirklichen Menschen, sondern 
wir miissen diese zwei, Astralleib und Empfindungsseele, unbedingt 
zusammenfassen und dadurch, dafi wir in der Wirklichkeit iiber- 
gehen von eins zu zwei zu drei, konnen wir gewissermafien real ab- 
zahlen, konnen wir in der Drei nicht finden ein einfaches Hinzu- 
fiigen. 

Dasjenige, was im Menschen sich bildet als «Astralleib» und 
«Empfindungsseele», die ineinanderwirken, ist abstrakt einfach ein 
Drittes; aber dadurch, daft wir in dieser Realitat iibergehen zum 
Dritten, konnen wir nicht mehr einfach zu den zwei Ersten ein Drit- 
tes hinzufugen, sondern miissen uns klar sein: dieses Dritte ist in 
sich etwas anderes als die beiden Ersten. 

Dann kommen wir dazu, das Vierte zu zahlen, was eigentlich das 
Fiinfte ist, und dann miissen wir wiederum im Grunde genommen 
das Sechste und Siebente zusammenrechnen im heutigen Menschen, 
so dafi wir eigentlich haben, wie Sie das auch in meiner«Theosophie» 
verzeichnet finden: drei, vier, fiinf, sechs, sieben. Wir bekommen 
sieben wirkliche Glieder, die aber, wenn sie abstrakt aufgezahlt 
werden, neun Glieder sind: 



1 



1. Physischer Leib 



2 



2. Atherleib 



3 




Astralleib 
4. Empfindu 



4 



5. Verstandesseele 



6 J Bewufkseinsseele 
7. Geistselbst 



6 



8. Lebensgeist 



7 



9. Geistesmensch 



Wir lerneti aus der Wirklichkeit heraus zu sagen: Indem wir nach 
der Regel der Zahl vorgehen, ist nicht gleichgiiltig das eine dem an- 
deren. Einfach dadurch, dal5 dies das Dritte ist (siehe Zusammen- 
stellung, 3), ist es etwas anderes. Gewifi, wir miissen uns das heute, 
weil wir gewohnt sind, iiber die Zahl abstrakt zu denken, ein wenig 
veranschaulichen, weil es dem gewdhnlichen Bewufitsein weit ab- 
liegt. Aber in alten Zeiten, also in der ersten und zweiten Periode 
nachatlantischer Zeit, da fiel es gar niemandem ein, in den Zahlen 
beim Vorriicken das gleichgiiltige Hinzufiigen des einen zum an- 
deren sich vorzustellen, sondern man erlebte etwas, wenn man iiber- 
ging, sagen wir von der Zwei zur Drei, so wie man hier etwas erlebt, 
wenn man ubergeht von der Zwei zur Drei (siehe Zusammenstel- 
lung). Heute kann man es gerade erst fuhlen an einem solchen Bei- 
spiel; man fuhlt es noch nicht an der Zahl selber. In jenen alten 
Zeiten fiihlte man es an den Zahlen selber. Man sprach von den 
Zahlen in ihren Verhaltnissen zueinander. So empfand man zum 
Beispiel: Alles dasjenige, was als Zwei vorhanden ist, das hat etwas 
nach der Welt Offenes, das ist nichts Abgeschlossenes; dasjenige, 
was als Drei, als wirkliche Drei vorhanden ist, das ist etwas Abge- 
schlossenes. Nun werden Sie sagen, man mufi da einen Unterschied 
machen, je nachdem, was man zahlte. Wenn man zahlte: Ein Mann, 
eine Frau, ein Kind, so ist Mann, Frau gleich Zweiheit, unab- 
geschlossen zur Welt; in dem Kinde schlielk es sich ab, bildet eine 
Ganzheit. Wenn man Apfel zahlte, dann konnte man allerdings 
nicht sagen, daft drei Apfel mehr abgeschlossen sind als zwei Apfel. 



Ja, das Aufiere empfand man nur so, aber die Zahl empfand man 
nicht so; die Zahl empfand man namlich ganz anders. 

Sie werden sich erinnern, daft gewisse Stamme, die noch der Ur- 
bevolkerung angehoren, nach ihren zehn Fingern zahlen, indem sie 
die Anzahl des aufien Vorhandenen mit ihren Fingern vergleichen, 
so dafi man also sagen konnte, wenn drei Apfel daliegen, das ist 
gleich drei Finger. 

Aber nun wurde man nicht gesagt haben: Eins, zwei, drei - 
natiirlich in der entsprechenden Sprache: Daumen, Zeigefinger, 
Mittelfinger. - Da hat man zwar draufien in der Welt nichts Be- 
stimmtes; aber in dem, was einem innerlkh reprasentierte das, was 
draufien ist, da hatte man etwas sehr Bestimmtes, denn die drei 
Finger, die sind voneinander verschieden. Nun, wir haben es so 
herrlich weit gebracht als Menschheit jetzt in der funften Periode der 
nachatlantischen Zeit - es war schon in der vierten im wesentlichen 
so -, daft wir nicht mehr notig haben, zu sagen: Daumen, Zeige- 
finger, Mittelfinger -, sondern wir sagen: Eins, zwei, drei. - Der 
Genius der Sprache wird nicht mehr berucksichtigt. Denn wenn Sie 
hinhoren wiirden auf die Sprache, so wiirden Sie rein empfindungs- 
gemafi sich sagen: Eins, entzwei - das heifit auseinander. In der 
Sprache liegt es noch. Wenn Sie aber sagen: Drei - und haben ein 
Gefiihl fur die Laute, dann haben Sie das Geschlossene. Drei: sind 
nur zu denken eigentlich - wenn man sie richtig denkt - als zuein- 
andergehorig im Kreise liegend. Zwei: entzwei; drei: in sich ge- 
schlossen. Der Genius der Sprache hat das noch. 



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Ja, also wie gesagt, wir haben es «so herrlich weit gebracht», dafi 
wir abstrakt eine Einheit an die andere herantragen konnen, und 



dann empfinden wir, nun ja: Das ist zwei, das ist eins; bei drei ist ja 
noch eins dabei und so weiter. Aber warum konnen wir denn iiber- 
haupt zahlen? Ja, in Wirklichkeit machen wir esnamlich nkhtanders 
als die Wilden, nur haben die Wilden das mit ihren fiinf Fingern 
gemacht, mit ihren fiinf physischen Fingern. Wir zahlen auch, nur 
zahlen wir mit den Fingern unseres Atherleibes und wissen nichts 
mehr davon. Das spielt sich im Unterbewufksein ab, da abstrahieren 
wir. Denn dasjenige, wodurch wir zahlen, das ist eigentlich der 
Atherleib, und eine Zahl ist noch immer nichts anderes in Wirklich- 
keit als ein Vergleichen mit demjenigen, was in uns ist. Die ganze 
Arithmetik ist in uns, und wir haben sie in uns hineingeboren durch 
unseren Astralleib, so dafi sie eigentlich aus unserem Astralleib 
herauskommt, und unsere zehn Finger sind nur der Abdruck die- 
ses. Astralischen und Atherischen. Und dieser beiden bedient sich 
nur dieser aufiere Finger, wahrend wir, wenn wir rechnen, dasjenige, 
was durch den Astralleib bewirkt Inspiration von der Zahl, im Ather- 
leib ausdriicken und dann durch den Atherleib, mit dem wir iiber- 
haupt denken, zahlen. So dafi wir sagen konnen: Aufierlich ist heute 
fur uns das Zahlen etwas recht Abstraktes, innerlich hangt es damit 
zusammen - und es ist sehr interessant, die verschiedenen Zahlungs- 
methoden nach der Zehnzahl, nach dem Dezimalsystem oder nach 
der Zwolfzahl bei den verschiedenen Volkern zu verfolgen, wie das 
mit der verschiedenen Konstitution ihres Atherischen und Astra- 
lischen zusammenhangt -, innerlich hangt es damit zusammen, dafi 
wir zahlen, weil wir selbst erst gezahlt sind; wir sind aus der Welten- 
wesenheit heraus gezahlt und nach der Zahl geordnet. Die Zahl ist 
uns eingeboren, einverwoben von dem Weltenganzen. Draufien 
werden uns nach und nach die Zahlen gleichgultig; in uns sind sie 
nicht gleichgultig, in uns hat jede Zahl ihre bestimmte Qualitat. 
Versuchen Sie es nur einmal, die Zahlen herauszuwerf en aus dem 
Weltenall, und sehen Sie sich an, was der Zahl gemafi gestaltet wird, 
wenn einfach eins zu dem anderen hinzugesetzt wiirde; sehen Sie 
sich an, wie dann Ihre Hand ausschauen wiirde, wenn da der 
Daumen ware, und nachher wiirde einfach das Nachste hinzugesetzt 
als die gleiche Einheit, dann wiederum, wiederum: Sie hatten fiinf 



Daumen an der Hand, an der anderen Hand auch wiederum funf 
Daumen! - Das wiirde dann entsprechen dem abstrakten Zahlen. 

So zahlen die Geister des Weltenalls nicht. Die Geister des Wel- 
tenalls gestalten nach der Zahl und sie gestalten in jenem Sinne nach 
der Zahl, den man friiher mit der Zahl verband, wie gesagt, noch in 
der ersten, noch in der zweiten Periode der nachatlantischen Zeit. 
Das Herausentwkkeln der abstrakten Zahl aus der ganz konkreten 
Vorstellung des Zahlenhaften, des Zahlenmafligen, das hat sich erst 
im Laufe der Menschheitsentwickelung gebildet. Und daruber mufi 
man sich klar sein, dafi es eine tiefe Bedeutung hat, wenn aus den 
alten Mysterien heraus iiberliefert wird: Die Gotter haben den Men- 
schen nach der Zahl gebildet. - Die Welt ist voller Zahl, das heilk, 
alles wird nach der Zahl gebildet, und der Mensch ist nach der Zahl 
herausgestaltet, so dafi unser Zahlen in jenen alten Zeiten nicht 
vorhanden war; aber ein bildhaftes Denken in den Qualitaten der 
Zahl, das war vorhanden. 

Da kommen wir in alte Zeiten zuriick, wie gesagt, bisindieerste, 
zweite nachatlantische Periode, in die urindische, in die urpersische 
Zeit, in denen ein Zahlen in unserem Sinne durchaus nicht moglich 
war, wo man mit der Zwei etwas ganz anderes verbunden hat, als 
zweimal die Eins, mit der Drei etwas ganz anderes, als zwei und eins 
und dergleichen. 

Sie sehen, die menschliche Seelenverfassung hat sich schon im 
Laufe der Zeit ganz betrachtlich verandert. Und wenn wir nun den 
etwas spateren Zeitraum betrachten, der die dritte Periode der nach- 
atlantischen Zeit ist, dann stellt sich das Mafi als etwas ganz anderes 
heraus. Heute messen wir, indem wir eine willkurliche Mafieinheit 
annehmen. Aber an eine solche willkurliche Mafieinheit dachte man 
zum Beispiel noch im dritten nachatlantischen Zeitraum eigentlich 
nicht, sondern man hatte da auch in bezug auf das Messen etwas 
durchaus Bildhaftes im Auge. Man hatte dasjenige im Auge, was 
Ihnen vielleicht klarwerden kann, wenn wir uns sagen: Wir sehen 
zum Beispiel dieses als Saule und sehen dann das als Saule an (siehe 
Zekhnung); wir sehen nach diesen zwei Saulen hin. Wenn wir 
abstrakt empfinden, sagen wir, die zweite Saule ist zweimal so grofi 



wie die erste; wir haben sie mit der ersten ge- 
messen . - Aber das ist sehr abstrakt vorgestellt . 
; | Konkret vorgestellt ist das etwa in der fol- 
I | genden Weise auszudeuten: Fuhlen wir uns 
t \ der ersten Saule gegeniiber, so fuhlen wir sie 
f '/ schwach gegeniiber der zweiten; wir fuhlen, 
i \ dafi sie wachsen mufi, und wir fuhlen, wenn 
^ ///( , I I sie wachst und wachst, dafi, wenn sie bis hier- 
\ | ^ J her gewachsen ist, sie etwas Besonderes ist. Sie 
/ £ £ £ ^ at sov i e ^ Kraft aufgewendet auf dieses Wach- 
| | £ ^ sen, dafi sie jetzt eine Starke hat, wodurch sie 
i i i i etwa in ihren zwei Teilen sich so verhalten 
4 7/ I ^ kann, dafl die beiden gleich stark sind. Man 
{ i i ' kann da etwas Qualitatives empfinden. Man 

kann weitergehen. Man kann sagen: Ich habe 
hier ein Gebilde, ich messe es an dem anderen 
und bekomme so die Symmetrie heraus; es erweitert sich mir der 
Begriff des Mafies, er geht hinein in das Bild. 

Auf diese Weise bekommt man allmahlich eine Vorstellung, dafi 
Mafi tatsachlich etwas zu tun hat mit dem, was wir heute noch ganz 
dunkel empfinden, wenn wir von mafiig und mafivoll reden, wobei 
wir auch nicht an Abmessen denken. Wahlen wir einmal dieses Bei- 
spiel: Wenn jemand eine bestimmte Speise in einem bestimmten 
Quantum zu sich nimmt, so ftnden wir das manchmal mafivoll, ohne 
dafi wir es messen. Wir finden etwas anderes unmaflig. Aber wir 
messen da nicht irgend etwas ab, wir vergleichen nicht messend den 
Magen mit demjenigen, was hineinkommt und derglekhen. Wir 
messen auch nicht das Stuck Fleisch ab und essen es dann, wir 
messen es nicht an der Grofie des Menschen, sondern wir haben et- 
was Qualitatives, etwas Eigenschaftliches, wenn wir von mafivoll 
oder von mafiios und derglekhen sprechen. - Da kommen wir zu et- 
was, was zwar nicht so stark verschieden ist von dem, was wir heute 
das Mafi nennen, was aber doch immerhin zeigt, dafi wir heute unter 
dem Mafi etwas Abstraktes, namlich «das Enthaltensein der Mafi- 
einheit in irgendeiner bestimmten Gr6fie» verstehen, wahrend man 



fruher darunter etwas, was qualitativ mit den Dingen zusammen- 
hing, verstand. So vor alien Dingen empfand man mafivoll jedes 
einzelne Glied des Menschen in bezug auf den Gesamtmenschen, 
ohne dalS man dabei an eine Einheit dachte. Uns ist davon noch et- 
was zuruckgeblieben, namlich, dafi es uns ekelhaft ist, wenn wir als 
Klinstler irgend etwas abmessen sollen; wenn wir alsKunstler messen 
sollen mit dem wirklichen Mafistabe, damit nun die Nase nicht zu 
lang oder zu kurz ist, so ist das eigentlich unkiinstlerisch. Kiinst- 
lerisch ist es nur, wenn im Anschauen eine Sache die GrolSe hat, die 
sie haben mufi an einem Organismus. Also hier handelt es sich auch 
nicht um einen abstrakten Vorgang, sondern um etwas, was mit dem 
Bildhaften zusammenhangt. Und wenn Sie schliefilich auf dasjenige 
Mafiverhaltnis, das heute noch eine gewisse Rolle splelt, sehen, auf 
den sogenannten Goldenen Schnitt, so hangt dieser ja nicht zu- 
sammen mit dem Messen, sondern er hangt zusammen mit etwas, 
was nur qualitativ ist: das Kleine verhalt sich zum Mittleren, wie das 
Mittlere zum Groflen. Das Kleine mag so grofi sein, wie es will, es 
mufi nur immer sich verhalten zu dem Mittleren wie das Mittlere zu 
dem Groften. Wir haben nicht eine Mafieinheit im Auge, sondern 
wir haben im Auge etwas, was sich im Anschauen aufeinander be- 
zieht, und reden doch von dem Mafi und dem Mafivollen, das sich 
im Goldenen Schnitt zum Ausdrucke bringt. Wir konnen gar nicht 
irgendwie beim Goldenen Schnitt dasjenige zugrunde legen, was 
Maiteinheit ware im abstrakten Sinne, wie wir das sonst konnen. Wir 
konnen also sagen: Mit Bezug auf das Messen sehen wir in der 
Menschheitsentwickelung, indem wir die Zeiten durchgehen, dafi 
im vierten nachatlantischen Zeitraum, im griechisch-lateinischen, 
allmahlich dieses anschauliche Empfinden des Maries sich umwan- 
delt in das abstrakte Messen. Das ist eigentlich erst im vierten nach- 
atlantischen Zeitraum der Fall. Im dritten empfand man viel mehr 
noch die Maflverhaltnisse so, wie wir nur noch empfinden, wenn wir 
den Goldenen Schnitt empfinden. Und unser abstraktes Zahlen 
geht zuruck, indem wir in alte Zeiten kommen, auf ein Erleben der 
inneren Eigenschaft der Zahl. 

Nun, beim Gewicht, da ist der heutige Mensch schon ganz weit 



draufien, ganz furchtbar weit draulkn aus dem, was im ersten nach- 
atlantischen Zeitraum als Erleben des Gewichtes vorhanden war. Sie 
brauchen sich ja nur an eine sehr bekannte Erscheinung zu erinnern, 
die gewift die meisten von Ihnen erlebt haben, wenn der Athlet 
kommt und seine furchtbar schweren Gewichte tragt, auf denen 
«200 Kilo» steht; und er schleppt sie und schleppt sie und er 
schwitzt, und Sie schwitzen schon fast mit ihm. Und dann, wenn er 
Sie lange genug hat schwitzen lassen, dann hebt er sie plotzlich auf 
und lauft davon. Das Ganze hat gar kein Gewkht, sondern es ist 
Ihnen nur vorgetauscht. Aber Sie empflnden eigentlich nach dem 
Abstraktum, was da daraufsteht: «200 Kilo.» Das Erleben des Ge- 
wichts ist uns eben heute durchaus entzogen. Daher gehort es auch 
zu den groftten Erlebnissen, wenn beim hellseherischen Bewufitsein, 
wie es ja durchaus der Fall ist, gegeniiber den Naturerscheinungen 
das Erlebnis des absoluten Gewichtes auftritt. Es ist durchaus so, daft 
in jenem ersten nachatlantischen Zeitraum, den wir den urindischen 
nennen, derMenschinsich nochetwasempfandvonGewichtsverhalt- 
nissen. Ich habe Ihnen offers davon gesprochen, dafi eigentlich unser 
Gehirn im Gehirnwasser schwimmt und dadurch ja nach dem be- 
kannten Gesetze, wonach ein schwimmender Korper scheinbar so 
viel leichter wird, als das Gewicht des verdrangten Wassers betragt, 
das Gehirn wesentlich an seinem Gewichte verliert; sonst wiirde es 
uns ja die darunterliegenden Adern fortwiihrend zerdrucken. Das 
Gehirn schwimmt im Gehirnwasser; aber heute merkt der Mensch in 
seinem abstrakten Erleben nkhts mehr davon. Er merkt auch von 
den anderen Verhaltnissen nichts mehr in sich. Er erlebt nicht mehr 
das Gewicht, er gibt nicht acht auf dieses Erleben des Gewichtes. Es 
ist wesentlich verschieden, das Gewicht seines Korpers zu erleben, 
wenn man zwolf Jahre alt ist, oder wenn man, sagen wir, fiinfmal so 
alt geworden ist; aber die meisten haben ja vergessen, wie sie sich 
selber schwer vorgekommen sind in ihrem zwolftenLebensjahre,und 
konnen es daher nicht gut vergleichen. Aber nehmen wir meinet- 
willen irgendwie zwei Lebensalter an, in denen man der Waage nach 
gleich schwer ist; dann kommt es nicht darauf an, sondern da kommt 
es auf das Erlebnis der Schwere an. Dieses Gewichtserlebnis, das 



heme also fur den Menschen nur da ist in Beziehung zur Erde, dieses 
Gewichtserlebnis war ein Absolutes in dem ersten nachatlantischen 
Zeitraum. 

Heute empfinden wir nur noch einen Rest davon in der Kunst, 
in der Kunst allerdings sehr stark. Ich brauche Sie nur auf folgendes 
aufmerksam zu machen. Nehmen Sie an, ich zeichne zwei Figuren: 
Da haben Sie fur rrieine Anschauung eigentlich etwas Ungeklartes, 
etwas Unaufgelostes, etwas, was nicht sein soil. So zwei Dinge ne- 
beneinander, die fordern mich auf, ein Drittes dazuzumachen. Aber 
ich kann das Dritte nur so machen, dafi es grofier ist, die beiden 
zusammenhalt in einer gewissen Weise. Dann habe ich das Gefuhl, 
die drei schweben in der Luft und konnen sich gcgenstkig halten. 




Wenn der kompositionelle Maler heute drei Engel malt, die ja 
eine Schwereanschauung nicht haben, so verteilt er sie im Raume so, 
dafi sie sich gegenseitig tragen, daft der eine von dem anderen ge- 
tragen ist. Drei Engel einfach nebeneinander zu malen auf eine 
Flache, das ist selbstverstandlich das Schlechteste, was man kiinst- 
lerisch leisten kann; da hat man kein wirkliches kiinstlerisches Ge- 
fuhl fur solche Dinge. Man raufi ein Gefuhl haben fur das gegensei- 
tige Gewicht, wie das eine das andere tragt, und im kunstlerischen 
Empfinden ist noch ein leiser Anflug von dem vorhanden, was er- 
lebt wurde vor alien Dingen innerlich im Menschen in der nachatlan- 
tischen Zeit als das Gewichtende. Das Erlebnis von Gewicht, Zahl 
und Mafi, das entwickelt sich durch die drei ersten nachatlantischen 



Zeitraume so, wie es sich eben entwickeln mufite, indem der Mensch 
sich da drinnen fuhlte im Kosmos. Und von dem, wonach er aus 
dem Kosmos heraus gebildet worden ist, wurden dann die anderen 
Dinge beurteilt, dasjenige, was er aus sich hervorbrachte. Schaute er 
auf das, was sein astralischer Leib in den Atherleib hineinstieft, so 
mulke er sagen: Der Astralleib zahlt, aber zahlt differenzierend, 
zahlt den Atherleib. Er gestaltet ihn zahlend. - Zwischen dem 
Astralleib und Atherleib liegt die Zahl, und die Zahl ist ein Leben- 
des, ein in uns Wirksames. Zwischen dem Atherleib und dem phy- 
sischen Leib Hegt etwas anderes. Aus dem Atherleib heraus wird 
durch die inner en Verhaltnisse dasjenige gebildet, was wir dann 
sehen; nach dem Goldenen Schnitt sind wir ja im Grunde genom- 
men auch organisch aufgebaut: die Stirn zu einem gewissen Teil, 
und wiederum dieser andere Teil zu der ganzen Kopflange und so 
weiter. Das alles pragt der Atherleib aus dem Kosmos, aus kosmi- 
schen Verhaltnissen unserem physischen Leib ein. Das Mafi und das 
Maftvolle, das in uns ist, das ist der Ubergang vom Atherleib zum 
physischen Leib. Und endlich im Ubergang vom Ich zum astrali- 
schen Leib liegt dasjenige, innerlich erlebbar, was Gewicht ist. Ich 
habe Ihnen ofters gesagt, das Ich wurde eigentlich erst geboren im 
Laufe der Menschheitsentwickelung. Der alte Inder der urindischen 
Zeit erlebte nicht ein solches Ich. Er erlebte aber innerlich das Ge- 
wichten, das Gestaltetsein, so dafi er sowohl seine Schwere, sein 
Hinunterdrangen, wie seinen Auftrieb, seinHinaufsteigenempfand. 
In sich empfand er dieses, was da iiberwunden wird, indem das Kind 
aus einem Kriecher ein Geher wird; das empfand er. Er empfand 
nicht «Ich», aber er empfand, wie er durch die ahrimanischen Machte 
an die Erde gefesselt wurde, «gewichtigt» wurde, wie er aufgetrieben 
wurde durch die luziferischen Machte, hinaufgehoben wurde, und 
er empfand dies als seine Gleichgewichtslage. Wurden wir die alten 
Worte, die fur das Ich da waren, studieren, so wurden wir finden, 
dafi eben das in der Bildung der Worte selber drinnenliegt. So wie 
zusammengefugt wurden in den Verben die Worte ihrer inneren 
Konfiguration nach, so war da drinnenliegend das Glekhgewicht 
zwischen dem Schweben und dem Fallen. 



Unsere so abstrakten Vorstellungen: Gewicht, was ja uberhaupt 
schon gar nicht mehr abstrakt ist, denn wir stehen einem ganz Un- 
bekannten gegeniiber; Zahl, was vollstandig abstrakt ist, weil es 
dem, was gezahlt wird, ganz gleichgultig ist; und Maft, was bei uns 
auch schon immer mehr abstrakt geworden ist -, das alles projiziert 
der Mensch eigentlich von seinem Inneren auf das Auftere. Er iiber- 
tragt dasjenige, was in ihm eine reale Bedeutung hat, weil er nach 
Maft, Zahl und Gewicht konstruiert ist, aufgebaut ist, er ubertragt 
das auf die gleichgultig aufieren Dinge, entmenscht sich in diesem 
Abstraktionsprozeft selber, so daft man sagen kann: Die Menschheits- 
entwickelung tendiert dahin, die inneren Erlebnisse von Gewicht, 
Zahl und Maft zu verlieren, nur einen letzten Anflug im Kunstleri- 
schen aufzubewahren, dann aber sie nicht mehr so zu erleben, daft 
der Mensch selber sich herausgestaltet fuhlt aus dem Kosmos nach 
Gewicht, Zahl und Maft. Was wir heute als abstrakte Geometrie 
haben, wo wir kongruente und ahnliche Figuren vergleichen, wo wir 
sagen, daft eine Ellipse entsteht, wenn die Summe der Entfernung 
jedes ihrer Punkte von zwei bestimmten Punkten eine konstante 
Grofie ist, das ist fur uns etwas Abstraktes. Da messen wir im 
Grunde genommen die Entfernungen und finden ihre Summe im- 
mer gleich der grofien Achse der Ellipse. Aber in diesem eigentum- 
lichen Verhaltnis von zwei voneinander verschiedenen Groften zu- 
einander, in dem erlebte man noch im dritten nachatlantischen Zeit- 
raum die Ellipse, auch wenn man sie gar nicht irgendwie vorstellte. 
Man fuhlte in dem Mafi des einen zu dem anderen schon das 
Elliptische, so wie man in der gleichen Zeit den Kreis fuhlte. 
Und so fuhlte man auch das Wesen der Zahl. So entwickelte 
sich die Menschheit vom konkreten Erleben zum Abstrakten hin 
und bildete aus dem alten Mafierleben die Geometrie aus, aus 
dem alten Zahlenerleben die Arithmetik und aus dem alten Ge- 



wichtserleben, indem der Mensch ganz und gar das Gewichtserlebnis 
verlor, sich ganz entmenschte, nur dasjenige, was aufterliches Beob- 
achten ist. 

Ja, durch alles dieses bereitete sich schon langsam vor, was sich 
dann im 19. Jahrhundert zu der vollstandigen Kulmination ent- 
wickelt hat, es bereitete sich langsam vor das Abstraktwerden des 
inneren menschlichen Erlebens: der Mensch ging der menschlichen 
Auschauung verloren. Der Mensch kommt nicht mehr an sich her- 
an; er ahnt nichts mehr davon, daft er Geometrie bildet, weil er nach 
dem Marl herausgebildet ist aus dem Kosmos, daft er zahlt an sich, 
durch sich. Er ist iiberrascht, wenn die Wilden ihre Finger nehmen, 
um damit die aufieren Dinge zu verglekhen; aber er weifi nicht, daft 
er nach der Zahl herausgebildet ist aus dem Kosmos und daft er im 
Grunde genommen in dieser Beziehung immer ein Wilder bleibt 
und in seinem Atherleib, der seinem astralischen Leib gemaft 
den inneren Eigenschaften der Zahlen selber die Zahlen eingebildet 
hat, daft er danach die Zahlen aufien erlebt hat und so weiter. Geo- 
metrie, Arithmetik und die Gewichtslehre, das Wagen, das sind 
Dinge, die durchaus in die Sphare des Abstrakten im Laufe der 
Menschheitsentwickelung eingezogen sind und die mitgewirkt 
haben, daft also der Mensch sich nurmehr iiberlassen konnte einer 
solchen Wissenschaft, einem solchen wissenschaftlichen Forschen, 
das diese Dinge im Aufieren anschaut. 

Was tun wir heute, wenn wir wissenschaftlkh forschen? Wir 
messen, wir zahlen, wir wagen. Siekonnen heute schon merkwiirdige 
Definitionen des Seins lesen. Es gibt heute bereitsDenker, diesagen: 
Seiend ist dasjenige, was man messen kann. - Aber dabei denkt man 
natxirlich nur an das Messen mit einem willkurlichen Mafistab, und 
es ist merkwiirdig, daft man nun das Sein zuruckfiihrt auf irgend 
etwas, dem eigentlich die Willkur zugrunde liegt. Man lebt also in 
etwas, was ganz und gar der Mensch aus sich herausgesetzt hat, be- 
zuglich dessen er ganz und gar den Zusammenhang mit sich selber 
verloren hat. Unter solchen Einflussen kam dann das zustande, was 
ich ja gerade wahrend dieses Kurses von den verschiedensten Seiten 
her betont habe: daft in der neueren Erkenntnis der Mensch sich 



selber verloren hat. Er hat sich verloren, habe ich oft gesagt, in seiner 
Erkenntnis, indem er eigentlich nur dasteht wie der letzte Schlufi- 
punkt der Tierreihe; er hat sich verloren in dem sozialen Leben, in 
dem wir z war aufierordentlich gute Maschinen ausgebildet haben, 
wahrend wir aber nicht in unser soziales Leben einbeziehen konnen, 
was die Menschen bedeuten, die an den Maschinen stehen. Man 
mufi lernen, hineinzuschauen in die Menschheksentwickelung, man 
mufi namentlich auf diese Weise beobachten, wie der Prozefi der In- 
tellektualisierung des Menschen sich gebildet hat. Denken Sie nur 
einmal, was das fur eine andere Seelenverfassung war, wenn in dem 
ersten nachatlantischen Zeitraum der Mensch fortwahrend, indem er 
ein Bein vorstellte, die Gleichgewichtslage anders erlebte, fortwah- 
rend das Gewichtigwerden, das Fallen und Schweben erlebte, wenn 
er fuhlte, wie die Zahl in seine eigene Gestalt hineingeschossen ist, 
wie er nach dem Mafi aufgebaut ist. Denken Sie, wie das anders war, 
als wenn wir nur aufierlich messen, zahlen, wagen und den Men- 
schen dabei ganz aus dem Spiele lassen. Es ist schon so, daft heute 
hdchstens, wie ich ja angedeutet habe, fur denjenigen, der eine 
feinere Empfindung fur die Sprache hat, noch etwas ersichtlich 
werden kann aus den Zahlworten iiber das Wesen der Zahl, denn in 
denen liegt schon etwas darinnen von dem Wesen der Zahl, oder aus 
dem kiinstlerischen Anschauen heraus, wenn jemand zum Beispiel 
empfindet, dafi dies moglich ist: 




aber dieses hier unmoglich ist in dieser Beziehung: 




Dann hat er einen Hauch von dem, was Empfinden der inneren Ge- 
wichtigkeit ist, des inneren Gleichgewichtes. Wenn ich folgen kann 
mit der Linie irgendeinem Verhaltnis bei einem anderen, so habe ich 
ein gegenseitiges Sich-Halten. Wenn ich aber da ein Horn zeichne, 
wo keins sein kann, so habe ich fur das gegenseitige Sich-Halten 
keine Empfindung. Sehen Sie sich nur einmal an, wie die Mensch- 
heit ringt, um, ich mochte sagen, aus dem Inneren herauszusetzen 
das aufiere Mafi, die aufiere Anschauung gegeniiber dem innerlichen 
Erleben. Sehen Sie sich an in dem Bilde von Raffael - eigentlich auf 
alien Bildern von Raffael, aber insbesondere in dem Bilde von Raf- 
fael, wo die «Vermahlung von Maria und Joseph» gegeben wird -, 
sehen Sie sich da an, wie die Figuren dastehen, wie alles so ist, dafi 
da die Dinge gegenseitig sich tragen, dafi man verliert das Gefiihl, es 
zieht auch nach imten. Sehen Sie sich insbesondere an, wenn wirk- 
lich altere Maler irgendeine fliegende Gestalt malen, wie das moti- 
viert ist, wie man dieser Gestalt ganz genau ansieht, dafi das nicht 
heruntergewichtet, sondern dafi sich das irgendwie durch die an- 
deren Verhaltnisse selber tragt. Da haben Sie dieses Ubergehen von 
dem innerlichen Gewichten zu dem aufierlichen Bestimmten des 



Gewichtes, und da haben Sie den Gang der Menschheit in der nach- 
atlantischen Zeit vom inneren Erleben zum Intellektualismus, dieses 
Heraufringen zum Intellekt, wo alles, was vom Menschen in Vor- 
stellung erlebt wird, vom Menschen losgelost ist, wo der Mensch das 
Zerreifien, das «entzweien» gar nicht mehr erlebt, wenn er «zwei» 
sagt. 

Leise tritt das auf. Wenn man dann dieses Wort wekeranwendet, 
wenn man sagt: «zweifeln», da empfindet man den Anklang an 
«entzwei». Wer zweifelt, der sagt: Vielleicht ist das richtig, vielleicht 
ist das nicht richtig. - Das geht offen nach beiden Seiten hin; da ist 
das «entzweien» drinnen im Vorstellungsakt. Das liegt aber schon in 
der Zahl zwei. 

Drei - da konnen Sie nicht in derselben Weise empflnden, wenn 
Sie es auf etwas anwenden. Wenden Sie es auf das Urteil an, so 
haben Sie den Obersatz, den Untersatz, den Schlufisatz: eine Drei- 
heit, eine in sich geschlossene Sache. Nehmen Sie die beruhmteste 
logische Personlichkeit, den Cajus: «Alle Menschen sind sterblich; 
Cajus ist ein Mensch, also ist Cajus sterblich. » Die Sachen gehoren 
zusammen: Obersatz, Untersatz, Schluflsatz. Aber nehmen Sie blofi 
Obersatz und Untersatz - und es bleibt offen. 

Also ich wollte Ihnen hierdurch andeuten, wie der Weg der 
Menschheit zur Abstraktion hin ist, wie tatsachlich die Mensch- 
heit, indem sie sich selber verloren, in ihre Entwickelung den In- 
tellekt hereingeholt hat. 

Davon wollen wir dann morgen weiterreden. Das Heutige sollte 
eine Episode sein; aber Sie werden schon sehen, wie sich das mit den 
weitergehenden Betrachtungen zusammenschliefit. 



NEUNTER VORTRAG 



Dornach, 24. April 1921 



Wir haben im Verlaufe der letzten Woche eine Reihe von Betrach- 
tungen angestellt, die geeignet sind, Licht zu verbreiten iiber die 
geistige Verfassung der Gegenwart und der nachsten Zukunft. Wir 
haben ja in der letzten Zeit ganz besonders hingewiesen auf jenen 
Zeitpunkt europaischer Menschheitsentwickelung im 4. nachchrist- 
lichen Jahrhundert, der einen tiefen Einschnitt bildet. Vorher ver- 
stand man, wenigstens im Siiden Europas, bis zu einem gewissen 
Grade aus orientalischen Weisheitsuntergriinden heraus das Myste- 
rium von Golgatha. Man hatte noch mit einem gewissen Verstandnis 
umfalk, was heme so sehr mit Antipathie angesehen wird von ge- 
wissen Seiten: die sogenannte Gnosis. Die Gnosis war ja eben der 
letzte Rest orientalischer Urweisheit, jener Urweisheit, die aus in- 
stinktiven Erkenntniskraften der Menschen hervorgegangen ist, die 
aber tief eingedrungen ist in das Wesen des Weltgefiiges. Was nun 
im Mysterium von Golgatha sich abgespielt hat, man konnte es ein- 
sehen mit Hilfe derjenigen Vorstellungen und Empfindungen, die 
man aus diesem gnostischen Erkennen heraus gewonnen hatte. Aber 
an dem Zugrundegehen dieses gnostischen Erkennens arbeitete ja jene 
christliche Stromung, die immer mehr einmiindete in das romische 
Staatswesen, die immer mehr und mehr annahm die Form des romi- 
schen Staatswesens. Diese christliche Stromung rottete aus bis auf 
ganz geringfugige Reste, aus denen wenig zu gewinnen ist, alles das, 
was einst als Gnosis vorhanden war. Und wir haben ja gesehen, es 
blieb dann nichts zuriick von der alten orientalischen Urweisheit im 
lebendigen europaischen Menschheitsbewufitsein als die einfachen, 
in materielle Geschehnisse gekleideten Erzahlungen iiber das, was 
sich in Palastina zur Zeit des Mysteriums von Golgatha zugetragen 
hat. 

Diese Erzahlungen wurden zunachst ja in jene Form gekleidet, 
die aus dem alten Heidentum heraus stammte, wie Sie das am «He- 
liand» sehen. Sie biirgerten sich ein in der europaischen Zivilisation. 



Allein man hatte immer weniger das Gefiihl, dafi man sie mit einer 
gewissen Erkenntniskraft durchdringen soil. Man hatte immer weni- 
ger das Gefuhl, dafi ein tiefes Weltenratsel und Geheimnis zu 
schauen sei in dem Mysterium von Golgatha; denn iiber dasjenige, 
was als Christus mit dem Jesus verbunden war, hatte man durch 
KonzilsbeschHisse festgestellte Formeln aufgebracht. Man hatte den 
Glauben gefordert an diese festgestellten Formeln, und allmahlich 
ging alles, was an lebendigem Wissen noch vorhanden war bis in die 
Zeit des 4. nachchristlichen Jahrhunderts, eben in das festgefugte 
Formelwesen der romischen Staatskirche iiber. 

Und wenn man, ich mochte sagen, das ganze System dieser 
abendlandischen christlich-kirchlichen Strdmung iiberschaut, dann 
sieht man eben, dafi in gewisse feste, starre, immer mehr und mehr 
unverstandliche Formeln gekleidet wurde dasjenige, was das Myste- 
rium von Golgatha war, daft aber ein lebendiges spirituelles Wissen 
eigentlich ausgerottet wurde. 

Es liegt da eine eigentiimliche Tatsache europaischer Entwicke- 
lung vor. Man mochte sagen: Dasjenige, was fruchtbares, lebendiges 
orientalisches Urwissen war, das flofi ein in die Formeln und erfror in 
den Formeln, welche das romische Kirchentum annahm. Und in 
Formeln pflanzte es sich fort durch die folgenden Jahrhunderte. 
Diese Formeln waren da. Es gab allerdings Leute, welche aus diesen 
Formeln noch irgend etwas zu machen wufiten; aber es war unmog- 
lich geworden, dafi das allgemeine Menschheitsbewulksein eben et- 
was anderes empfing als tote Form. Gewifi, wir haben eine Reihe 
ganz ausgezeichneter Geister. Wir brauchen uns nur an manche der- 
jenigen zu erinnern, die von den irlandischen Wissensstatten aus- 
gingen, wir brauchen uns nur an den am Hofe Karls des Kahlen 
lebenden Scotus Erigena zu erinnern. In solchen Personlichkeiten 
haben wir eben Menschen, welche die Formeln aufnahmen und in 
diesen Formeln den Geist noch ahnten, oder ihn mehr oder weniger 
herausfanden. Wir haben dann die Scholastik, iiber die wir ja ofters 
in einem gewissen Zusammenhang gesprochen haben, die in einer 
mehr abstrakten Form dann versuchte, die Formeln erkenntnis- 
gemafi zu durchdringen. Es liegt eben die Tatsache vor, dafl ein weit 



ausgebreitetes System religiosen Inhaltes in Formeln erfroren vor- 
lag, durch die Jahrhunderte von Generation zu Generation ver- 
pflanzt worden ist und als solches Formelwesen weiterlebte. Auf der 
einen Seite lagen also die theologischen Formeln vor, auf deranderen 
Seite die in materialistische Bilder gekleideten Erzahlungen uber die 
Ereignisse in Palastina. 

Man darf nun durchaus nicht vergessen, wenn man die heutige 
Zeit verstehen will, was es im Grunde genommen mit diesen in ro- 
mische Staatsbegriffe gekleideten romisch-katholischen Formeln auf 
sich hat. Da sind Formeln von grower Bedeutung, grofiartige For- 
meln. Da ist vor alien Dingen die Formel der Trinitat, die Formel 
also, welche hinweist, in der Terminologie der spateren Zeiten, auf 
Vater, Sohn und Geist. In dieser Formel war allerdings eine alte, 
tiefe Urweisheit eingefroren, etwas Grofies und Gewaltiges, das 
einstmals die menschliche Erkenntnis instinktiv besessen hat. Aber 
hochstens der genial inspirierte Blick einzelner konnte ahnen, was in 
einer solchen Formel steckt. 

Da war dasjenige, was durch die verschiedenen Konzilsbeschliisse 
durchgehend zuletzt erfroren ist in der Formel uber die zweiNaturen 
des Christus und des Jesus in einer Person. Da waren Formeln uber 
die Geburt, iiber die Wesenheit des Christus Jesus, uber Tod und 
Auferstehung und Himmelfahrt. Da waren endlich Formeln, welche 
die verschiedenen Feste festsetzten, und alles das war im Grunde 
genommen das Gerippe, das Schattenbild einer wunderbaren ur- 
alten Weisheit. Und dieses Schattenbild, dieses Gerippe setzte sich 
durch die Jahrhunderte fort. Es konnte sich namentlich dadurch 
fortsetzen, dafi es eine gewisse Form alter Kulte annahm, und das- 
jenige, was in Formeln, in die hochsten Formeln gekleidet war, wie 
zum Beispiel die Formel der Verwandlung des Brotes und Weines in 
den Leib und in das Blut des Christus, das konnte sich fortpflanzen, 
weil es gekleidet wurde in eine uralt heilige Kultform wie das Mefi- 
opfer, das nur eben etwas umgestaltet wurde, aber sich als solches 
fortsetzte. Es lebten dann die verschiedenen Metamorphosen der 
christlichen Feste durch das ganze Kirchenjahr hindurch. Es lebten 
diejenigen Dinge, die Sie kennen als die Sakramente, welche gewis- 



sermafien durch die Kirche den Menschen herausheben sollten aus 
dem gewohnlichen materiellen Leben und ihn hinaufheben sollten 
in eine hohere geistige Sphare. Durch das alles und durch seine Ver- 
bindung mit dem Impuls des Christentums lebte sich das in den 
Jahrhunderten europaischer Entwickelung fort. Daneben, wie ge- 
sagt, war die schlichte, aber in materialistische Formeln gekleidete 
Erzahlung iiber die Ereignisse in Palastma. 

Das aber alles zusammen war etwas, was durch seinen bedeut- 
samen Inhalt - weil man ja im Grunde etwas anderes nicht hatte, um 
eine Beziehung zu begriinden zu den ubersinnlichen Welten - auf 
diejenigen Geister wirkte, die nach solcher Erkenntnis strebten; was 
aber auch diejenige Art von Wirksamkeit entfalten konnte durch 
den Kultus, durch die schlichte Evangelienerzahlung, welche auf die 
grofie breite Masse der europaischen Bevolkerung ihren Einflufi ge- 
wonnen hat. 

Daneben pflanzte sich nun fort als Einzelnes ein anderes System 
des Kultus, das weniger mit dem Christentum als solchem rechnete, 
das das Christentum oftmals aufnahm, aber im Grunde genommen 
nicht organisch mit dem Christentum verbunden war, das mehr her- 
vorging aus noch alteren Kultformen. Es pflanzte sich dasjenige fort, 
was dann in das Formelwesen der neuzeitlichen Freimaurerei ein- 
miindete, was eben nur eine aufierliche Beziehung zu dem Christen- 
tum hatte und hat. Und Sie wissen ja, dafi sich das, was sich in die 
Form der romisch-katholischen Dogmadk kleidete und den romisch- 
katholischen Kultus hat, und dasjenige, was in freimaurerischer 
Weise an andere Kultformen und an andere Symbolik ankmipft, 
sich bis in unsere Tage herein bis aufs Messer bekampfen. 

Diese Entwickelung ist ja mehr oder weniger zu verfolgen, wenn 
man nur mit einigem Sinn die geschichtlichen Tatsachen, die vor- 
liegen, ins Seelenauge fafit. Aber so richtig verstehen kann man das, 
was da vorliegt, eigentlich doch nur, wenn man hinblicken kann auf 
jenen Einschnitt europaischer Entwickelung, der im 4. nachchrist- 
lichen Jahrhundert sich vollzog und der, ich mochte sagen, wie in 
einen Abgrund hinunter versenkte dasjenige, was alte spirkuelle 
Weisheit und ihre Nachklange waren; so dafi man eigentlich in 



Europa durch die folgenden Jahrhunderte wenig wuflte von dem, 
was orientalische Urweisheit war. 

Nach und nach waren ja der Menschheit die inneren Fahigkeiten 
hingeschwunden, welche es dem Menschen in alten Zeiten, wie ich 
das gestern angedeutet habe, moglich machten, Gewicht, Zahl und 
Mafi in ihrem eigenen Wesen zu erleben. Mafi, Zahl, Gewicht wur- 
den Abstraktionen, und als Abstraktionen wurde mit ihnen dann im 
funften nachatlantischen Zeitraum dasjenige begriindet, was heute 
unsere naturwissenschaftliche Weltanschauung ist, was den Men- 
schen nicht aufnehmen konnte insein Gebiet, was vor dem Menschen 
haltmachte, was den Menschen ganz und gar nicht begriff, was aber 
eben mit den Abstraktionen von Gewicht, Zahl und Maft die aufie- 
ren Naturerscheinungen, abgesehen vom Menschen, miteinergewis- 
sen Grofiartigkeit umfafite, und was dann eine Art Hohepunkt er- 
reichte im 19. Jahrhundert. 

Zu diesen Dingen haben die Menschen heute noch zuwenig Di- 
stanz; sie sehen noch nicht, wie tatsachlich in der Mitte des 19- Jahr- 
hunderts ein ganz besonderer Zeitpunkt europaischer Entwickelung 
war. Das intellektuelle Streben, das reine Verstandesstreben, das 
kam in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu seiner vollsten, zu seiner 
hochsten Entfaltung. Es war dies dasjenige Streben, das sich aus den- 
selben Quellen heraus ergeben hatte, aus denen eben seit demersten 
Drittel des 15. Jahrhunderts die modernen naturwissenschaftlichen 
Anschauungen flossen . Es war aber zu gleicher Zeit dasjenige Streben , 
welches zuletzt nichts mehr anfangen konnte, im Grunde genom- 
men schon lange nichts mehr hat anfangen konnen mit dem Kultus, 
der sich fortgepflanzt hatte, welches schon lange nichts mehr hat an- 
fangen konnen mit den dogmatischen Formeln, die durch die Kon- 
zilien festgelegt worden waren. Lediglich einige Ranken waren ge- 
blieben, einige Abfalle, wie zum Beispiel der Abfall des Konzils von 
869, wo man beschlossen hatte, daft der Mensch nicht bestehe aus 
Leib, Seele und Geist, sondern nur aus Leib und Seele, und daft die 
Seele einige geistigeEigenschaftenhabe. Dieser Abfall war geblieben, 
und dieser Abfall lebt in den modernen philosophischen Anschau- 
ungen fort, die glauben, unbefangen zu sein, die aber im Grunde 



genommen nur nachplappern, was dieser katholischen Dogmatik 
entstammt. 

Aus all diesen Stromungen heraus bildete sich die moderne 
Stimmung der europaischen Zivilisation, die immer mehr hinten- 
dierte zu einer rein intellektuellen, zu einer verstandesmafiigen Auf- 
fassung des Weltenalls. Und diese Stimmung, die aber schon durch 
Jahrhunderte vorbereitet war, erreichte ihren Hohepunkt in der 
Mitte des 19. Jahrhunderts. Und wie konnen wir, wenn wir auf den 
Menschen hinschauen seelisch-geistig, diesen Hohepunkt begreifen? 
Da mussen wir einmal einen Blick auf die Menschennatur werfen, 
wie sie in alten Zeiten war, und wie sie allmahlich geworden ist. Wir 
haben es von verschiedenen Gesichtspunkten aus schon getan, wol- 
len es heute wiederum von einem gewissen Gesichtspunkte aus tun. 

Stellen wir einmal schematisch die menschliche Wesenheit vor 
uns hin. Nehmen wir zunachst einmal des Menschen physischen 
Leib (siehe Zeichnung, rot). Wie gesagt, ich zeichne schematisch. 




Nehmen wir des Menschen Atherleib (blau); nehmen wir des Men- 
schen astralischen Leib (gelb), und nehmen wir des Menschen Ich. 
Betrachten wir nun zunachst einmal diese menschliche Wesenheit, 



wie sie war in alten Zeiten, in jenen alten Zeiten, in denen das in- 
stinktive Hellsehen noch vorhanden war, das dann abbliihte, ver- 
welkte und allmahlich verschwand. Das Ich ist ja im Grunde genom- 
men Erdenprodukt, auf das brauchen wir weniger zu sehen; allein 
klar rmissen wir uns sein, dafi in des Menschen physischem Leib, 
Atherleib, astralischem Leib ja im Grunde genommen die ganze 
Welt lebt. Wir konnen sagen: In diesem physischen Leib lebt das- 
jenige, was die ganze Welt ist. Er ist herausgeboren, erganzt sich 
noch immer durch die Nahrungsaufnahme aus ihr. Im atherischen 
Leib lebt die ganze Welt; fortwahrend kommen auf den verschie- 
densten Wegen in ihn hinein diejenigen Dinge, welche auf iiber- 
physische Weise in den Menschen hereinwirken, die sich in seinen 
Wachstumskraften aufiern, die sich zum Beispiel in der Zirkulation 
seines Blutes auflern, die im Atem leben und so weiter, und die 
nicht etwa dieselben sind wie die Krafte, die in der Nahrungsauf- 
nahme und in der Verdauung leben. Wir haben dann alles das, was 
in seinem astralischen Leibe lebt, was ja auch aufnimmt Eindrikke 
aus der Welt, was durch die Sinne eindringt und so weiter. Das war 
so und es ist heute noch so, als der Mensch mit seinem alten instink- 
tiven Hellsehen lebte; aber es war wahrend dieser Zeit des alten in- 
stinktiven Hellsehens der Mensch intimer verbunden mit seinem 
physischen Leib, mit seinem Atherleib, mit seinem Astralleib, als er es 
heute ist. Wenn er des Morgens aufwachte, so tauchte er hinein mit 
seinem Ich und seinem astralischen Leibe in seinen physischen Leib 
und in seinen Atherleib. Ein inniges Gefiige bildete sich zwischen 
seinem Ich und seinem astralischen Leibe und seinem Atherleibe 
und seinem physischen Leibe. Und er lebte nicht nur in seinem 
physischen Leibe, er lebte in den Kraften, die in seinem physischen 
Leibe darinnen arbeiteten. 

Ich mochte Ihnen das ganz anschaulich schildern. Nehmen Sie 
einmal an, der Mensch des alten Hellsehens afi eine Pflaume. Es 
nimmt sich ja fur den heutigen Menschen fast grotesk aus, wenn 
man so etwas schildert, aber es ist tief wahr. Nehmen wir an, der 
Mensch des alten Hellsehens afi eine Pflaume; diese Pflaume hat in 
sich atherische Krafte. Wenn der Mensch heute eine Pflaume ilk, 



weifi er ja nicht, was in dieser Pflaume vorgeht. Der Mensch des 
alten Hellsehens aft eine Pflaume, hatte sie nun im Magen, verdaute 
sie und erlebte mit, wie das, was da atherisch in der Pflaume lebte, 
in seinen Leib uberging; er erlebte es kosmisch mit. Und erst wenn 
er nun innerlich seinen Vergleich anstellte zwischen den verschiede- 
nen Dingen, die er in seinen Magen hineinbeforderte, da lebte alles 
das, was an Beziehungen vorhanden war in der Welt draufien, das 
lebte in ihm weiter fort, das nahm er innerlich wahr. Er erfullte sich 
vom Aufwachen am Morgen bis zum Einschlafen am Abend mit 
einem innerlichen lebendigen Anschauen desjenigen, was draufien 
die Pflaumen leben, was die Apfel leben, was auch vieles andere 
noch lebt, das er zu sich nahm. Er kannte innerlich durch den At- 
mungsprozefi die geistige Wesenhaftigkeit der Luft. Er kannte durch 
das, was in seinem Zirkulationsprozesse vor sich ging, wenn die 
Warme drinnen zirkulierte, was als Warmekrafte im Kosmos in 
seiner Umgebung war. Er horte nicht damit auf, das Licht im Auge 
blofi zu empfinden; sondern er fuhlte, wie das Licht durch seine 
Augennerven einstrahlte, in seinem eigenen Atherleib aufstiefl auf 
die physischen Glieder, in den physischen Gliedern lebte; er erlebte 
sich ganz konkret drinnen im Kosmischen. Das war allerdings ein 
dumpfes Bewufltsein, aber es war eben vorhanden. Es war allerdings 
wahrend desTages iibertont von dem, was auch der damalige Mensch 
schon aufierlich wahrnahm. Aber selbst in den ersten Zeiten der 
griechischen Zivilisation war es so, dafi die Menschen schon noch 
einen Nachklang desjenigen hatten, was heute ja nur noch andere 
Wesen haben. Ich habe schon einmal oder sogar vielleicht ofters 
darauf hingewiesen, dafi es aufierordentlich interessant ist, mit spiri- 
tuellem Blick hinzuschauen auf eine Weide, wo Kiihe liegen und 
verdauen. Dieses ganze Geschaft des Verdauens ist fur die Kiihe ein 
kosmisches Erleben, fur die Schlangen erst recht; wenn sie liegen 
und verdauen, so erleben sie in der Tat Weltgeschehen. Da bliiht 
und sprofit aus ihrem Organismus fur sie, fur ihre Anschauung etwas 
auf, was Welt ist. Da steigt aus ihrem Inneren etwas auf, was viel 
schoner ist als alles dasjenige, was der Mensch jemals durch Augen 
von aufien sehen kann. Und so etwas war, ich mochte sagen, als 



Unterton bci den Menschen, die das alte instinktive Hellsehen hat- 
ten, vorhanden. Es war allerdings die grofite Zeit desTages gedampft 
durch das auftere Anschauen. Wenn aber dann diese Menschen ein- 
schliefen, dann trugen sie das, was sie da erlebt hatten und was sie 
aufgenommen hatten in ihren astralischen Leib und in ihr Ich, 
hinaus, wenn ihr Ich mit seinem astralischen Leib allein war, und 
dann stieg es in Form von realen Traumen machtig auf; dann erleb- 
ten sie in Form von realen Traumen nach, was sie nur dumpf 
wahrend des Tages erlebt hatten. 

Sehen Sie, da weise ich Sie hin auf das innerlkhe seelisch-leib- 
lich-physische Erleben der Menschen alterer Zeiten, die gerade da- 
durch, daft sie so seelisch-leiblich-physisch erlebten, kosmisch er- 
lebten, die gerade darinnen ihr kosmisch-ubersinnliches Schauen 
hatten. Und wenn dann im Orient die Menschen den Somatrank 
tranken, dann wuftten sie, was der Geist der Hohe ist. Dieser Soma- 
trank, der durchsetzte und durchwuhlte und durchwob ihr Inneres, 
der durchlebte ihr Blut. Und wenn sie dann einschliefen und das- 
jenige, was als Ich und astralischer Leib im Blutegewoben hatte, mit- 
nahm die Formen, die entstanden waren durch das Verdauen des 
Somatrankes, dann dehnte sich ihr Wesen aus in Raumesweiten, 
und sie fuhlten die Geistigkeiten des Kosmos nach in ihrem nacht- 
lichen Erleben. 

Solch ein Erleben war durchaus noch zu finden bei denjenigen, 
bei denen der alte Zarathustra in der urpersischen Zeit ein geneigtes 
Ohr fand. Man versteht das, was schlieftlich aus den orientalischen 
Urkunden, die geblieben sind, zu uns heriibertdnt, nicht, wenn 
man nicht solche Dinge weifi. Aber dieses lebendige kosmische 
Schauen, es verglomm allmahlich. Es istschoninderhistorisch-agyp- 
tischen Zeit wenig zu finden, aber es sind die Nachklange noch da, 
und es schwindet bis auf letzte Reste, die sich bei primitiven Men- 
schen ja immer erhalten haben, im 4. nachchristlichen Jahrhundert 
dahin. Und von da ab rang sich immer mehr aus dem Menschen 
heraus das, was nun ganz und gar an den blofien physischen Leib 
gebunden ist in seiner Isoliertheit von der Welt: der Intellekt, das 
Verstandesmaftige . 



Man kann nicht anders, wenn man ein bildliches Vorstellen hat 
und hinuntertaucht in seinen Leib, als etwas Kosmisches mitempfin- 
den. Man kann nicht anders, wenn man noch etwas von der inneren 
Eigenschaft der Zahl hat und dann hinuntertaucht in seinen Leib, 
als die Zahlenmafiigkeit des Kosmos miterleben. Und so ist es auch 
mit den Gewkhtsverhaltnissen. Aber wenn man mit der Kraft des 
Ichs, welche als rein Verstandesmafliges, als reinlntellektuelleswirkt, 
wenn man damit hinuntertaucht in den menschlichen Organismus 
beim Aufwachen, dann taucht man damit nur in den isolierten 
menschlichen Leib ein, in dasjenige, was der menschliche Leib nur 
durch sich ist, was er ist ohne seine Verbindung mit dem Kosmos. In 
den irdischen menschlichen Leib in voller Isolierung taucht man ein, 
so daft man, wenn man dieses verstandesmafiig zeichnen wollte, 



eben sagen miilke: Da ist zwar auch vorhanden Atherleib, Astral- 
leib, Ich (siehe Zeichnung blau, gelb, Mitte); aber das Ich erlebt hier 
in der menschlichen Wesenheit nichts vom Kosmischen mehr. Es er- 
lebt eben nur dumpf sein Sein, sein Untergetauchtsein in den isolier- 
ten menschlichen Organismus. Wenn daher dieses rein verstandige 
Ich schlafend in die Umwelt herausgeht, nimmt es nichts mit. Und 
dieses Nichts -Mitnehmen, das bewirkt, dafi hochstens Reminiszenz- 




traume, Traumbilder irrealer Art im Menschen auftauchen konnen, 
aber da!5 dieses Ich nicht kosmisch irgendwie von etwas durchdrun- 
gen ist. Der Mensch erlebt also im Grunde genommen vom Ein- 
schlafen bis zum Aufwachen nichts Wesentliches, weil sein ganzes 
Erleben auf den isolierten menschlichen Organismus berechnet ist, 
der aber nunmehr mit denjenigen Kraften auf dieses Ich wirkt, 
welche nichts mit dem Kosmos zu tun haben. Daher wird das Ich 
stumpf vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Das mufi auch so sein. 
Die alten instinktiv-hellseherischen Menschen haben zwar ihr 
kosmisches Schauen gehabt, sie haben, in instinktiven Intuitionen, 
in instinktiven Inspirationen, in instinktiven Imaginationen gelebt; 
aber sie haben nicht ein selbstandiges Verstandesdenken gehabt, 
denn dieses selbstandige Verstandesdenken, dieses eigentlich in- 
tellektuelle Denken, das muft sich bedienen des Werkzeuges des 
isolierten menschlichen Leibes, wenn es sich ausbilden will. Das 
mufi stumpf sein zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, bringt 
daher auch beim Aufwachen nichts mit, wahrend der alte Mensch 
mitgebracht hat das, was er, nachdem er das Erleben im Leibe 
hinausgetragen hatte in den Kosmos, erlebt hat im Begegnen dieser 
Nachklange, dieser kosmischen Nachklange mit dem draufienste- 
henden wirklich geistig-kosmischen Geschehen. Von dem, was er da 
erlebt hat, brachte er wieder Nachklange zuriick; er hatte dadurch 
einen lebendigen Verkehr mit dem Kosmos. Was im verstandes- 
mafiigen Denken vom Menschen errungen wird, das wird errungen 
vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wird stumpf nach dem Ein- 
schlafen. Der Mensch ist nun auf das Wachen angewiesen. 

Sehen Sie, es liegt ein merkwurdiges Verhaltnis vor, es liegt das 
Verhaltnis vor, dafi in alten Zeiten der Mensch mehr an seinen Leib 
gebunden war als er es heme ist, aber dafi er eben im Leibe das Gei- 
stige des Kosmos erlebte. Dieses Erleben im Leibe hat der neuere 
Mensch verloren. Der neuere Mensch ist geistig, aber er hat den ver- 
diinntesten Geist, er lebt im Intellekt und kann im Geiste nur leben 
vom Aufwachen bis zum Einschlafen, und er wird stumpf, wenn er 
in die geistige Welt geht mit seinem ganz verdiinnten intellektiven 
Geiste. 



Warum haben wir eigentlich den Materialismus bekommen? 
Und warum haben die alten Menschen den Materialismus nicht ge- 
habt? - Die alten Menschen haben den Materialismus nicht gehabt, 
weil sie in der Materie des Leibes gelebt haben; die neueren Men- 
schen haben den Materialismus, weil sie nur im Geiste leben, weil sie 
ganz frei sind von einem kosmischen Zusammenleben mit ihrem 
Leibe. Der Materialismus kommt gerade daher, dafi der Mensch 
gcistig geworden ist, aber verdiinnt geistig. Am geistigsten war der 
Mensch in der Mitte des 19. Jahrhunderts; aber er hat sich ahrima- 
nisch selbst belogen, indem er nicht erkannte, dafi das, worin er lebt, 
der verdiinnte Geist ist, und er nahm nur auf in das Geistigste, was 
ihmwerden konnte, die Vorstellungvon derMaterialitat. Der Mensch 
war ganz und gar ein geistiger Behalter geworden; aber er liefi in 
diesen geistigen Behalter nur die Gedanken vom materiellen Dasein 
hineinfliefien. Das ist das Geheimnis des Materialismus, dafi der 
Mensch wegen seiner Geistigkeit sich der Materie zuwandte. Das ist 
die Ableugnung des modernen Menschen gegeniiber der eigenen 
Geistigkeit. Der Kulminationspunkt des Geistigseins war in der 
Mitte des 19. Jahrhunderts erreicht; aber der Mensch erfafite dieses 
Geistigsein nicht. 

Das aber, wie gesagt, bereitete sich langsam vor durch die Jahr- 
hunderte. Hinabgeglommen war die alte instinktive Geistigkeit im 
4. nachchristlichenjahrhundert, herauf kam die neue Geistigkeit im 
ersten Drittel des 15. Jahrhunderts; dazwischen ist gewissermafien 
eine Episode des menschlichen Erlebens. Aber jetzt, nach diesem 
Zeitpunkt, nach dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, nach dem 
15. Jahrhundert iiberhaupt, machte sich dieses Angewiesensein des 
Menschen auf seinen isolierten irdischen physischen Leib geltend. 
Jetzt fing er eben an, keine Beziehung mehr zu entwickeln zu dem, 
was eingefroren war in den dogmatischen Konzilienformeln, was ja 
allerdings eingefroren war, aber doch einen grofiartigen Inhalt hatte. 
Und er konnte im Grunde genommen auch keine Beziehung mehr 
finden zu den schlichten Erzahlungen von Palastina. Er zwang sich 
noch einige Zeit, einen Sinn damit zu verbinden. Man kann aber 
nur einen Sinn damit verbinden, wenn man sie erkennend durch- 



dringt. Insbesondere aber konnte er keinen Sinn mehr damit ver- 
binden, dieser moderne Mensch, immer weniger und weniger Sinn 
verbinden mit den Kultformen, mit dem Kultus selbst. Das Mefi- 
opfer, eine Handlung von hochster kosmischer Bedeutung, wurde 
zum aufleren Symbolum, da man es nicht verstand; das Sakrament 
der Transsubstantiation, das sich forterhalten hatte das Mittelalter 
hindurch, und das eine tiefe kosmische Bedeutung hat, wurde in die 
rein intellektuelle Diskussion der Menschen hineingeworfen. Es war 
ganz selbstverstandlich, daft man mit dem isolierten Verstand, wenn 
man anting zu fragen, in welcher Weise der Chrisms enthalten sei 
im Altarsakrament, das nicht begreifen konnte; denn zum Ver- 
standesbegreifen sind diese Dinge eben nicht geeignet. Jetzt fing 
man an, sie mit dem Verstande begreifen zu wollen. 

Das fuhrte dann dazu, dafi jene Diskussionen von so grofier welt- 
geschkhtlicher Bedeutung auftauchten, die als «Abendmahlsstreit» 
bekannt sind, und die geknupft sind an Namen wie Hus und an- 
dere. Und die fortgeschrittensten, die im verstandigen Auffassen der 
Welt fortgeschrittensten Menschen der europaischen Zivilisation 
miindeten in die verschiedenen Protestantismen hinein. Es ist die 
Reaktion des Intellekts gegen dasjenige, was aus einer viel breiteren, 
viel intensiveren Erkenntniskraft hervorgegangen war als es der In- 
tellekt ist. Wie fremd standen sich gegeniiber die Krafte, die sich in 
der modernen Seele gebildet hatten als intellektive Krafte, und das- 
jenige, was in den eingefrorenen Formeln lebte, aber was in sich 
doch umschloB ein Grofe, ein Gewaltiges! Die evangelischen Be- 
kenntnisse der verschiedensten Art kamen herauf, Kompromisse 
zwischen dem Intellekt und den alten Uberlieferungen, und das 16. , 
17., 18., 19- Jahrhundert, sie liefen ab, und der Mensch stand eben 
in der Mitte des 19 . Jahrhunderts auf dem Hohepunkt seiner intel- 
lektuellen Entwickelung; er wurde ein ganz und gar geistiges Wesen. 
Er konnte durch diese Geistigkeit begreifen, was in der aufieren Sin- 
neswelt ist; aber er begriff sich selber nicht als Geist. Kaum hatte 
man noch eine Ahnung, was ein solcher Satz bedeutete, wie der des 
Leibniz, der da sagte: «Nichts lebt im Intellekt, was nicht vorher in 
den Sinnen gelebt hat, aufier dem Intellekt selber. » Diese letztere 



Wendung hatte der moderne Mensch ganz und gar weggelassen und 
er bekannte sich nur zu dem Satze: Nichts lebt in dem Intellekt, was 
nicht vorhef in den Sinnen gelebt hat -, wahrend Leibniz ganz und 
gar durchschaute, dafi der Intellekt ein dutch und dutch Geistiges 
ist, etwas, was im Menschen atbeitet, ganz unabhangig von aller 
physischen Korperlichkeit. 

Wie gesagt, der Intellekt wirkte, aber er erkannte sich nicht. Und 
so haben wir es erlebt, dafi der Mensch nun auf dem Ubergange zu 
einer anderen Entwickelungsphase seines Lebens ist, und er tragt 
gewissermafien nichts in die Nacht hinaus. Denn dasjenige, was 
verstandesmafiig erarbeitet wird, wird durch den Leib erarbeitet und 
hat keine Beziehung zu dem Aufterleiblichen. Nun mufi sich der 
Mensch neuerdings hineinarbeiten in die geistige Welt. Es tritt fur 
ihn die Moglichkeit ein, in diese geistige Welt hineinzuschauen; sie 
ist deutlich da. Was der Mensch friiher aus seinem physischen, aus 
seinem Atherleib, aus seinem astralischen Leib herausgeholt hat an 
instinktivem Anschauen iiber den Kosmos, es kann heute wieder er- 
rungen werden. Wir konnen zu Imaginationen kommen und kon- 
nen die Weltentwickelung durch Saturn, Sonne und Mond, Erde 
und so weiter in Imaginationen schildern. Wir konnen dasjenige, 
was da lebt, in die Zahlnatur, in die Zahlwesenheit hineinschauen 
und konnen dadurch die Inspiration empfangen, wie ausderWelten- 
geistigkeit heraus sich durch die Zahlengesetzmafiigkeit die Welt 
gestaltet. Es ist zunachst durchaus moglich, dafi das da ist, was in 
dieser Weise imaginativ und inspirativ und intuitiv iiber die Welt zu 
erringen ist. 

Die meisten Menschen werden sagen: Wenn wir nicht selberhell- 
skhtig geworden sind, so konnen wir das hochstens studieren. - Gut, 
aber man kann es studieren, und immer wieder und wiederum ist 
gesagt worden, der gewohnliche Intellekt kann es einsehen. Heute 
soil hinzugefugt werden, warum der gewohnliche Intellekt es ein- 
sehen kann. Nehmen Sie an, Sie lesen so etwas wie die «Geheimwis- 
senschaft im UmrhV Nehmen Sie an, Sie versuchen, sich mit dem 
gewohnlichen Intellekt in diese Dingehineinzuversetzen,Sie nehmen 
es auf mit dem Intellekt, der nur an den isolierten menschlichenLeib 



gebunden ist. Sie nehmen aber etwas auf, was Sie durch diesen In- 
tellekt nicht haben aufnehmen konnen, weil dieser Intellekt sich 
selber nicht begriffen hat durch die Jahrhunderte hindurch. Jetzt 
nehmen Sie etwas auf, was fur diejenigen Begriffe, die der Intellekt 
nur aus der aufieren Sinneswelt entlehnt, unverstandlich ist, was 
aber verstandlich wird, wenn der Intellekt sich aufrafft, um aus sich 
selber heraus etwas zu verstehen, um zunachst nicht zu bejahen oder 
zu verneinen, sondern nur zu verstehen. Das ist ja, was gesagt wird: 
Verstehen soil man die Dinge. - Man braucht sie zunachst einfach 
nur zu verstehen. Versteht man sie, so schafft man ja mit dem, was 
das Ich sich als Verstandnis errungen hat, nun in die Nacht hinein. 
Da bleibt man nicht mehr stumpf , wie bei dem blofien intellektiven 
Verhalten zur Welt, da lebt man vom Einschlafen bis zum Aufwa- 
chen mit einem anderen Inhalt in der fein filtrierten Geistigkeit. 
Und dann wacht man auf und hat, eine allerdings immer nur kleine 
Moglichkeit des innerlichen Aneignens zugesetzt zu dem, was man 
sich bemuht hat, intellektuell zu verstehen. Aber ich mochte sagen, 
mit jeder Nacht, mit jedem Schlafen setzt sich etwas dazu von einer 
innerlichen Beziehung, der Mensch bekommt eine innerliche Be- 
ziehung. Er tragt das, was er als Nachklang seines Tagesverstehens in 
die aufterkorperliche Welt hinaustragt, beim Einschlafen wieder her- 
ein, und dadurch bekommt er eine Beziehung, eine ganz aus dem 
Realen herausgeholte Beziehung zu der geistigen Welt, wenn er sich 
diese Beziehung nicht ruiniert durch dasjenige, wodurch er sie sich 
ja heute vielfach ruiniert; ich habe diese Hilfsmittel des Ruinierens 
der Geistigkeit ja ofters angefuhrt. Sie wissen, zahlreiche Menschen 
sehen sehr darauf, vor dem Einschlafen etwas zu erlangen, was sie 
die «Bettschwere» nennen; sie trinken so viele Glaser Bier, bis sie die 
notige Bettschwere haben. Das ist ein ganz gewohnlicher Ausdruck, 
der heute weit verbreitet ist gerade in der «Intelligenz». Da aller- 
dings konnen sich jene Krafte nicht hineinentwickeln, von denen ich 
jetzt eben gesprochen habe. 

Aber die Geistigkeit ist zu erforschen. Die Geistigkeit kann auf 
die eben geschilderte Weise auch erlebt werden. Der Mensch ist her- 
ausgewachsen aus der Geistigkeit. Er kann wiederum hineinwachsen 



in diese Geistigkeit. Wir stehen heute am Anfange dieses Hinein- 
wachsens in die Geistigkeit. Was skh in den verflossenen Jahrhun- 
derten, seit dem 15. Jahrhundert bis ins 19- Jahrhundert herein, wo 
der Verstand auf der hochsten Stufe stand, entwickelt hat, was sich 
gerade unter den fortgeschrittensten Menschen Europas entwickelt 
hat, das ist zwar eine gewisse Geistigkeit, die aber zunachst ohne In- 
halt ist; denn erst wenn man wieder an die Imagination sich wendet, 
bekommt diese Geistigkeit den ersten Inhalt. Das, was hochstfil- 
trierte Geistigkeit ist, das mufi seinen Inhalt bekommen. Er wird 
zunachst noch von den weitesten Kreisen der Welt abgelehnt. Die 
Welt will bei der filtrierten Geistigkeit bleiben und nur einen Inhalt 
geben, der der aufieren materiellen Welt entlehnt ist. Sie will mit 
diesem Verstande sich nicht aufraffen, urn dasjenige, was aus dem 
Schauen der geistigen Welt gegeben wird, zu verstehen. Die Evan- 
gelienbekenntnisse, sie sind eben Kompromisse zwischen dem In- 
tellekt und den alten Traditionen; sie haben den Zusammenschlufi 
verloren. Der Kultus sagt ihnen nichts, daher hat der Kultus nach 
und nach ziemlich aufgehort innerhalb dieser Bekenntnisse. Bis zu 
abstrakten Vorstellungen ist es gekommen statt des lebendigen Er- 
fassens von so etwas wie der Transsubstantiation. Die schlichten 
Erzahlungen konnen hochstens erzahlt werden, aber man kann mit 
ihnen ja keinen anderen Sinn verbinden als den, den man eben mit 
einer materialistischen Theologie verbinden kann: dafi man es 
namlich zu tun hat mit Ereignissen, die skh angliedern lassen an 
den schlichten Mann aus Nazareth und so weiter. Das ist etwas, was 
zu keinem Inhalte kommen kann, das ist etwas, was alien Zusammen- 
hang mit der Geistigkeit verliert. 

Und so haben wir heute die Weltsituation, dafi dasteht das- 
jenige, was zunachst den Intellekt abgelehnt hat, was solche Kom- 
promisse nicht eingegangen ist, wodurch in weiten Kreisen der 
Bevolkerung eine Beziehung sich erhalten hat, wenn auch eine vollig 
instinktive, zu den Formeln, die in den Dogmen leben, deren Inhalt 
fur den Menschen nicht mehr daliegt, aber der ja doch ausgeflossen 
ist in diese Formeln. Auch haben sich diese Kreise ihr lebendiges 
Verhaltnis zum Kultus, zum Zeremoniell erhalten, ihren Zusam- 



menhang mit dem Sakramentalen. So sehr auch das alles ausgeprelk 
ist, es lebte einmal in dem, was da Gerippe, was Schatten geworden 
ist, die alte Geistigkeit, diejenige Geistigkeit, zu der eben noch 
durch die Formeln eine Beziehung da ist. In den neueren Bekennt- 
nissen protestantischer Art, in denen man einen Kompromifi ver- 
sucht, lebt eine solche Beziehung nicht. - Und dann sind die Men- 
schen da, die sich die ganz aufgeklarten nennen, die blofi im Intel - 
lekt leben, der allerdings geistig ist, der aber das Geistige nicht er- 
fassen will. 

Das sind die drei Stromungen, die wir haben, und wir konnen ja 
rechnen fur die Zukunft nicht mit solchen Stromungen als frucht- 
baren, die nur einen aufierlichen Kompromift haben eingehen 
wollen, wir konnen nicht rechnen mit der blofien Intellektualitat, 
die zu keinem Inhalt kommen kann, die daher sich selbst verlieren 
mufi, weil sie sich nicht selbst erkennen will. Wir konnen nur rech- 
nen mit dem, wozu allmahlich die Stromungen auslaufen, immer 
deutlicher und deutlicher laufen sie aus, wir konnen rechnen mit 
dem, was sich in alte Formeln gegossen hat, was die fortlebende ro- 
misch-katholische Kirche ist, und mit demjenigen, was ernst macht 
mit der neuen Intellektualitat, diese Intellektualitat imaginativ, in- 
spirativ und intuitiv vertieft und zu einer neuen Geistigkeit kommt. 
In diesen zwei Gegensatzen lebt sich die moderne Welt auseinander. 
Auf der einen Seite stehen die Menschen da mit dem Intellekt. Sie 
sind innerlich trage, sie wollen diesen Intellekt nicht anwenden; 
aber sie brauchen einen Inhalt. Sie greifen zuriick zu den toten For- 
meln. Gerade unter intelligenten Leuten, die aber innerlich trage 
sind, die in gewisser Beziehung intellektuell-dadaistisch sind, in 
denen macht sich heute eine jungkatholische Bewegung geltend, 
welche aufgreifen will das Alte, das in Formeln erstarrt ist, welche 
von aufien einen Inhalt bekommen mochte, in historischen Erschei- 
nungen aber erstarrt. Sie krampft aus dem Intellekt heraus, einen 
Sinn zu verbinden mit dem alten Inhalt, und wir haben solche intel- 
lektualistischen Krampfe, welche durch alten Inhalt ihre erstarrten 
Formeln sich neuerdings zubereiten wollen zum Gebrauche der 
Menschen. 



Wir haben zum Beispiel em intellektuell verkrampftes Sich-Hin- 
neigen zu erstarrten Formeln auf vielen Seiten in dem neuen «Tat»- 
Heft. Denn der Verleger Diederichs tut schliefllich alles, er bringt 
alles in Kategorien und auf Papier, und so hat er auch einer jung- 
katholischen Bewegung jetzt ein ganzes «Tat»-Heft gewidmet, wo- 
raus man sehen kann, wie man heute krampfig denkt, wie man ein 
innerlich-krampfiges Denken entwickelt, um nicht sich innerlich 
aufzuraffen, um innerlich trage bleiben zu konnen und mit dem In- 
tellekt, der nun schon einmal da ist, das sich am tragsten Fortschie- 
bende aufzufassen. Das alles versuchen die Menschen, um ablehnen 
zu konnen dieses lebendige Hinarbeiten aus der neueren Intellek- 
tualitat heraus zu der Geistigkeit, die ergriffen werden kann und die 
ergriffen werden mul Und immer mehr und mehr werden sich die 
Dinge so zuspitzen, dafi eine machtige Bewegung durch die Welt 
geht, welche faszinierend wirkt, suggerierend wirkt, hypnotisierend 
wirkt auf alle diejenigen, die trage bleiben wollen im Intellekt. Eine 
katholische Welle geht durch die Welt selbst der intelligentenLeute, 
die aber in ihrer Intelligenz trage bleiben wollen. Die schlafrigen 
Seelen merken es nur nicht. Aber unfruchtbar mufi das bleiben, 
demjenigen zuzustreben, was Oswald Spengler so anschaulich ge- 
schildert hat in seinem «Untergang des Abendlandes». Man kann das 
Abendland katholisch machen, aber man totet damit seine Zivilisa- 
tion. Dieses Abendland mufi sich zuwenden dem Aufwachen, dem 
Innerlich-regsam -Werden, dem Nicht-trage-Bleiben der Intelligenz, 
denn diese Intelligenz, sic kann sich aufraffen, sie kann sich inner- 
lich erfullen mit Verstandnis fiir die neue Geistesanschauung. 

Dieser Kampf , er bereitet sich vor, er ist da, und er ist die Haupt- 
sache. Alles andere gerat in der Zukunft zwischen diesen beiden 
Stromungen unter die Rader in bezug auf dasjenige, was Weltan- 
schauungsfragen sind. Auf das hin mufi der Blick gerichtet werden, 
denn was sich da auslebt, verbirgt sich in mancherlei Formeln und 
Formen. Und wer da glaubt, mit dem, womit man vielleicht noch im 
Beginne dieses Jahrhunderts sich einem Traum hingegeben hat, 
weiterkommen zu konnen, der lebt nicht mit das Leben der Gegen- 
wart. Derjenige lebt allein das Leben der Gegenwart, der sich ein 



Auge entwickelt fur das, was in diesen beiden geschilderten Stro- 
mungen lebt. Darauf mufi mit wachen Augen hingesehen werden. 
Denn all das, wovon ich vor acht Tagen gesprochen habe, daft heute 
zahlreiche Menschen das Bose lieben und aus dem bloften Hang zum 
Bosen in der Weise verleumden, wie es Ihnen charakterisiert worden 
ist, das muft uns vor die Seek treten. Jene innere Unwahrhaftigkeit 
muft uns vor die Seek treten, daft, wie ich es Ihnen erwahnt habe, 
die Leute, welche in ihrem katholischen Bewufttsein gestarkt werden 
sollen, in die katholische Kirche in Stuttgart zum Vortrag des Ge- 
nerals von Gleich geschickt werden, und daft dieser katholische Ge- 
neral mit dem Lutherliede schliefit! - Da findet sich das zusammen, 
was nicht auf das Bekenntnis halt, sondern was nur im Ausschleimen 
der Luge zusammenstromen will. 

Auf diese Dinge muft heute hingesehen werden. Wenn man 
nicht hinsieht, so schlaft man, macht nicht mit dasjenige, was heute 
eigentlich doch nur den Menschen zum wahren Menschen machen 
kann. 



ZEHNTER VORTRAG 



Dornach, 29. April 1921 



Wir haben uns in dieser Zeit beschaftigt mit der europaischen Zivili- 
sationsentwickelung, und wir werden den Versuch machen, einiges 
zu dem Gesagten hinzuzufugen, immer mit der Absicht, dadurch 
ein Verstandnis desjenigen herbeizufuhren, was in der Gegenwart in 
das menschliche Leben von den verschiedensten Seiten her herein- 
spielt und was zum Ergreifen der Gegenwartsaufgaben fiihrt. Wenn 
Sie das einzelne menschliche Leben betrachten, so kann Ihnen das ja 
ein Bild geben von der Entwickelung der Menschheit. Allein Sie 
miissen natiirlich dabei beriicksichtigen, was wir mit Bezug auf die 
Unterschiede der individuellen menschlichen Entwickelung und der 
menschlichen oder menschheitlichen Gesamtentwickelung gesagt 
haben. Ich habe ja wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daft, 
wahrend der einzelne Mensch immer alter und alter wird, sich fiir 
die Gesamtheit eigentlich die Sache so stellt, daft sie immer jiinger 
und jiinger wird, gewissermaften heraufruckt zum Erleben jiingerer 
Abschnitte. Wenn wir aber beriicksichtigen, daft also in dieser Be- 
ziehung gewissermafien Leben der Gesamtheit und Leben des ein- 
zelnen individuellen Menschen polarisch entgegengesetzt sind, so 
konnen wir aber dann doch, wenigstens zur Verdeutlichung, davon 
sprechen, wie uns das einzelne menschliche Leben ein Bild sein kann 
von dem Leben der Gesamtmenschhek. Und betrachten wir dann so 
das Leben des einzelnen Menschen, so finden wir, daft in jedes 
Lebensalter gewissermaften etwas ganz Bestimmtes als Summe von 
Erlebnissen hineingehort. Wir konnen nicht, sagenwir, einem sechs- 
jahrigen Kinde beibringen, was wir einem zwolfjahrigen beibringen 
konnen, und wir konnen nicht voraussetzen, daft wiederum das 
zwolfjahrige Kind mit demselben Verstandnis denjenigen Dingen 
entgegenkommt, die erst der zwanzigjahrige Mensch begreift. Der 
Mensch muft gewissermaften hineinwachsen in das, was fiir seine ein- 
zelnen Lebensepochen das Angemessene ist. So ist es auch mit der 
Gesamtmenschhek. Es ist schon einmal so, daft diese einzelnen Kul- 



turepochen, die wir aus der Erkenntnis derMenschheitsentwickelung 
heraus anzugeben haben - urindisches, urpersisches, agyptisch- 
chaldaisches, griechisch-lateinisches Zeitalterund dann dasZeitalter, 
dem wir selbst angehoren -, dafi diese Zeitalter ganz gewisse Zivili- 
sationsinhalte haben, und dafi die Gesamtmenschhek in diese Zivi- 
lisationsinhalte hineinwachsen mull. Aber so wie der einzelne Mensch 
gewissermafien hinter sich selbst, hinter seinen Entwickelungs- 
moglichkeiten zuriickbleiben kann, so konnen das auch gewisse Teile 
der Gesamtmenschhek. Das ist eine Erscheinung, welche durchaus 
berikksichtigt werden mufi, namentlich in unserer Zeit beriicksich- 
tigt werden mufi, weil ja die Menschheit jetzt einriickt in das Ent- 
wickelungsstadium der Freiheit und ihr es also selbst iiberlassen ist, 
sich hineinzufinden in das, was ihr fur dieses und das nachste Zeit- 
alter vorgesetzt ist. Es liegt gewissermafien in der menschlichen Will- 
kiir, zuriickzubleiben hinter dem, was ihr vorgesetzt ist. Dem ein- 
zelnen Menschen, wenn er zuriickbleibt in bezug auf das, was ihm 
vorgesetzt ist, stehen gegeniiber andere, die sich hineinfinden in 
ihre richtigen Entwickelungsinhalte; diese anderen schleppen ihn 
dann gewissermafien mit sich. Aber es bedeutet das auch in gewissem 
Sinne ein ihm oftmals nicht gerade behagliches Schicksal, wenn er 
empfinden mufi, wie er da in einem gewissen Sinne zuriickbleibt 
hinter den anderen, die das entsprechende Entwickelungsziel er- 
reichen. 

Es kann auch so im grofien Menschenleben geschehen; es kann 
geschehen, dafi einzelne Volker das Ziel erreichen, andere zuriick- 
bleiben. Die Ziele der verschiedenen Volker sind ja, wie wir gesehen 
haben, auch voneinander verschleden. Wenn nun irgendein Volk 
sein Ziel erreicht, andere hinter ihrem Ziel zuriickbleiben, so geht 
erstens etwas verloren, was nur gerade durch dieses zuruckbleibende 
Volk hatte erreicht werden konnen, andererseits aber wird das zu- 
ruckbleibende Volk sehr vieles annehmen, was ihm eigentlich gar 
nicht angemessen ist, und was es, ich mochte sagen, nachahmend 
von anderen Volkern, die ihre Ziele erreichen, dann aufnimmt. 

Solche Dinge geschehen eben in der Menschheitsentwickelung; 
sie zu beachten, ist in der Gegenwart von ganz besonderer Bedeu- 



tung. Nun werden wir zunachst heute einiges zusammenfassen und 
von einem bestimmten Gesichtspunkte aus beleuchten, was uns ja 
bekannt ist von anderen Seiten her. Wir wissen: Die Zeit vom 8. vor- 
christlichen Jahrhundert bis zum 15. nachchristlichen Jahrhundert 
ist die Zeit der Entwickelimg der Verstandes- oder Gemutsseele bei 
dem eigentlichen zivilisierten Teil der Menschheit. Diese Entwicke- 
limg der Verstandes- oder Gemutsseele beginnt im 8. vorchristlichen 
Jahrhundert in Sudeuropa, in Vorderasien, und wirkdnnen es verfol- 
gen, wenn wir auf die Anfange der geschichtlichen Entwickelung des 
griechischen Volkes hinschauen. Das griechische Volk hat jadurchaus 
noch sehrvielvon dem in sich, was man nennen kann Entwickelung 
derEmpfindungsseele, die insbesondere angemessen war demdritten 
nachatlantischen Zeitalter, dem agyptisch-chaldaischen Zeitalter. 
Da war alles Entwickelung der Empflndungsseele. Da gab sich der 
Mensch den.Eindrikken der Aufienwelt hin und in den Eindrucken 
der Aufienwelt empfing er zugleich alles dasjenige, was er dann als 
seine Erkenntnisse schatzte, was er in seine Willensimpulse iiberge- 
hen liefi. Der ganze Mensch war gewissermafien so, daft er sich fuhlte 
als ein Glied des ganzen Kosmos. Er befragte die Sterne und ihre Be- 
wegungen, wenn es sich darum handelte, was er tun solle und so 
weiter. Dieses Miterleben der Aufienwelt, dieses Sehen von Gei- 
stigem in alien Einzelheiten der Auftenwelt, das war ja dasjenige, was 
die Agypter in dem Hohenzeitalter ihrer Kultur auszeichnete, was 
in Vorderasien lebte und was bei den Griechen eine gewisse Nach- 
blute hatte. Die alteren Griechen hatten ja durchaus diese freie Hin- 
gabe der Seele an die aufiere Umgebung, und mit diesem freien 
Hingeben der Seele an die aufiere Umgebung war eben verkniipft 
ein Wahrnehmen des Elementar-Geistigen in den aufieren Erschei- 
nungen. Aber es entwickelte sich dann bei den Griechen dasjenige 
heraus, was die griechischen Philosophen «Nus» nennen, was ein 
allgemeiner Weltverstand ist und dann eigentlich uberhaupt die 
Grundeigenschaft der menschlichen Seelenentwickelungen bis ins 
15. Jahrhundert hinein geblieben ist, im 4. nachchristlichen Jahr- 
hundert eine Art Hohepunkt erlebte und dann wieder abflutete. 
Aber diese ganze Entwickelung vom 8. vorchristlichen Jahrhundert 



bis zum 15. nachchristlichen Jahrhundert entwickelt eigentlich das- 
jenige, was Verstand ist. Wenn wir aber in diesem Zeitalter von 
«Verstand» sprechen, so miissen wir absehen von dem, was wir jetzt 
in unserem Zeitalter eigentlich als Verstand ansprechen. Fur uns ist 
der Verstand etwas, was wir eigentlich nur in uns tragen, was wir in 
uns entwickeln und wodurch wir die Welt begreifen. So war es nicht 
bei den Griechen und so war es auch noch nicht im 11., 12., 13. Jahr- 
hundert, wenn von Verstand gesprochen wurde. Der Verstand war ein 
Objektives, der Verstand war etwas, was die Welt erfullte. Der Ver- 
stand ordnete die einzelnen Welterscheinungen. Man betrachtete 
die Welt und ihre Erscheinungen und sagte sich: Dasjenige, was eine 
Erscheinung auf die andere folgen lafit, was hineinstellt die einzel- 
nen Erscheinungen in ein grofieres Ganzes und so weiter, das macht 
der Weltverstand. - Dem menschlichen Kopfe sprach man nur zu, 
dafi er teilnehme an diesem allgemeinen Weltverstand. 

Wenn wir heute vom Lichte sprechen, dann sagen wir, wenn wir 
moderne Physik und Physiologie treiben wollen: Das Licht ist in uns. 
Aber mit dem naiven Bewufitsein wird kein Mensch glauben, dafi 
das Licht nur in seinem Kopfe ist. Ebensowenig wie das naive Be- 
wufitsein von heute sagt: Da draufien ist es ganz flnster, das Licht ist 
nur in meinem Kopfe ebensowenig sagte der Grieche oder sagte 
noch der Mensch des 11., 12. nachchristlichen Jahrhunderts: Der 
Verstand ist nur in meinem Kopfe. - Er sagte: Der Verstand ist 
draufien, er erfiillt die Welt, er ordnet da alles. Geradeso wie der 
Mensch sich bewufit wird des Lichtes durch seine Wahrnehmung, so 
sagte er sich, wird er sich bewufit des Verstandes. Der Verstand 
leuchtet gewissermaflen in ihm auf. 

Es war ein Wichtiges verbunden mit diesem Heraufkommen des 
Weltverstandes in der menschlichen Kulturentwickelung. Vorher, 
als die Kulturentwickelung im Zeichen der Empflndungsseele ver- 
lief , da sprach man nicht von einem solchen die ganze Welt iiber- 
greifenden Einheitsprinzip, da sprach man von Geistern der 
Pflanzen, von Geistern, welche die Tierwelt regulieren, von Geistern 
des Flussigen, von Geistern der Luft und so weiter. Es war eine Viel- 
heit von geistigen Wesenheiten, von denen man sprach. Nicht nur 



war es der Polytheismus, die Volksreligion, welche von dieser Viel- 
heit sprach, sondern es war durchaus auch in denjenigen, die Ein- 
geweihte waren, das Bewufitsein vorhanden, dafi sie es mit einer 
wesenhaften Vielheit draufien zu tun haben. Dadurch, daft das 
Verstandeszeitalter heraufriickte, entwickelte sich eine Art von 
Monismus. Der Verstand wurde als ein einziger, die ganze Welt ura- 
fassender angesehen; und dadurch entwickelte sich auch eigentlich 
erst der monotheistische Charakter der Religion, der allerdings schon 
im dritten nachatlantischen Zeitalter seine Vorstufe hatte. Aber das, 
was wir wissenschaftlich festhalten sollen von diesem Zeitalter - vom 
8. vorchristlichen bis zum 15. nachchristlichenjahrhundert -, das ist 
schon die Tatsache, daft es das Zeitalter der Entwickelung des Welt- 
verstandes ist, und daft man ganz anders iiber den Verstand dachte, 
als wir heute denken. 

Woher kommt es nun, dafi man anders iiber den Verstand 
dachte? Man dachte anders iiber den Verstand aus dem Grunde, 
weil man auch, indem man verstandig war, indem man durch den 
Verstand etwas zu begreifen suchte, anders fiihlte. Der Mensch ging 
durch die Welt, er sah die Dinge an durch seine Sinne; aber er emp- 
fand gewissermaflen immer, wenn er nachdachte, einen gewissen 
Ruck. Es war etwa so, wenn er nachdachte, wie wenn er etwas von 
starkerem Aufwachen empfinde, als er empfand im gewohnlichen 
Wachen. Das Nachdenken war noch etwas, was man unterschieden 
empfand von dem gewohnlichen Leben. Vor alien Dingen empfand 
man im Nachdenken noch, daft man da in etwas drinnensteht, was 
objektiv ist, was nicht blofi subjektiv ist. Daher war es auch, dafi bis 
in das 15. Jahrhundert, und in der Nachwirkung noch bis in spatere 
Zeiten, die Menschen ein gewisses Gefiihl hatten gegeniiber dem 
tieferen Nachdenken iiber die Dinge, ein Gefiihl, das der Mensch 
heute gar nicht mehr hat. Heute hat der Mensch gar nicht das Ge- 
fiihl, daft das Nachdenken in einer gewissen Seelenverfassung voll- 
bracht werden sollte. Bis in das 15. Jahrhundert hatte der Mensch 
das Gefiihl, dafi er eigentlich nur etwas Schlechtes bewirkt in der 
Welt, wenn er nicht gut ist und doch nachdenklich wird. Er machte 
sich gewissermaflen einen Vorwurf, wenn er als ein schlechter 



Mensch nachdachte. Das ist etwas, was man gar nicht mehr so rich- 
tig griindlich empfindet. Heute denken die Menschen: Ich kann 
schlecht sein, wie ich will, in meiner Seele, ich denke halt nach. - 
Das haben die Menschen bis zum 15. Jahrhundert nicht getan. Die 
haben es eigentlich als eine Art Beleidigung des gottlichen Welten- 
verstandes empfunden, wenn sie in einer schlechten Seelenverfas- 
sung nachgedacht haben; sie haben also in dem Akte des Nach- 
denkens schon etwas Reales gesehen, sie haben sich darinnen gewis- 
sermafien mit der Seele schwimmend gesehen in dem allgemeinen 
Weltenverstande. Woher kommt das? 

Das kommt davon her, dafi die Menschen eigentlich in diesem 
Zeitalter vom 8. vorchristlichen bis zum 15. nachchristlichen Jahr- 
hundert, insbesondere im 4. nachchristlichen Jahrhundert, ausge- 
sprochen ihren Atherleib verwendeten, wenn sie nachdachten. Nicht 
als ob sie sich sagten: Jetzt, jetzt bringe ich den Atherleib in Tatig- 
keit. Aber dasjenige, was sie empfanden, die ganze Seelenstim- 
mung, die brachte der Atherleib in Bewegung, wenngedachtwurde. 
Man kann geradezu sagen: Die Menschen dachten in diesem Zeit- 
alter mit dem Atherleib. - Und das ist das Charakteristische, dafi im 
15. Jahrhundert angefangen wird, mit dem physischen Leib zu 
denken. Wir denken mit den Kraften, die der Atherleib in den 
physischen Leib hineinsendet, wenn wir denken. Das ist also der 
grofie Unterschied, der sich ergibt, wenn man das Denken vor dem 
15. Jahrhundert und nach dem 15. Jahrhundert betrachtet. Wenn 
man das Denken vor dem 15. Jahrhundert betrachtet, dann verlauft 
es im Atherleib (siehe Zeichnung, helle Schraffierung), gewisser- 
mafien gibt es dem Atherleib eine gewisse Struktur. Wenn man das 
Denken jetzt betrachtet, verlauft es im physischen Leib (dunkel). 
Jede solche Linie des Atherleibes ruft ein Abbild von sich hervor, und 
dieses Abbild ist dann im physischen Leib; es ist also gewisser- 
mafien ein Siegelabdruck der atherischen Tatigkeit im physischen 
Leibe, was seit jener Zeit in der Menschheit vor sich geht, wenn ge- 
dacht wird. Das war im wesentlkhen die Entwickelung vom 15. bis 
ins 19., 20. Jahrhundert herein, dafi der Mensch immer mehr und 
mehr sein Denken herausgeholt hat aus dem Atherleib und dafi er 



sich halt an dieses Schattenbild, das er im physischen Leib erhalt von 
dem eigentlichen Gedankenursprung im Atherleib. Es ist also wirk- 
lich das vorhanden, dafi in diesem funften nachatlantischen Zeit- 
raum eigentlich gedacht wird mit dem physischen Leib, dafi aber im 
Grunde genommen das nur ein Schattenbild ist desjenigen, was das 
Weltendenken einstmals war, dafi also seit jener Zeit in der Mensch- 
heit nur ein Schattenbild des Weltendenkens lebt. 

Sehen Sie, im Grunde genommen ist all das, was da entstanden 
ist seit dem 15. Jahrhundert, was sich ausgebildet hat als neuere 
Mathematik, als neuere Naturwissenschaft und so weiter, Schatten- 
bild, Gespenst des friiheren Denkens; es hat kein Leben mehr. Die 
Menschheit macht sich heute eigentlich keinen BegrifF davon, ein 
wieviel lebendigeres Element das Denken vorher war. Der Mensch 
fiihlte sich im Denken zu gleicher Zeit erfrischt in jener alteren Zeit, 
er war froh, wenn er denken konnte, denn das Denken war ein Labe- 
trunk der Seele fur ihn. Dafi das Denken etwa auch ermiiden kdnne, 
das war keine Ansicht jener Zeiten. Es konnte der Mensch gewisser- 
mafien durch etwas anderes ermiiden; aber wenn er wirklich denken 
konnte, so fiihlte er dies als eine Erfrischung, als einen Labetrunk 



dei Seele, er fuhlte audi immer etwas von Begnadung, die ihm 
wurde, wenn er in Gedanken leben konnte. 

Dieser Umschwung in der Seelenverfassung ist einmalgeschehen, 
und wir haben heute in dem, was als Denken der neueren Zeit auf- 
tritt, ein durchaus Schattenhaftes. Daher auch die grofie Schwierig- 
keit, durch das Denken - wenn ich mich so ausdriicken darf - den 
Menschen iiberhaupt in irgendeinen Schwung zu bringen. Vom 
Denken aus kann man ja zu dem modernen Menschen alles mogliche 
reden, aber er kommt nicht in Schwung. Dennoch ist es das, was er 
lernen mufi. Der Mensch mull sich bewufit werden, daft er in seinem 
modernen Denken ein Schattenbild hat, und dafi dieses Schatten- 
bild nicht Schattenbild bleiben darf, daft dieses Schattenbild, das 
das moderne Denken ist, belebt werden mufi, damit es Imagination 
werden kann. Es ist immer ein Versuch, das moderne Denken zur 
Imagination zu machen, was zum Beispiel zutage tritt in einem sol- 
chen Buch wie in meiner «Theosophie» oder wie in meiner «Ge- 
heimwissenschaft im Umrift», wo eben iiberall in das Denken hinein 
die Bilder getrieben werden, damit das Denken zur Imagination, 
also wiederum zum Leben aufgerufen werde. Es wurde sonst die 
Menschheit vollstandig veroden. Wir konnten vertrocknete Gelehr- 
samkeit weit verbreiten, aber diese vertrocknete Gelehrsamkeit 
wurde nicht zum Wollen sich aufraffen und nicht entflammen kon- 
nen, wenn in dieses schattenhafte Denken, in dieses Denkgespenst, 
das in der neueren Zeit eben in die Menschheit hereingekommen ist, 
nicht wiederum das imaginative Leben einziehen wiirde. 

Das ist ja, ich mochte sagen, die grofie Schicksalsfrage der neue- 
ren Zivilisation, dafi eingesehen werde, wie das Denken auf der 
einen Seite tendiert, ein Schattenwesen zu werden, wie die Men- 
schen immer mehr und mehr sich in dieses Denken zuriickziehen, 
einkapseln, und wie daneben dasjenige, was ins Wollen ubergeht, 
eigentlich blofi eine Art Auslieferung an die menschlichen Instinkte 
wird. Je weniger das Denken wird Imagination aufnehmen konnen, 
desto mehr wird das voile Interesse desjenigen, was im aulkren 
sozialen Leben lebt, in die Instinkte ubergehen. Die altere Mensch- 
heit, wenigstens in denjenigen Zeiten, welche die Zivilisation 



trugen, bekam - das haben Sie aus den letzten Vortragen entnehmen 
konnen - aus ihrem ganzen Organismus heraus etwas, was geistig 
war. Der moderne Mensch bekommt nur aus seinem Kopfe etwas 
heraus, was geistig ist, daher uberlafit er sich in bezug auf den 
Willen seinen Trieben, seinen Instinkten. Das ist die grofte Gefahr, 
daft die Menschen immer mehr und mehr blofte Kopfmenschen 
werden und in bezug auf das Wollen in der Aufienwelt sich ihren In- 
stinkten iiberlassen, was dann selbstverstandlich zu den sozialen 
Zustanden fiihrt, die jetzt im Osten Europas Platz greifen und auch 
bei uns infizierend Platz greifen aHuberall. Dadurch, daft das 
Denken Schattenbild geworden ist, dadurch kommt das auf. Man 
kann nicht oft genug auf diese Dinge hinweisen. Gerade aus solchen 
Untergriinden heraus wird man das Bedeutsame begreifen, was an- 
throposophisch orientierte Geisteswissenschaft eigentlich will. Sie 
will, dafi das Schattenbild wiederum ein lebendiges Wesen werde, 
dafi wiederum unter Menschen herumgehe das, was ergreift den 
ganzen Menschen. Das kann aber nicht geschehen, wenn das Denken 
Schattenbild bleibt, wenn nicht die Imaginationen in dieses Denken 
wieder einziehen, wenn nicht zum Beispiel die Zahl so belebt wird, 
wie ich es gezeigt habe, indem ich hingewiesen habe auf den sieben- 
gliedrigen Menschen, der eigentlich ein neungliedriger ist, wobei 
aber immer zweites und drittes, und sechstes und siebentes Glied, 
sich so zusammenschlielten, daf] sie jeweils eine Einheit werden, so 
dafi gewissermafien sieben herauskommt, wenn man neun Glieder 
summiert. Dieses innere Eingreifen desjenigen, was einmal dem 
Menschen von innen gegeben war, das ist dasjenige, was angestrebt 
werden mufi. In dieser Beziehung raufi man recht ernst nehmen, was 
durch Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientiert, gerade von 
dieser Seite her charakterisiert wird. 

Von anderer Seite her ist gesehen worden, wie das Denken schat- 
tenhaft wird, und daher ist im Jesuitenorden eine Methode geschaf- 
fen worden, welche von einer gewissen Seite her Leben in dieses 
Denken hineinbringt. Die jesuitischen Exerzitien gehen darauf hin- 
aus, Leben in dieses Denken hineinzubringen. Aber sie tun es, in- 
dem sie altes Leben wiederum erneuern, indem sie vor alien Dingen 



nicht auf die Imagination hin und durch die Imagination arbeiten, 
sondern durch den Willen arbeiten, der ja insbesondere in den jesui- 
tischen Exerzitien eine grofie Rolle spielt. Die Menschheit der 
Gegenwart sollte begreifen und begreift viel zuwenig, wie in einer 
solchen Gemeinschaft, wie es die jesuitische ist, alles Seelenleben et- 
was radikal anderes wird, als es bei den anderen Menschen ist. Die 
anderen Menschen der Gegenwart sind alle im Grunde genommen 
in anderer Seelenverfassung als diejenigen, die Jesuiten werden. Die 
Jesuiten arbeiten aus einem Weltenwillen heraus, das ist nicht zu 
leugnen. Sie sehen daher gewisse Zusammenhange, die da sind, und 
hochstens werden solche Zusammenhange von manchen anderen 
Orden noch gesehen, die wiederum von den Jesuiten bis aufs Messer 
bekampft werden. Aber dieses Bedeutungsvolle, wodurch Realitat 
hineinkommt in das schattenhafte Denken, das ist es, was den 
Jesuiten zu einem Menschen anderer Art macht, als es die modernen 
Zivilisationsmenschen sind, die uberhaupt nurmehr in Schattenbil- 
dern denken und daher im Grunde genommen schlafen, weil das Den- 
ken nicht ergreift ihren Organismus, weil es nicht vibriert in ihrem 
Blute, weil es nicht eigentlich wirklich durchflutet ihr Nervensystem. 

Noch niemals wird jemand, wie ich glaube, einen begabten 
Jesuiten nervos gesehen haben, wahrenddem die moderne Gelehr- 
samkeit und die moderne Bildung immer mehr nervos werden. 
Wann wird man nervos? Wenn die physischen Nerven sich geltend 
machen. Dann macht sich etwas geltend, was eigentlich physisch gar 
keine Berechtigung hat, sich geltend zu machen, weil es blofi da ist, 
um das Geistige durchzuleiten. Diese Sachen hangen innig zu- 
sammen mit der Verkehrtheit unseres modernen Bildungswesens, 
und der Jesuitismus ist gewifi von einem Standpunkte aus, den wir 
entschieden bekampfen miissen, aber eben von einem Standpunkte 
des Belebens des Denkens aus, etwas, was mit der Welt geht, wenn 
es auch wie ein Krebs zuriickgeht. Aber es geht, es steht nicht still, 
wahrend unsere Wissenschaft, wie sie heute gang und gabe ist, im 
Grunde genommen den Menschen gar nicht ergreift. 

Wenn ich Sie da auf etwas hinweisen darf, so mulS ich sagen: Ich 
habe ja schon ofters zum Ausdrucke gebracht, wie es einem eigent- 



lich fortwahrend immer wieder und wiederum Schmerz bereitet, dafi 
dieser moderne Mensch, der ja alles mogliche denken kann, der so 
furchtbar gescheit ist, aber doch mit keiner Faser seines Lebens auch 
lebendig drinnensteht in der Gegenwart, nicht sieht, was urn ihn 
herum vorgeht; er sieht es ja nicht, was um ihn herum vorgeht, er 
will nicht mitmachen. Das ist beim Jesuiten anders. Der Jesuit, der 
den vollen Menschen in Regsamkeit brin^t, der sieht, was heute 
durch die Welt vibriert. Dafiir mochte ich ein paar Worte aus einer 
Jesuitenflugschrift der Gegenwart vorlesen, aus der Sie sehen, was 
darinnen fur ein Leben pulsiert: 

«Fur alle diejenigen, die es mit den christlichen Grundsatzen 
ernst nehmen, denen das Volkswohl wirklich Herzenssache ist, 
denen das Heilandswort <Misereor super turbam> einmal tief in die 
Seele gedrungen, fiir diese alle ist jetzt die Zeit gekommen, wo sie 
getragen von den Grundwellen der bolschewistischen Sturmflut, mit 
viel grofierem Erfolg mit dem Volk und fur das Volk arbeiten kon- 
nen. Und da nur nicht zu zaghaft sein. Also grundsatzliche und 
allseitige Bekampfung des <Kapitalismus>, der Ausbeutung und 
Auswucherung des Volkes, scharfere Betonung der Arbeitspflicht 
auch fiir die hoheren Stande, Beschaffung menschenwiirdiger 
Wohnungen fiir Millionen von Volksgenossen, auch wenn diese 
Beschaffung Inanspruchnahme der Palaste und grofieren Woh- 
nungen erfordert, Ausnutzung der Bodenschatze, Wasser- und Luft- 
krafte nicht fiir Trusts und Syndikate, sondern fiir das Gemeinwohl, 
Hebung und Bildung der Volksmassen, Beteiligung aller Volkskreise 
an Staatsverwaltung und Staatsleitung, Benutzung der Idee des 
Ratesystems zum Ausbau einer neben derparlamentarischenMassen- 
vertretung einhergehenden und gleichberechtigten Standevertre- 
tung, um die von Lenin mit Recht geriigte dsolierung der Massen 
vom Staatsapparat> zu verhindern. ... Gott hat die Giiter der Erde 
fur alle Menschen gegeben, nicht dafi einzelne in uppigem Uberflufi 
schwelgen, Millionen aber in einer physisch und moralisch gleich 
verderblichen Armut schmachten. ...» 

Sehen Sie, das ist das Feuer, das allerdings etwas spurt von dem, 
was vorgeht. Das ist ein Mensch, der in seinem iibrigen Buche den 



Bolschewismus streng bekampft, der natiirlich vom Bolschewismus 
nichts wissen will, der aber nicht sitzt wie irgend jemand, der heute 
sich schon auf einen Stuhl niedergelassen hat und ringsherum das 
Feuer der Welt nicht merkt, sondern der es merkt und der weift, was 
er will, weil er sieht. 

Die Menschen haben es dazu gebracht, uber die Dinge der Welt 
bloft nachzudenken und sie im ubrigen laufen zu lassen, wie sie 
laufen. Das ist es, worauf man immer wieder hinweisen mufi, dafi 
der Mensch noch etwas anderes in sich hat als blofie Gedanken, 
durch die man eben nachdenkt, und sich nicht kummert eigentlich 
um das Wesen der Welt. Da braucht man ja blo& hinzuweisen auf 
das, was zum Beispiel die Theosophische Gesellschaft ist. Die Theo- 
sophische Gesellschaft weist hin auf die groiten Eingeweihten, die 
kgendwo sitzen; gewifi, das kann sie mit Recht. Aber es handelt sich 
nicht darum, daft die da sitzen, sondern es handelt skh darum, wie 
diejenigen, die von ihnen reden, auf sie hinweisen. Die Theosophen 
stellen sich vor, die grofien Eingeweihten regieren die Welt; dann 
setzen sie sich selber nieder und haben gute Gedanken, die sie iiber- 
allhin ausstromen lassen, und dann reden sie von Weltregierung, 
reden von Weltepochen, von Weltimpulsen. Wenn es aber wirklich 
einmal dahin kommt, dafi eine reale Sache, wie Anthroposophie es 
ist, notwendigerweise, weil es nicht anders sein kann, drinnen leben 
mufi im realen Gang der Welt, dann findet man das ungemiitlich, 
weil man eigentlich dann nicht mehr auf dem Stuhl sitzenbleiben 
konnte, sondern miterleben mulke das, was in der Welt vorgeht. 

Scharf mufi betont werden, wie das, was Verstand ist, in den 
Menschen geworden ist zum Schatten, weil es fruher erlebt worden 
ist im atherischen Leib und jetzt gewissermafien hinuntergerutscht 
ist in den physischen Leib und da nur ein subjektives Dasein fuhrt. 
Aber es kann durch die Imagination lebendig gemacht werden. 
Dann fuhrt es zur Bewulkseinsseele, und diese Bewulkseinsseele 
kann nur als ein Reales erfafit werden, wenn sie das Ich als das Ewige 
in sich fuhlt, und wenn durchschaut wird, wie dieses Ich herunter- 
steigt zur Verkorperung aus geistig-seelischen Welten, wie es durch 
die Todespforte wiederum in geistig-seelische Welten geht. Wenn 



diese innerliche geistig-seelische Wesenheit des Ichs ergriffen wird, 
dann kann tatsachlich das Schattenbild des Verstandes mit Realitat 
erfullt werden. Denn vom Ich aus mufi dieses Schattenbild des 
Verstandes mit Realitat erfullt werden. 

Es ist notwendig, dafi gesehen werde, wie es ein lebendiges Den- 
ken gibt. Denn was kennt denn der Mensch seit dem 15. Jahrhun- 
dert? - Er kennt ja blofi das logische Denken, er kennt nicht das 
lebendige Denken. Auch darauf habe ich wiederholt aufmerksam 
gemacht. Was ist lebendiges Denken? - Ich will ein naheliegendes 
Beispiel nehmen. Ich habe 1892 die «Philosophie der Freiheit» ge- 
schrieben. Diese «Philosophie der Freiheit» hat einen bestimmten 
Inhalt. Ich habe 1903 geschrieben die «Theosophie», die hat wieder 
einen bestimmten Inhalt. In der «Theosophie» ist die Rede vom 
Atherleib, Astralleib und so weiter. Davon ist in der «Philosophie 
der Freiheit» nicht die Rede. Da kommen nun diejenigen Menschen, 
die blofi das logisch Tote kennen, blofi den Leichnam des Denkens 
kennen, und sagen: Ja, ich lese die «Philosophie der Freiheit», ich 
kann aus ihr heraus keinen Begriff «herausmutzeln», keinen Be- 
griff herausnehmen vom Atherleib, Astralleib; das geht nicht, das 
bekomme ich nicht heraus aus den Begriff en, die dort sind. - Aber 
das ware ja derselbe Vorgang, wie wenn ich einen kleinen funfjah- 
rigen Knaben hatte und mochte einen Mann von sechzig Jahren aus 
ihm machen, und ich nehme ihn und ziehe ihn in die Hone und 
mochte ihn in der Breite ausdehnen! Ich darf da nicht einen mecha- 
nisch-leblosen Vorgang an die Stelle des Lebendigen setzen. Aber 
stellen Sie sich die «Philosophie der Freiheit» als etwas Lebendiges 
vor, was sie wirklich ist, stellen Sie sich vor, dafi sie wachst; dann 
wachst aus ihr das heraus, was nur derjenige, der aus den Begriffen 
etwas «herausmutzeln» will, nicht herausbekommt. Darauf beruhen 
eben alle die Einwande von Widerspriichen: dafi man nicht ver- 
stehen kann, was lebendiges Denken ist, im Gegensatz zu dem 
toten Denken, das heute die ganze Welt, die ganze Zivilisation 
beherrscht. In der Welt des Lebendigen entwickeln sich die Dinge von 
innen heraus. Derjenige, der weifie Haare hat, der hat sie, wenn er 
fruher schwarze gehabt hat, nicht dadurch bekommen, dafi sie ihm 



weift angestfichen worden sind, sondern er hat sie von innen heraus 
bekommen. Das Aufundabsteigende entwkkelt sich von innen 
heraus, und so ist es auch mit dem lebendigen Denken. Heute aber 
setzt man sich hin und will blofi Konklusionen entwickeln, will blofi 
auflerliche Logik empfinden. Was ist Logik? - Logik ist Anatomie 
des Denkens, und Anatomie studiert man an Leichnamen, und 
Logik ist am Leichnam des Denkens studiert. Es ist ja gewifi berech- 
tigt, Anatomie an den Leichnamen zu studieren. Ebenso berechtigt 
ist es, Logik an Leichnamen des Denkens zu studieren! Aber niemals 
kann man mit dem, was am Leichnam studiert ist, das Leben be- 
greifen. Das ist dasjenige, worauf es ankommt, worauf es wirklich 
ankommt, wenn man heute lebendig Anteil nehmen will mit ganzer 
Seele an dem, was durch die Welt eigentlich walk und webt. Man 
mufi schon immer wiederum auf diese Seite der Sache hinweisen, 
weil wir im Sinne der guten Weltentwickelung, im Sinne der guten 
Merischenentwickelung eine Belebung brauchen des schattenhaft 
gewordenen Denkens. Dieses Schattenhaftwerden des Denkens, das 
hat seinen Hohepunkt in der Mitte des 19- Jahrhunderts erlebt. 
Daher fallen in diese Mitte des 19. Jahrhunderts gerade diejemgen 
Dinge, welche, ich mochte sagen, die Menschheit am meisten 
beriickt haben. Wenn auch diese Dinge als solche nichtgrofigewesen 
sind: wenn sie an den richtigen Platz gestellt werden, erscheinen sie 
grofl. 

Nehmen wir das Ende der fiinfziger Jahre. Da erscheinen Dar- 
wins «Entstehung der Arten», Karl Marx' «Die Prinzipien der poli- 
tischen Okonomie» sowie die «Psycho-Physik» von Gustav Theodor 
Fechner, in der versucht wird, das Psychische, das Seelische durch 
das aufiere Experiment aufzudecken. In demselben Jahre wird der 
Menschheit die beruckende Entdeckung der Kirchhoff- und Bunsen- 
schen Spektralanalyse vorgefuhrt, wodurch gewissermafien gezcigt 
wird, dafi, wo man hinschauen mag im Weltenall, man dieselbe 
Stofflichkeit findet. Es wird gewissermafien alles getan in dieser Mitte 
des 19. Jahrhunderts, um die Menschen darin zu beriicken, dafi das 
Denken hier schon subjektiv zu bleiben hat, eben schattenhaft zu 
bleiben hat und ja nicht eingreifen darf in das Aufiere, so dafi man 



sich gar nicht vorstellen darf , daft in der Welt Verstand, Nus, irgend 
etwas im Kosmos selber Lebendes sei. 

Das ist es, was diese zweite Halfte des 19 . Jahrhunderts so un- 
philosophisch, aber auch im Grunde genommen so tatenlos machte 
und was bewirkte, daft wahrend die wirtschaftlichen Verhaltnisse im- 
mer komplizierter und komplizierter wurden, der Welthandel sich 
zur Weltwirtschaft ausdehnte, so daft tatsachlich die ganze Erde ein 
Wirtschaftsgebiet wurde, daft gerade dieses schattenhafte Denken 
die immer wuchtigere Wirklichkeit nicht erfassen konnte. Das ist die 
Tragik des allermodernsten Zeitalters. Die wirtschaftlichen Verhalt- 
nisse sind immer wuchtiger und wuchtiger, immer brutaler und 
brutaler geworden, das menschlkhe Denken blieb schattenhaft, und 
die Schatten konnten schon gar nicht mehr eindringen in das, 
was sich aufierlich in der brutalen wirtschaftlichen Wirklichkeit ab- 
spielte. 

Das ist es, was unsere gegenwartige Misere ausmacht. Wenn ein 
Mensch nun wirklich einmal glaubt, feiner organisiert zu sein und 
Bediirfnis zu haben nach dem Geistigen, dann gewohnt er sich wo- 
moglich an, ein langes Gesicht zu machen, in Fistelstimme zu spre- 
chen und davon zu reden, wie man sich erheben miisse von der 
brutalen Wirklichkeit, denn nur im Mystischen konne im Grunde 
genommen das Geistige erfaftt werden. Das Denken ist so fein 
geworden, daft es weggehen mufi von der Wirklichkeit, daft es in 
seinem Schattendasein ja gleich zugrunde geht, wenn es eindringen 
will in die brutale Wirklichkeit. Die Wirklichkeit entwickelt sich 
nach den Instinkten darunter, die wuchtet und brutalisiert. Wir 
sehen oben die fetten Eier der Mystiken und Weltanschauungenund 
Theosophien schwimmen und unten das Leben brutal ablaufen. Das 
ist etwas, was zum Heile der Menschheit eben aufhoren mui Das 
Denken mufi belebt werden, und der Gedanke mufi so machtig 
werden, daft er sich nicht zuriickzuziehen braucht vor der brutalen 
Wirklichkeit, sondern daft er in diese brutale Wirklichkeit unter- 
tauchen kann, leben kann als Geist in dieser brutalen Wirklichkeit; 
dann wird die Wirklichkeit nicht mehr brutal sein. Das muft man 
verstehen. 



Was nach alien moglichen Richtungen hin nicht verstanden 
wird, das ist, daft das Denken, wenn darinnen das Weltenwesen 
lebt, gar nicht anders sein kann, als dafi es seine Kraft ausgiefit iiber 
alles mogliche. Das ist doch eigentlich etwas ganz Selbstverstand- 
liches. Aber diesem modernen Denken gilt es als Sakrileg, wenn nur 
einmal auftritt so etwas wie ein Denken, das gar nicht anders kann, 
als seine Faden zu Ziehen nach den verschiedenen Gebieten hin. 
Was den Ernst des Lebens heute ausmachen soil, das ist, dafi ein- 
gesehen werden soil: Wir haben in dem Denken, und zwar mit 
Recht, ein Schattenbild gehabt; es ist aber das Zeitalter angekom- 
men, das in dieses Denk- Schattenbild hinein Leben bringen mufi, 
damit von diesem Denk-Leben, von diesem inneren seelischen 
Leben das aulSere physisch-sinnliche Leben seine soziale Anregung 
erhalten kann. 

Davon wollen wir dann morgen weiterreden. 



ELFTER VORTRAG 



Dornach, 30. April 1921 



Wir haben im Verlaufe dieser Betrachtungen gesehen, welch wich- 
tiger Punkt in der Menschheitsentwickelung des Abendlandes die 
Mitte des 19- Jahrhunderts ist. Wir haben aufmerksam darauf ge- 
macht, wie in dieser Mitte des 19. Jahrhunderts gewissermafien der 
Hohepunkt materialistischer Gesinnung, materialistischer Lebens- 
ansicht vorhanden ist; aber wir haben auch aufmerksam darauf 
machen mussen, wie das, was sich da im Menschen seit dem Beginn 
des 15. Jahrhunderts herausgerungen hat, eigentlich ein Geistiges 
ist, so dafi man sagen konnte: Das war das Charakteristische in 
diesem Entwickelungspunkt neuzeitlicher Menschheitsentwickelung, 
dafi der Mensch, indem er am geistigsten geworden ist, diese Gei- 
stigkeit nicht erfassen konnte, sondern sich nur erfullte mit materia- 
listischem Denken, materialistischem Fuhlen und auch materialisti- 
schem Wollen und Tun. Und die Gegenwart steht ja noch immer 
unter den Nachwirkungen desjenigen, was sich da, ich mochte 
sagen, von vielen Menschen unvermerkt vollzogen hat und was ja in- 
nerhalb der Menschheitsentwickelung einen Hohepunkt erreicht 
hat, Wozu war dieser Hohepunkt da? - Er war da, weil ja ein Ent- 
scheidendes geschehen sollte in bezug auf das Erringen der Bewufit- 
seinsseelenstufe durch die neuzeitliche Menschheit. 

Fassen wir einmal ins Auge, wie sich die Menschheitsentwicke- 
lung abgespielt hat, dann mussen wir sagen: Wir haben, wenn wir 
beginnen beim dritten nachatlantischen Zeitraum, etwa bis, sagen 
wir, zum Jahre 747 (siehe Zeichnung) vor dem Mysterium von Gol- 
gatha, was wir als die Entwickelung der Empfindungsseele in der 
Menschheit bezeichnen konnen. Es beginnt dann das Zeitalter der 
Verstandes- oder Gemutsseele, die bis zum Jahre 14 13 etwa dauert, 
die ihren Hohepunkt erreicht in demjenigen Zeitpunkt, von dem 
die aufiere Geschkhte ja wenig mitteilt, der aber ins Auge gefafit 
werden mufi, wenn man iiberhaupt die europaische Entwickelung 
begreifen will. Es ist ungefahr der Zeitpunkt 333 nach Christus. Seit 



dem Jahre 1413 haben wir es zu tun mit der Entwickelung der Be- 
wufitseinsseele, in welcher Entwickelung wir noch darinnenstehen, 
die eben ein entscheidendes Ereignis erlebte um das Jahr 1850, 
besser gesagt 1840. 

Es war um dieses Jahr 1840 die Sache so, daft wenn wir die 
Menschheit als Ganzes auffassen - wie sich die einzelnen Nationen 
dazumal verhielten, das werdenwir nachher gleich zu betrachten be- 
ginnen -, wir sagen konnen, daft, insofern wir auf reprasentative 
Personlichkeiten der Nationen hinschauen, sie in diesem Jahre 1840 
vor dem Punkte standen, wo der Verstand schon am meisten zum 
Schattenwesen geworden war. Der Verstand hatte seinen Schatten- 
charakter angenommen. Ich habe Ihnen ja gestern diesen Schatten- 
charakter des Verstandes zu charakterisieren versucht. So weit war 
die Menschheit der zivilisierten Erde gediehen, daft von da ab die 
Moglichkeit bestand, aus der allgemeinen Kultur heraus ohne Ein- 
weihung die Empfindung zu bekommen: Wir haben den Verstand, 
der Verstand hat sich heraufentwickelt, aber dieser Verstand hat fur 
sich selber keinen Inhalt mehr. Wir haben BegrifFe, aber diese Be- 
griffe sind leer, wir miissen sie mit etwas erfullen. - Das ist der Ruf, 
der sozusagen durch die Menschheit, allerdings noch dunkel und 
unvernehmlich, geht. Aber in den tiefen, untergriindigen, unter- 
bewufiten Sehnsuchten der Menschen lebt der Ruf, eine Erfiillung 
zu bekommen fur das Schattenhafte des Verstandesdenkens. Es ist 
eben der Ruf, der nach Geisteswissenschaft geht. Wir konnen aber 
diesen Ruf auch konkret fassen. 

Es war einfach in dieser Mitte des 19- Jahrhunderts die mensch- 
liche Organisation, in deren physischem Teil ja dieser schattenhafte 
Verstand geiibt wird, so weit, daft sie den Verstand, den leeren 



schattenhaften Verstand gut ausbilden konnte. Nun gehorte in 
diesen schattenhaften Verstand etwas hinein, er mufite mit etwas 
erfullt werden. Erfullt werden kann er nur, wenn der Mensch sich 
bewuik wird: Ich mufi etwas aufnehmen von dem, was sich mir auf 
der Erde selbst nicht darbietet, was auf der Erde selber nicht lebt, 
was ich nicht erfahren kann in dem Leben zwischen der Geburt und 
dem Tode. Ich mufi wirklich in diesen Verstand herein etwas aufneh- 
men, was zwar ausgeldscht wurde, als ich aus geistigen Seelenwelten 
mit den Ergebnissen meiner fruheren Erdenleben in eine physische 
Korperlichkeit herunterstieg, etwas, was zwar verdunkelt worden ist, 
was aber ruht in den Tiefen meiner Seele. Ich mufi es von da herauf- 
bringen, ich mufi mich auf etwas besinnen, was in mir ist einfach 
dadurch, dafi ich ein Mensch des 19. Jahrhunderts bin. 

Es war vorher nicht so, dafi die Menschen in derselben Weise 
hatten Selbstbesinnung iiben konnen. Daher mufiten sie erst ihre 
Menschheit so weit bringen, dafi der physische Leib eben sich immer 
reifer und reifer machte, um den schattenhaften Verstand vollstan- 
dig auszubilden, vollstandig zu iiben. Jetzt waren die physischen 
Leiber, wenigstens bei den vorgeriicktesten Menschen, so weit, dafi 
man hatte sagen konnen, besser gesagt, man kann es seither: Ich will 
mich darauf besinnen, was suche ich aus den Untergriinden meines 
Seelenlebens heraufzubringen, um in diesen schattenhaften Ver- 
stand etwas hineinzugiefien? - Dadurch ware dann dieser schatten- 
hafte Verstand von etwas durchgossen worden, und dadurch hatte 
aufgedammert die Bewufitseinsseele. Es war also gewissermafien in 
diesem Zeitpunkt die Gelegenheit dazu gegeben, dafi die Bewufit- 
seinsseele hatte aufdammern konnen. 

Nun werden Sie sagen: Ja, aber schon die ganze Zeit vorher, seit 
dem Jahre 14 13, war ja das Zeitalter der Bewufitseinsseele. - Ge- 
wifi, aber es ist eben eine vorbereitende Entwickelung zunachst ge- 
wesen, und Sie brauchen nur zu bedenken, welche Grundbedingun- 
gen zu einer solchen Vorbereitung gerade in diesem Zeitalter gegen- 
iiber alien fruheren Zeitaltern vorhanden waren. In dieses Zeitalter 
fallt ja zum Beispiel die Entdeckung der Buchdruckerkunst, die Aus- 
breitung der Schrift. Die Menschen nehmenseit dem 15. Jahrhundert 



durch die Buchdruckerkunst und durch die Schrift nach und nach 
eine ganze Menge von geistigem Inhalt auf. Aber sie nehmen ihn 
eben aufierlich auf; und das Wesentliche dieses Zeitalters ist ja, dafi 
eine ungeheure Summe von geistigem Inhalt aufierlich aufgenom- 
men worden ist. Die Volker der zivilisierten Erde haben ja aufierlich 
etwas aufgenommen, was sie fruher eigentlich in ihren grofien 
Massen nur durch die horbare Sprache haben aufnehmen konnen. 
Im Zeitalter der Verstandesentwickelung war es so, und im Zeitalter 
der Empfindungsseele war es erst recht so, dafi im Grunde genom- 
men alle Verbreitung der Bildung auf dem mundlichen Sprechen 
beruht hat. Durch die Sprache klingt noch etwas durch von Geistig- 
Seelischem. In den Worten lebte besonders in fruheren Zeiten durch - 
aus das, was man nennen kann den «Genius der Sprache». Das 
horte auf, als in abstrakter Form, durch Schrift und Druck, der In- 
halt der menschlichen Bildung aufgenommen wurde. Das Ge- 
druckte und Geschriebene hat ja die Eigentumlichkeit, dafi es in 
einer gewissen Weise das ausloscht, was der Mensch durch die 
Geburt mitbekommt aus seinem uberirdischen Dasein. 

Selbstverstandlich soli das nicht heifien, dafi Sie nun aufhoren 
sollen zu lesen oder zu schreiben, sondern es soli heifien, dafi eine 
starkere Kraft heute notwendig ist, um das, was in der menschlichen 
Wesenheit unten liegt, heraufzuheben. Aber diese starkere Kraft 
mufi auch notwendig erlangt werden. Wir mussen auf Selbstbesin- 
nung kommen, trotzdem wir lesen und schreiben, wir mussen eben 
diese starkere Kraft entwickeln gegeniiber der fruheren. Das ist die 
Aufgabe im Zeitalter der Entwickelung der Bewufitseinsseele. 

Bevor wir uns nun ein wenig ansehen konnen, wie ja nun in einer 
gewissen Weise doch begonnen hat das Herunterwirken der gei- 
stigen Welt in die physisch-sinnliche Welt herein, wollen wir uns 
einmal heute die Frage vorlegen: Wie haben denn eigentlich die Na- 
tionen der neueren Zivilisation diesen Zeitpunkt von 1840 ange- 
troffen? 

Wir wissen aus fruheren Vortragen, dafi das charakteristische 
Volk fur die Ausbildung der Bewufitseinsseele, also fur dasjenige, 
worauf es gerade in diesem Zeitalter ankommt, das angelsachsische 



Volk ist. Dieses angelsachsische Volk ist das Volk, das durch seine 
ganze Organisation daraufhin angelegt ist, die Bewufltseinsseele be- 
sonders auszubilden. Darauf beruht ja die besondere Stellung des 
angelsachsischen Volkes, des anglo-amerikanischen Volkes in un- 
serem Zeitalter, daft es fur die Ausbildung der Bewufitseinsseele 
besonders veranlagt ist. Aber jetzt fragen wir uns einmal rein aufter- 
lich: Wie ist denn eigentlich dieses angelsachsische Volk angekom- 
men an diesem Zeitpunkte, der der wichtigste ist in der modernen 
Kulturentwickelung ? 

Man kann sagen: Gerade das angelsachsische Volk hat lange Zeit 
fortgelebt in einem Zustande, den man vielleicht am besten dadurch 
bezeichnen kann - selbstverstandlich mit den entsprechenden Vari- 
anten und Metamorphosen -, daft man sagt: Es haben sich in bezug 
auf die innere Seelenverfassung innerhalb des angelsachsischen 
Volkes bis ins 19- Jahrhundert herein diejenigen inneren Impulse 
erhalten, welche im Griechentum schon anderen Formen gewichen 
sind. - Man konnte sagen, im 11. und 10. vorchristlkhen Jahrhun- 
dert ist das Eigentiimliche, daft da die Nationen das, was durch - 
gemacht wird, in verschiedenen Zeiten durchmachen, daft sich 
gewissermaften die Zeiten iibereinanderschieben. Nur bemerkt man 
solche Dinge aufterordentlich schwer aus dem Grunde, weil ja natiir- 
lich im 19- Jahrhundert schon alles mogliche da war - Schreiben, 
Lesen -, weil andere Daseinsbedingungen da waren in Schottland 
und in England, als sie vorhanden waren in der Homerischen Zeit. 

Aber dennoch, wenn man die Seelenverfassung des Volkes eben 
als Nation ins Auge fafit, so ist das so, daft geblieben ist diese Seelen- 
verfassung der Homerischen Zeit, die in Griechenland im tragischen 
Zeitalter iiberwunden worden ist, die in den Sophoklismus uber- 
gegangen ist. Diese Zeit hat sich in der angelsachsischen Welt er- 
halten bis ins 19- Jahrhundert herein, eine Art patriarchalischer 
Lebensauffassung, eine Art patriarchalischen Lebens. Insbesondere 
hat sich ausgebreitet dieses patriarchalische Leben von der Seelen- 
verfassung in Schottland herein, und es ist aus diesem Grunde, 
warum gerade auf das angelsachsische Volk nicht etwa dasjenige 
gewirkt hat, was von den Einweihungsstatten Irlands ausgegangen 



ist. Das hat ja, wie wir bei anderen Gelegenheiten gehort haben, 
hauptsachlich im kontinentalen Europa gewirkt. Auf der britischen 
Insel selber hat hauptsachlich dasjenige gewirkt, was vom Norden, 
von Schottland herunter auch an Einweihungswahrheiten gekom- 
men ist, und diese Einweihungswahrheiten haben dann das andere 
durchdrungen. Aber es ist etwas in der ganzen Auffassung der 
menschlichen Personlichkeit, das gewissermafien uralt geblieben ist. 
Und das wirkt noch nach, das wirkt nach selbst in der Art und Weise, 
wie, sagen wir, das Verhaltnis von Whigs und Tories in dem englischen 
Parlamente sich entfaltete. Es ist ja so, dafi wir es urspriinglich nicht 
etwa zu tun haben mit dem Gegensatz von liberal und konservativ, 
sondern wir haben es zu tun mit zwei Schattierungen in politischen 
Ansichten, fur die man heute eigentlich gar keine Empfindungen 
mehr hat. 

Die Whigs sind ja im wesentlichen eigentlich die Fortpflanzung 
desjenigen, was man nennen konnte, eine von allgemeiner Men- 
schenliebe getragene, in Schottland aufgegangene Menschheits- 
stromung. Die Tories sind urspriinglich katholisierende, der Sage 
nach, die aber einen gewissen historischen Hintergrund hat, sogar 
katholisierende Pferdediebe aus Irland gewesen. Dieser Gegensatz, 
der sich dann ausdrxickt in dem besonderen politischen Wollen, der 
spiegelt ein gewisses patriarchalisches Sein; und dieses patriarcha- 
lische Sein, das hat gewisse elementare Krafte fortbehalten. Man 
kann das sehen aus der Art und Weise, wie die Besitzer grofierer 
Landereien zu denjenigen Menschen gestanden haben, die als 
Untertanen auf diesen Landereien gesessen haben. Bis ins 19. Jahr- 
hundert geht ja dieses Untertanenverhaltnis; bis ins 19. Jahrhundert 
war es ja so, daft im Grunde genommen niemand ins Parlament 
gewahlt wurde, der nicht durch ein solches grundbesitzerliches Ver- 
haltnis eine gewisse Macht hatte. Man mufi nur bedenken, was das 
bedeutet. Solche Dinge wiegt man nicht in der richtigen Weise. 
Man mull nur bedenken, was es bedeutet, dafi zum Beispiel erst im 
Jahre 1820 im englischen Parlament das Gesetz abgeschafft wurde, 
wonach man einen Menschen, der eine Uhr gestohlen oder der 
gewildert hat, mit dem Tode bestrafte. Bis dahin war es durchaus 



gesetzliche Bestimmung, dafi jemand, dereineTaschenuhrgestohlen 
hatte oder der Wilddieb war, mit dem Tode bestraft wurde. Das 
zeigt ja durchaus, wie geblieben waren gewisse alte elementare Zu- 
stande. Heute sieht der Mensch das, was in seiner unmittelbaren 
Gegenwart lebt, und er verlangert sozusagen die wesentlichsten 
Grundbestandteile der Zivilisation der Gegenwart nach ruckwarts 
und sieht nicht, wie kurz eigentlich die Zeit ist, in der fur die wich- 
tigsten europaischen Gegenden diese Dinge sich aus ganz elementa- 
ren Zustanden erst herausgebildet haben. 

So konnen wir sagen, dafi sich da diese patriarchalischen Zu- 
stande als der Grund und Boden desjenigen erhalten haben, in was 
dann einschlug das Allerallermodernste, das nicht zu denken ist in 
der sozialen Struktur ohne die Entwickelung der Bewufttseinsseele, 
Bedenken Sie nur schon im 18. Jahrhundert den ganzen 
Umschwung, der in der sozialen Struktur eingetreten war durch die 
technische Metamorphose in bezug auf die Textilindustrie und so 
weiter. Bedenken Sie, wie da das maschinelle Element, das tech- 
nische Element hineingezogen ist in dieses Patriarchalische, und 
bilden Sie sich eine anschauliche Vorstellung, wie auf dem Grunde 
des Patriarchalischen, dieses gutsherrlichen Verhaltnisses zu den 
Untertanen, sich da hineinschiebt die Entstehung des modernen 
Proletariats durch die Umgestaltung der Textilindustrie. Denken Sie 
sich, was da fur ein Chaos sich durcheinanderschiebt, wie sich die 
Stadte herausbilden aus den alten Landschaften, wie das Patriarcha- 
lische, kh mochte sagen, mit einem kiihnen Sprung hineinspringt in 
das moderne sozialistische, proletarische Leben. 

Man kann geradezu, wenn man es graphisch darstellen will, 
sagen, es entwickelt sich dieses Leben in der Form, wie es in Grie- 
chenland bis etwa um das Jahr 1000 vor Christus war (siehe Zeich- 
nung). Dann macht es einen kiihnen Sprung, und wir stehen plotz- 
lich im Jahr 1820. Innerlich ist das Leben im Jahre 1000 vor Christus 
stehengeblieben; aber aufierlich sind wir im 18. Jahrhundert, sagen 
wir 1770 (Pfeile). Da walzt sich hinein alles dasjenige, was dann im 
modernen Leben, ja in der Jetztzek dasteht. Aber den Anschlufi, die 
Notwendigkeit findet dieses englische Leben erst 1820 (siehe Zeich- 



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nung); da sind ja solche Dinge iiberhaupt erst spruchreif geworden, 
wie die Abschaffung der Todesstrafe fiir einen kleinlichen Dieb- 
stahl und derglekhen. So kann man sagen: Es ist durchaus hier 
zusammengeflossen ein Uraltes mit dem Allerallermodernsten; und 
so trifft dann die Wekerentwickelung hinein in das Jahr 1840. 

Was hatte nun in diesem Zeitalter hier, in der ersten Halfte des 
19. Jahrhunderts, gerade bei dem anglo-amerikanischen Volke zu 
geschehen? Wir miissen bedenken, dafi erst nach dem Jahre 1820, 
sogar erst nach 1830 Gesetze notwendig geworden sind in England, 
wodurch Kinder unter zwolf Jahren nicht zu langerer Fabrikarbeit 
angehalten werden durften als zu achtstundiger, Kinder von drei- 
zehn bis zu achtzehn Jahren hochstens zu zwolfstiindiger Tages- 
arbeit. Bitte, verglekhen Sie das mit den heutigen Verhaltnissen! 
Bedenken Sie, was heute als Achtstundentag von der breken Masse 
des Proletariats gefordert wird! Im Jahre 1820 noch wurden in 
England Knaben langer als acht Stunden beschaftigt in Bergwerken 
und Fabriken, und erst in diesem Jahre wurde fiir diese der Acht- 
stundentag angesetzt; aber fiir Kinder vom zwolften bis achtzehnten 
Lebensjahre herrschte noch der Zwolf stundentag. 

Man mufi diese Dinge durchaus ins Auge fassen, wenn man 
sehen will, was da eigentlich zusammengestofien ist, und im Grunde 
genommen konnte man sagen, erst im zweiten Drittel des 19- Jahr- 
hunderts wandte sich England heraus aus dem Patriarchalischen und 
sah sich genotigt, zu rechnen mit dem, was sich langsam durch die 
Maschinentechnik hineingeschoben hat in dieses Alte. So traf das- 
jenige Volk, welches vorzugsweise berufen ist, die Bewufitseinsseele 
sozusagen auszubilden, so traf dieses Volk der Zeitpunkt von 1840. 



Nehmen Sie jetzt andere Volker der modernen Zivilisation; neh- 
men Sie dasjenige, was vom lateinisch-romanischen Elemente ge- 
blieben ist, was also das Romanisch-Lateinische vom vierten nach- 
atlantischen Zeitraum heriibergetragen hat, was gewissermafien als 
Er bgut heriibergebracht hat die alte Verstandesseelenkultur im Zeit- 
alter der Bewuikseinsseele. Seine Kulmination, seinen Hohepunkt 
hat ja das, was da noch vorhanden war an Leben der Verstandesseele, 
in der Franzosischen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts ge- 
funden. Wir sehen, wie da plotzlich in aufierster Abstraktion auf- 
tauchen die Ideale von «Freiheit», «Gleichheit», «Bruderlichkeit». 
Wir sehen, wie sie ergriffen werden von solchen Skeptikern wie Vol- 
taire, von solchen Enthusiasten wie Rousseau, wir sehen, wie sie 
uberhaupt auftauchen aus der breiten Masse des Volkes; wir sehen, 
wie die Abstraktion, die vollberechtigt ist auf diesem Gebiete, hier 
eingreift in das Gefuge der sozialen Struktur - eine ganz andere Ent- 
wickelung als druben in England. In England die Uberreste des alt- 
germanischen patriarchalischen Lebens, durchsetzt von dem, was die 
moderne Technik, was das moderne materialistische wissenschaft- 
liche Leben in die soziale Struktur hineinsenden konnte, in Frank- 
reich alles Uberlieferung, alles Tradition. Man mochte sagen: Mit 
demselben Duktus, mit dem einstmals ein Brutus oder Casar in Rom 
in den verschiedensten Schattierungen gewirkt haben, mit dem- 
selben Duktus wird jetzt die Franzosische Revolution in Szene ge- 
setzt. So taucht wiederum auf in abstrakten Formen das, was Frei- 
heit, Gleichheit und Bruderlichkeit ist. Und nicht von auften herein 
wird da zersprengt, wie in England, dasjenige, was als altes patriar- 
chalisches Element vorhanden ist, sondern das romanisch-juristische 
Festsetzen, das Festhalten an dem alten Eigentumsbegriff, an den 
Grundbesitzerverhaltnissen und so weiter, an den Erbschaftsverhalt- 
nissen namentlich, das, was romisch-juristisch festgesetzt ist, wird 
von der Abstraktion her zersetzt, wird von der Abstraktion her aus- 
einandergetrieben . 

Man braucht nur zu denken, welchen ungeheuren Einschnitt in 
das ganze europaische Leben die Franzosische Revolution brachte. 
Man braucht ja nur daran zu erinnern, dafi vor der Franzosischen 



Revolution diejenigen, die, ich mochte sagen, herausgesondert 
waren aus der Masse des Volkes, auch Rechtsvorteile hatten. Nur 
gewisse Leute konnten, sagen wir, zu gewissen Staatsstellungen kom- 
men. Da Breschen hineinzuschlagen, das zu durchlochern, das war 
dasjenige, was aus der Abstraktion heraus, aus dem schattenhaften 
Verstande heraus die Franzosische Revolution forderte. Aber sie trug 
eben durchaus in sich das Geprage des schattenhaften Verstandes, 
der Abstraktion, und es blieb im Grunde genommen das, was da 
gefordert wurde, eine Art Ideologic Daher, konnte man sagen, 
schlagt dasjenige, was schattenhafter Verstand ist, sogleich um in 
sein Gegenteil. 

Wir sehen dann den Napoleonismus und wir sehen das staatlich- 
soziale Experimentieren im Laufe des 19. Jahrhunderts. Die erste 
Halite des 19. Jahrhunderts ist ja in Frankreich ein Experimentieren 
ohne Ziel. Wie sind die Ereignisse, durch welche so ein Louis -Phi- 
lippe zum Beispiel Konig von Frankreich wird und dergleichen, wie 
wird da experimentiert? - Es wird so experimentiert, dafi man sieht, 
der schattenhafte Verstand vermag nicht wirklich in die realen Ver- 
haltnisse einzugreifen. Es bleibt alles ungetan im Grunde genom- 
men, es bleibt alles unvollendet, es bleibt alles Erbschaft des alten 
Romanismus. Man konnte sagen: Heute ist noch immer nicht das 
Verhaltnis, das die Franzosische Revolution im Abstrakten ganz klar 
hatte, das Verhaltnis, sagen wir zur katholischen Kirche, in der 
aufieren konkreten Wirklichkeit in Frankreich geklart. Und wie un- 
klar war es von Zeit zu Zeit immer wiederum im Laufe des 19- Jahr- 
hunderts. Der abstrakte Verstand hatte sich zu einer gewissen Hohe 
heraufgerungen in der Revolution, und dann ein Experimentieren, 
ein Nicht-Gewachsensein den aufieren Verhaltnissen. Und so traf 
diese Nation das Jahr 1840. 

Wir konnten auch andere Nationen in Betracht ziehen. Sehen 
wir zum Beispiel Italien an, das noch, ich mochte sagen, ein Stuck 
Empfindungsseele mitbehielt beim Durchgang durch die Verstandes- 
kultur, das dieses Stuck Empfindungsseele in die neuere Zeit herauf- 
brachte, und es daher nicht bis zu den abstrakten Begriffen von 
Freiheit, Gleichheit und Bruderlichkeit brachte, bis zu denen man 



es in der Franzosischen Revolution gebracht hatte, das aber doch den 
Ubergang suchte von einem gewissen alten Gruppenbewulksein der 
Menschen zu dem individuellen Menschheitsbewulksein. Italien traf 
das Jahr 1840 so, daft man sagen kann: Was sich da in Italien her- 
aufarbeiten will an individuellem Menschheitsbewufttsein, wird ei- 
gentlich immerfort niedergehalten von demjenigen, was . nun im 
iibrigen Europa ist. Wir sehen ja, wie die Habsburgische Tyrannei 
in einer furchtbaren Weise lastet gerade auf dem, was sich in Italien 
an individuellem Menschheitsbewufttsein heraufarbeiten will. Wir 
sehen ja jenen merkwurdigen Kongreft von Verona, der in den zwan- 
ziger Jahren des 19- Jahrhunderts eigentlich ausmachen wollte, wie 
man sich auflehnen kann gegen den ganzen Sinn der modernen 
Zivilisation. Wir sehen, wie da von Rutland, Osterreich ausging, ich 
mochte sagen eine Art von Verschworung gegen dasjenige, was das 
moderne Menschheitsbewufttsein bringen sollte. Es ist kaum etwas 
so interessant, wie dieser Veroneser Kongreft, der im Grunde ge- 
nommen die Frage beantworten wollte: Wie schlagt man alles das 
tot, was sich als modernes Menschheitsbewufttsein heraufentwickeln 
will? 

Und dann sehen wir, wie nun die Menschheit im iibrigen Europa 
ringt, so ringt, daft in Mitteleuropa ja iiberhaupt nur immer ein klei- 
ner Teil der Menschheit sich heraufringen kann zu einem gewissen 
Bewufttsein, sozusagen in einer gewissen Weise erlebt, daft jetzt das 
Ich eintreten soil in die Bewufitseinsseele. Wir sehen, wie das in 
einer gewissen geistigen Hohe erreicht werden soli. Wir sehen es in 
jener merkwurdigen Kulturhohe des Goetheschen Zeitalters, in der 
ein Fichte gewirkt hat, wir sehen, wie sich da das Ich vordriicken will 
zur Bewufitseinsseele herein. Aber wir sehen, wie die ganze Goethe- 
Kultur etwas bleibt, was im Grunde genommen nur bei ganz 
wenigen lebt. Ich glaube, die Menschen studieren allzuwenig, was 
selbst noch in der jiingsten Vergangenheit war. Die Menschen 
denken zum Beispiel einfach: Goethe hat gelebt von 1749 bis 1832; 
er hat den «Faust» und alles Mogliche geschrieben. - Das ist das, was 
man weift von Goethe, und das war seither da. 

Bis zum Jahre 1862, also dreiftigjahre nach Goethes Tode, war ja 



iiberhaupt fur die wenigsten Menschen ein Exemplar von Goethe zu 
beschaffen. Goethe war nicht frei; nur ganz wenige Menschen be- 
safien irgendwie ein Exemplar von Goethes Schriften. Es war also 
dasjenige, was Goetheanismus ist, etwas, was ganz wenigen eigen 
geworden war. Erst in den sechziger Jahren konnte eine groftere An- 
zahl von Menschen iiberhaupt Kunde erlangen von dem, was in 
Goethe lebte, und da war im Grunde genommen schon das Ver- 
standnis, die Verstandnisfahigkeit wiederum hinuntergeschwunden. 
Es ist zu einem richtigen Verstandnis Goethes im Grunde genommen 
gar nicht gekommen. Und das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts 
war iiberhaupt gar nicht geeignet, ein rechtes Verstandnis fur 
Goethe hervorzurufen. 

Ich habe es ja ofters erwahnt, wie Herman Grimm in den sieb- 
ziger Jahren zunachst seine «Vorlesungen iiber Goethe» an der Ber- 
liner Universitat gehalten hat. Das war ein Ereignis, und das Buch, 
das vorhanden ist als der «Goethe» Herman Grimms, ist eine bedeu- 
tende Erscheinung innerhalb der mitteleuropaischen Literatur. Aber 
wenn man jetzt dieses Buch nimmt, was bedeutet es denn? Ja, alle 
Gestalten, die mit Goethe im Zusammenhange lebten, kommen 
darinnen vor, aber sie haben immer nur Ausdehnungen nach zwei 
Dimensionen; sie sind Schattenfiguren. Alles das, was da Portrats 
sind, sind Schattenfiguren. Goethe selber ist bei Herman Grimm 
eine zweidimensionale Wesenheit. Es ist gar nicht der Goethe selber. 
Ich will gar nicht sprechen von dem Goethe, den man in Weimar in 
den Nachmittags-Kaffeekranzchen den «dicken Geheimrat mit dem 
Doppelkinn» nannte; von dem will ich gar nicht sprechen; aber er 
hat iiberhaupt keine «Dicke» in Herman Grimms «Goethe», sondern 
er ist dort ein zweidimensionales Wesen, er ist der Schatten, der an 
eine Wand hingeworfen ist. Und ebenso all die anderen, die da auf- 
treten; Herder, ein Schatten, der an eine Wand hingemalt ist. Etwas 
mehr Greifbarkeit tritt uns gerade bei Herman Grimm bei denjeni- 
gen Personlichkeiten entgegen, die aus dem Volke heraufsteigen zu 
Goethe, wie Friederike von Sesenheim, die so wunderschon da ge- 
schildert ist, oder wie die Frankfurterin Lili Schonemann, also gerade 
dasjenige, was heraufsteigt nun nicht aus der Atmosphare, in der 



Goethe eigentlich geistig lebte. Das ist mit einer gewissen «Dicke» 
geschildert. Aber so ein Jacobi, so eine Gestalt wie Lavater - alles 
Schattenbilder an der Wand. Man kommt nicht in das eigentliche 
Wesen der Sachen hinein, man sieht, ich mochte sagen, handgreif- 
lich, wie die Abstraktion wirkt. Die Abstraktion kann ja audi durch- 
aus anmutig sein, was das Herman Grimmsche Buch durchaus ist; 
aber schattenhaft ist das Ganze. Es sind Silhouetten, zweidimen- 
sionale Wesenheiten, die uns da entgegentreten. 

Und das konnte auch nicht anders sein. Denn es ist wirklich so: 
Deutscher durfte man sich ja in Deutschland iiberhaupt nicht nen- 
nen in der Zeit, in der zum Beispiel Herman Grimm noch jung war. 
Die Art und Weise, wie man von Deutschen gesprochen hat in der 
ersten Halfte des 19. Jahrhunderts, die wird ja insbesondere in der 
Gegenwart miftverstanden. Wie «gruselt» es die Leute des Westens, 
die Ententeleute, wenn sie heute anfangen Fichtes «Reden an die 
deutsche Nation» zu lesen und da finden: «Ich spreche zu Deutschen 
schlechtweg, von Deutschen schlechtweg.» Geradeso wird das un- 
schuldige Lied «Deutschland, Deutschland iiber alles», toricht in- 
terpretiert, indem ja dieses Lied nichts anderes heifien soil als, man 
will Deutscher sein, nicht Schwabe, nicht Bayer, nicht Osterreicher, 
nicht Franke, nicht Thuringer. Wie dieses Lied sich nur auf die 
Deutschen stellt aliseitig, so wollte Fichte nur sprechen «zu 
Deutschen schlechtweg», nicht zu Osterreichern, zu Bayern, zu 
Badensern, zu Wurttembergern oder zu Franken, oder zu Preufien 
gar; er wollte «zu Deutschen» sprechen. Das versteht man naturlich 
zum Beispiel in einem Lande nicht, wo es langst selbstverstandlich 
geworden ist, dafi man sich einen Franzosen nennen kann. In 
Deutschland wurde man in gewissen Zeiten eingesperrt, wenn man 
sich einen Deutschen nannte. Man konnte sich einen Osterreicher, 
einen Schwaben, einen Bayer nennen; aber Deutscher sich zu nen- 
nen, warhochverraterisch. Wer in Bayern sich einen Deutschen nann- 
te, der bekundete damit, dafi er nicht nur hinaufschauen wollte zum 
bayerischen Throne, der seine Grenze da und dort hat, sondern daft 
er hinausschauen wollte iiber die Grenze von Bayern hinaus. Das 
war aber Hochverrat! Man durfte sich nicht einen Deutschen nennen. 



Dafi diese Dinge, die von Deutschen und iiber Deutschland gesagt 
worden sind, eben Bezug haben auf dieses Zusammendrangen des- 
jenigen, was deutsch ist, das wird heute gar nicht verstanden, und 
man stellt das torichte Zeug hin, als wenn so etwas wie das Hoff- 
mannsche Lied sich darauf beziehen wiirde, dafi Deutschland herr- 
schen soil iiber alle Nationen der Welt; wahrend es nichts anderes 
heifien soil als: nicht Schwaben, nicht Osterreich, nicht Baden iiber 
alles in der Welt, sondern Deutschland iiber alles in der Welt, 
gerade wie der Franzose sagt: Frankreich iiber alles in der Welt. Aber 
gerade da in Mitteleuropa war dieses Eigentiimliche, dafi man im 
Grunde genommen eine Stammeskultur hatte. Sie konnen ja heute 
noch diese Stammeskultur in Deutschland iiberall sehen. Der Wiirt- 
temberger ist verschieden vom Franken, er ist verschieden bis in die 
Begriffs- und Wortformen, bis in die Gedankenformen hinein, die 
sich in der Literatur ausbreiten. Es ist ja auch durchaus, sagen wir, 
ein grandioser Unterschied, wenn Sie einen Franken nehmen, wie 
zum Beispiel den klotzigen Michael Conrad - wenn ich die neuere 
Literatur hernehme -, und ihn vergleichen mit irgend etwas, was 
etwa von einem Wiirttemberger, also im Nachbarlande, in der- 
selben Zeit geschrieben worden ist. Bis in die ganze {Configuration 
der Gedanken spielt ja das bis in die neueste Zeit hinein. Aber 
all das, was sich da ausbreitet, was da in den Stammeseigentiim- 
lichkeiten lebt, das bleibt ja unberiihrt von dem, was nun eigent- 
lich erreicht wird von den reprasentativen Tragern der Nationen. 
Man hat doch, sagen wir, in dem Gebiete, das man Deutschland 
nennt, so etwas erreicht, wie den Goetheanismus mit alledem, 
was dazugehort. Aber das ist ja nur von wenigen intellektuellen 
Menschen erreicht worden, davon ist die grofie Masse der Mensch- 
heit gar nicht beriihrt. Die grofie Masse der Menschhek bleibt 
ungefahr auf dem Standpunkte, der eigenommen worden ist in 
Mitteleuropa etwa um das Jahr 300 oder 400 nach Christus. Ge- 
radeso wie man im angelsachsischen Volke stehengeblieben ist 
bei dem Jahre 1000 vor Christus, so bleibt man in Mitteleuropa 
stehen bei dem Jahre 400 nach Christus. Das bitte ich nicht so 
zu nehmen, dafi jetzt wiederum ein furchtbarer Hochmut auf- 



kommen konnte, indem man sagt: Die Angelsachsen, die sind 
im homerischen Zeitalter zurtickgeblieben, und wir waren schon 
im Jahre 400 nach Christus! - So sind die Dinge nicht zu be- 
werten, sondern es wird eben nur auf gewisse Eigentumlichkeiten 
hingewiesen. 

Nun ergeben aber wiederum die geographischen Verhaltnisse, 
dafi dieser Stand der allgemeinen Seelenbildung in Deutschland viel 
langer dauert als in England driiben. England hat in sein altes pa- 
triarchalisches Leben schnell hineinfliefien lassen mussen dasjenige, 
was zunachst bei ihm auf dem Gebiete der Textilindustrie, aber 
spater auch auf dem Gebiete anderer Techniken aus dem modernen 
materialistisch-wissenschaftlich-technischen Leben die soziale Struk- 
tur gestaltet hat. Was deutsches Gebiet war, und was iiberhaupt 
Mitteleuropa war, das hat sich dem zunachst entgegengestellt, das 
hat die alten Eigentumlichkeiten viel langer behalten, bis, ich 
mochte sagen, zu einem Zeitpunkte, wo schon uber die ganze Welt 
in voller Geltung war, was durch die moderne Technik gekommen 
ist. England hat noch den Anschlufl gefunden mit der Umgestaltung 
der sozialen Struktur bis zu einem gewissen Grade in der ersten 
Halfte des 19. Jahrhunderts. Das alles, was da errungen worden ist, 
das ging durchaus voriiber an Mitteleuropa. 

Mitteleuropa nahm zwar etwas von abstrakten Revolutionsideen 
auf. Das kam in den vierziger Jahren, in der Mitte des 19. Jahr- 
hunderts, dann in verschiedenen Wogen und Wellen zum Dutch - 
bruch; aber es wartete gewissermafien ab, bis die Technik die ganze 
Welt erfullte, und dann trug sich ja das Eigentumliche zu, daft solch 
ein Mensch - wir konnnten auch andere Reprasentanten nehmen -, 
der in Deutschland denken gelernt hat vom Hegelismus, wie Karl 
Marx , dann hinubergegangen ist nach England und dort sich das 
soziale Leben angeschaut und daraus die sozialistischen Doktrinen 
gebildet hat. Fur diese sozialen Doktrinen war dann am Ende des 
19- Jahrhunderts Mitteleuropa reif. Diese sozialen Doktrinen 
wurden dann von Mitteleuropa angenommen, so dafi also, wenn 
man in einer etwa ahnlichen Weise nun aufzeichnen wollte, was sich 
in Mitteleuropa entwickelt hat, man sagen miifite: Es ging die Ent- 



wickelung elementarer fort, wenn auch durch Schrift und Druck 
Mannigfaltiges von aufien aufgenommen worden ist. Es ging das- 
jenigc, was wie vierhundert Jahre nach Christus war, weiter, machte 
dann einen Sprung und fand erst im Grunde genommen im letzten 
Drittel des 19. Jahrhunderts den Anschlufi, etwa im Jahre 1875. So 
daft, wahrend das Jahr 1840 von der angelsachsischen Nation schon 
mit einer Umwandlung der Verhaltnisse angetroffen wird, schon 
mit der Notwendigkeit, die Bewufltseinsseele aufzunehmen, das 
deutsche Volk forttraumte, und im Traume erlebte es noch das Jahr 
1840 und verschlief dann die Zeit, die da gewesen ware, um eine 
Briicke zu bauen zwischen den fuhrenden Personlichkeiten und 
dem, was aus der Masse des Volkes als Proletariat aufstieg und was 
sich dann der sozialistischen Doktrin bemachtigte und eben dadurch 
einen gewaltsamen, radikalen Zwangsdruck ausubte hin zu der 
Bewufitseinsseele, etwa von 1875 an. Aber auch dies ist eigentlich 
nicht bemerkt worden, jedenfalls nicht in irgendwelche Kanale 
gebracht worden, und wird ja im Grunde genommen heute noch 
immer in der schiefsten Weise beurteilt. 

Um auf all die Anomalien zu kommen, welche da zugrunde liegen, 
braucht man ja nur daran zu erinnern, dafi Oswald Spengler, der das 
bedeutende Buch geschrieben hat iiber den «Untergang des Abend- 
landes», ja auch ein Biichelchen, das, wie ich glaube, schon in 60 000 
Exemplaren verbreitet ist, oder vielleicht in noch mehr, geschrieben 
hat iiber den Sozialismus. Spengler hat ja ungefahr die Anschauung, 
dajS diese europaische, diese abendlandische Zivilisation iiberhaupt 
sich ihr Grab grabt. Wenn das Jahr 2200 geschrieben sein wird, so 
wird man nach Spengler auf dem Boden der Barbarei leben. Man 
mufi Spengler Recht geben in bezug auf gewisse Seiten seiner Aus- 
fiihrungen; denn wenn die europaische Welt dabei bleibt, sich so 
weiter entwickeln zu wollen, wie sie es jetzt tut, so wird, wenn das 
dritte Jahrtausend beginnt, alles barbarisiert sein. In dieser Bezie- 
hung hat Spengler vollstandig recht; nur sieht Spengler nicht und 
will nicht sehen, wie aus dem Inneren des Menschen der schatten- 
hafte Verstand zu Imaginationen und damit die ganze Menschheit 
des Abendlandes zu einer neuen Kultur erhoben werden kann. 



Diese Belebung der Kultur durch das, was anthroposophische Gei- 
steswissenschaft will, das sieht namlich ein Mensch wie Oswald 
Spengler nicht. Aber er hat den Gedanken, der Sozialismus - der 
richtige Sozialismus, wie er meint, dieser Sozialismus, der wirklich 
ein soziales Leben herbeifuhrt -, der miisse noch vor diesem Unter- 
gange entstehen; es habe noch die Menschheit des Abendlandes 
die Mission, den Sozialismus zu verwirklichen. Aber, sagt Oswald 
Spengler, die einzigen Menschen, die berufen sind, den Sozialismus 
zu verwirklichen, das sind die Preufien. Daher hat er das Buchelchen 
geschrieben «Preuftentum und Sozialismus». Jeder andere Sozia- 
lismus ist nach Spengler falsch, lediglich derjenige, der im Wilhel- 
minischen Zeitalter seine ersten rosigen Strahlen gezeitigt hat, 
lediglich dieser Sozialismus miisse die Welt erobern; dann werde die 
Welt den wahren, den richtigen Sozialismus erleben. So spricht 
heute ein Mensch, den ich zu den genialsten Menschen der Gegen- 
wart zu zahlen habe. Es kommt nicht darauf an, die Menschen zu 
beurteilen nach dem Inhalte dessen, was sie sagen, sondern es 
kommt darauf an, die Menschen nach ihrer geistigen Kapazitat zu 
beurteilen. Dieser Oswald Spengler, der funfzehn Wissenschaften 
beherrscht, ist naturlich «gescheiter als alle die Schreiber, Doktoren, 
Magister und PfafFen» und so weiter, und man kann schon sagen, er 
hat mit seinem Buch iiber den Untergang des Abendlandes etwas 
hingestellt, was Berucksichtigung verdient, was ja iibrigens auch 
namentlich in der Jugend Mitteleuropas einen ungeheuer tiefen Ein- 
druck macht. Aber daneben steht die Idee, die ich nunmehr jetzt 
ausgefuhrt habe, und Sie sehen, wie heute gerade genialische Men- 
schen zu den ausgefallensten Ideen kommen konnen. Man ergreift 
Verstand, der heute wirkt, und der ist schattenhaft. Die Schatten 
huschen hin, man ist in einem Schatten drinnen, dann huscht man 
den anderen nach, nichts lebt. Es ist ja auch in der Silhouette, in 
dem Schattenbild einer Frau, das auf die Wand geworfen wird, ihre 
Schonheit gar nicht zu erkennen, und so ist es, wenn die Sachen in 
Schattenbildern betrachtet werden, auch. Das Preuftentum im 
Schattenbilde ist durchaus zu verwechseln mit dem Sozialismus. 
Wenn eine Frau der Wand den Rucken zuwendet und ihr Schatten 



auf die Wand fallt, dann kann man die Hafilichste fur schon halten; 
in gleicher Art kann man auch das Preuftentum fur den Sozialismus 
halten, wenn der schattenhafte Verstand dasjenige, was die Genia- 
litat ist, innerlich durchsetzt. 

So mufi man heute diese Dinge ansehen. Man darf heute nicht 
auf die Inhalte gehen, sondern man mufl auf die Kapazitaten gehen, 
das ist das Wichtige. Und so mufi man anerkennen, dafi so ein 
Mensch wie Spengler ein genialer Mensch ist, wenn man auch eine 
grofie Anzahl seiner Ideen fur eine Narretei halten mull. Wir leben 
in einem Zeitalter, wo urspriingliche, elementare Urteilsbegriindun- 
gen auftreten miissen; denn aus gewissen elementaren Untergriin- 
den heraus mufi zu einem Verstandnis der Gegenwart und damit zu 
Impulsen fur Wirklichkeiten fur die Zukunft gekommen werden. 

Vollkommen verschlafen natiirlich hat der Osten dasjenige, was 
sich im Jahre 1840 ergeben hat. Denken Sie doch nur an die Hand- 
voll Intellektueller in der grolten Masse der durch die orthodoxe Re- 
ligion, namentlich durch den orthodoxen Kultus noch tief im Orien- 
talismus steckenden Angehorigen des russischen Volkes. Und 
denken Sie an die einschlafernde Wirkung eines Alexanders L, 
Nikolaus I. und aller derjenigen die nachgefolgt sind! Was 
heute gekommen ist, war also dasjenige, was hin wollte nach diesem 
Punkte, an dem die Bewulkseinsseele ihren Einschlag haben sollte in 
das europaische Leben. 

Davon wollen wir dann morgen weiterreden. 



ZWOLFTER VORTRAG 
Dornach, 1. Mai 1921 

Dasjenige, was ich versuchte gestern zu zeigen als die verschiedenen 
Vorbereitungen der verschiedenen Nationenfiirden wichtigen Punkt 
der Menschheitsentwickelung, der da liegt in der Mitte des 19. Jahr- 
hunderts, und das, was dann gewissermaflen von diesem Zeitpunkte 
aus abflutet bis in unsere Zeit, das kann man durch die Schilde- 
rungen der Zusammenhange auflerer Erscheinungen und desinneren 
Ganges, des geistigen Ganges der Entwickelung illustrieren. Wir 
wollen heute einiges von dem hier zusammentragen, was auf die 
eigentliche tiefere Geschichte des 19. Jahrhunderts etwas Licht 
werfen kann. Es ist ja einmal in der Mitte des 19. Jahrhunderts der 
Punkt, in welchem die Verstandestatigkeit vollig eine Funktion, eine 
Betatigungsart des menschlichen physischen Leibes wird. Wahrend 
diese Verstandestatigkeit im ganzen vorigen Zeitraum, in dem Zeit- 
raume von dem 8. vorchristlichen Jahrhundert bis zu dem 15. nach- 
christlichen Jahrhundert, eine Tatigkeit des Atherleibs war, wird sie 
seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts immer mehr eine Tatigkeit 
des physischen Leibes, und das erreicht einen Hohepunkt eben in 
der Mitte des 19- Jahrhunderts. Damit ist der Mensch ja in der Tat 
geistiger geworden, als er friiher war. Die Einsichten in die geistige 
Welt, die sich friiher ergeben hatten, die ja allerdings schon abge- 
dammert waren seit der neueren Zeit, kamen ja gerade aus der in- 
tensiveren Verbindung mit dem physischen Leib und mit dem 
Atherleib des Menschen zustande. Jetzt, da der Mensch einfach in 
die Lage versetzt wurde, mit seinem physischen Leibe ein ganz Un- 
physisches, die Verstandestatigkeit, auszuiiben, wurde er hier in 
dieser Weise in bezug auf seine Betatigung ein ganz geistiges Wesen. 
Aber er verleugnete, wie ich schon gestern sagte, diese Geistigkeit. 
Er bezog das, was er im Geistigen ergriff, nur auf die physische 
Welt. Und fur diesen Punkt in der Entwickelung der neueren Zivili- 
sation waren eben in einer solch verschiedenen Art die verschiedenen 
Nationen vorbereitet, wie ich das gestern zu charakterisieren ver- 



suchte. Es wird Ihnen hervorgegangen sein aus dieser gestrigen 
Charakteristik, wie grundverschieden die ganze Seelenverfassung des 
romanisch-lateinischen Teiles der europaischen Bevolkerung von 
dem angelsachsischen Teil eigentlich ist. Da besteht in der Tat in 
bezug auf innere Seelenverfassung ein radikaler Unterschied. Diesen 
radikalen Unterschied kann man am besten charakterisieren, wenn 
man Stromungen, die in der Menschheitsentwickelung verlaufen 
sind seit alten Zeiten, die erkannt worden sind seit alten Zeiten, an- 
wendet auf den Gegensatz zwischen Frankreich, Spanien, Italien 
und den Bewohnern der Britischen Inseln mit ihrem ganzen ameri- 
kanischen Nachwuchs. Man kann das so charakterisieren, dafi man 
sagt: Alles, was einstmals in der urpersischen Zeit der Ahura 
Mazdao-Kultus war, das Aufblicken der Menschheit zum Lichte, was 
dann abgeschwacht uns entgegentrat in der agyptisch-chaldaischen 
Kultur, noch abgeschwachter in der griechischen Kultur, was dann 
abstrakt geworden war in der romanischen Kultur, das gliedert sich 
ab in demjenigen, was da durch das Mittelalter und durch die Neu- 
zeit in dem romanischen Teil der europaischen Bevolkerung bleibt. 
Es ist da gewissermafien der letzte Auslaufer des Ormuzdtums 
zuruckgeblieben - Ormuzdtum, Ahura-Mazdao -, wahrend auf der 
anderen Seite als eine neuzeitliche Kultur aufdammert, was in der 
alten persischen Weltanschauung als die ahrimanische Stromung 
angesehen worden ist. Wirklich wie Ormuzd und Ahriman stehen 
einander gegenuber diese beiden Kulturen in der neueren Zeit. Und 
in die Ormuzdstromung finden wir hineingegossen alles das, was 
von der romischen Kirche kommt. Die Formen, die das Christentum 
angenommen hat, indem es sich umkleidet hat mit den romisch- 
juristischen Staatsformen, indem es zur Papstkirche in Rom ge- 
worden ist, diese Formen sind die letzten Auslaufer. Wir haben auf 
manches andere hingewiesen, woraus sie hervorgegangen sind. Aber 
mit alledem sind sie die letzten Auslaufer des Ormuzdkultus. Man 
kann noch im Mefiopfer und in alledem, was da ist, diese letzten 
Auslaufer des Ormuzdkultus erkennen, und richtig wird man auf 
das, was da zugrunde liegt, nur hinschauen konnen, wenn man 
weniger Wert legt auf das Unbedeutendere gegenuber den grofien 



Menschheitsstromungen und den wahren Wert sucht beziiglich der 
Betrachtung, beziiglich der Erkenntnis in dem, was als Gedanken- 
form, als Empfindungsform lebt. Aufierlich, in bezug auf die aufler- 
lkhe Zivilisation hat sich ja das, was neuzeitliche Impulse sind, in 
der Franzosischen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts tumul- 
tuarisch zum Ausdrucke gebracht. Da lebt, wie ich Ihnen gestern 
angedeutet habe, in Abstraktionen der Appell an den einzelnen in- 
dividuellen Bewufitseinsmenschen. Aus der Ideenwelt heraus ist 
gerade, man mochte sagen wie ein Gegenschlag gegen das, was im 
Romanentum fortlebt, diese Abstraktion entstanden von der Frei- 
heit, Gleichheit und Briiderlichkeit. Aber man mufi unterscheiden 
zwischen dem, was sich da, aus uralten Geistesstromungen kom- 
mend, hineinlebte in die romanische Empfindungs- und Gedanken- 
form, und dem, was aus dem Menschentum heraus entstanden ist. 
Wir miissen ja immer unterscheiden, was Wesenheit der einzelnen 
Nationalist ist und was als ein fortlaufender Strom des allgemeinen 
Menschentums geht. Wir werden heute noch sehen, wie sich auch 
spater im 19. Jahrhundert gerade aus dem Franzosentum ein Licht 
herauskristallisiert, das mit aller Energie hinweist auf diesen charak- 
teristischen Punkt in der Menschheitsentwickelung im 19- Jahr- 
hundert. Aber das Nationale im Franzosentum, im Spaniertum, im 
Italienertum, das hat in sich die Fortsetzung des Ormuzdtums in der 
Zeit, in der das Ormuzdtum, natiirlich verandert durch die Katho- 
lizitat des Christentums, als ein Schatten uralter Zivilisation dasteht. 
Daher sehen wir, wie trotz alien Freiheitsdranges das Romanentum 
der Trager wird und der Trager geblieben ist desjenigen, was die 
romische Kirche als Weltherrschaft darstellt. 

Man versteht eigentlich nicht viel von dem Gange europaischer 
Entwickelung, wenn man sich nicht klar ist, wie in diesem Romanen- 
tum das romische Kirchentum bis in unsere Tage hinein weiterlebt. 
Im Grunde genommen leben sogar in dem Kampfe gegen die Ein- 
richtung der Kirche die Gedankenformen, die selbst wiederum 
diesem kirchlich-katholischen Denken entnommen sind. Und so 
miissen wir unterscheiden jenen allgemeinen Strom, der den ab- 
strakten Charakter angenommen hat, der der allgemeine Mensch- 



heitsstrom der Entwickelung ist, der durch die Franzosische Revolu- 
tion geht, und den besonderen nationalen Strom, den romanischen 
Strom, den lateinischen Strom, der eigentlich ganz infiziert ist von 
der rdmischen Katholizitat. 

Nun steigt auf mit dem Beginn des 19- Jahrhunderts aus diesem 
Strom der romischen Katholizitat eine groftartige Erscheinung, eine 
Erschemung, die im Grunde genommen in ihrer ganzen Bedeutung 
fiir die europaische Entwickelung viel zuwenig beachtet wird. Die 
meisten Menschen, die so verschlafen gegeniiber den Zivilisations- 
erscheinungen dahinleben, die wissen nichts von dem, was eigentlich 
ganz tief seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts in der europaischen 
Zivilisation drinnen lebt und ganz und gar fuik in rdmischer Katho- 
lizitat. Es ist alles das, was sich, ich mochte sagen, zusammenfaflt 
dann im ersten Drittel des 19- Jahrhunderts in dem Wirken der Per- 
sonlichkeit de Maistres. De Maistre ist eigentlich der Reprasentant 
der von den Wogen des Romanismus getragenen Katholizitat, die 
aber die Aspiration hat, ganz Europa wiederum zuruckzufiihren in 
den Schofi dieser romischen Katholizitat. Und in de Maistre tritt auf 
eine Personlichkeit von der denkbar grdftten Genialitat, von der 
eindringlichsten Geistigkeit, aber durch und durch romanisch- 
katholisch. 

Wir wollen nur ein wenig hineinschauen in dasjenige, was die 
protestantisch denkenden Menschen, die evangelisch denkenden 
Menschen gar nicht kennen, was aber doch in einer verhaltnismafiig 
ziemlich grofien Anzahl von Menschen der europaischen Bevolke- 
rung lebt. Man weifi es gewohnlich nicht, daft es ja eine Geistesstro- 
mung gibt, welche ganz fremd ist demjenigen, was sonst herauf- 
gezogen ist seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, welche aber gut 
bekannt ist mit den Wirkungen dieses neuen Geistes der funften 
nachatlantischen Periode. 

Wir wollen ein wenig charakterisieren, was als Weltanschauung 
in den Kopfen lebt, deren genialer Reprasentant de Maistre ist im 
ersten Drittel des 19- Jahrhunderts. Er ist langst tot; der Geist, der 
ihn beseelt hat, lebt in einer verhaltnismafiig grofien Anzahl von 
Menschen innerhalb Europas, und jetzt in unserer Gegenwart ist die 



Zeit, in der er sich neu belebt, in der er neue Formen annimmt, in 
der er immer grofiere und grofiere Formen zu gewinnen sucht. Wir 
wollen mit ein paar Satzen die Weltanschauung, die hier zugrunde 
liegt, charakterisieren. Sie sagt: Der Mensch, so wie er auf der Erde 
lebt in der Zeit seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, er ist auf einer 
abschiissigen Bahn. Seit diesem Beginn des 15. Jahrhunderts haben 
sich in der europaischen Zivilisation nur Liederlichkeit, Gottlosig- 
keit, Geistlosigkeit ausgebreitet; der blolte Verstand, der auf das 
Niitzliche gerichtet ist, hat die Menschheit ergriffen. Aberdie Wahr- 
heit, die identisch ist mit der Geistigkeit der Welt, die sagt seit Ur- 
zeiten etwas anderes. Nur hat dieser moderne Mensch diese uralt 
heilige Wahrheit vergessen. Diese uralt heilige Wahrheit, die besagt: 
Der Mensch ist eine gefallene Kreatur, der Mensch hat nur die Ver- 
anlassung, zu appellieren an sein Gewissen und an die Reue in seiner 
Seele, damit er sich erheben kann, und damit seine Seele nicht ver- 
fallt der Materialitat. Indem aber seit der Mitte des 15 . Jahrhunderts 
die Materialitat von der europaischen Bevolkerung angewendetwird, 
zerfallt die europaische Zivilisation, zerfallt die ganze Menschheit. 

So sagt diese Weltanschauung, deren haupsachlichster Repra- 
sentant de Maistre ist. Die ganze Menschheit zerfallt in zwei Katego- 
rien, in diejenige, die darstellt das Reich Gottes und in diejenige, 
die darstellt das Reich der Welt. Und die Anhanger dieser Weltan- 
schauung schauen hin auf die Bevolkerung der Erde und unterschei- 
den die Menschen, von denen sie sagen, sie gehoren dem Reiche 
Gottes an. Das sind diejenigen Menschen, die noch an die uralten 
Wahrheiten glauben, die verschwunden sind im Grunde genommen 
in ihrer wahren Gestalt mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, und 
die man noch erkennen kann in ihren besten Nachklangen in der Er- 
kenntnis des Augustinus, der auch unterscheidet diejenigen Men- 
schen, die vorbestimmt sind zur Seligkeit, und diejenigen Menschen, 
die vorbestimmt sind zur Verdammnis. Wenn man einen Menschen 
trifft in dieser Welt - so sagen die Anhanger de Maistres -, so ist er 
entweder angehorig dem Reiche Gottes oder dem Reiche der Welt. 
Nur dem Scheine nach sind diese Menschen vermischt. Vor den 
Augen der Geisterwelt sind sie streng voneinander getrennt, und 



man kann sie voneinander unterscheiden. Im Altertum haben die 
Menschen, die angehort haben dem Reiche der Welt, dem Aber- 
glauben gehuldigt, das heifit, sie haben sich falsche Bilder von der 
Gottlkhkeit gemacht; seit dem Beginne des 15. Jahrhimderts 
hangen sie am Unglauben. - So sagen diese Leute. Was die Mehr- 
zahl der europaischen Bevolkerung verschlafen hat, dafi nun wirklich 
mit dem Beginne des 15. Jahrhunderts ein neues Zeitalter angebro- 
chen ist, die Anhanger de Maistres wissen es gut. Sie weisen hin auf 
diesen Zeitpunkt; sie weisen aber hin auf diesen Zeitpunkt als den, 
in welchem die Menschheit vergessen hat, was der Quell, der eigent- 
liche Quell der gottlichen Wahrheit ist. Die Anhanger de Maistres 
sagen so: Durch den blofien Gebrauch des schattenhaften Ver- 
standes ist die Menschheit in eine Lage gekommen, in der das Ver- 
bindungsband zwischen ihr und dem Quell der ewigen Wahrheit 
zerrissen ist, und die Vorsehung ist seit jener Zeit der Menschheit 
nicht mehr die Gnade schuldig, sondern nurmehr die Gerechtigkeit, 
und diese Gerechtigkeit wird erscheinen am Tage des Gerkhts. 

Es ist, wenn man so etwas erzahlt, wie wenn man den Leuten 
Marchen erzahlen wollte; und dennoch, es gibt die Menschen in Eu- 
ropa, welche an dieser Anschauung, dafi mit dem Beginne des 15. 
Jahrhunderts die gottlkhe Weltenregierung eine ganz andere Stel- 
lung bekommen hat zu dem Erdenmenschen, welche an diesem 
Satze ebenso hangen wie die modernen Naturforscher an dem 
Gesetz der Schwere oder so etwas. Trotzdem das Vorhandensein die- 
ser Lebensauffassung etwas Urbedeutsames ist gerade fur die Gegen- 
wart, wollen die Menschen der Gegenwart nicht hinschauen auf so 
etwas. Den starksten Abfall von der uralten Wahrheit sieht de 
Maistre in der Franzosischen Revolution. Er betrachtet sie nicht so, 
wie wir sie betrachtet haben, als das abstrakte Aufflattern desjeni- 
gen, was den Menschen zur Bewufitseinsseele bringen soli, sondern 
er betrachtet sie als das starkste Hineinfallen in den Unglauben, als 
das Schlimmste, was der neueren Menschheit hat passieren konnen. 
Und insbesondere bedeutet ihm die Franzosische Revolution eben 
dieses, dafi es nun ganz besiegelt ist, dafi die gottlkhe Weltregierung 
keine Verpflichtung hat, dem Menschen noch irgendwelche Gnade 



zukommen zu lassen, sondern lediglich die Gerechtigkeit, die sich 
aufiern wird, wenn der Tag des Gerichtes kommen wird. Und schon 
vorherbestimmt - so nimmt man an in diesen Kreisen - sind die- 
jenigen Menschen, die verfallen miissen den Untergangsmachten, 
und schon signiert sind diejenigen Menschen, die die Kinder des 
Rekhes Gottes sind, die bestimmt sind, sich zu retten, weil sie noch 
festhalten an dem, was als uralte Weisheit seinen besonderen Glanz 
im 4. nachchristlichen Jahrhundert gehabt hat. 

Ein solcher Impuls geht schon durch die Schrift, die de Maistre 
1796 geschrieben hat, als er noch im Piemont war: «Betrachtungen 
liber Frankreich.» Schon da halt er Frankreich, dem Frankreich der 
Revolution, das Siindenregister vor, schon da verweist er auf die 
Untergriinde des Romanismus, der noch das, was aus alten Zeiten 
hergekommen ist, in sich birgt. Besonders stark aber tritt das in den 
spateren Schriften de Maistres hervor, und diese Schriften hangen ja 
zusammen mit der ganzen welthistorischen Sendung, die de Maistre 
sich zugeschrieben hat. 

Er suchte sich ja zu dem Schauplatz seines Wirkens Petersburg 
aus; von Petersburg gingen dann auch seine spateren Schriften aus. 
De Maistre hatte den grandiosen Gedanken, anzukniipfen an das 
Russentum, namentlich an das, was von uralten Zeiten her von Asien 
heriiberlebte in der orthodox-katholischen russischen Religion, und 
von da aus wollte er die Verbindung schlagen heruber zum Romanis- 
mus. Er wollte die grofle Fusion zustandebringen zwischen dem, was 
in der orientalischen Denkungsweise lebt bis ins Russentum herein, 
und dem, was von Rom ausgeht. Schon beseelt von dieser Anschau- 
ung ist die Schrift, die er 1810 von Petersburg aus geschrieben hat: 
«Versuch uber den schopferischen Urgrund der Staatsverfassungen.» 
Und an dieser Schrift sieht man schon, wie de Maistre zurikkgeht 
auf dasjenige, was das Christentum in bezug auf seine metaphysische 
Ansicht war vor der scholastischen Zeit, was es war in den erstenjahr- 
hunderten, aber so war, daft es von Rom akzeptiert worden ist. R6- 
misches, katholisches Christentum wollte er als reale Macht; aber er 
wies doch in gewissem Sinne zuruck, was schon das Mittelalter ge- 
wissermaften als eine Neuerung dadurch gebracht hat, daft es auf 



Aristoteles gefufit hat. Aristoteles wollte er in einem gewissen Sinne 
ausschalten; er war ihm schon die Vorbereitung zu dem, was dann 
seit dem 15. Jahrhundert als die moderne Verstandesfahigkeit her- 
aufgezogen ist. Er wollte durch andere Krafte des Menschen als 
durch Logizismus den Zusammenhang mitder Geistigkeit erreichen. 

Aber besonders stark bewegt skh dann jene Schrift in dem Fahr- 
wasser dieser Lebensauffassung, die er im zweiten Jahrzehnt des 19. 
Jahrhunderts geschrieben hat: «Uber den Papst», eine Schrift, von 
der man sagen mochte, dafi sie Klassizitat atmet in der Art ihrer Ab- 
fassung, die sozusagen den besten Zeiten der franzdsischen Kultur 
unter Ludwig XIV. angehort und die zugleich so eindringlich wirkt, 
wie nur irgendeine inspirierte Schrift. Es wird der Papst hingestellt - 
und es ist wichtig, dafi das von Petersburg aus gesagt wird - als der 
rechtmafiige Fiirst der modernen Zivilisation. Er wird hingestellt so, 
dafi man zu unterscheiden habe zwischen dem Zeitlichen, dem, was 
durch einzelne Papste an Verderblichem in die Welt gekommen ist, 
was anfechtbar ist bei den verschiedenen Papsten, und dem ewigen 
Prinzip des romischen Papsttums. Und es wird gewissermafien in 
dem Papst hingestellt die Inkarnation desjenigen, was als der Geist 
der Erde auf dieser Erde zu herrschen hat. Man mochte sagen: All 
die Warme, welche lebt in dieser Schrift uber den Papst, sie ist das 
Aufleuchten von Ormuzd, das geradezu den Ahura-Mazdao selber 
inkarniert sieht in dem romischen Papste und was daher verlangt, 
dafi die romanisch-katholische Kirche in ihrer Fusion mit alldem, 
was sich vom Orient heruber nach Rufiland gelebt hat - denn das 
steht doch im Hintergrunde -, herrschen wird und hinwegfegt alles 
das, was herubergebracht hat die Verstandeskultur seit dem Beginn 
des 15. Jahrhunderts. 

In dieser Richtung hat de Maistre eigentlich genial gewirkt. Im 
Jahre 1816 ist von ihm eine Ubersetzung Plutarchs erschienen, durch 
die er zeigen wollte, welche Macht das Christentum hatte, das, wie 
er meint, sich in die Abhandlungen des Plutarch, der ja noch heid- 
nisch gesinnt ist, dennoch als Gedankenform hineingeschlichen hat. 
Und dann erscheint als das Letzte, was von de Maistre herruhrt, wie- 
derum von Petersburg ausgehend, die «Abendstunden zu St. Peters- 



burg», in zwei Banden, in denen erstens alles das besonders stark 
hervortritt, was kh schon charakterisiert habe, aber dann noch ganz 
besonders hervortritt der radikale Kampf des romanischen Katholi- 
zismus gegen dasjenige, was auf den Britischen Inseln auftritt als 
sein Widerpart. 

Sehen wir auf der einen Seite, wie sich nach einer gewissen Seite 
hin kristallisiert in alledem der romanische Katholizismus, sehen 
wir, was sich ankniipft an Personlichkeiten wie Ignatius von Loyola, 
Alfonso di Liguori, Franz Xaverius und so weiter an romanischem 
Katholizismus, verbinden wir das mit dem genialen Kopf de 
Maistres, sehen wir auf alles das hin, was da lebt, dann sehen wir da, 
ich mochte sagen, das veraltete, das zuriickgebliebene Ormuzdlicht. 
Und wir sehen auf der anderen Seite dasjenige, was de Maistre auf- 
gehen sieht auf den Britischen Inseln und was er nun scharf und mit 
beifiender Lauge seines durchdringenden Geistes bekampft. Es ist 
einer der grandiosesten Geisteskampfe, die jemals stattgefunden 
haben, dieser Kampf de Maistres gegen das eigentliche Wesen des 
Angelsachsischen. Er nimmt sich da besonders aufs Korn die Philo- 
sophenpersonlichkeit des Locke und sieht in Locke geradezu die In- 
karnation desjenigen Geistes, der die Menschheit in den Niedergang 
hineinfuhrt. Geistvoll bis zum Exzefi wird die Philosophic von Locke 
bekampft. Man mufi nur bedenken, was diese Philosophic fur eine 
Bedeutung gehabt hat. Man mufi im Hintergrunde sehen auf der ei- 
nen Seite die romanischen Einweihungsprinzipien, die wie einfortge- 
setzter Ormuzddienst sich ausleben; man mufi alles dasjenige sehen, 
was dieser Seite zugeflossen ist durch einen Ignaz von Loyola, durch 
einen Bossuet, und was dann in grandioser Weise durch de Maistre 
geflossen ist. Auf der anderen Seite mufi man im Gegensatze zu alle- 
dem, was seinen Mittelpunkt hat im romischen Katholizismus in 
Rom selber, was aber durchaus auf Einweihung fufit, was durchaus, 
ich mochte sagen, die neueste Phase der Ormuzdinitiation ist, alle 
die Geheimgesellschaften sehen, die sich von Schottland herunter 
und durch England ausbreiten, und von denen ein Ausdruck dann 
dasjenige ist, was englische Philosophic und Politik und so weiter ist, 
wie ich es zu einer anderen Zeit ja hier dargestellt habe von einem 



gewissen Gesichtspunkte aus. De Maistre ist ebensogut unterrichtet 
iiber das, was ja aus einem ahrimanischen Einweihungsprinzip sich 
geltend macht, wie er unterrichtet ist iiber das, was er alsdie Ormuzd- 
inkiation in der neuen Form geltend machen will fur die euro- 
paische Zivilisation. De Maistre weifi diese Dinge alle abzuschatzen; 
er ist geistreich genug, sie auch esoterisch zu treffen, indem er den 
Philosophen Locke, der gewissermafien ein Kind, ein aufierliches, 
exoterisches Kind ist dieser anderen, ahrimanischen Initiation, aufs 
Korn nimmt. Er nimmt damit ja eine wichtige Personlichkeit aufs 
Korn, diejenige Personlichkeit, die mit jenem epochemachenden 
Versuch «t)ber den menschlichen Verstand» aufgetreten ist, der 
dann seinen groiten Einflufi hatte auf das franzosische Denken. 
Locke wurde ja von Voltaire vergottert und hatte einen so grofien 
Einflufl, daft Frau von Sevigne von einem italienischen Schriftsteller, 
der Locke fur Italien schriftstellerisch zurechtriickte, sagte, jener 
Schriftsteller hatte am liebsten in jeder Fleischbriihe die Floskeln des 
Lockes gegessen. 

Nun nahm de Maistre den Locke auch unter die Lupe und sagte: 
Es ist unmoglich, dafl zum Beispiel Voltaire, daft die anderen Fran- 
zosen diesen Locke auch nur gelesen haben konnen! - Und er ver- 
breitet sich in seinen «Abendunterhaltungen zu St. Petersburg* aus- 
fiihrlich dariiber, wie Schriftsteller eigentlich zu Weltruhm kom- 
men. Er zeigt, wie es durchaus moglich ist, daf] Voltaire den Locke 
iiberhaupt gar nicht gelesen hat; er konne ihn eigentlich nicht ge- 
lesen haben, er wiirde sonst geistreich genug gewesen sein, ihn nicht 
zu verteidigen, wie er es tut. 

Trotzdem de Maistre in Voltaire geradezu einen Teufel sieht, 
wird er ihm doch gerecht, indem er das von ihm sagt. Und um dies 
zu belegen, gibt er ganze Abhandlungen dariiber, wie geschrieben 
wird, wie gesprochen wird in der Welt iiber Leute wie Locke, die als 
grofie Menschen angesehen werden, ohne dafi man sich primar iiber- 
haupt um sie in Wirklichkeit kummert und sie eigentlich nur ganz 
sekundar aus anderen Quellen kennt. Wie wenn die Menschheit in 
Irrtum eingekerkert worden ware, so wirkte Locke auf diese Men- 
schen, und die ganze moderne Denkweise, die dann nach der An- 



schauung de Maistres zu dem Ungliick der Franzdsischen Revolution 
gefiihrt hat, die geht eigentlich von Locke aus, das heilk, Locke ist 
der Exponent, das Symptom, das historische Symptom dafiir. Von 
da aus, wovon Locke ausgegangen ist, beherrscht diese Denkweise 
die Welt. De Maistre nimmt ihn unter die Lupe, diesen Locke, er 
sagt, eigentlich habe es wenig Schriftsteller gegeben, die einen so 
absoluten Mangel an Stilgefiihl gehabt haben wie Locke, und zeigt 
das im einzelnen. Er sucht im einzelnen zu beweisen, dafi das, was 
Locke sagt, so trivial, so selbstverstandlich ist, daft man eigentlich 
liberhaupt damit nicht zu rechnen habe, oder dafi es unnotig ist, 
sich damit iiberhaupt in Gedanken zu befassen. Er sagt: Voltaire 
sage, Locke habe immer definiert, alles klar definiert; aber, sagt de 
Maistre, was sind diese Definitionen von Locke im Grunde? - Nichts 
weniger als Wahrheiten, «quatschige Tautologies, wenn ich ein 
modernes Wort gebrauchen wurde, und lacherlich. Die ganze 
Schreiberei des Locke sei eine Lacherlichkeit ohne Stil, ohne Genie, 
voller Tautologien, voller Plattheiten. 

So charakterisiert de Maistre dasjenige, was das Wertvollste ge- 
worden ist fur die moderne Menschheit: dafi diese moderne Mensch- 
heit Grofie sieht in der Plattheit, in der Gemeinverstandlichkeit, in 
der Genielosigkeit, in der Stillosigkeit, in dem, was auf der Strafie zu 
finden ist, sich aber als Philosophic ausstaffiert. 

Dabei ist de Maistre wirklich ein Mensch, der uberall auf die 
tieferen geistigen Prinzipien, auf das geistig Wesenhafte sieht. Man 
kann solche Dinge, wie sie da vorliegen, dem heutigen Menschen 
eigentlich nur sehr schwer verstandlich machen; denn die Art und 
Weise, wie eine solche Personlichkeit, wie de Maistre, denkt, liegt 
dem heutigen Menschen, der ganz an den schattenhaften Verstand 
gewohnt ist, eigentlich fern. De Maistre sieht nicht den einzelnen 
Menschen blofi, de Maistre sieht das geistige Wesen, das durch den 
einzelnen Menschen wirkt. Was dieser Locke geschrieben hat, ist im 
Sinne de Maistres eben so zu charakterisieren, wie ich es Ihnen jetzt 
mitgeteilt habe. Nur sagt es de Maistre mit einer aufierordentlichen 
Geistrekhigkeit, Genialitat. Aber er sagt zugleich: Wenn ich nun 
wiederum diesen Locke als Person betrachte, so war er doch ein ganz 



anstandiger Mensch; man kann gar nichts gegen ihn haben als Per- 
son. Er ist der Verderber der europaischen Menschheit des Westens, 
aber er ist ein anstandiger Mensch, und wurde er heute geboren und 
sehen mussen, wie die Menschen diese Trivialitat, nachdem er sie 
selber kennengelernt hat nach seinem Tode, anwenden, so wiirde er 
bittere Tranen dariiber weinen, dafi die Menschen auf seine Gemein- 
verstandlichkeit, auf seine Plattheit in dieser Weise hereingefallen 
sind. 

All das sagt de Maistre mit einer riesigen Kraft, mit einleuch- 
tender Starke. Es lebt in ihm der Impuls, auf diese Weise totzu- 
schlagen, was ihm als der eigentliche Widerpart desjenigen er- 
scheint, was romischer Katholizismus ist, was insbesondere driiben 
iiber dem Kanal nach seiner Anschauung lebt. Eine Stelle aus den 
«Petersburger Abendunterhaltungen» . mochte ich Ihnen wortlich 
vorlesen, wo er iiber die nach seiner Ansicht ungliickselige Wirksam- 
keit des Locke in der Politik spricht: «Diese furchtbaren Keime», sagt 
er, «waren unter dem Eise seines Stils vielleicht nicht zur Zeitigung 
gekommen; in dem heifien Schlamme von Paris belebt, haben sie 
das Ungeheuer der Revolution erzeugt, welches Europaverschlungen 
hat.» Und nachdem er solche Dinge gegen den Geist sagt, der durch 
Locke erschienen ist, wendet er sich wiederum zu Locke als Person. 
Das ist etwas, was man den Menschen der heutigen Zeit so schwer 
beibringen kann, die die aufiere Personlichkeit mit dem geistigen 
Prinzip, das sich durch den Menschen ausspricht, immerfort ver- 
wechseln und als Einheitliches anschauen. De Maistre unterscheidet 
immer das, was sich unter der eigentlichen Geistigkeit offenbart, 
von dem, was der aufiere Mensch ist. Wiederum wendet er sich zu 
der aufteren Personlichkeit und sagt: Er ist eigentlich ja ein Mann, 
der alle moglichen Tugenden besessen hat, aber er hat sie ungefahr 
so besessen, wie, nach Swift, jener Tanzmeister, der so ausgezeichnet 
war in alien Kiinsten des Tanzes und blofi den einen Fehler hatte: 
dafi er hinkte. - So habe Locke alle Tugenden besessen. Er sieht ihn 
geradezu an als eine Inkarnation des bosen Prinzips - das ist nicht 
meine Redensart, sondern diesen Ausdruck gebraucht de Maistre 
selbst -, das durch Locke spricht und das ubersinnlich waltet seit 



dem Beginn des 15. Jahrhunderts. Man bekommt schon einigen 
Respekt vor der eindringlichen Geistigkeit, die in diesem de Maistre 
lebte. Aber man mufi doch auch wissen, dafi es wirklich Menschen 
gibt, die heute wieder an Macht gewinnen, die heute daran sind, 
ihren Einflufi iiber die europalsche Zivilisation sich zuriickzuerobern 
und die durchaus inspiriert sind von jener Geistigkeit, die de Maistre 
auf der hdchsten Hohe dargestellt hat. 

Dieser de Maistre hatte noch etwas in sich von jenen alteren in- 
stinktiven Einsichten in den Zusammenhang von Welt und Mensch. 
Das geht insbesondere aus jener Abhandlung hervor, die er iiber das 
Opfer und iiber den Opferkultus geschrieben hat. Es lebte so etwas 
in ihm wie ein Bewufitsein davon, dafi dasjenige, was an den physi- 
schen Leib geknupft ist in bezug auf die Bewufitseinsseele, sich seib- 
standig im Menschen geltend machen mufi und daft es verkorpert ist 
im Blute. Und de Maistre sah im Grunde genommen die Gottlich- 
keit in der Menschenentwickelung nur vorhanden so bis in das 4. 
nachchristliche Jahrhundert. Den fortwirkenden Christus, den 
wollte er nicht zugeben. Ausloschen wollte er vor alien Dingen alles 
das, was seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts da war; zuriick 
wollte er in die alten Zeiten, und da bekam die Vorstellung von dem 
Christus, die er hatte, etwas von der alten Jahve-Art, uberhaupt 
etwas von der Art alter heidnischer Gotter; er ging ja zuriick bis zum 
Ormuzdkultus im Grunde. Und von diesem Gesichtspunkte aus sah 
er ein, wie eigentlich das Gottliche nur jenseits der menschlichen 
Bewufttseinsseele zu suchen ist, also auch jenseits des Blutes. Aus 
solchen tiefen Untergriinden einer Weltanschauung heraus spricht es 
de Maistre aus, daft die Gotter - also die Gotter, von denen er redet - 
eine gewissc Abneigung haben gegen das Blut, und durch das Blut, 
durch das Blutsopfer erst versohnt werden mussen. Das Blut mull 
sich zum Opfer darbringen. 

Das ist wiederum etwas, woriiber selbstverstandlichdersofurcht- 
bar aufgeklarte heutige Mensch lacht, wenn man es ihm sagt. Das 
aber ist etwas, was auch ubergegangen ist von de Maistre auf die, die 
seine Anhanger sind und die immerhin einen ernst zu nehmenden 
Teil der Menschheit bilden, die aber auch innig zusammenhangen 



mit alledem, was nun heute ausgeht vom romanischen Kirchentum. 
Man darf nicht vergessen, dafi man gerade in de Maistre den reinsten 
und genialsten Reprasentanten vor sich hat desjenigen, was da aus 
dem Romanismus heraus ins Franzosentum hineingegangen ist, was 
im Franzosentum auch in einer , man mdchte sagen, genialen, aber 
volkstumlich-genialen Form zum Ausdruck gekommen ist. Was da 
lebt im Franzosentum, das ist dasjenige, was immerzu bewirkt hat, 
dafi im Laufe des ganzen 19. Jahrhunderts durch alles, was in der 
franzosischen Politik lebte, der Klerikalismus eine bedeutsame Rolle 
gespielt hat. Hart aneinander stiefien in Frankreich die abstrakten 
Impulse von Freiheit, Gleichheit und Briiderlichkeit immer mit dem, 
was da als romischer Katholizismus lebte, und man mufi eigent- 
lich tief fuhlen, was in solch einem Menschen wie Gambetta lebte, 
dem sich in einem entscheidungsvollen Angenblicke der tiefe 
Seufzer entrang: «Le clericalisme, voila l'ennemi!» Er fuhlte diesen 
Klerikalismus, der heraufpulsierte durch alles das, was die soziale 
Experimentierkunst in der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts war, 
was in Napoleon III. lebte, womit selbst die Kommune zu kampfen 
hatte, was aber sich bis in die spateren Zeiten hinauflebte, was lebte 
im Boulangismus in den achtziger Jahren, was lebte in den Kamp- 
fen, die sich um die Personlichkeit des Dreyfus abspielten, was heute 
noch lebt. Es lebt da eben dasjenige, was in einem innerlichen, gei- 
stigen, urradikalen Gegensatz steht zu alledem, was jenseits des 
Kanals ist und was im Grunde genommen verkdrpert ist in dem, was 
zuriickgeblieben ist von anderem, was zuruckgeblieben ist in den 
verschiedenen Freimaurerorden, -logen. Haben wir auf der einen 
Seite den eingeweihten romischen Katholizismus, so haben wir auf 
der anderen Seite diejenigen geheimgesellschaftlichen Stromungen, 
die ich hier von einem anderen Gesichtspunkte aus schon charakteri- 
siert habe, und die die ahrimanische Stromung darstellen. Es ist ein 
gewaltiger Unterschied zwischen der Art, wie sich die moderne Frage 
der individuellen Geltung des einzelnen Menschen, sagen wir, 
durch die Wahlen zu dem Parlament in Frankreich auslebt, und der 
Art und Weise, wie sie sich in England driiben auslebt. In Frankreich 
geht alles aus einer gewissen Theorie hervor, aus gewissen Ideolo- 



gien. In England driiben geht alles aus den unmittelbar praktischen 
Verhaltnissen des Handels- und Industrielebens hervor, das in Zu- 
sammenstofi kommt, wie ich es gestern dargelegt habe, mit den 
alten patriarchalischen Verhaltnissen, die sich insbesondereim Grofi- 
grundbesitzerleben ausgestaltet haben. Man sehe hin auf die Art 
und Weise, wie sich in Frankreich die Dinge abspielen. Man hat 
eigentlich iiberall das, was man geistige Kampfe nennt. Man kampft 
um Freiheit, Gleichheit und Briiderlichkeit, man kampft um die 
Abgliederung der Schule von der Kirche, man kampft, um die Kir- 
che zuriickzudrangen. Man vermag sie aber nicht zuriickzudrangen, 
weil sie in den Untergriinden des Seelendaseins lebt. Aber es spielt 
sich alles ab, ich mochte sagen, auf dem Gebiete einer gewissen 
Dialektik, einer gewissen Diskussion. 

In England driiben spielt sich das ab als Machtfrage. Wir haben 
da eine gewisse innere Stromung, die insbesondere der anglo-ameri- 
kanischen Bevolkerung angehort. Da sagten sich gewisse Leute - ich 
habe das oft dargestellt -, als die Mitte des 19. Jahrhunderts heran- 
nahte: Es geht nicht mehr anders, es miissen die Menschen hin- 
gewiesen werden darauf, dafi es eine geistige Welt gibt. Mit dem 
blofien schattenhaften Verstand geht es nicht. - Aber man konnte 
sich nicht dazu entschlielten, diese Hinneigung zum Geistigen auf 
eine andere Weise der Welt beizubringen, als durch etwas, was ein 
«Ubermaterialismus» ist, namlich durch den Spiritismus. Und der 
Spiritismus, der eine groflere Macht wiederum hat, als man glaubt, 
findet von da seinen Ausgang. Der Spiritismus, der gewissermafien 
darauf ausgeht, den Geist aufierlich zu ergreifen, wie man die 
Materie greift, der eben ein Ubermaterialismus ist, ist materialisti- 
scher als der Materialismus selber. Locke pflanzt sich fort, mochte 
man sagen, in diesem Ubermaterialismus. Und was da gewisser- 
mafien im inneren Gebiete der modernen Kulturentwickelung lebt, 
es driickt sich aufierlich aus. Es ist durchaus immer wieder dieselbe 
Erscheinung. Wir haben ein Hinneigen zu derjenigen Geistesstro- 
mung, die de Maistre so radikal bekampft in den vierziger Jahren 
driiben jenseits des Kanals: alles soli mit materiellen Entitaten be- 
griffen werden. Wie Locke im Grunde genommen auf den Verstand 



so hinwies, daft er dem Verstand seine Geistigkeit nahm, daft er 
gerade das Geistigste im Menschen dazu beniitzte, um die Geistig- 
keit im Menschen zu verleugnen, ja, den Menschen nur hinzuweisen 
auf die Materialitat, so wies man jetzt im 19- Jahrhundert auf den 
Geist und wollte ihn zeigen durch allerlei materielle Manifesta- 
tionen. Den Geist wollte man durch Materialismus der Menschheit 
begreiflich machen. Aber dasjenige, was da lebte in den Eingeweih- 
ten der verschiedenen Bruderschaften, das ging uber in das aufter- 
liche soziale, politische Leben. 

Und man mochte sagen: Der Baumwollhandler Cobden und der 
Quaker Bright, indem sie fur die Abschaffung der Kornzolle 1846 
kampften und sie auch durchsetzten, sie waren im politischen Leben 
ebenso die aufieren Agenten dieser inneren Geistesstromung, wie es 
die beiden blindesten Huhnchen waren, die in der Politik jemals da- 
gewesen sind: As quit h und Grey im Jahre 1914. Gewifi waren 
Cobden und Bright nicht so blinde Huhnchen wie Asquith und 
Grey; aber es ist im Grunde genommen dasselbe Hingestelltsein vor 
die Welt in den aufieren Erscheinungen wie 1846 die Abschaffung 
der Kornzolle, wo die Industrie siegte uber das alte patriarchalische 
System, nur in einer neuen Etappe, ich habe Ihnen die anderen 
Etappen, die vorangegangen sind, gestern aufgezahlt. Und nun 
sehen wir, ich mochte sagen, Etappe auf Etappe kommen. Wir sehen 
die Arbeiter sich organisieren. Wir sehen, wie dann die Whigs ei- 
gentlich immer mehr und mehr die Partei der Industrie werden, die 
Tories die Partei der Grundbesitzer, das heifit des alten patriarcha- 
lischen Wesens. Wir sehen, wie das aber nicht mehr widerstehen 
kann dem, was da so hart zusammengestofien ist in der Weise, wie 
ich es gestern charakterisiert habe: das alte patriarchalische Wesen 
mit dem, was als moderne Technik, moderner Industrialismus sich 
mit einem Ruck hineingeschoben hat, so daft Jahrhunderte, ja Jahr- 
tausende ubersprungen worden sind und die Geistesverfassung, in 
der England bis ins 19- Jahrhundert herein war, die zuriickgeht bis 
in vorchristliche Zeiten, einfach sich zusammengeschlossen hat mit 
dem, was in einer neueren Zeit geworden war. 

Wir sehen dann, wie immer mehr und mehr das Wahlrecht aus- 



gedehnt wird, wie die Tories sich zu Hilfe rufen einen Mann, der 
ganz gewifi vor ganz kurzer Zeit noch nicht zu ihnen gerechnet 
worden ware: Disraeli, Lord Beaconsfield, der ja jiidischer Abkunft 
war, ein Outsider. Wir sehen, wie endlich das Oberhaus nurmehr 
zu einem Schatten wird, und das Jahr 1914 herankommt, wo ein 
ganz neues England heraufzieht. Man wird dieses Heraufkommen 
des neuen England in spateren Geschichtsschreibungen erst in der 
richtigen Weise beurteilen konnen. 

Sehen Sie, so gehen die grofien Vorgange in der Entwickelung 
des 19- Jahrhunderts ihren Gang. Da sehen wir dann die einzelnen 
Momente heraufleuchten, welche hinweisen darauf, welch wichtiger 
Punkt in der Menschheitsentwickelung eigentlich herangekommen 
ist. Aber nur die erleuchtetsten Geister, mochte ich sagen, konnen 
einsehen, welches die wichtigsten Lichtblitze sind. Ich habe oftmals 
auf eine Erscheinung aufmerksam gemacht, die fur das Verstandnis 
der Entwickelung im 19. Jahrhundert im allerhochsten Grade 
wichtig ist. Ich habe aufmerksam gemacht auf denjenigen Moment, 
der sich abspielt im Goethehaus in Weimar, wo Eckermann, nach- 
dem er von der Juli-Revolution in Frankreich gehort hat, bei Goethe 
erscheint, und Goethe zu ihm sagte: «Es ist in Paris Ungeheures 
geschehen, alles steht in Flammen!» Selbstverstandlich glaubte 
Eckermann, Goethe rede von der Juli-Revolution. Die interessierte 
Goethe gar nicht, vielmehr sagte er: «Das meine ich nicht, das ist es 
nicht, was mich interessiert; aber in der Akademie in Paris ist der 
grofie Streit zwischen Cuvier und Geoffroy de Saint-Hilaire ausge- 
brochen daruber, ob die einzelnen Typen der Tiere selbstandig sind, 
oder ob die einzelnen Typen so zu betrachten sind, dafi sie ineinan- 
der ubergehen.» - Cuvier behauptete das eine, dafi man es mit 
festen, starren Typen zu tun habe, die nicht ineinander ubergehen 
konnen. - Geoffroy sagte, dafl man den Typus als fliefiend betrach- 
ten musse, das eine in das andere ubergehend. Das war fur Goethe 
das eigentliche Weltereignis der neueren Zeit! 

In der Tat, das war es auch. Goethe hatte also ungeheuer tief, 
ungeheuer lebhaft gefuhlt. Denn was war es denn, was Geoffroy de 
Saint-Hilaire geltend machte gegen Cuvier? - Er ahnte, dafi wenn 



der Mensch hineinschaut in sein Inneres, er diesen schattenhaften 
Verstand beleben kann; dafi dieser schattenhafte Verstand nicht 
bloft Logik ist, die sich passiv iiber die aufiere Welt hermacht, son- 
dern dafi sie etwas wie die lebendige Wahrheit in sich seiber iiber die 
Dinge in dieser Welt finden kann. - Das Geltendmachen des leben- 
digen Verstandes, das ahnte Goethe empfindend in dem, was in 
Geoffroy de Saint-Hilaire lebte, was eben, ich mochte sagen, in der 
geheimen Entwickelung der modernen Menschheit sich herauflebte 
und in der Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Hohepunkt hatte. Und 
Goethe ahnte damals wirklich etwas sehr Bedeutsames. 

Cuvier, der grundgelehrte grofie Forscher, behauptete, man 
musse die einzelnen Arten unterscheiden, sie nebeneinander stel- 
len. Man konne nicht eine in die andere uberfuhren, am wenigsten 
zum Beispiel den Vogeltypus in den Saugetiertypus und so weiter. 
Geoffroy de Saint-Hilaire behauptete, man konne den einen Typus 
in den anderen uberfuhren. 

Was stand sich da gegenuber? Gewohnliche Wahrheit und hohe- 
rer Irrtum? - O nein, so ist die Sache nicht. Man kann das, was 
Cuvier behauptete, mit der gewohnlichen abstrakten Logik, mit 
dem Schattenverstand ebensogut beweisen, wie man beweisen kann, 
was Geoffroy de Saint-Hilaire behauptet hat. Auf Grundlage des ge- 
wohnlichen Verstandes, der heute noch in unserer Wissenschaft 
herrscht, ist diese Frage nicht zu entscheiden. Daher hat sie sich auch 
immer wiederum aufgebaut und daher sehen wir, wie 1830 in Paris 
gegeniibersteht Geoffroy de Saint-Hilaire dem Cuvier, wir sehen, 
wie in einer anderen Art Weismann und die anderen gegeniiber- 
stehen Haeckel; auf dem Wege dieser aufieren Wissenschaft sind 
diese Fragen nicht zu entscheiden. Da treibt dasjenige, was schatten- 
hafter Verstand geworden ist seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, 
was de Maistre so verachtete, das treibt dahin, die Geistigkeit seiber 
aufzuheben. 

De Maistre hat hingewiesen auf Rom, sogar darauf, dafi derPapst 
- abgesehen von den zeitlich voriibergehenden papstlichen Person- 
lichkeiten - in Rom sitzt als die Inkarnation desjenigen, was berufen 
ist, die moderne Zivilisation zu beherrschen. Der Schlufipunkt ist zu 



diesen de Maistreschen Ausfuhrungen gesetzt worden im Jahre 1870, 
als das Infallibilitatsdogma verkiindet worden ist, als die Infallibilitat 
des Papstes erklart worden ist. Da ist durch den veralteten Ormuzd- 
dienst dasjenige heruntergeholt worden, was in geistigen Hohen 
gesucht werden soil, in die Person des romischen Papstes. Da ist 
verirdischte Materie geworden, was als Geistigkeit angesehen werden 
soil; da ist die Kirche zum aufieren Staat gemacht worden, nachdem 
es der Kirche schon lange gelungen ist, die aufieren Staaten der- 
jenigen Form anzupassen, die sie selber angenommen hat, als sie zur 
Staatsreligion geworden ist unter Konstantin. 

Da haben wir in dem Romanismus einerseits das, was zum mo- 
dernen Staate wird, indem sich das Rechtsprinzip selber aufbaumt 
und gewissermafien seine eigene Polaritat hervorruft in der Franzosi- 
schen Revolution; auf der anderen Seite haben wir den veralteten 
Ormuzddienst. Dann haben wir das, was aus dem Wirtschaftsleben 
heraus entsteht, denn alle die Mafinahmen, die jenseits des Kanals 
getroffen worden sind, entspringen dem Wirtschaftsleben. Wir 
haben in de Maistre die letzte grofie Personlichkeit, welche in die 
juristische Staatsform hineinpragen will die Geistigkeit, welche 
hinuntertragen will die Geistigkeit in die irdische Materialitat. Das 
ist es, wogegen anthroposophisch orientierte Geistesanschauung sich 
wenden mufi, Sie will einsetzen die ubersinnliche Geistigkeit, sie 
will zu dem, was dasteht als der verlangerte Ormuzddienst, als der 
ahrimanische Dienst, hinzusetzen dasjenige, was das Gleichgewicht 
bringt, sie will den Geist selber zum Erdenregiment machen. 

Das kann nicht anders gemacht werden, als dafi, wenn man auf 
der einen Seite das Irdische gepragt hat in die Staatsrechtsform, auf 
der anderen Seite in die Wirtschaftsform, man daneben das Geistes- 
leben so aufrichtet, dafi dieses Geistesleben nicht den Glauben an 
einen irdisch gewordenen Gott einsetzt, sondern die Regierung 
durch den Geist selbst, der hereinfliefit mit jedem neuen Menschen, 
der sich auf der Erde verkorpert, das freie Geistesleben, das den 
Geist ergreifen will, der iiber dem Irdischen steht. 

Wiederum soil geltend gemacht werden, was man nennen 
konnte die Ausgiefiung des Geistes. 



Imjahre 869, auf dem allgemeinen okumenischenKonzil, wurde 
die Anschauung von dem Geiste hinuntergedampft, um die Men- 
schen nicht mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts zu der Anerken- 
nung des Geistes kommen zu lassen, der vom Himmel aus die Erde 
regiert, um de Maistre moglich zu machen noch im 19- Jahrhundert. 

Das aber ist es, dafi wir appellieren miissen von dem irdisch ver- 
korpertgeglaubten Geist, von der in einer irdischen Kirche fortleben- 
den Christwesenheit an die geistige Wesenheit, die allerdings mit 
der Erde verbunden ist, die aber im Geiste erkannt und geschaut 
werden mufi. Weil aber alles, was vom Menschen erlangt werden 
mufi innerhalb des Irdischen, in der sozialen Ordnung errungen 
werden mufi, kann es nicht anders geschehen, als wenn man allein 
das freie Recht des Geistes anerkennt, das mit jedem neuen Men- 
schenleben heruntersteigt, um sich den physischen Leib zu ver- 
schaffen, das niemals souveran werden kann in einer irdischen Per- 
sonlichkeit, das lebt in einer uberirdischen Wesenheit. 

Das Statuieren des Infallibilitatsdogmas ist ein Abfallen von der 
Geistigkeit; der letzte Schlufipunkt dessen, was mit dem allgemei- 
nen okumenischen Konzil von 869 gewollt war, war vollzogen. Es 
mufi zuruckgegangen werden zu der Anerkennung, zu dem Glau- 
ben, zu der Erkenntnis von dem Geiste. Das kann aber nur gesche- 
hen, wenn sich unsere soziale Ordnung mit jener Struktur durch- 
zieht, die moglich macht das freie Geistesleben neben jenenanderen 
Dingen, die erdgebunden sind als Staatsleben, als Wirtschaftsleben. 

So stellt sich dasjenige, was der Mensch heute verstehen mufi, in 
den Gang der Zivilisation hinein. So mufi man es darinnen fuhlen. 
Und wenn man es nicht so darinnen fuhlt, dann kann man doch 
nicht an den Nerv desjenigen kommen, was sich eigentlich aus- 
sprechen will in der «Dreigliederung des sozialen Organismus», was 
wirken will zum Heile der Zivilisation, die sonst in der von Spengler 
geschilderten Weise in den Niedergang verf alien mufi. 



DREIZEHNTER VORTRAG 



Dornach, 5. Mai 1921 



Die vierte nachatlantische Epoche, in welche hineinfallt die Ver- 
standesentwickelung der Menschheit, sie wurde aus den griechischen 
Mysterien heraus geleitet. Erst gaben die Mysterien der allgemeinen 
Bevolkerung Vorderasiens, des europaischen Sudens, dasjenige an, 
was dieser Verstandes- oder Gemutskultur zugrunde liegt. Es spielte 
in diesen Mysterien das Geheimnis von dem menschlichen Zusam- 
menleben mit der Sonne eine grofie Rolle. Wir wissen ja aus den 
Darstellungen, die ich in meiner «Theosophie» gegeben habe, wie 
innerhalb der Verstandes- oder Gemutsseele des Menschen das Ich 
aufleuchtet, das dann gewissermaften zu seiner vollen inneren Kraft 
durch die Bewufltseinsseele kommen soil. Insofern nun das Ich des 
Menschen gewissermafien zu seiner Erweckung kommen sollte 
wahrend der Verstandeskulturzeit, mufiten sich die Mysterien dieser 
Zeit beschaftigen mit den Geheimnissen des Sonnenlebens und 
seinen Zusammenhangen mit demjenigen, was gerade menschliches 
Ich ist. Es ist Ihnen ja auch bekannt aus meiner Darstellung der 
«Ratsel der Philosophies wie der Grieche noch in der Aufienwelt 
seine Vorstellungen, seine Begriffe so wahrgenommen hat, wie wir 
heute Farben, Tone und so weker wahrnehmen. Dasjenige, was in 
den Vorstellungen lebte, das war durchaus fur den Griechen nicht 
eben blofi innerlich in der Seele Erschaffenes, sondern es war fur ihn 
etwas an den Dingen Wahrgenommenes. In dieser Beziehung hatte 
ja Goethe durchaus etwas Griechisches in sich, was er dadurch be- 
zeugte, dafi, als er in dem beruhmten Gesprach von Schiller die 
Worte horte, seine Vorstellungen, also etwas Begrifflich-Ideelles, 
waren keine Wahrnehmungen, sondern eine Idee, dafi er darauf 
sagte, dann sahe er seine Ideen vor sich, wie er eben aufiere Wahr- 
nehmungen vor sich sehe. 

Diese griechische Art, sich zu den Vorstellungen zu verhalten, 
war durchaus verkniipft mit einer ganz bestimmten Empfindung, 
welche die Griechen hatten, wenn sie ihr Auge richteten auf die 



auitere Welt. Sie sahen in dem, was ihnen als Vorstellungsinhalt 
entgegenglanzte, iiberall eigentlich das Geschopf des Sonnenlebens. 
Sie empfanden, indem die Sonne am Morgen aufging, auch das 
Heraufkommen des Vorstellungslebens in dem Raum, und beim 
Untergange der Sonne empfanden sie das Versinken der Vorstel- 
lungswelt. Man kann die Entwickelung der Volker nicht verstehen, 
wenn man nicht diese Anderung des Seelenlebens durchaus ins 
Auge fafit. 

Das ist etwas, meine lieben Freunde, was den Menschen in ihrem 
Seelenleben eigentlich verlorengegangen ist: mitzuempflnden die 
Geistigkeit ihrer ganzen Umgebung. Heute sieht der Mensch eben 
den Sonnenball heraufkommen, und er hat nur die Empfindung fur 
dasjenige, was ihm da entgegentritt an farbiger und leuchtender 
Lufterscheinung. Und ebenso ist es, wenn er die Sonne in der Abend- 
rote verschwinden sieht. Der Grieche hatte eben die Empfindung, 
dafi des Morgens aufsteigt diejenige Welt, die ihm die Vorstellungen 
bringt, und dafi sie des Abends untergeht, dafi abends diejenige 
Welt kommt, die ihm diese Vorstellungswelt entzieht. Er war daher 
so, dafi er sich empfand Vorstellung-verlassen in der Finsternis der 
Nacht. Und wenn er hinausblkkte in den Himmel, den wir blau 
sehen, fur den er ja die gleiche Bezeichnung wie fur das Dunkel 
hatte, so fuhlte er eigentlich die Welt begrenzt von demjenigen, was 
aufierhalb des Vorstellungslebens war. Dort horte fur ihn das Vor- 
stellungsleben, so wie es dem Menschen beschert ist, auf, wo er be- 
grenzt sah den Weltraum. Jenseits dieses Weltraumes waren fur ihn 
andere Gedankenwelten, die Gedankenwelten der Gotter. Und sie 
sah er eben eng gebunden an dasjenige, was er als Licht bezeichnete. 
Sie offenbarten sich ihm gewissermafien konzentriert im Sonnen- 
leben, wahrend sie sonst sich ihm entzogen in der Weite des 
dunklen Weltenfirmamentes. Man mufi in diese ganz andersgeartete 
Empfindungswelt hineinschauen, wenn man verstehen will, wie 
eigentlich, nachdem diese Anschauungsweise mit aller ihrer inneren 
Lebendigkeit eine Zeitlang gewirkt hat in der Weltentwickelung des 
Menschen, wie dann der Mensch in seinen fortgeschrktensten Repra- 
sentanten fuhlte, wie er im Weltenraum das Sonnenleben nicht 



mehr als ihm etwas geistig Zuriickstrahlendes empfinden konnte, 
und wie er in den ersten Zeiten eben - es war das gerade bei den 
fortgeschrittensten Repr&entanten der Menschheit der Fall, bei den- 
jenigen, die noch ihre Bildung in den griechischen Mysterien emp- 
fangen hatten -, wie er empfand das Mysterium von Golgatha als 
eine Erlosung, insofern als es ihm die Moglichkeit brachte, in sich 
nun das Licht zu entziinden. Das Licht, das er vorher als Gottliches 
wirklich erlebt hat, das wollte er jetzt erleben dadurch, dafi er seinen 
seelisch-geistigen Anteil nahm an den Geschehnissen des Myste- 
riums von Golgatha. Man lernt dasjenige, was eigentlich in der 
Menschheit im Laufe der Jahrtausende geschehen ist, nicht kennen, 
wenn man blofi mit dem Verstande auf diese Dinge hinsieht . Man mufi 
die Umwandlung des Menschengemiites, des menschlichen Seelen- 
lebens in seiner Ganzheit ins Auge fassen. Und wir, die wir nun seit 
dem Beginne des 1 5 . Jahrhunderts leben in dem Zeitalter der Be- 
wujStseinsseelenentwickelung, wir haben ja von jener Verstandes- 
geistigkeit, welche da war in den Zeiten der vierten nachatlantischen 
Periode, nur noch das Schattenwesen unserer inneren Verstandes- 
tatigkeit. Das habe ich ja in den letzten Wochen hier auseinander- 
gesetzt. Aber wir miissen uns wiederum durchringen zu einer Er- 
kenntnis desjenigen, was dieses Verstandeswesen, dieses schatten- 
hafte Verstandeswesen durchdringen kann mit einer lebendigen 
Anschauung des Weltenalls. Gerade durch die moderne Verstandes- 
schattenkultur ist der Mensch gewissermafien an die Erde gebannt 
worden. Er betrachtet heute, insbesondere wenn er sich anstecken 
lafit von der immer weiter und weiter um sich greifenden, rein 
wissenschaftlichen Kultur, er betrachtet ja heute nur dasjenige, was 
ihm die Erde eigentlich gibt. Er hat keine Ahnung davon, dafi er mit 
seinem ganzen Wesen nicht blofi der Erde angehort, sondern dafi er 
mit seinem ganzen Wesen dem aufierirdischen Weltall angehort. 
Und das ist dasjenige, was sich der Mensch wieder erringen mufi, 
diese Erkenntnis seines Zusammenhanges mit dem aufierirdischen 
Weltenall. 

Wir bilden heute einfach unsere Begriffe, Vorstellungen, indem 
wir von dem irdischen Leben ausgehen und uns nach diesem irdi- 



schen Leben das ganze Weltenall konstruieren. Aber dasjenige, was 
sich da uns als Weltbild ergibt, ist dann nicht viel anders als eine 
Ubertragung der irdischen Verhaltnisse auf die aufterirdischen Ver- 
haltnisse. Und so ist es denn gekommen, daft aus den grandiosen 
Errungenschaften der modernen Naturwissenschaft heraus mit der 
Spektralanalyse und den anderen Ergebnissen, daft da gebildet 
worden ist eine Anschauung iiber die Sonne, die eigentlich ganz den 
irdischen Verhaltnissen nachgebildet ist. Man bildet sich die Vor- 
stellung, wie ein leuchtender Gaskorper eben aussieht. Und nun 
iibertragt man diese Ansicht eines leuchtenden Gaskorpers auf das- 
jenige, was uns als Sonne entgegenkommt im Weltenall. Wir 
mussen wiederum geisteswissenschaftliche Unterlagen anwenden 
lernen, um zu einer Anschauung von der Sonne kommen zu kon- 
nen. Diese Sonne, von der der Physiker glaubt, wenn er hinaus- 
kommen wiirde in den Weltenraum, sie bote sich ihm dar als eine 
leuchtende Gaskugel; diese Sonne, trotzdem sie das Weltenlicht in 
ihrer Art uns zuriickstrahlt, so wie sie es empfangt, ist ein durch und 
durch geistiges Wesen, und wir haben es nicht zu tun mit einem 
physischen Wesen, das da oben irgendwo im Weltenraum herum- 
gondelt, sondern mit einem durch und durch geistigen Wesen. Und 
der Grieche empfand noch richtig, wenn er das, was ihm von der 
Sonne zustrahlte, als dasjenige empfand, was in Zusammenhang 
gebracht werden mufi mit seiner Ich-Entwickelung, insofern diese 
Ich-Entwickelung gebunden ist an das Vorstellungswesen des Ver- 
standes. In dem Sonnenstrahl sah der Grieche dasjenige, was in ihm 
entziindet das Ich. So daft man sagen mufi: Der Grieche hatte noch 
diese Empfindung von der Geistigkeit des Kosmos. Er sah in dem 
Sonnenwesen substantiell ein dem Ich verwandtes Wesen. Das- 
jenige, was der Mensch gewahr wird, wenn er zu sich selber Ich sagt, 
die Kraft, die in ihm wirkt, so daft er zu sich Ich sagen kann, auf die 
sah der Grieche hin, und er fuhlte sich veranlafit, zur Sonne dasselbe 
zu sagen wie zu seinem Ich, dieselbe Empfindung der Sonne ent- 
gegenzubringen, wie er sie seinem Ich entgegenbrachte. 

Ich und Sonne, sie verhalten sich wie das Innere und das Auftere. 
Was draufien durch den Weltenraum kreist als Sonne, ist das 



Welten-Ich. Was drinnen in mir lebt, ist das Ich des Menschen. Man 
mochte sagen: Gerade noch zu erhaschen ist diese Empfindung fur 
diejenigen Menschen, die etwas tiefer mitfuhlen mit dem ganzen 
All der Natur. Schon sehr verglommen ist dasjenige, was da eigent- 
lich zugrunde liegt, aber es gibt doch noch heute dasjenige Leben im 
Menschen, das gewissermafien heraufkommen vernimmt die Sonne 
im Friihling, das den Sonnenstrahl noch erleben kann als etwas Gei- 
stiges, und das das Ich aufleben fuhlt, indem der Sonnenstrahl in 
einer grofieren Starke die Erde erleuchtet. Aber es ist, ich mochte 
sagen, eine letzte Empfindung, die in dieser aufteren Art nun auch 
schon verglimmt in der Menschheit, die zugrunde gehen will inner- 
halb der abstrakten Verstandesschattenkultur, die nach und nach 
sich unseres ganzen Zivilisationslebens bemachtigt hat. Aber durch- 
dringen mussen wir wiederum dazu, etwas zu erkennen von dem 
Menschheitszusammenhang mit dem aulterirdischen Dasein. Und in 
dieser Beziehung mochte ich heute auf einiges hinweisen. 

Wir werden, indem wir all dasjenige zusammennehmen, was Sie 
an verschiedenen Stellen unserer geisteswissenschaftlichen Literatur 
zerstreut finden, zunachst wiederum den Zusammenhang der Sonne 
mit dem Ich ergreifen konnen, und wir werden den bedeutungs- 
vollen Gegensatz erkennen konnen, der da besteht zwischen den 
Kraften, die der Erde von der Sonne zustrahlen, und denjenigen 
Kraften, welche fur die Erde wirksam sind in demjenigen, was wir 
Mond nennen. Sonne und Mond, sie sind in einer gewissen Bezie- 
hung das vollige Gegenteil voneinander. Sie sind polar zueinander. 
Wenn wir die Sonne studieren mit den Mitteln der Geisteswissen- 
schaft, so strahlt uns die Sonne alles dasjenige zu, was uns gestaltet 
zu einem Trager unseres Ich. Wir verdanken der Sonnenstrahlung 
dasjenige, was uns eigentlich die menschliche Gestalt gibt, was uns 
in der menschlichen Gestalt zu einem Abbild des Ich macht. Alles, 
was im Menschen von aufien wirkt, was von aufien seine Gestalt 
bestimmt, was schon wahrend seiner Embryonalzeit seine Gestalt 
bestimmt, das ist Sonnenwirkung. Wenn sich der menschliche Em- 
bryo im Mutterleibe bildet, dann ist durchaus nicht blofi dasjenige 
vorhanden, was eine heutige Wissenschaft traumt, dafi von der be- 



fruchteten Mutter die Krafte ausgehen wiirden, welche den Men- 
schen formen, nein, der menschliche Embryo ruht nur im mutter- 
lichen Leibe. Dasjenige, was ihm da die Form gibt, das sind die Son- 
nenkrafte. Allerdings miissen wir diese Sonnenkrafte in Zusammen- 
hang bringen mit den ihnen entgegengesetzt wirkenden Monden- 
kraften. Die Mondenkrafte sind zunachst dasjenige, was sich fur 
den unteren, den Stoffwechselmenschen als das Innerliche geltend 
macht. So dafi wir sagen konnen, wenn wir schematisch zeichnen: 
die Sonnenkrafte sind dasjenige, was den Menschen von aufien 
gestaltet. Dasjenige, was sich im Stoffwechsel des Menschen von in- 
nen aus gestaltet, das sind die zentral ausstrahlenden Mondenkrafte, 
die sich in ihm festsetzen. 




Das widerspricht nicht dem, dafi diese Mondenkrafte zum Bei- 
spiel das menschliche Gesicht mitformen. Sie formen ja das 
menschliche Gesicht, weil dasjenige, was im unteren, im Stoffwechsel- 



menschen, von dem Zentrum aus wirkt, gewissermafien anziehend 
von auften auf die menschliche Gesichtsbildung wirkt; differenzie- 
rend die menschliche Gesichtsbildung wirken die Mondenkrafte, 
aber indem sie sich summieren mit den Sonnenkraften, wahrend sie 
vom Inneren des Menschen aus den Sonnenkraften entgegenwirken. 
Daher hangt auch die menschliche Fortpflanzung als Organismus 
von den Mondenkraften ab, die Gestalt geben. Aber das Fortge- 
pflanzte, das hangt von den Sonnenkraften ab. Der Mensch ist mit 
seinem ganzen Wesen zwischen Mondenkraften und Sonnenkraften 
eingespannt. 

Nun miissen wir aber unterscheiden, wenn wir die Monden- 
krafte im menschlichen Inneren, im Inneren des menschlichen Stoff- 
wechsels suchen, diese Mondenkrafte im Stoffwechsel von den Kraf- 
ten, die im Stoffwechsel nun selber ihren Ursprung haben. Es 
spielen die Mondenkrafte in den Stoffwechsel hinein, aber der Stoff- 
wechsel hat seine eigenen Krafte. Und diese eigenen Krafte, das sind 
die Erdenkrafte. So daft wir sagen konnen, wenn im Menschen die 
Krafte wirken, die in den Substanzen seiner Nahrungsmittel liegen, 
die Krafte, die also, sagen wir, in den Vegetabilien oder sonstigen 
Nahrungsmitteln liegen, so wirken diese Krafte in ihm durch sich 
selbst. Sie wirken da als Erdenkrafte. Der Stoffwechsel ist zunachst 
ein Ergebnis der Erdenkrafte; aber in diese Erdenkrafte wirkt das- 
jenige hinein, was Mondenkrafte sind. Wenn der Mensch blofi den 
Stoffwechsel mit seinen Kraften in sich hatte, wenn also gewisser- 
mafien die Substanzen seiner Nahrungsmittel nur ihre eigenen 
Krafte in seinem Leib fortsetzen wiirden, nachdemsieaufgenommen 
sind, dann wiirde der Mensch ein Chaos sein von alien moglichen 
Kraften. Daft diese Krafte immerzu wirken, die menschliche Wesen- 
heit von innen aus zu erneuern, das hangt gar nicht von der Erde ab, 
das hangt von dem der Erde beigegebenen Mond ab. Von innen 
heraus wird der Mensch durch den Mond gestaltet, von auften herein 
wird der Mensch durch die Sonne gestaltet. Und indem die Sonnen- 
strahlen wieder aufgenommen werden durch das Auge in den 
menschlichen Kopf organismus, wirken sie auch innerlich; aber sie 
wirken doch von auften herein. 



So finden wir, wie auf der einen Seite der Mensch in seiner 
ganzen Ich-Entwickelung abhangt von der Wirkung der Sonne, wie 
er ein fest auf der Erde lebendes Ich nicht sein konnte ohne die Sonne; 
und wie kein Menschengeschlecht ware, keine Fortpflanzung ware, 
wenn nicht der Mond der Begleiter der Erde ware. Man kann sagen: 
die Sonne ist dasjenige, was den Menschen als eine Personlichkeit, 
als einzelnes Individuum fest auf die Erde stellt. Der Mond ist das- 
jenige, was den Menschen in seiner Vielheit, in seiner ganzen Ent- 
wickelung auf die Erde hinzaubert. Das Menschengeschlecht als 
physische Folge von Generationen ist das Ergebnis der Monden- 
krafte, die es anregen. Der Mensch als einzelnes Wesen, als Indivi- 
dualist, ist das Ergebnis der Sonnenkrafte. Und wenn wir daher den 
Menschen und das Menschengeschlecht studieren wollen, dann kon- 
nen wir nicht blofi die Verhaltnisse der Erde studieren. Vergebens 
suchen die Geologen die Verhaltnisse der Erde zu ergriinden und 
daraus den Menschen zu begreifen, vergebens untersuchen sie die 
anderen Krafte der Erde, um daraus den Menschen zu begreifen. 
Der Mensch ist zunachst nicht auf der Erde gemacht. Der Mensch ist 
geformt ausdemKosmos herein; der Mensch ist ein Ergebnis der Ster- 
nenwelt, zunachst von Sonne und Mond. Von der Erde stammen 
nur diejenigen Krafte, welche dem Stoff selbst innewohnen, und die 
wirksam sind aufierhalb des Menschen, dann ihre Wirksamkeit fort- 
setzen, wenn sie in den Menschen durch das Essen und Trinken 
eingetreten sind; aber sie werden da empfangen von dem Aufier- 
irdischen. 

Was im Menschen vorgeht, ist durchaus nicht blofi ein irdisches 
Geschehen, ist durchaus etwas, was von der Sternenwelt aus besorgt 
wird. Zu dieser Erkenntnis mufi wiederum der Mensch sich durch- 
ringen. Und wenn wir den Menschen weiter betrachten, so konnen 
wir Rikksicht nehmen darauf: Er ist zunachst ein physischer Leib. 
Dieser physische Leib nimmt ja die aufieren Nahrungsmittel auf. In 
diesem physischen Leib setzen sie ihre Krafte fort. Aber der physi- 
sche Leib wird angegriffen von dem astralischen Leib, und in dem 
astralischen Leib ist tatig die Mondenwirkung, so wie ich es Ihnen 
dargestellt habe. Und in diesen astralischen Leib wirkt hinein die 



Sonnenwirkung. Sonne und Mond durchziehen kraftend den astra- 
lischen Leib, und der astralische Leib aufiert sich in der Weise, wie 
ich es jetzt eben beschrieben habe. Der atherische Leib steht in der 
Mitte zwischen physischem Leib und astralischem Leib. 

Wenn man die Krafte studiert, welche von den Nahrungsmitteln 
ausgehen, so werden sie zunachst regsam im physischen Leibe, und 
sie werden von dem astralischen Leib, der Sonnen- und Monden- 
wirkung in sich hat, so aufgenommen, wie ich es eben beschrieben 
habe. Aber dazwischen steht das andere, dasjenige, was im atheri- 
schen Leibe wirksam ist. Das kommt audi nicht von der Erde, das 
kommt aus dem Umkreise des ganzen Weltenraumes. Wenn wir die 
Erde im Verhaltnis zum Menschen betrachten mit ihren Produkten, 
mit denjenigen Stoffen, die sich darleben als feste, flussige, luft- 
formige Bestandteile, so werden diese aufgenommen vom Men- 
schen, im Menschen drinnen verarbeitet gemafi den Sonnen- und 
Mondenkraften. Aber im Menschen wirken auch diejenigen Krafte, 
die ihm zustrahlen nun von alien Seiten des Weltenraumes. Die 
Krafte, die in den Nahrungsmitteln wirken, sie kommen aus der 
Erde heraus. Aber ihm strahlen von alien Seiten des Weltenraumes 
Krafte zu: das sind die atherischen Krafte. Diese atherischen Krafte, 
die ergreifen auch, aber in einer viel gleichformigeren Weise, die 
Nahrungsmittel und verwandeln sie so, dafl sie aus ihnen einLebens- 
fahiges machen, dafi sie aus ihnen etwas machen, was aufierdem das 
Atherische als solches, das Licht und die Warme, innerlich erleben 
kann. So dafi wir sagen konnen: Der Mensch ist zugeteilt durch 
seinen physischen Leib der Erde, durch seinen atherischen Leib dem 
ganzen Umkreis, durch seinen astralischen Leib ist er zunachst zu- 
geteilt dem Monde und der Sonne in ihren Wirkungen. Aber diese 
Wirkungen, die im astralischen Leib als Sonnen- und Mondwirkun- 
gen enthalten sind, die werden wiederum modifiziert, so modifi- 
ziert, dafi ein gewaltiger Unterschied besteht zwischen denjenigen 
Wirkungen, welche ausgeiibt werden auf den oberen, und denen, 
die ausgeiibt werden auf den unteren Menschen. 

Nennen wir heute «oberen Menschen» denjenigen Menschen, 
der gewissermafien durchkreist wird von dem nach aufwarts, nach 



dem Kopfe zu gehenden Blutstrom; nennen wir den «unteten Men- 
schen» dasjenige, was vom Herzen nach abwarts liegt. Wenn wir so 
den Menschen anschauen, dann haben wir zunachst im Menschen 
das Obere, das sein Haupt umfaftt, und dasjenige, was gewisser- 
maflen organisch zu dem Haupte gehort. Das ist hauptsachlich in 
seiner Gestaltungvon den Sonnenwirkungen abhangig. Das bildet 
sich ja auch zunachst embryonal vorzugsweise aus. Da wirken schon 
im Embryo auf diesen Organismus die Sonnenwirkungen inganz be- 
sonderer Weise, aber diese Wirkungen setzen sich ja dann fort, 
wenn der Mensch geboren ist, wenn der Mensch physisch da ist im 
Leben zwischen der Geburt und dem Tode. Und da wird nun das- 
jenige, was ja in diesem Gebiet des Menschen, ich mochte sagen, 
was oberhalb des Herzens liegt, genauer miifke man das nach der 
Blutzirkulation beschreiben, was oberhalb des Herzens liegt, das 
wird in bezug auf die astralischen Wirkungen modiflziert von Sa- 
turn, Jupiter, Mars (siehe Darstellung S. 233). 

Der Saturn hat Krafte, die er - betrachten wir es nach der koper- 
nikanischen Weltanschauung - in seinem Umkreis um die Sonne 
entwickelt und die er der Erde zuschickt; er hat diejenigen Krafte, 
welche eigentlich im ganzen astralischen Leib, namentlich in dem- 
jenigen Teile, der diesem oberen Menschen angehort, wirksam sind. 
Der Saturn hat die Krafte, die in diesen astralischen Leib hinein- 
strahlen. Und indem sie den astralischen Leib durchstrahlen, 
beleben, wirken sie auf ihn so, dafi von ihnen eigentlich in ganz 
wesentlicher Weise abhangt, inwiefern sich der astralische Leib in ein 
richtiges Verhaltnis zum physischen Leib des Menschen stellt. Wenn 
der Mensch zum Beispiel nicht richtig schlafen kann, wenn also sein 
astralischer Leib nicht richtig herausgehen will aus dem Atherleib 
und dem physischen Leib, wenn er beim Erwachen nicht richtig hin- 
eingehen will, wenn er sonst in irgendeiner Weise sich nicht richtig 
eingliedert dem physischen Leibe, so ist das eine Wirkung, eine un- 
regelma&ge Wirkung der Saturnkrafte. Der Saturn ist im wesent- 
lichen derjenige Weltenkorper, welcher auf dem Umwege durch das 
menschliche Haupt ein richtiges Verhaltnis des astralischen Leibes 
zum menschlichen physischen Leib und zum Atherleib herstellt. 



Dadurch liefern die Saturnkrafte auf der anderen Seite wiederum 
das Verhaltnis des astralischen Leibes zum Ich, weil ja der Saturn im 
Verhaltnisse stent zu der Sonnenwirkung. Er stent so im Verhaltnis 
zur Sonnenwirkung, dafi das raumlich-zeitlich dadurch ausgedrikkt 
ist, dafi ja der Saturn ungefahr seinen Umkreis um die Sonne, wie 
Sie wissen, in dreifiig Jahren vollendet. 

Diese Beziehung des Saturn zur Sonne, die driickt sich im Men- 
schen dadurch aus, dafi erstens das Ich in ein entsprechendes Ver- 
haltnis kommt zum astralischen Leib, aber namentlich dafi der astra- 
lische Leib sich in einer richtigen Weise in die ganze menschliche 
Organisation eingliedert. So dafi wir sagen konnen, der Saturn hat 
seine Beziehung zu dem oberen Teil des ganzen astralischen Leibes. 
Diese Beziehung, die war fur die Menschen alterer Zeiten durchaus 
etwas Mafigebendes. Und noch in der agyptisch-chaldaischen Zeit, 
wenn wir zuriickgehen wiirden in das 3., 4. Jahrtausend vor dem 
Mysterium von Golgatha, da wiirden wir finden, dafi bei den Leh- 
rern, bei den Weisen in den Mysterien jeder Mensch daraufhin be- 
urteilt wurde, wie er sein Verhaltnis zum Saturn durch sein Geburts- 
datum bestimmt hatte; denn man wufite ganz genau, wenn ein 
Mensch geboren ist bei dieser oder jener Konstellation des Saturn, so 
war er ein Mensch, der seinen astralischen Leib im physischen Leib 
richtig brauchen konnte oder weniger richtig brauchen konnte. Die 
Erkenntnis solcher Dinge spielte in alten Zeiten eine grofie Rolle. 
Aber darauf beruht gerade der Fortschritt der Menschheitsentwicke- 
lung in unserem Zeitalter, das mit dem Beginn des 15. Jahrhun- 
derts seinen Anfang genommen hat, dafi wir uns freimachen von 
dem, was da in uns wirkt. 

Meine lieben Freunde, mifiverstehen Sie das nicht. Das heifit 
nicht, dafi der Saturn heute nicht in uns wirkt. Er wirkt in uns 
geradeso, wie er in alten Zeiten gewirkt hat; nur mussen wir uns 
davon freimachen. Und wissen Sie, worinnen dieses In-der-rich- 
tigen-Weise-Freimachen von der Saturnwirkung besteht? Manmacht 
sich am schlechtesten frei von der Saturnwirkung, wenn man dem 
schattenhaften Intellekt unseres Zeitalters folgt. Da lafit man ge- 
radezu die Saturnwirkungen in sich wiiten, da schiefien die Saturn- 



wirkungen hin und her und machen einen gerade zu demjenigen, 
was man in unserem Zeitalter den nervosen Menschen nennt. Der 
nervose Mensch beruht im wesentlichen darauf , dafi sein astralischer 
Leib in seine ganze physische Wesenheit nicht ordentlich einge- 
schaltet ist. Darauf beruht die Nervositat unseres Zeitalters. Und 
wozu der Mensch gebracht werden mufi, ist: das Streben nach wirk- 
licher Anschauung, das Streben nach Imagination. Wenn der 
Mensch beim abstrakten Vorstellen bleibt, so wird er immer nervoser 
und nervoser werden, weil er eigentlich herauswachst aus der Saturn- 
tatigkeit, diese aber doch in ihm ist, in ihm hin- und herschiefit und 
aus seinen Nerven den astralischen Leib herauszerrt und daher den 
Menschen nervos macht. Die Nervositat unseres Zeitalters mufi kos- 
misch erkannt werden als eine Saturnwirkung. 

So wie es Saturn zu tun hat mit dem oberen Teil des ganzen 
astralischen Leibes, insofern dieser astralische Leib mit dem ganzen 
Organismus in Verbindung steht durch das Nervensystem, hat es 
Jupiter vorzugsweise mit dem menschlichen Denken zu tun (siehe 
Darstellung S. 233). 

Dieses menschliche Denken beruht ja in einer gewissen Weise 
auch auf einer partiellen Tatigkeit des astralischen Leibes. Ich mochte 
sagen, eine kleinere Partie des astralischen Leibes ist tatig beim 
Denken als beim Versorgen des ganzen Menschen durch den astra- 
lischen Leib. Was in unserem astralischen Leib wirkt, und was zu- 
nachst iiberhaupt unser Denken stark macht, das ist Jupiterwirkung. 
Jupiterwirkung hat es vorzugsweise mit dem astralischen Durchorga- 
nisieren des menschlichen Gehirnes zu tun. 

Sehen Sie, die Saturnwirkungen erstrecken sich eigentlich iiber 
das ganze menschliche Leben, und dieses ganze menschliche Leben 
hat ja angefangen seit unseren drei ersten Lebensjahrzehnten. Wie 
wir uns - solange wir in den Wachstumsperioden sind, und ganz 
horen diese ja eigentlich erst auf nach dem dreifiigsten Jahre -, wie 
wir uns da entwickeln in unserem astralischen Leib, davon hangt 
unser ganzes Leben und unsere Gesundheit ab. Daher braucht der 
Saturn dreifiig Jahre, um herumzugehen um die Sonne. Das ist ganz 
auf den Menschen zugeschnitten. 



Dasjenige, was sich in uns als Denken entwickelt, das hat mit 
den ersten 2 wolf Lebensjahren zu tun. Dasjenige, was da draufien 
kreist, das ist nicht ohne Beziehung zum Menschen. 

Ebenso wie es Jupiter zu tun hat mit dem Denken, hat es Mars 
zu tun mit demjenigen, was die Sprache ist. Mars hat es zu tun mit 
der Sprache. 

Saturn oberer Teil des ganzen astralischen Leibes 
Jupiter Denken 
Mars Sprache 

Mars, sehen Sie, hebt gewissermafien vom astralischen Leib noch 
ein kleinere Partie, als diejenige ist, die furs Denken in Betracht 
kommt, heraus aus seiner ganzen Einorganisierung in den iibrigen 
Menschen. Und von den Marswirkungen in uns hangt es ab, dafi ent- 
faltet werden konnen die Krafte, die sich dann in das Sprechen 
ergielten. Die kleine Umlaufszeit des Mars ist ja auch dafur mafi- 
gebend. DerMensch lernt ja innerhalb einer Zeit, die durchaus der 
halben Umlaufzeit des Mars ungefahr entspricht, die ersten Sprach- 
laute. 

Auf- und absteigende Entwickelung! Wir sehen, diese ganze 
Entwickelung, insofern sie an die Gegend des menschlichen Haup- 
tes gebunden ist, hangt zusammen mit Saturn-, Jupiter- und Mars- 
kraften. 

Damit haben wir die aufieren Planeten in ihrem Fortwirken in- 
nerhalb des menschlichen astralischen Leibes gegeben. Wahrend 
die Sonne mehr mit dem Ich zusammenhangt, haben diese drei 
Weltenkorper: Saturn, Jupiter und Mars, mit der Entwickelung des- 
jenigen, was ja an den astralischen Leib gebunden ist, Sprechen, 
Denken und dem ganzen Verhalten der menschlichen Seele im 
menschlichen Organismus zu tun. Dann haben wir die Sonne, die 
mit dem eigentlichen Ich zu tun hat. Und dann haben wir diejenigen 
Planeten, die wir auch die inneren nennen, diejenigen Planeten, die 
gewissermafien der Erde naher sind als die Sonne, diejenigen Pla- 
neten also, die zwischen der Erde und der Sonne sich befinden, 



wahrend die anderen Planeten, Saturn, Jupiter, Mars, abgewendet 
sind von der Erde gegeniiber der Sonne. Wenn wir diese inneren 
Planeten ins Auge fassen, dann kommen wir dazu, ebenfalls solche 
Beziehungen ihrer Krafte zum Menschen ins Auge zu fassen. Be- 
trachten wir zunachst den Merkur. 

Merkur hat, ich mochte sagen seine Angriffspunkte ahnlich dem 
Monde mehr im Inneren des Menschen, nur gegeniiber dem mensch- 
lichen Antlitz wirkt er von aufien; aber er wirkt schon in demjenigen 
Teil des Menschen, der unter der Herzgegend liegt. Da wirkt er mit 
seinen Kraften, indem er innerlich die menschliche Organisation 
ergreift und seine Krafte von dort wiederum ausstrahlen. Und da 
wirkt er so, dafi er vorzugsweise es ist, der die Vermittlung besorgt 
der Wirksamkeit des astralischen Leibes in der ganzen Atmungs- 
und Zirkulationstatigkeit des Menschen. Er ist der Vermittler zwi- 
schen dem astralischen Leib und den rhythmischen Vorgangen im 
Menschen. So dafi wir also sagen konnen: seine Krafte besorgen die 
Vermittlung des Astralischen mit der rhythmischen Tatigkeit des 
Menschen (siehe Darstellung S. 233). Dadurch greifen die Merkur- 
krafte ahnlich den Mondenkraften auch ein in den ganzen Stoff- 
wechsel des Menschen, aber nur insofern der Stoffwechsel dem 
Rhythmus unterliegt, auf die rhythmische Tatigkeit zuriickwirkt. 

Dann haben wir Venus. Venus ist dasjenige, was vorzugsweise 
im menschlichen Atherleib tatig ist, was also von dem Kosmos aus 
im menschlichen Atherleib sich betatigt: Tatigkeit des menschlichen 
Atherleibes. 

Und dann haben wir Mond. Uber ihn haben wir schon gesprochen. 
Er ist dasjenige im Menschen, was den Sonnenkraften polarisch ent- 
gegengesetzt ist, und was von innen aus den Stoff uberfiihrt ins 
Lebendige und dadurch auch mit der Reproduktion zusammenhangt. 
Der Mond ist also im ausgiebigsten Sinne der Anreger sowohl der 
inneren Reproduktion wie auch der Fortpflanzungsreproduktion. 

Bedenken Sie nun, dafi ja dasjenige, was im Menschen eigentlich 
vorgeht, Ihnen in seiner Abhangigkeit erscheint von dem umlie- 
genden Kosmos. Der Mensch ist auf der einen Seite mit seinem phy- 
sischen Leib gebunden an die irdischen Krafte , mit seinem atherischen 



Saturn oberer Teil des ganzen astralischen Leibes 

Jupiter Denken 

Mars Sprache 

Sonne Ich 

Merkur Vermittlung des Astralischen mit der rhythmi- 

schen Tatigkeit des Menschen 

Venus Tatigkeit des menschlichen Atherleibes 

Mond Anreger der Reproduktion 



Leib gebunden an den ganzen kosrmschen Umkreis. In ihmwird aber 
differenziert in dieser Weise, wie ich es hier dargestellt habe, und in- 
dem die Differenzierung vorzugsweise von seinem astralischen Leibe 
ausgeht, gliedern sich in diesen astralischen Leib die Krafte von 
Saturn, Jupiter, Mars, Merkur, Venus, Mond ein. Auf dem Umwege 
durch das Ich wirkt dann die Sonne in ihm. Bedenken Sie, dafi da- 
durch, daft der Mensch also in den Kosmos eingegliedert ist, es etwas 
anderes ist, ob der Mensch auf einem Punkte der Erde steht und, 
sagen wir, Jupiter glanzt vom Himmel, oder ob der Mensch hier auf 
der Erde steht und Jupiter ist von der Erde zugedeckt. Die Wirkun- 
gen auf den Menschen sind in dem einen Falle direkt, die Wirkun- 
gen in dem anderen Falle sind so, dafi die Erde sichdazwischenstellt. 
Das gibt einen bedeutsamen Unterschied. Jupiter, haben wir ge- 
sagt, steht mit dem Denken in Beziehung. Nehmen wir an, da wo 
das menschliche physische Denkorgan in seiner vorzugsweisen Ent- 
faltung ist, da erlebt der Mensch, also bald nach seiner Geburt, von 
seiner Geburt aus, dafi Jupiter ihm zuglanzt seine Wirksamkeit. Der 
Mensch bekommt die direktejupiterwirkung. Sein Gehirn wirdganz 
besonders zum Denkorgan umgegliedert; er bekommt eine gewisse 
Anlage zum Denken. Nehmen wir an, der Mensch verlebt diese 
Jahre so, dafi der Jupiter auf der anderen Seite ist, die Jupiterwirkun- 
gen also durch die Erde gehindert sind: sein Gehirn wird wenig um- 
gestaltet zum Denkorgan. Wirkt dagegen die Erde mit ihren Stoffen 
und Kraften in ihm, und alles dasjenige, was von den Stoffen der 
Erde ausgeht, wird vielleicht gerade umgestaltet, sagen wir, durch 
die Mondenwirkungen, die ja immer in einer gewissen Weise da 



sind, so wird der Mensch ein dumpf Traumender, ein dumpf bewufi- 
tes Wesen nur; das Denken tritt zuriick. Dazwischen liegen alle 
moglichen Grade. Nehmen Sie an, ein Mensch habe aus seiner 
fruheren Inkarnation solche Krafte in sich, welche sein Denken dazu 
pradestinieren, in dem Erdenleben, das er nun antreten soil, beson- 
ders ausgebildet zu sein; dann schickt er sich an, auf die Erde her- 
unterzukommen. Er wahlt sich, da ja der Jupiter seine bestimmte 
Umlaufszeit hat, diejenige Zeit, in der er auf der Erde erscheint, in 
der er auf der Erde geboren werden soli, so, dafi der Jupiter direkt 
die Strahlen zusendet. 

Auf diese Weise gibt die Sternkonstellation dasjenige ab, in das 
der Mensch sich hineingeboren werden lafit nach den Bedingungen 
seiner fruheren Erdenleben. 

Von dem, was sich Ihnen da erweist, raufi sich ja allerdings der 
Mensch heute im Bewufitseinszeitalter immer mehr und mehr frei- 
machen. Aber es handelt sich darum, dafi er sich in der richtigen 
Weise freimacht davon, dafi er tatsachlich so etwas tut, wie ich es 
angedeutet habe mit Bezug auf die Saturnwirkungen: dafi. er ver- 
sucht, aus dem blofien schattenhaften intellektuellen Entwickeln zu 
einem bildhaften, anschaulichen Entwickeln wiederum zu kommen. 
Was wir auf die Art aus der Geisteswissenschaft entwickeln, wie ich 
es dargestellt habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren 
Welten?», ist zugleich eine Anweisung dafur, dafi der Mensch in der 
richtigen Weise unabhangig werde von den kosmischen Kraften, die 
aber trotzdem in ihm wirken. 

Indem der Mensch sich geboren werden lafit, lebt er sich in die 
Erde hinein, je nachdem die Sternkonstellation ist. Aber er mufi sich 
ausriisten mit Kraften, die ihn in der richtigen Weise unabhangig 
machen von dieser Sternkonstellation. 

Sehen Sie, zu solchen Erkenntnissen vom Zusammenhange des 
Menschen mit dem aufierirdischen Kosmos mufi unsere Zivilisation 
wieder kommen. Der Mensch mufi sich wieder fuhlen so, dafi er 
weifi: In meiner Organisation wirken nicht nur die gewohnlichen, 
von der heutigen Wissenschaft anerkannten Vererbungskrafte. 
Gegeniiber dem wirklichen Tatbestand ist es zum Beispiel ein blofier 



Unsinn, zu glauben, innerhalb der Organisation des weiblichen 
Organismus lagen diejenigen Krafte, die sich dann vererben - es ist 
das so eine dunkle, mystische Vorstellung, dieses Vererben -, die 
dann sich so vererben, dafi sie ein Herz, eine Leber ausbilden und so 
weiter. Kein Herz ware im menschlichen Organismus, wenn nicht 
die Sonne eben dieses Herz eingliederte, und zwar vom Kopfe aus, 
und keine Leber ware im menschlichen Organismus, wenn ihm nicht 
diese Leber von Venus eingegliedert wiirde. Und so ist es mit den 
einzelnen Organen des Menschen. Die hangen durchaus zusammen 
mit demjenigen, was aufierirdisch ist. Im Gehirn des Menschen 
wirken die Jupiterkrafte. In der ganzen Konstitution des Menschen, 
insofern er seinen astralischen Leib gesund oder krank einorganisiert 
hat in seine physische Organisation, wirken die Saturnkrafte. Der 
Mensch lernt sprechen dadurch, dafi die Marskrafte in ihm wirken, 
und im Sprechen zeigen sich die Marskrafte. 

Das sind Dinge, die wiederum durchschaut werden miissen von 
der Menschheit. Der Mensch mufi wiederum wissen, dafi mit einer 
Wissenschaft, die nur das Irdische umfafit, sein Wesen durchaus 
nicht erkiart werden kann. Dann wird man auch den Zusammen- 
hang des Menschen mit der Erde kennenlernen. Denn die anderen 
Wesenheiten, die um den Menschen herum leben, sie sind auch 
nicht blofi Erdenwesen. Erdenwesen sind blofi zunachst die Mine- 
ralien. Aber auch mit den Mineralien sind Veranderungen vor sich 
gegangen, welche wiederum abhangig gewesen sind von den Kraf- 
ten der Umgebung der Erde. So sind alle unsere Metalle, insofern 
sie kristallisieren, durchaus in ihren Gestalten deshalb da, weil sie 
in einer gewissen Weise abhangig sind von den aufterirdischen Kraf- 
ten, weil sie gebildet worden sind, als die Erde noch nicht intensiv 
ihre Krafte entwickelt hatte, sondern noch die aufierirdischen Krafte 
in der Erde tatig waren. Heilkrafte, die in den Mineralien, in den 
Metallen namentlich hegen, sie hangen mit dem zusammen, wie 
diese Metalle sich innerhalb der Erde, aber aus aufterirdischen Kraf- 
ten gebildet haben. 

Wir sehen, wenn wir in der nachatlantischen Entwickelung zu- 
ruckgehen, wie da der Mensch in der ersten Zeit, als die alte indische 



Kultur bliihte, durchaus ein Wesen war, das sich fiihlte im ganzen 
Weltenall, ein Burger des ganzen Weltenalls. Er war, wenn er auch 
noch nicht diejenigen Krafte, auf die heute die Menschheit so stolz 
ist, entwickelt hatte, er war im wahren Sinne des Wortes Mensch. 
Dann wurde der Mensch mehr oder weniger abgelenkt von den 
aufierirdischen Kraften. Aber wir sehen noch in der ganzen chal- 
daischen Zeit und in der ersten griechischen Zeit, wie wenigstens der 
Mensch hinblickte auf die Sonne. Er war noch in gewissem Sinne 
eine Art Amphibium, das sich freute, wenn es die Sonnenstrahlen 
empfing, und wenn es nicht mehr in der Dumpfheit der Erde drin- 
nen zu wuhlen brauchte. Aus dem Menschen war ein Amphibium 
geworden. Jetzt ist der Mensch, indem er glaubt, dafi er eigentlich 
nur mit den Erdenkraften zusammenhangt, man kann nicht einmal 
sagen ein Maulwurf, er ist eigentlich ein Regenwurm, der hochstens 
noch wahrnimmt, wenn ihm dasjenige, was erst von der Erde in den 
Weltenraum hinausgesetzt wurde, das Regenwasser, wiederum zu- 
ruckkommt. Das ist das einzige, was der Mensch noch von aufier- 
irdischen Kraften wahrnimmt. Aber das nehmen die Regenwurmer 
auch wahr - Sie haben das heute morgen sehen konnen, wenn Sie 
auf den Strafien gegangen sind! Der Mensch ist im Grunde heute in 
seinem Materialismus ein Regenwurm geworden. Er mufi wiederum 
dieses Regenwurmwesen iiberwinden. Das kann er aber nur, wenn er 
sich dahin entwickelt, seinen Zusammenhang mit dem aufierirdi- 
schen Kosmos zu erkennen. 

Also, meine lieben Freunde, es handelt sich darum, daft wir es 
in unseren Zeiten dahin bringen mussen, uns aus unserer Zivilisa- 
tion heraus zu einem neuen Spiritualismus zu «entregenwurmen». 



VIERZEHNTER VORTRAG 



Dornach, 13. Mai 1921 

Vielleicht haben gerade die Vortrage, die ich hier gehalten habe 
iiber das Wesen der Farben, und der Vortrag, der am letzten Don- 
nerstag diesen Farbenvortragen vorangegangen ist, gezeigt, wie man 
an das Wesen des Menschen nur herankommen kann, wenn man 
ihn im Zusammenhange betrachtet mit dem ganzen Weltenall. 
Dahin mussen wir ja aber gelangen, wenn wir uns nach dem Wesen 
des Menschen fragen, aufzublicken von der Erde zu demjenigen, 
was aufterirdisch ist. Und unsere Zeit erfordert das ganz besonders. 
Wir haben gesehen, wie der menschliche Intellekt immer schatten- 
hafter und schattenhafter geworden ist, wie er eigentlich gerade 
durch die Entwickelung des 19- Jahrhunderts nicht mehr in der 
Wirklichkeit wurzelt. 

Das alles weist uns darauf hin, dafi der Mensch unbedingt daran 
denken miisse, neue Einschlage in sein Seelenleben zu bekommen. 
Es wird uns dies nun insbesondere noch dadurch klarwerden, daft 
wir heute einschlagige, einschlagende kosmische Ereignisse, die von 
gewissen Gesichtspunkten schon betrachtet worden sind, noch ein- 
mal vor unsere Seele fuhren wollen. 

Sie erinnern sich ja und wissen es wohl auch aus der Lekture 
meiner «Geheimwissenschaft», dafi eines jener grofien Ereignisse, die 
in die Erdenentwickelung hereingespielt haben, das Austreten des 
Mondes aus dem Erdenwesen ist. Dasjenige, was heute als Mond uns 
zuglanzt aus dem Weltenraum, war ja einmal mit der Erde verbun- 
den, hat sich von der Erde getrennt und umkreist sie des ferneren als 
ihr Nebenplanet. 

Wir wissen, welche eingreifenden Veranderungen in der ganzen 
Menschenentwickelung mit diesem Austritt des Mondes aus der Erde 
zusammenhangen. Sie wissen, wir mussen weit zuriickgehen, hinter 
die atlantische Flut, wenn wir zu der Zeit kommen wollen, in der 
eben der Mond aus dem Erdensein hinausgegangen ist. 

Nun wollen wir uns heute nur dasjenige vorfuhren, was in bezug 



auf den Menschen und die ihn umgebenden Naturwesen auf der 
Erde dadurch zutage getreten ist, dafi der Mond sich von der Erde 
getrennt hat. Wir haben es ja gesehen, dafi eigentlich die verschie- 
den gefarbten Mineralien, also die farbigen mineralischen Korper, 
ihre Far ben, ihre Farbigkeit im Grunde genommen auch herleiten 
von diesem Verhaltnis des Mondes zur Erde. Dadurch sind wir gerade 
in die Lage geriickt worden, diese kosmischen Ereignisse zusammen- 
zubringen mit dem kiinstlerischen Erfassen des Daseins. Damit 
hangen aber noch wichtige, sehr bedeutsame andere Dinge zusam- 
men. Der Mensch hat ja seine Wesenheit heriibergebracht aus den 
vorhergehenden Metamorphosen des Erdendaseins, aus Saturn-, 
Sonnen- und Mondenwesen; und wahrend er sich entwickelt hat als 
Saturn-, Sonnen-, Mondenwesen, gab es ja in seiner Umgebung 
noch kein Mineralreich. Das Mineralreich, alles Mineralische, es ist 
erst wahrend der Erdenzeit aufgetreten. Und dadurch ist ja auch erst 
dasjenige, was wir mineralische Materie nennen, in den Menschen 
hereingezogen wahrend der Erdenzeit. Der Mensch hatte nichts 
Mineralisches in sich in der alten Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit. 
Er war auch noch nicht ein Wesen, das darauf angewiesen war, sein 
Dasein auf der Erde zu verbringen, sondern der Mensch war ein 
Wesen, das durch die Konstitution schon dem ganzen Kosmos ei- 
gentlich angehorte. Bevor der Mondenaustritt geschah auf der Erde, 
und bevor das Mineralische in seiner Farbigkeit innerhalb der Erde 
sich entwickelte, war der Mensch eigentlich noch gar nicht fur die 
Erde geeignet. Wenn man sich so ausdriicken darf: Es war durchaus 
eine Frage der die Erdenentwickelung leitenden Geistwesen, was mit 
dem Menschen geschehen soil: soil er auf die Erde versetzt werden, 
oder soil er sein Dasein aufierhalb der Erde verbringen? - Und man 
konnte es einen Beschlufi der Wesen, welche die Menschheitsent- 
wickelung lenken, nennen, dafi der Mond abgetrennt worden ist, 
dadurch aber die ganze Erde und mit ihr der Mensch verandert 
wurde. Dadurch, dafi diese grobe Mondenmaterie ausgesondert 
worden ist, ist der Mensch zu derjenigen Organisation gekommen, 
die es ihm ermoglichte, Erdenmensch zu werden. Erdenmensch ist 
also der Mensch durch dieses Ereignis, durch den Austritt des 



Mondes und die Eingliederung des Mineralreiches in die Erde, ge- 
worden. Dadurch hat der Mensch im Grunde genommen seine 
Erdenschwere erhalten. Aber er ware niemals ein der Freiheit fahiges 
Wesen geworden, wenn er nicht diese Erdenschwere erhalten hatte. 
Er war gewissermafien vorher noch nicht richtig eine Personlichkeit. 
Eine Personlichkeit wurde er dadurch, dafl sich die Krafte, die seinen 
Leib bilden soli ten, eben zusammenzogen. Und das taten sie durch 
den Mondenaustritt und durch die Eingliederung des Mineralreiches. 
Der Mensch wurde also eine Personlichkeit, dadurch der Freiheit 
zuganglich. 

Diese Entwickelung des Menschen auf der Erde bei herausgetre- 
tenem Monde, sie vollzog sich seit diesem Mondenaustritt durch die 
verschiedensten Stadien hindurch. Und man kann sagen: so lange 
nichts anderes geschehen war, als dafi der Mond ausgetreten war, 
hatte der Mensch eigentlich fortwahrend die Moglichkeit, aus 
seinem ganzen Organismus heraus, aus seinem leiblich-seelischen 
Wesen heraus Bilder des alten Hellsehens zu haben. 

Diese Fahigkeit, Bilder des alten Hellsehens zu haben, wurde 
dem Menschen nicht genommen durch den Mondenaustritt. Der 
Mensch sah die Welt in Bildern, wie wir das ja oftmals beschrieben 
haben. Ware nichts anderes geschehen, der Mensch wurde bis heute 
in dieser Bilderwelt leben. Allein wir wissen ja, die Entwickelung ist 
weker vorwartsgeschritten. Der Mensch ist nicht so geblieben, dafi er 
nur an die Erde gefesselt ist. Der Mensch ist gewissermafien wieder 
zu einer Ruckentwickelung veranlafit worden, und fur diese Riick- 
entwickelung hat eigentlich im 19. Jahrhundert sich der Hohepunkt 
vollzogen. Ich habe es in den letzten Vortragen wiederholt charak- 
terisiert. Aber schon in alten Zeiten ist ja das eingetreten, dafi der 
Mensch gewissermafien, wenn er nun auch als Stoffwechselmensch 
erdenschwer geworden ist, doch wiederum als Kopfmensch, man 
konnte sagen, zum kosmischen Dasein befahigt wurde. Der Mensch 
entwickelte seinen Intellekt. In diesen Intellekt hinein verdichteten 
sich die Bilder des alten Hellsehens noch bis in das 4. nachchristliche 
Jahrhundert. Dann erst wurde, und namentlich seit dem 15. Jahr- 
hundert, der menschliche Intellekt immer schattenhafter und schat- 



tenhafter. Dieser menschliche Intellekt hat nunmehr iiberhaupt, 
trotzdem er ein ganz Geistiges im Menschen ist, kein Sein eigentlich; 
er hat nur etwas, was im Grunde genommen ein Bildsein ist. Wenn 
der Mensch heute blofi durch seinen Verstand denkt, so wurzeln 
diese Gedanken nicht in der Wirklichkeit. Diese Gedanken bewegen 
sich nur in einem Schattendasein. Und immer mehr und mehr be- 
wegen sich die menschlichen Gedanken in einem Schattendasein. 
Und das ist am starksten geworden im 19. Jahrhundert. Und heute 
fehlt dem Menschen durchaus der Wirklichkeitssinn. Der Mensch 
lebt in einem geistigen Elemente, ist aber Materialist. Mit seinen 
geistigen Gedanken, die aber nur Schattengedanken sind, denkt er 
nur das materielle Dasein. 

So ist dieses zweite Ereignis eingetreten. Der Mensch ist wieder 
geistiger geworden; aber dasjenige, was ihm friiher die Materie ge- 
geben hat an geistigen Inhalten, das durchseelt ihn nicht mehr. Er 
ist geistiger geworden, aber er denkt durch sein Geistiges nur das 
Materielle. 

Nun wissen Sie ja, dafl der Mond einstmals sich wiederum mit 
der Erde vereinigen wird. Dieser Zeitpunkt, wo der Mond sich 
wiederum mit der Erde vereinigen wird, der wird von den in der 
Abstraktion lebenden Astronomen und Geologen ja Jahrtausende 
weit hinausgeschoben; das ist aber nur ein Wahn. In Wirklichkeit 
stehen wir dem Zeitpunkt gar nicht so fern. Sie wissen ja, die Mensch- 
heit als solche wird immer j linger und j linger. Sie wissen, dafi die 
Menschen immer mehr und mehr dazu kommen, ihre leiblich-seeli- 
sche Entwickelung nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkte zu 
haben. In der Zeit von Christi Tod, als das Ereignis von Golgatha 
stattfand, waren die Menschen bis zum dreiunddreiHigsten Jahr im 
allgemeinen leiblich-seelisch entwickelungsfahig. Heute sind sie es 
nurmehr bis zum siebenundzwanzigsten Jahre. Und es wird eine 
Zeit kommen im 4. Jahrtausend, da werden die Menschen nur bis 
zum einundzwanzigsten Jahre noch entwickelungsfahig sein. Dann 
wird eine Zeit kommen im 7. Jahrtausend, da werden die Menschen 
nur bis zum vierzehnten Jahr noch entwickelungsfahig sein durch 
ihre Leiblichkeit. Die Frauen werden dann aufhoren, fruchtbar zu 



sein; es wird eine ganz andere Art und Weise des Erdenlebens ein- 
treten. Es wird die Zeit sein, in der der Mond sich der Erde wiederum 
nahert, sich der Erde wiederum eingliedert. 

Sehen Sie, meine lieben Freunde, auf solche auflerirdischen Er- 
eignisse mufi der Mensch gegenwartig anfangen zu sehen. Er mull 
nicht nur im allgemeinen abstrakt von irgendeinem Gottlichen 
traumen, sondern er mull die Ereignisse, die mit seiner Entwicke- 
lung zusammenhangen, ins Auge fassen. Er mufi wissen: der Mond 
ist einmal von der Erde ausgetreten; der Mond wird wiederum in die 
Erde eintreten. Und so, wie es ein einschlagendes Ereigniswar, dieser 
Mondenaustritt, so wird es ein einschlagendes Ereignis sein, dieser 
Mondeneintritt. Wir als Menschen werden die Erde allerdings dann 
noch bevolkern, aber wir werden nicht mehr in der gewohnlichen 
Weise geboren werden, wir werden in einer anderen Weise als durch 
die Geburt mit der Erde verbunden sein. Aber wir werden uns bis 
dahin in einer gewissen Weise entwickelt haben. Und wir miissen 
dasjenige, was jetzt geschieht, das Schattenhaftwerden des Intel- 
lektes, das miissen wir in Zusammenhang bringen mit dem, was ein- 
mal als ein einschlagiges Ereignis in der Erdenentwickelung kommen 
wird: das wiederum Hereinschwirren des Mondes in die Erdenma- 
terie. 

Schattenhafter und immer schattenhafter wird unser Intellekt. 
Wiirde das so fortgehen, wiirde sich die Menschheit nicht entschlie- 
fien, dasjenige, was aus geistigen Welten herauskommen kann, in 
sich aufzunehmen, dann wiirde eben der Mensch nach und nach in 
der Schattenfarbe seines Intellekts immer mehr und mehr aufgehen. 

Denken Sie einmal daran, was dieser schattenhafte Intellekt 
eigentlich nur enthalt. Dieser schattenhafte Intellekt kann ja das 
menschliche Wesen selber nicht verstehen. Er versteht die Minera- 
lien. Das ist schliefilich das einzige, was dieser schattenhafte In- 
tellekt bis zu einem gewissen Grade verstehen kann. Schon das 
Leben der Pflanze bleibt ihm ein Ratsel, das Leben der Tiere bleibt 
ihm erst recht ein Ratsel, und sein eigenes Leben wird vollig un- 
durchsichtig. So gestaltet sich der Mensch Bilder von der Welt, die 
aber eigentlich nur eine Weltfrage sind, die eigentlich nur, man 



mochte sagen, etwas enthalten, was an das eigentliche Wesen von 
Pflanze, Tier und insbesondere des Menschen nicht herantritt. 
Dieses Bildergestalten wird immer weiter und weiter fortgehen, 
wenn der Mensch sich nicht entschliefien wiirde, dasjenige anzu- 
nehmen, was ihm izberliefert wird von Imaginationen, von neuen 
Imaginationen, durch die ihm das Weltendasein geschildert wird. In 
die schattenhaften Verstandesbegriffe und in die schattenhaften in- 
tellektuellen Vorstellungen mufi aufgenommen werden dasjenige, 
was an lebendiger Weisheit die Geisteswissenschaft geben kann. 
Dadurch miissen die Schattenbilder des Verstandes belebt werden. 

Dieses Beleben der Schattenbilder des Verstandes ist aber nicht 
nur ein menschliches Ereignis, es ist ein kosmisches Ereignis. Er- 
innern Sie sich an dasjenige, was ich in meiner «Geheimwissen- 
schaft» dargestellt habe, daft da einmal die Menschenseelen hinauf- 
gewandert sind zu den Planeten und wiederum heruntergekommen 
sind ins Erdendasein. Ich habe es in meiner «Geheimwissenschaft» 
dargestellt, wie nacheinander die Mars-, Jupiter- und so weiter Men- 
schen wiederum herunterkamen auf die Erde. Sehen Sie, es ist ein 
bedeutsames Ereignis vorgegangen - man kann das nur schildern aus 
den Tatsachen, die einem in der geistigen Welt bewahrheitet 
werden -, es ist ein bedeutsames Ereignis vorgegangen am Ende der 
siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Wahrend in der alten atlan- 
tischen Zeit diese Menschen von Saturn, Jupiter, Mars und so weiter 
auf die Erde heruntergekommen sind, wahrend da also die mensch- 
lichen Seelenwesen das Erdendasein bezogen haben, beginnt jetzt 
eine Zeit, in der andere Wesen, die nicht Menschen sind, aber die 
zur weiteren Entwickelung ihres Daseins darauf angewiesen sind, auf 
die Erde zu kommen und auf der Erde mit Menschen in ein Verhalt- 
nis zu treten, in der solche Wesen von den aufierirdischen Welten- 
gebieten auch herunterkommen. Seit dem Ende der achtziger Jahre 
des 19. Jahrhunderts wollen in das Erdendasein herein iiberirdische 
Wesenheiten. So wie die Vulkanmenschen die letzten waren, die 
sich hier auf die Erde herunterbegeben haben, so begeben sich 
Vulkanwesen tatsachlich jetzt in das Erdendasein herein. Wir haben 
im Erdendasein schon iiberirdische Wesenheiten. Und diesem Um- 



stand, daft uberirdische Wesenheiten die Botschaften herunter- 
bringen in dieses irdische Dasein, diesem Umstande ist zu verdan- 
ken, daft wir iiberhaupt eine zusammenhangende Geisteswissen- 
schaft haben konnen. 

Aber im ganzen, wie benimmt sich das Menschengeschlecht? 
Das Menschengeschlecht benimmt sich in einer, man mochte sagen, 
kosmisch-riipeihaften Weise gegen diese aus dem Kosmos, auf der 
Erde allerdings erst langsam, aber eben doch erscheinenden We- 
senheiten. Es kiimmert sich nicht urn sie, es ignoriert sie, dieses 
Menschengeschlecht. Und das ist dasjenige, was die Erde in immer 
tragischere und tragischere Zustande bringen wird; denn unter uns 
werden im Laufe der nachsten Jahrhunderte immer mehr und mehr 
Geistwesen wandeln, deren Sprache wir verstehen sollten. Und wir 
verstehen sie nur, wenn wir dasjenige zu verstehen suchen, was von 
ihnen kommt: den Inhalt der Geisteswissenschaft. Das wollen sie 
uns geben, und sie wollen, daft im Sinne der Geisteswissenschaft 
gehandeit werde, daft umgesetzt werde die Geisteswissenschaft in 
die soziale Handlungsweise des Erdendaseins. 

Wir haben es wirklich zu tun seit dem letzten Drittel des 19. 
Jahrhunderts mit einem Hereindringen von geistigen Wesen aus 
dem Weltenall, zunachst von solchen Wesenheiten, die in der 
Sphare zwischen Mond und Merkur wohnen, die aber durchaus, ich 
mochte sagen, schon hereinsturmen ins Erdendasein und versuchen 
im Erdendasein dadurch Fuft zu fassen, daft die Menschen sich er- 
fiillen mit dem Gedanken an die geistigen Wesenheiten des Welten- 
alls. So kann man es auch schildern, was ich vorhin schilderte, daft 
wir unseren schattenhaften Intellekt mit den Bildern der Geistes- 
wissenschaft beleben miissen. So schildert man es abstrakt. Konkret 
schildert man es, wenn man sagt: Geisteswesen wollen herunter ins 
irdische Dasein, und sie sollen empfangen werden. Erschiitterung 
uber Erschiitterung wird es geben, und zuletzt miiftte das Erden- 
dasein in das soziale Chaos einmiinden, wenn diese Wesenheiten 
herunterkommen und das Menschendasein nur Opposition gegen 
das Herunterkommen dieser Wesenheiten ware. Nichts anderes 
wollen ja diese Wesenheiten, als die Vorposten sein fur dasjenige, 



was mit dem Erdendasein geschehen wird, wenn der Mond sich 
wiederum mit der Erde vereinigen wird. 

Sehen Sie, heute kann es den Menschen verhaltnismafiig noch 
harmlos erscheinen, wenn sie nur diejenigen Gedanken ausdenken, 
automatische, leblose Gedanken, welche entstehen, wenn man er- 
fafit die miner alische Welt und das Mineral an Pflanzen, das Mineral 
an Tieren, das Mineral am Menschen. Ich mochte sagen, an diesen 
Gedanken, an denen laben sich heute die Menschen, mit denen 
fiihlen sie sich als Materialisten wohl, denn nur sie werden heute 
gedacht. Aber bedenken Sie einmal, die Menschen dachten so fort, 
die Menschen wttrden wirklich nichts anderes ausbilden als solche 
Gedanken, bis zu dem Zeitpunkte, wo im 8. Jahrtausend das Mon- 
dendasein wiederum sich mit dem Erdendasein vereinigt, was wiirde 
dann entstehen? Ja, die Wesenheiten, von denen ich gesprochen 
habe, sie werden nach und nach auf die Erde herunterkommen, 
Vulkanwesenheiten, vulkanische Ubermenschen, Venus-Ubermen- 
schen, Merkur-Ubermenschen, Sonnen-Ubermenschen undsoweiter 
werden sich mit dem Erdendasein vereinigen. Aber wenn die Men- 
schen fortfahren, ihnen blofi Opposition zu machen, so wird das 
Erdendasein in ein Chaos im Laufe der nachsten Jahrtausende iiber- 
gehen. Die Erdenmenschen werden ihren Intellekt ja weiter automa- 
tisch entwickeln konnen; der kann sich auch innerhalb der Barbarei 
entwickeln; aber das Vollmenschentum wird nicht hineingezogen 
sein in diesen Intellekt, und die Menschen werden keine Beziehung 
haben zu denjenigen Wesenheiten, die sich ihnen hinunterneigen 
wollen ins Erdendasein herein. Und alle diejenigen Wesen, welche 
nun vom Menschen unrichtig gedacht werden, die Wesen, welche 
unrichtig gedacht werden aus dem Grunde, weil der blofie schatten- 
hafte Intellekt nur das Mineralische, ich mochte sagen das grob 
Materielle im Mineralreich, im Pflanzen-, im Tierreich und sogar im 
Menschenreich denkt, diese Gedanken der Menschen, die keine 
Wirklichkeit haben, die bekommen mit einem Schlage Wirklichkeit, 
wenn der Mond sich mit der Erde vereinigt. Und aus der Erde wird 
aufsprieflen ein furchtbares Geziicht von Wesenheiten, die in ihrem 
Charakter zwischen dem Mineralreich und dem Pflanzenreich drin- 



nenstehen als automatenartige Wesen mit einem iiberreichlichen 
Verstande, mit einem intensiven Verstande. Mit dieser Bewegung, 
die liber der Erde Platz greifen wird, wird die Erde iiberzogen 
werden wie mit einem Netz , einem Gewebe von furchtbaren Spin- 
nen, Spinnen von einer riesigen Weisheit, die aberin ihrer Organisa- 
tion nicht einmal bis zum Pflanzendasein heraufreichen, furchtbare 
Spinnen, die sich ineinander verstricken werden, die in ihren aufle- 
ren Bewegungen alles das imitieren werden, was die Menschen aus- 
dachten mit dem schattenhaften Intellekt, der sich nicht anregen 
liefi von demjenigen, was durch eine neue Imagination, was iiber- 
haupt durch Geisteswissenschaft kommen soli. All dasjenige, was 
die Menschen an solchen Gedanken denken, die irreal sind, das wird 
wesenhaft. Die Erde wird iiberzogen sein, wie sie jetzt mit einer 
Luftschicht iiberzogen ist, wie sie sich manchmal mit Heuschrecken- 
schwarmen uberzieht, mit furchtbaren mineralisch-pflanzlichen 
Spinnen, die sehr verstandig, aber furchtbar bosartig sich inein- 
anderspinnen. Und der Mensch wird, insoweit er nicht seine schat- 
tenhaften intellektuellen.Begriffe belebt hat, statt sein Wesen mit 
den Wesen, die heruntersteigen wollen seit dem letzten Drittel des 
19. Jahrhunderts, zu vereinigen, er wird sein Wesen mit diesen 
furchtbaren mineralisch-pflanzlichen Spinnengetieren vereinigen 
miissen. Er wird selber zusammenleben mit diesen Spinnentieren, 
und er wird sein weiteres Fortschreiten im Weltendasein suchen 
miissen in derjenigen Entwickelung, die dann annimmt dieses Spin- 
nengetier. 

Sehen Sie, das ist dasjenige, was durchaus in der Realitat der 
Erdenmenschheitsentwickelung liegt, und was von einer grofien An- 
zahl derjenigen Menschen, die die Menschheit zunickhalten von der 
Aufnahme geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse, heute durchaus 
gewufit wird. Denn es gibt auch solche, welche durchaus die bewufi- 
ten Verbiindeten des Verspinntwerdens des Erdenmenschendaseins 
sind. Man mufi sich heute nicht mehr abschrecken lassen von Schil- 
derungen dieser Art. Denn Schilderungen dieser Art, sie stecken 
hinter dem, was viele Menschen heute noch sagen, die aus alten 
Traditionen heraus noch irgendein Bewufitsein von solchen Dingen 



habcn, die die alten Uberlieferungen haben, und die diese alten 
Uberlieferungen mit einem gewissen Schleier des Geheimnisses 
umgeben mochten. Unsere Erdenmenschheitsentwickelung ist nicht 
so, daft sie weiterhin mit dem Schleier des Geheimnisses uberzogen 
werden darf; und wenn die Widerstande noch so grofi sind von 
feindlicher Seite, die Dinge miissen gesagt werden, denn es ist, wie 
ich immer wieder und wiederum sage, ein Ernstes, was als Angele- 
genheit der Menschheit vorgelegt ist in der Annahme oder in der 
Ablehnung der geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse. Da hat man 
es nicht mit irgend etwas zu tun, aus dem heraus Entschliisse ge- 
fafit werden konnten, die nur mit einer gleichgultigen Sympathie 
oder Antipathie zusammenhangen konnten, sondern da hat man es 
mit etwas zu tun, was durchaus eingreift in das ganze Gefuge des 
Kosmos, da hat man es damit zu tun, ob die Menschheit sich ent- 
schiiefien will in der gegenwartigen Zeit, allmahlich hineinzuwach- 
sen in dasjenige, was ihr gute Geister, die sich mit den Menschen 
verbinden wollen, aus dem Weltenall heruntertragen, oder aber ob 
die Menschheit in dem Spinnengeziicht der eigenen, bloft schatten- 
haften Gedanken, im Verstricktwerden, das weitere kosmische Da- 
sein suchen will. Es geniigt heute nicht, daft man bloft in abstrakten 
Formeln die Notwendigkeit geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse 
hinzeichnet, sondern es ist heute notwendig, daft man zeigt, wie 
Gedanken Wirklichkeiten werden. Das ist dasjenige, was so schreck- 
lich ist bei alien abstrakten Theosophen, die auftreten, daft sie solche 
Abstraktionen hinstellen vor die Menschen, wie: Gedanken werden 
spater Wirklichkeiten -, aber es ihnen nicht einfallt, die voile Trag- 
weite, die konkrete Tragweite der Sache hinzustellen. Und diese 
konkrete Tragweite der Sache ist diese, daft dieintellektuellen, schat- 
tenhaften Gedanken, die von den Menschen heute innerlich gespon- 
nen werden, dafi die einstmals als ein Spinnengewebe die Erde iiber- 
ziehen werden, und dafi die Menschen verstrickt werden in dieses 
Spinnengewebe, wenn sie sich nicht erheben wollen von diesen 
schattenhaften Gedanken. 

Und der Weg des Erhebens, meine lieben Freunde, er ist einmal 
vorgezeichnet. Wir miissen durchaus solche Dinge tief ernst nehmen 



wie den Gedanken, mit dem ich meine Farbenvortrage geschlossen 
habe letzten Sonntag, wo ich gesagt habe, es handelt sich darum, 
dafl die Erkenntnis der Farbe herausgeholt werde aus der abstrakten 
Physik, daft wirklkh die Erkenntnis der Farbe heraufgeholt werde in 
ein Gebiet, wo durchaus zusammenwirkt die Phantasie, die Empfin- 
dung des Kiinstlers, der das Farbenwesen begreift, und ein geistig- 
wissenschaftliches Hineinschauen in die Welt. Wir haben gesehen, 
wie die Farbenwesen und das Farbenwesen ergriffen werden konnen, 
wie man heraufheben kann dasjenige, was die Physik hinunter- 
sttirzt ins Ahrimanische mit ihren schrecklichen Zeichnungen, wie 
das Kunstlerische heraufgehoben wird, so daft tatsachlich eine Far- 
benlehre begriindet werden kann, die allerdings weit weg liegt von 
den Denkgewohnheiten der heutigen Wissenschaft, die aber durch- 
aus eine Grundlage sein kann fur das kiinstlerische Schaffen, wenn 
der Menschsich damit durchdringt. Solche Gedanken miissen durch- 
aus ernst genommen werden. 

Und ein anderer Gedanke mufi ernst genommen werden. Was 
erleben wir heute in der ganzen zivilisierten Welt? Unsere jungen 
Leute werden in die Kliniken und an die naturwissenschaftlichen 
Fakultaten geschickt; da wird ihnen der Mensch erklart. Sie lernen 
das menschliche Knochensystem und den Menschen iiberhaupt in 
seiner Organisation durch die Leiche kennen. Sie lernen den mensch- 
lichen Organismus in abstrakten Gedanken logisch aufbauen. 

Aber, meine lieben Freunde, so lernt man den Menschen nicht 
kennen, so lernt man nur das Mineralische am Menschen kennen. 
Einzig und allein lernt man am Menschen kennen durch diese Wis- 
senschaft, was eine Bedeutung hat vom Mondenaustritt bis zur 
Mondenzuruckkunft, und was sich verwandelt in Spinnenwesen, aus 
Spinnengedanken der Gegenwart. Vorbereitet mufi werden eine 
Erkenntnis, welche den Menschen anders erfafit, und die kann nur 
vorbereitet werden, wenn Wissenschaft heraufgehoben wird in 
kunstlerisches Anschauen, wenn man einmal gesteht: Ja, bis zu 
einem gewissen Punkte kann die Wissenschaft, wie sie heute ge- 
meint ist, kommen: bis zu dem Mineralischen im Mineralreiche, im 
Pflanzenreich, im Tierreiche, im Menschenreiche. Aber schon im 



Pflanzenreich muli die Wissenschaft sich umwandeln in Kunst, noch 
mehr im Tierreiche. Eine Tierform so begreifen wollen, so verstehen 
wollen, wie es die Anatomen oder Physiologen tun - Unsinn! Und 
ehe man nicht sich gesteht, daft dieses Unsinn ist, eher kann der 
schattenhafte Verstand sich nicht in lebendiges Geist-Erfassen 
der Welt umwandeln. Es mull dasjenige, was heute in einer so 
trostlos abstrakten Form unseren jungen Leuten gelehrt wird, wenn 
sie an die Universitaten kommen, iiberall auslaufen in kiinstlerisches 
Erfassen. Denn dasjenige was uns als Natur umgibt, schafft kiinst- 
lerisch. Und ehe man nicht verstehen wird, dafi dasjenige, was uns in 
der Natur rings umgibt, kiinstlerisches SchafFen ist und nur mit 
kunstlerischen Begriffen erfafit werden kann, kann kein Heil in 
unsere Weltanschauung hineinkommen. Die Vorstellung solltePlatz 
greifen, daft die Folterkammern in den mktelalterlichen Schlossern, 
wo man die Leute in die «eiserne Jungfrau» hineingetan und sie dann 
mit Spiefien durchdrungen hat, nur an eine physisch etwas anschau- 
lichere Prozedur erinnern, die aber dieselbe Prozedur ist, die man 
vollzieht, wenn man dem jungen Menschen unserer Zeit Anatomie 
und Physiologie vorfuhrt und dabei sagt, damit verstiinde er etwas 
vom Wesen des Menschen. Nein, nichts versteht er, als etwas, was 
durch ein geistig-seelisches Folterelement erzeugt worden ist: Den 
zerfleischten Menschen, den mineralisierten Menschen versteht er, 
dasjenige vom Menschen, das einstmals in den Spinneniiberzug der 
Erde hineinverwoben sein wird. 

Ist es nicht hart, dafi die Macht der Zivilisation heute bei den- 
jenigen ist, welche die wahrsten Gedanken, dasjenige, was im Inner - 
sten und Intimsten zusammenhangt mit dem Heile derMenschheits- 
entwickelung, mit der ganzen Mission der Menschheitsentwickelung 
in der Welt, anschauen wie etwas, was eine Narretei ist! Es ist tra- 
gisch, und man mufi sich diese Tragodie vor Augen stellen. Denn 
nur wenn man sich diese Tragodie ganz anschaulich vor das Seelen- 
auge stellt, wird man vielleicht sich aufraffen zu einem wirklichen 
Entschlufi, so viel man kann, an diesem Platze einzutreten dafur, 
dafi der schattenhaft gewordene Intellekt die Moglichkeit finde, die 
aus dem Uberirdischen hereintretende Geisteswelt hereinzulassen, 



so dafi dieser schattenhafte Intellekt fur dasjenige geeignet gemacht 
wird, in das er eintreten soli. Dieser schattenhafte Intellekt soil ja 
nicht zuriickgestofien werden ins Unterpflanzliche, in das Spinnen- 
gezikht, das sich iiber die Erde verbreitet, sondern es soli der Mensch 
hinaufgehoben werden, wenn einstmals die Frauen nicht mehr 
fruchtbar sein werden, wenn das 8. Jahrtausend eingetreten sein 
wird, wenn der Mond sich wieder mit der Erde vereinigen wird. Es 
soil dann zuriickbleiben das Irdische, das der Mensch nur von aufien 
zu dirigieren hat wie den Fufischemel, dasjenige, was er nicht in das 
kosmische Dasein mit hinuberzunehmen hat. Es soil der Mensch sich 
vorbereiten, dafi er nicht eins zu werden braucht mit dem, was sich 
einst auf diese Weise auf der Erdoberflache entwickeln mufi. Denn 
so wie der Mensch hereingezogen ist aus vorirdischem Dasein in 
dieses irdische Dasein, wie mit dem Mondenaustritt die physische 
Geburt, das Geborenwerden des Menschen vom Weibe eingetreten 
ist, so wird wiederum eintreten dasjenige, was ein nicht mehr Gebo- 
renwerden des Menschen durch das Weib ist, denn das ist nur eine 
vorubergehende Episode in der ganzen kosmischen Entwickelung; 
das ist diejenige Episode, die dem Menschen das Freiheitsgefiihl, das 
Freiheitsbewufitsein, die Geschlossenheit der Individualist und 
Personlichkeit bringen soil, eine Episode, die nicht verachtet werden 
darf, eine Episode, die notwendig war im ganzen kosmischen Fort- 
gang, aber es ist etwas, was nicht festgehalten werden darf. Und der 
Mensch darf nicht sich der Bequemlichkeit hingeben, auf ein blofi 
abstraktes Gottliches hinzuschauen, sondern er mufi in Konkretheit 
schauen dasjenige, was mit seiner Entwickelung zusammenhangt. Er 
kann nur dadurch zu einer wirklichen inneren Belebung seines 
ganzen Geist-Seelenwesens kommen, dafi er diesen grofien Zeit- 
raum, aber in seiner konkreten Entwickelungsgestaltung, erfafit, 
durch den er in seine aufeinanderfolgenden Erdenleben ubergeht. 

Das ist dasjenige, was uns heute wirkliche Geisteswissenschaft 
sagt. Es stolen eben die Dinge zusammen. Es droht heute der Wille, 
ausgestofien zu werden von der Geistigkeit, mit dem Spinnennetz 
der Erde vereinigt zu werden; dieser Wille lebt bewufk in einzelnen 
Menschen, weil diese glauben, ihre Rechnung dabei zu finden, 



wenn sie selber sich nur geistig erziehen und die anderen in Unwis- 
senheit lassen. Bei den meisten aber ist die Sache so, dafi sie unwis- 
send dahinleben, dafi sie im Grunde genommen ja nicht ahnen, 
welchem furchtbaren Erdenschicksale sie entgegengehen, indem sie 
sich verbinden mit demjenigen, was eine altere Geisteswissenschaft 
die sechzehn Wege des menschlichen Verderbens nannte. Denn, 
meine lieben Freunde, so wie es mannigfaltige Wege gibt, sich mit 
dem schattenhaften Verstande zu wenden an dasjenige, was als 
Kunde, als Botschaft von der geistigen Welt kommen kann, so gibt 
es naturlich Variationen, Varianten des schattenhaften Verstandes, 
um sich mit dem Spinnenkrustenwesen, das in der Zukunft die Erde 
umspinnen wird, zu verbinden durch diese Verstandestatigkeit. Der 
Verstand wird dann objektiv walten in den verschiedenen Glied- 
mafien, welche dieses Spinnengetier haben wird, die sichineinander- 
weben werden, die sich umschlingen werden, und die in diesem 
Umschlingen, in diesen gegenseitigen merkurstabartigen Umschlin- 
gungen die wunderbarsten, kliigsten, geistreichsten - im Sinne des 
heutigen Wortes geistreich - Gestaltungen hervorrufen werden. 
Aber dadurch, daft der Mensch wiederum dazu kommt, das Kunst- 
lerische von innen heraus zu verstehen, wird er ein Verstandnis ent- 
gegenbringen konnen demjenigen, was ubermineralisch ist, dem- 
jenigen, was in der Gestaltung der Pflanze sich auslebt. 

Sehen Sie einmal, wie es symptomatisch ist im Werdegang der 
Menschheit, daft Goethe die Metamorphosenlehre gefunden hat, er, 
der kunstlerisch veranlagt war. Alle die Pedanten, die ringsherum 
waren, haben ja das fur einen Dilettantismus angesehen, und die 
Pedanten sehen es heute noch fur einen Dilettantismus an. In 
Goethe aber hat sich verbunden die kunstlerische Anschauung der 
Welt, iiberhaupt der klare Sinn, auch mit demjenigen Anschauen, 
das in der Natur schon selber die Natur als Kunstlerisches sieht. Er 
war noch nicht so weit, das Tierische weiter als nur in der Gestaltung 
der Wirbelknochen, der Schadelknochen gerade noch sehen zu kon- 
nen. Jene wunderbare Umgestaltung eines vorigen Daseins des 
Menschen, welche die iibrige Korperlichkeit bildet zu der Hauptes- 
gestalt, dieses wunderbare kunstlerische Umgestalten der Langs- 



knochen in die kugelfdrmigen Knochen, das ist dasjenige, was, 
wenn es wirklich durchschaut wird, erst abgibt ein wirkliches inneres 
Durchdringen des Unterschiedes der ganzen iibrigen Menschen- 
gestalt vom Haupte. Das mull man haben, wenn man angliedern 
will plastisch das menschliche Haupt an den iibrigen menschlichen 
Organismus. 

Das ist aber zugleich als Kunst die wahre Wissenschaft, denn alle 
Wissenschaft, die sich nicht bis zu dieser Kunst erhebt, ist triige- 
rische Wissenschaft, ist eine Wissenschaft, welche den Menschen ins 
kosmische Ungliick stiirzt. So daft wir in der Tat sehen, wie auf der 
einen Seite eine wirkliche Geisteswissenschaft hinweist zu einem 
kiinstlerischen Erfassen. Es lebte, ich mochte sagen hymnenartig, in 
Goethes Seele, als er schon etwa 1780 seinen Prosahymnus «Die 
Natur» hinschrieb: «Natur, wir sind von ihr umgeben und um- 
schlungen...» Das ganze webt ein solches Vorstellungsgewebe, dafi 
man sagen mochte, es ist wie die Entwickelung einer Sehnsucht, 
Geistwesen aus dem ganzen All aufzunehmen. Ja, die Fortbildung 
dieser Gedanken, die in diesem Goetheschen Prosahymnus «Die 
Natur» leben, die Fortbildung dieser Gedanken wiirde eine Statte 
abgeben fur diejenigen Wesenheiten, die aus dem auiterirdischen 
Kosmos herunter mochten. Dasjenige aber, was ausgebildet worden 
ist im Laufe des 19- Jahrhunderts, diese furchtbaren Folterbegriffe 
von menschlicher Physiologie, Biologie, von Pflanzensystemen und 
so weiter, die im Grunde genommen nichts zu tun haben mit dem- 
jenigen, was wirkliches Pflanzenwesen ist, worauf wir wiederum 
hindeuten konnten bei unserer Farbenbetrachtung, alle diese un- 
kunstlerischen Begriffe, sie sind dasjenige, was keine Erkenntnis 
geben kann, was nicht an den Menschen herandringen kann. Daher 
ist im wesentlichen dasjenige, was heute als Wissenschaft angesehen 
wird, ein Ahrimanprodukt, etwas, was den Menschen hineinfuhrt in 
das irdische Verderben, was ihn nicht kommen lalk in diejenige 
Sphare, die ihm, ich mochte sagen, entgegengetragen wird seit dem 
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts von aufierirdischen Wesenheiten. 

Geisteswissenschaft pflegen, meine lieben Freunde, ist nicht 
blofi irgend etwas Abstraktes, Geisteswissenschaft pflegen, heilk 



zugleich Tore aufmachen fur aufterirdische Einfliisse, die vom letz- 
ten Drittel des 19. Jahrhunderts an auf die Erde herein wollen. Es ist 
ein reales kosmisches Ereignis, Geisteswissenschaft pflegen; dessen 
sollen wir uns nur bewufit werden. 

So konnen wir sagen: wir iiberblicken den Zeitraum vom Mon- 
denaustritt bis wiederum zu der Mondenzuruckkunft. Dieser Mond, 
der uns das Sonnenlicht, wie wir sagen, reflektiert, hat also eigent- 
lich eine tiefe Beziehung zu unserem Dasein. Er hat sich von der 
Erde getrennt, damit der Mensch auf der Erde frei werden kann. 
Aber der Mensch soil diese Zeit anwenden, um dem Monde nicht zu 
liefern das Material, das zusammengebunden werden kann mit dem 
Mondendasein innerhalb der Erde, wenn der Mond wiederum zu- 
riickgekehrt sein wird, in jenem neuen Naturreiche, von dem ich 
Ihnen jetzt einiges dargestellt habe in einer einigermaften anschau- 
lichen Form. 

Man kann sagen, es tritt manchmal heute im Menschen schon 
irgendeine Vorahnung auf von dem, was da sein wird. Ich weifi 
nicht, mit welchem Sinne die Menschen dasjenige gelesen haben, 
was Nietzsche in seinem «Zarathustra» schildert in dem Kapitel iiber 
den hafilichsten Menschen im Tale des Todes. Es ist eine ergreifende 
tragische Schilderung. Nietzsche hat naturlich keine Anschauung 
gehabt von jenem Tal des Todes, in das das Erdendasein verwandelt 
werden wird, wenn dieses Spinnengeziicht, von dem ich gesprochen 
habe, die Erde bedecken wird. Aber in derjenigen Zeit, in der die 
Phantasie in Nietzsche entstanden ist von diesem Tal des Todes, 
lebte eben unterbewulk in ihm durchaus etwas von diesem Zu- 
kunftsbilde, und er versetzte in dieses Tal des Todes dann den hafi- 
lichsten Menschen. Es ist das etwas wie eine Vorahnung, wie die 
Menschen einmal, wenn sie nur ihre schattenhaften Gedanken 
weiterpflegen werden, als hafilichste Gestalten mitgenommen 
werden von dem auf die Erde heruntersinkenden Mondendasein, 
um als hafilichste Menschen hineinzufallen in diesen Spinnen- 
schwarm und mit ihm vereinigt zu werden. 

Was wiirde es denn niitzen, diese Dinge heute geheim zuhalten, 
was viele wollen? Es wiirde heifien, den Menschen Sand in die Augen 



streuen. Ein grower Teil desjenigen, was heute als Geistigkeit ver- 
breitet wird, heilk ja im Grunde genommen nichts anderes, als den 
Menschen Sand in die Augen streuen. Mantrifft zuweilen Menschen, 
welche es einsehen, was es heilk, den Menschen Sand in die Augen 
zu streuen, kein einziges historisches Ereignis so aufzufassen, wie es 
in Wirklichkeit ist. Wie viele Menschen sind denn heute, die wissen, 
dafi sich in unseren Tagen Ereignisse von fundamentaler Bedeutung 
zutragen. Ich habe auf solche Dinge schon aufmerksam gemacht. 
Wie viele Menschen wollen eingehen auf solche Dinge? Die Men- 
schen mochten die Augen verschlieften vor diesen Dingen, mochten 
sagen: Nun, die Dinge haben doch nicht diese Bedeutung. Aber die 
Zekhen sind eben durchaus da, und die Zeichen sollten von den 
Menschen verstanden werden. 

Das ist dasjenige, meine lieben Freunde, was ich noch habe hin- 
zufugen wollen zu meinen Betrachtungen iiber die Farbenwelt und 
iiber den Zusammenhang des Menschen mit dem aufierirdischen 
Kosmos . Wir werden solche Betrachtungen in der Zukunft fortsetzen . 



FUNFZEHNTER VORTRAG 



Dornach, 2. Juni 1921 



Ich habe wiederholt in diesen verflossenen Wochen iiber den groften 
Umschwung gesprochen, der sich in der abendlandischen Zivilisa- 
tion vollzogen hat innerhalb des 4. nachchristlichen Jahrhunderts. 
Wenn eine solche Sache besprochen wird, dann raufi man immer 
wieder auf etwas hinweisen, das ja auch oftmals schon hier den 
Gegenstand der Betrachtungen gebildet hat, das aber immer wieder 
notwendig ist ins Auge zu fassen; ich meine die stark voneinander 
seelisch sich unterscheidenden Metamorphosen der menschlichen 
Entwkkelung. Wenn man von einem solchen Hauptpunkte in der 
menschlichen Entwkkelung spricht, wie er falit in das 4. nachchrist- 
liche Jahrhundert, so mufi man eben aufmerksam darauf sein, dafi 
das seelische Leben der Menschen sich ja gewissermafien mit einem 
Sprung geandert hat. Diese Ansicht hat man ja heute eben nicht. 
Man hat heute schon einmal die Ansicht: Nun, das Menschenge- 
schlecht hat eine Geschichte durchgemacht, die verfolgtman zurikk, 
sagen wir etwa bis in das 3., 4. Jahrtausend nach den neuesten 
Urkunden; dann folgt lange, wenn man zuriickgeht, nichts, bis man 
zu den ganz noch tierisch-menschlichen Zustanden gelangt. Aber 
fur die Zeit der geschichtlichen Entwickelung denkt man, die Men- 
schen haben eben im wesentlichen immer so gedacht, so emp- 
funden, wie sie heute empfinden, hochstens dafi sie fruher auf einer 
kindlichen Stufe des wissenschaftlichen Lebens gestanden, und daft 
sie sich endlich zu dem hindurchgerungen haben, von dem wir 
heute sagen, wie herrlich weit wir es in der Erkenntnis der Welt ge- 
bracht haben. Nun, eine einigermafien unbefangene Betrachtung 
des menschlichen Lebens spricht allerdings von dem Gegenteil, und 
ich mufite Ihnen ja schildern, wie ein gewaltiger Umschwung da war 
im 4. nachchristlichen Jahrhundert, wie dann der andere Um- 
schwung im ganzen menschlichen Seelenleben da war im Beginn des 
15. Jahrhunderts, und wie auch im 19. Jahrhundert eine Wendung 
im menschlichen Seelenleben sich abgespielt hat. 



Wir wollen heute, ich mochte sagen, eine Art Detail dieser 
ganzen Entwickelung betrachten. Ich mochte heute zunachst eine 
Personlichkeit vor Sie hinstellen, die so recht zeigt, wie Menschen in 
verhaltnismaftig gar nicht weit zurikkliegenden Zeitaltern eben 
anders gedacht haben, als man heute denkt. Die Personlichkeit, die 
ja auch in fruheren Vortragen schon erwahnt worden ist, soil sein die 
des im 9. nachchristlichen Jahrhundert am Hofe Karls des Kahlen in 
Frankreich lebenden Johannes Scotus Erigena. Johannes Scotus Eri- 
gena, der driiben, jenseits des Kanals, seine Heimat hatte, etwa im 
Jahre 815 geboren ist und bis weit in die zweite Halfte des 9. Jahr- 
hunderts hinein gelebt hat, er ist eine Personlichkeit, die eigentlich 
so recht die intimere christliche Denkweise des 9- nachchristlichen 
Jahrhunderts darstellt, aber diejenige Denkweise, die noch ganz 
unter den Nachwirkungen der ersten christlichenjahrhunderte stent . 
Johannes Scotus Erigena war offenbar durchaus beflissen gewesen, 
sich zu vertiefen in dasjenige, was die gewohnliche Gelehrten- und 
theologische Bildung seiner Zeit war. Beide fielen ja in seiner Zeit 
zusammen, die Gelehrten- und die theologische Bildung. Und diese 
Gelehrten- und theologische Bildung konnte man sich ja am besten 
aneignen driiben, jenseits des Kanals, in den irischen Anstalten 
namentlich, wo in einer gewissen esoterischen Art das Christentum 
gepflegt worden ist. Dann haben die Frankenkonige verstanden, 
solche Personlichkeiten an ihren Hof zu ziehen, und dasjenige, was 
an christlicher Bildung dann das Frankenreich durchsetzt hat, vom 
Frankenreiche ja auch weiter nach Osten gegangen ist in das west- 
liche Deutschland, das ist ja im wesentlichen beeinflufit von den- 
jenigen Personlichkeiten, die von den Frankenkonigen heruber- 
gezogen worden sind von jenseits des Kanals. Johannes Scotus 
Erigena hat sich aber auch vertieft in alles dasjenige, was namentlich 
eigen war den griechischen Kirchenvatern, und er hat sich vertieft in 
diejenigen Schriften, die eine gewisse problematische Natur an sich 
tragen innerhalb der abendlandischen Zivilisation, in die Schriften 
des Dionysius des Areopagiten. Dieser Dionysius der Areopagite 
wird ja von einigen fur einen unmittelbaren Schiiler des Paulus ge- 
halten. Die Schriften tauchen aber erst im 6. Jahrhunderte auf, und 



manche sprechen daher von pseudo-dionysischen Schriften, die im 
6. Jahrhunderte von irgend jemandem abgefafk worden und dann 
dem Paulus-Schiiler zugeschrieben worden seien. 

Wer so spricht, kennt nicht die ganze Art und Weise, wie sich 
geistige Erkenntnisse in diesen alteren Jahrhunderten fortgepflanzt 
haben. Solch eine Schule, wie diejenige war, in der Paulus selbst in 
Athen gelehrt hatte, sie hatte Erkenntnisse, welche zunachst nur 
miindlich gelehrt worden sind, welche sich dann von Generation zu 
Generation fortgepflanzt haben, und welche erst viel, viel spater 
aufgeschrieben worden sind. Das, was da spater aufgeschrieben 
worden ist, braucht deshalb durchaus nicht unecht zu sein, sondern 
kann mit einer gewissen Identitat dasjenige wiedergeben, was Jahr- 
hunderte alt ist. Und einen solchen Wert auf die Personlichkeit, wie 
wir heute legen, einen solchen Wert hat man ja in diesen altesten 
Zeiten auf die Personlichkeit nicht gelegt. Und wir werden ja viel- 
leicht gerade heute ruhren konnen an einem Umstand, den wir zu 
besprechen haben werden bei Johannes Scotus Erigena, warum das 
der Fall war, warum man auf die Personlichkeit in der damaligen 
Zek wenig Wert gelegt hat. 

Nun aber steht ja eines ohne Zweifel fest: die Lehren, die auf- 
gezeichnet worden sind auf den Namen des Dionysius des Areopa- 
giten hin, die hielt man im 6. Jahrhundert als der Aufzeichnung 
besonders wert. Man hielt sie fur dasjenige, was aus den ersten christ- 
lichen Zeiten erhalten war, und was gerade um diese Zeit besonders 
aufgezeichnet werden mulke. In dieser Tatsache als solcher sollte 
man etwas Besonderes sehen. Man hatte einfach in den Zeiten vor 
dem 4. nachchristlichen Jahrhundert zu dem von Generation zu 
Generation fortwirkenden Gedachtnis mehr Vertrauen als man in 
der spateren Zeit hatte. So sehr aufs Niederschreiben war man eben 
in den alteren Zeiten nicht erpicht. Aber man sah die Zeit heran- 
kommen, in der es immer mehr und mehr notwendig wurde, die 
Dinge, die sich friiher mit Leichtigkeit miindlich hatten fortpflanzen 
lassen, aufzuzeichnen, denn es ist in der Tat etwas Subtiles, was da 
in den Schriften des Dionysius aufgezeichnet wird. Und dasjenige, 
was Johannes Scotus Erigena in diesen Schriften hat studieren kon- 



nen, das war ganz gewifi geeignet, auf ihn einen aufierordentlich 
tiefen Eindruck zu machen. Denn ungefahr war die Denkweise, 
welche man in diesem Dionysius findet, die folgende: Wir Men- 
schen, wir konnen mit unseren BegrifFen, die wir uns bilden, mit 
den Anschauungen, die wir gewinnen konnen, die sinnlich-physische 
Welt uberschauen. Wir konnen dann mit dem Verstande unsere 
Schliisse Ziehen aus den Tatsachen und Wesenheiten dieser phy- 
sisch-sinnlichen Welt. Wir entwickeln uns gewissermafien hinauf zu 
einem Yerstandesinhalte, der dann nicht mehr sinnlich anschaulich 
ist, der in Vorstellungen, in BegrifFen erlebt wird, und wenn wir aus 
den Sinnestatsachen und Sinneswesen unsere Begriffe, unsere Vor- 
stellungen gebildet haben, dann bekommen wir den Drang, uns mit 
diesen Vorstellungen zu dem Ubersinnlichen, zu dem Geistigen, zu 
dem Gottlichen hinaufzubewegen. 

Aber nun geht Dionysius nicht in der Weise vor, daft er etwa 
sagt, wir lernen aus den Sinnesdingen dieses oder jenes, unser Ver- 
stand bekommt seine Vorstellungen und er schliefk dann auf eine 
Gottheit, er schliefit auf eine geistige Welt -, so sagt er nicht, 
sondern er sagt: Diejenigen Vorstellungen, die wir bekommen aus 
den Sinnesdingen, sind alle ungeeignet, die Gottheit auszudriicken. 
Wir konnen einfach, wenn wir uns noch so subtile Vorstellungen 
bilden von den Sinnesdingen, wir konnen mit Hilfe dieser Vor- 
stellungen nicht dasjenige ausdriicken, was die Wesenheit des Gott- 
lichen ist. Wir miissen daher unsere Zuflucht nehmen von den po- 
sitiven Vorstellungen zu den negativen Vorstellungen. Wir sprechen 
zum Beispiel, wenn wir unseren eigenen Mitmenschen begegnen, 
von Personlichkeit. Wenn wir von der Gottheit sprechen, so sollten 
wir nach dieser Anschauung des Dionysius nicht von Personlichkeit 
sprechen, weil die Vorstellung der Personlichkeit viel zu klein, viel 
zu niedrig ist, um die Gottheit zu bezeichnen. Wir sollten vielmehr 
sprechen von Uberpersonlichkeit. Wir sollten nicht einmal, wenn 
wir von der Gottheit sprechen, vom Sein sprechen. Wir sagen, ein 
Mensch ist, ein Tier ist, eine Pflanze ist. Gott sollten wir nicht in 
demselben Sinne wie dem Menschen, dem Tier, der Pflanze ein Sein 
zuschreiben, sondern wir sollten ihm ein Ubersein zuschreiben. Und 



so sollten wir versuchen, meint Dionysius, uns allerdings hinauf- 
zuschwingen von der Sinneswelt zu bestimmten Vorstellungen, aber 
dann sollten wir gewissermaflen diese Vorstellungen iiberall um- 
kippen, ins Negative iibergehen lassen. Wir sollten gewissermafien 
uns hinaufschwingen aus der Sinneswelt zur positiven Theologie, 
dann aber umkippen und die negative Theologie begriinden, die 
eigentlich so hoch ist, so von Gott und dem gottlichen Denken 
durchdrungen, dafi sie sich nur ausspricht in negativen Pradikaten, 
in Yerneinungen desjenigen, was man sich von der Sinneswelt vor- 
stellen kann. 

Und so glaubte Dionysius der Areopagite hinuberzudringen in 
die gottlich-geistige Welt, indem er gewissermafien alles dasjenige, 
was man im Verstande haben kann, verlafit und sich zu einer iiber- 
verstandigen Welt hiniiberlebt. 

Sehen Sie, wenn wir den Dionysius fur einen Paulus-Schiiler 
halten, dann lebt er ja am Ende des 1. christlichen Jahrhunderts in 
das 2. christliche Jahrhundert hinuber und er lebt also ein paar Jahr- 
hunderte vor dem entscheidungsvollen 4. nachchristlichen Jahrhun- 
dert. Er fuhlt, was da herankommt: den Hohepunkt menschlicher 
Verstandesentwickelung. Er sieht gewissermaften mit einem Teil 
seines Wesens zuriick in die alten Zeiten. Sie wissen, vor dem 8. vor- 
christlichen Jahrhundert haben die Menschen noch nicht so vom 
Verstande geredet, wie sek dem 8. vorchristlichen Jahrhundert. Der 
Verstand oder die Verstandesseele ist ja erst im 8. vorchristlichen 
Jahrhundert geboren worden, und aus dieser Geburt der Verstandes- 
seele ging die griechische, ging die lateinische Kultur hervor. Die 
waren dann im 4. nachchristlichen Jahrhundert auf ihrem Hohe- 
punkt. Vor diesem 8. vorchristlichen Jahrhundert hat man ja gar 
nicht die Welt mit dem Verstande erkannt; man hat sie erkannt 
durch die Anschauung. Die alteren agyptischen, die alteren chal- 
daischen Erkenntnisse sind durch die Anschauung gewonnen, sind 
gewonnen so, wie wir unsere aufieren sinnlichen Erkenntnisse ge- 
winnen, trotzdem diese vorchristlichen Erkenntnisse geistige Er- 
kenntnisse waren. Der Geist wurde eben so angeschaut, wie wir 
heute das Sinnliche anschauen und wie schon die Griechen das Sinn- 



liche angeschaut haben. Es ist also gewissermafien in Dionysius dem 
Areopagiten etwas wie ein Zurikksehnen zu einer Anschauung, die 
jenseits des Verstandes liegt. 

Nun stand vor dem Dionysius das grofie Mysterium von Gol- 
gatha. Er lebte in der Verstandeskultur seiner Zeit. Wer sich in die 
Schriften des Dionysius vertieft, der sieht, gleichgultig wer es war, 
wie stark dieser Mann lebte in alldem, was die Verstandeskultur 
seiner Zeit hervorgebracht hat. Ein feingebildeter Grieche, aber zu 
gleicher Zeit ein Mann, der in seiner ganzen Personlichkeit erfullt 
war von der Grofte des Mysteriums von Golgatha, und der sich sagte: 
Wenn wir uns mit unserem Verstande auch noch so sehr anstrengen, 
an das Mysterium von Golgatha und dasjenige, was dahintersteht, 
kommen wir nicht heran. Wir miissen uber den Verstand hinaus- 
kommen. Wir miissen von der positiven Theologie zu der negativen 
Theologie uns hinuberentwickeln. 

Das machte auf Johannes Scotus Erigena, als er die Schriften 
dieses Dionysius Areopagita las, noch im 9. Jahrhundert einen 
grofien Eindruck; denn dasjenige, was auf das 4. nachchristliche 
Jahrhundert folgte, was mehr augustinisch war, das entwickelte sich 
ja nur langsam weiter in der Art, wie ich das in den vorigen Vortra- 
gen dargestellt habe. Solch ein Geist, gerade einer derjenigen, die 
sich in den Weisheitsschulen driiben in Irland ausgebildet hatten, 
lebte noch in den ersten christlichen Jahrhunderten, solch ein Geist 
konnte noch mit alien Fasern seiner Seele hangen an dem, was in 
Dionysius dem Areopagiten steht. Und gleichzeitig war doch aber 
wiederum in Johannes Scotus Erigena der Drang ganz heftig, mit 
dem Verstande, mit demjenigen, was der Mensch in seinem Intellekt 
erreichen kann, eine Art positiver Theologie zu begrunden, die ihm 
zu gleicher Zeit Philosophic war, und emsig studierte Scotus Erigena 
gerade die griechischen Kirchenvater. Wir finden bei ihm eine 
genaue Kenntnis zum Beispiel des Origenes, der vom 2. ins 3. nach- 
christliche Jahrhundert heriibergelebt hat. 

Wenn wir diesen Origenes studieren, finden wir tatsachlich noch 
eine ganz andere Anschauung als die christliche, das heifit als die- 
jenige, die dann spater als die christliche Anschauung aufgetreten 



ist. Origenes ist durchaus noch der Meinung, dafi man mit Philoso- 
phic die Theologie durchdringen miisse, dafi man nur studieren 
konnte den Menschen mit seinem ganzen Wesen, wenn man ihn als 
einen Ausflufi der Gottheit betrachtet, wenn man ihn so betrachtet, 
dafi er einstmals aus der Gottheit seinen Ursprung genommen hat, 
sich dann immer weiter und weiter erniedrigt, aber durch das Myste- 
rium von Golgatha die Moglichkeit empfangen hat, wiederum zu 
der Gottheit aufzusteigen, um sich dann wiederum mit der Gott- 
heit zu vereinigen. Von Gott in die Welt zu Gott zuriick, so etwa 
kann man den Weg bezeichnen, den Origenes als den seinigen er- 
kannte. Und im Grunde genommen liegt so etwas auch den Diony- 
sischen Schriften zugrunde, und es ging dann iiber auf solche Per- 
sonlichkeiten, von denen Johannes Scotus Erigena eine war. Es gab 
deren aber viele. 

Man konnte sagen, wie durch eine Art historischenWunders ist ja 
eigentlich die Nachwelt dazu gekommen, die Schriften des Johannes 
Scotus Erigena zu kennen. Sie erhielten sich, im Gegensatz zu ande- 
ren Schriften aus den ersten Jahrhunderten, die ahnlich waren und 
die ganz verlorengegangen sind, bis ins 11., 12. Jahrhundert, einige 
wenige noch bis ins 13. Sie waren ja in dieser Zeit vom Papste als 
ketzerisch erklart worden, es war der Befehl gegeben worden, dafi 
alle Exemplare aufgesucht und verbrannt werden miifiten. Nur viel 
spater in einem verlorenen Kloster hat man Handschriften aus dem 
11. und 13. Jahrhundert wieder gefunden. Im 14., 15., 16., 17. 
Jahrhundert wufite man ja von Johannes Scotus Erigena nichts. Die 
Schriften waren verbrannt worden wie ahnliche Schriften, welche 
Ahnliches enthielten aus derselben Zeit, und bei denen man eben 
vom Standpunkte Roms aus glucklicher war: man hatte alle anderen 
Exemplare dem Feuer iibergeben konnen! Von Scotus Erigena blie- 
ben eben einzelne zuriick. 

Wenn wir nun das 9- nachchristliche Jahrhundert bedenken, 
und wenn wir dazu rechnen, dafi in Johannes Scotus Erigena ein 
genauer Kenner der Weisheiten der ersten christlichen Jahrhunderte 
lebte, dann werden wir uns doch sagen miissen: Das ist ein charak- 
teristischer Reprasentant fur dasjenige, was aus der friiheren Zeit, 



aus der Zeit vor dem 4. nachchristlichen Jahrhundert noch heriiber- 
geragt hat in spatere Zeiten. In diesen spateren Zeiten ist ja alles 
verknochert, mochte man sagen, in der toten lateinischen Sprache. 
Es hat sich dasjenige, was fruher lebendig war als eine Weisheit von 
der ubersinnlichen Welt, verknochert, dogmatisiert, ist starr, ver- 
standesmafiig geworden. Aber in solchen Leuten wie in Scotus Eri- 
gena lebte noch etwas von der alten Lebendigkeit des unmittelbaren 
geistigen Wissens, wie es vorhanden war in den ersten christlichen 
Zeiten, und wie es verwendet worden war von den erleuchtetsten 
Geistern, gerade um das Mysterium von Golgatha zu verstehen. 

Diese Weisheit mufite eine Zeitlang aussterben, damit von dem 
ersten Drittel des 15. Jahrhunderts bis in unsere Zeiten der Verstand 
des Menschen kultiviert werden konnte. Der Verstand als solcher ist 
zwar eine geistige Eigenschaft des Menschen, aber er wandte sich 
zunachst dem Materiellen zu. Das alte Weisheitsgut mulke ver- 
schwinden, damit der Verstand in seiner Schattenhaftigkeit geboren 
werden konnte. Wenn wir uns nicht in schulmafiig-pedantischer 
Weise in seine Schriften vertiefen, sondern mit dem ganzen Men- 
schen, so merken wir, dafi bei Scotus Erigena noch etwas aus anderen 
seelischen Untergriinden heraus redet als diejemgen sind, aus denen 
heraus spater gesprochen worden ist. Da redet gewissermaikn der 
Mensch noch aus Tiefen heraus, die spater nicht mehr erreicht 
werden konnten von dem seelischen Leben. Alles ist geistiger, und 
wenn der Mensch uberhaupt erkenntnismafiig redete, redete er von 
Dingen, die sich im Geistigen abspielen. 

Es ist aufierordentlich wichtig, einmal genau hinzusehen, wie die 
Gliederung der Erkenntnis bei Johannes Scotus Erigena war. Er 
unterscheidet in seiner grofien Schrift uber die Gliederung der 
Natur, die eben auf die geschilderte Weise auf die Nachwelt gekom- 
men ist, in vier Kapiteln dasjenige, was er uber die Welt zu sagen 
hat, und er spricht zuerst im ersten Kapitel von der nichtgeschaf- 
fenen und schaffenden Welt (siehe Darstellung S. 262). Das ist das 
erste Kapitel, das schildert in der Art, wie Johannes Scotus Erigena 
dies glaubt tun zu konnen, gewissermafien Gott, wie er war, bevor er 
herangetreten ist an irgend etwas, das Weltschopfung ist. Johannes 



i- 

(1) 



g'il nachatlanHjche Za.it: £• ni'cht geichaffeiie vnd jchaffende Welt? Theolo qie 
2. nochcrflaiih'sche Zeit I. gsschaffene und jchaffcnde Welt : J^-gqlWglt 
v-lt. nctdiatlqntische Zeit: H. gwhciffene un& m'chf jc/ioffende Welt: "Pncumgtolo gie 
°\ Kosmologie Anthropologic 

W^ 2,0 ' ( W, nicht geschaffene un<3 

\ nicht /chaffende Welt: foteriolo qte £Kj^j>logjg_ 
V materia/istijtlie Ngtyrwisjenftiiaff- 

j)<?r /Mensch : 

Jem : Vater 1 - 'rt <*>f rninaralisth^ V/es<?n 

i empfindQt als Vet 
Lebe " : HciligeKgcMt 4. urfe/jt wrtd $ ch/»^ f a/j Menjcl| 

5. erkennt alj fnge/ 
6.5chauf a| 5 €r 2 eng e / 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:204 Seite:262 



Scotus Erigena schildert da durchaus so, wie er es, ich mochte sagen, 
gelernt hat durch die Schriften des Dionysius, und er schildert, in- 
dent er hochste Verstandesbegriffe ausbildet, aber zu gleicher Zeit 
sich bewufit ist, mit denen kommt man nur bis zu einer gewissen 
Grenze, jenseits welcher die negative Theologie Hegt. Man nahert 
sich also nur dem, was eigentlich wahres Wesen des Geistigen, des 
Gottlichen ist. Wir finden da in diesem Kapitel unter anderem die 
schone, fur die heuttge Zeit noch lehrreiche Abhandlung iiber die 
gottliche Trinitat. Er sagt, wenn wir die Dinge um uns herum an- 
schauen, so finden wir zuerst als allgeistige Eigenschaft das Sein 
(siehe S. 262). Dieses Sein ist gewissermafien das, was alles umfafit. 
Wir sollten Gott nicht das Sein, so wie es die Dinge haben, beilegen, 
aber wir konnen doch nur gewissermafien, indem wir hinaufschauen 
auf das, was Ubersein ist, doch nur zusammenfassend vom Sein der 
Gottheit sprechen. Ebenso finden wir, dafi die Dinge in der Welt 
von Weisheit durchstrahlt und durchsetzt sind. Wir sollten Gott 
nicht blofi Weisheit, sondern Uberweisheit beilegen. Aber eben, 
wenn wir von den Dingen ausgehen, kommen wir bis zu der Grenze 
des Weisheitsvollen. Aber es ist nicht nur Weisheit in alien Dingen: 
Alle Dinge leben; es ist Leben in alien Dingen. Wenn also Johannes 
Scotus Erigena sich die Welt vergegenwartigt, so sagt er: Ich sehe in 
der Welt Sein, Weisheit, Leben. Die Welt erscheint mir gewisser- 
mafien in diesen drei Aspekten als seiende, als weisheitsvolle, als 
lebendige Welt. Gleichsam sind ihm das drei Schleier, die sich der 
Verstand ausbildet, wenn er iiber die Dinge hinblickt. Man miilke 
durchsehen durch die Schleier, dann wiirde man in das Gottlich- 
Geistige hineinsehen. Aber er schildert zunachst die Schleier und 
sagt: Wenn ich auf das Sein sehe, so reprasentiert mir das den Vater; 
wenn ich auf die Weisheit sehe, so reprasentiert mir das den Sohn im 
All; wenn ich auf das Leben sehe, so reprasentiert mir das den Heili- 
gen Geist im All. 

Sie sehen, Johannes Scotus Erigena geht durchaus von philoso- 
phischen Begriffen aus und erhebt sich zu dem, was die christliche 
Trinitat ist. Er macht also den Weg im Inneren noch durch, vom 
Begreifen ausgehend, in das sogenannte Unbegreifliche hinein. Das 



ist audi durchaus seine Uberzeugung. Aber er redet eben so, dafi 
man der Art und Weise, wie er die Dinge gibt, ansieht, dafi er von 
Dionysius gelernt hat. Er mochte eigentlich in dem Momente, wo er 
zu Sein, Weisheit, Leben kommt, und ihm diese reprasentieren 
Vater, Sohn und Geist, er mochte eigentlich diese Begriffe ausein- 
anderschwimmen lassen in ein allgemeines Geistiges hinein, in das 
sich der Mensch dann iiberbegrifflich erheben muike. Aber er 
schreibt dem Menschen nicht zu die Fahigkeit, zu solchem Uber- 
begrifflichen zu kommen. 

Damit ist Johannes Scotus Erigena ein Sohn seines Zeitalters, 
das den Verstand ausbildete, und das ja wirklich, wenn es sich selbst 
richtig verstand, sich sagen mufite, es konne nicht hineinkommen in 
das Uberbegriffliche. 

Das zweite Kapitel schildert dann gewissermafien eine zweite 
Schichte des Weltendaseins, die geschaffene und schaffende Welt 
(siehe S. 262). Das ist diejenige Welt der geistigen Wesenheiten, in 
der wir zu suchen haben Angeloi, Archangeloi, Archaiund so weiter. 
Diese Welt der geistigen Wesenheiten, die wir ja auch bei dem 
Dionysius dem Areopagiten verzeichnet finden, diese Welt der gei- 
stigen Wesenheiten schafft iiberall in der Welt, aber sie ist selbst 
geschaffen, sie ist von dem hochsten Wesen angefangen, also ge- 
schaffen, und sie schafft in alien Einzelheiten des Daseins, das uns 
umgibt. 

Als dritte Welt im dritten Kapitel schildert er dann die geschaf- 
fene und nichtschaffende Welt. Das ist die Welt, die wir um uns 
herum mit unseren Sinnen wahrnehmen. Das ist die Welt der Tiere, 
Pflanzen und Mineralien, der Sterne und so weiter. In diesem Ka- 
pitel behandelt er ungefahr alles dasjenige, was wir nennen wiirden 
Kosmologie, Anthropologic und so weiter, dasjenige, was wir etwa 
heute bezeichnen als den Umfang des Wissenschaftlichen. 

In dem vierten Kapitel behandelt er die nichtgeschaffene und 
nichtschaffende Welt. Es ist wiederum dieses die Gottheit, aber so, 
wie sie sein wird, wenn alle Wesen, namentlich alle Menschen, zu 
ihr zuriickgekehrt sein werden, wenn sie nicht mehr schaffend sein 
wird, wenn sie in sich aufgenommen hat in seliger Ruhe - so stellt 



sich ja Johannes Scotus Erigena das vor - alle diejenigen Wesen, die 
eben aus ihr hervorgegangen sind. 

Nun, wenn wir diese vier Kapitel iiberschauen, so haben wir ja 
darinnen eigentlich, ich mochte sagen, etwas wie ein Kompendium 
alles Uberlieferten, so wie es vorhanden war in den Weisheitsschulen, 
aus denen Johannes Scotus Erigena hervorgegangen ist. Wenn man 
dasjenige nimmt, was er schildert in dem ersten Kapitel, so haben 
wir etwa dasjenige, was man in seinem Sinne die Theologie genannt 
hat, die Theologie, die eigentliche Lehre von dem Gottlichen. 

Wenn man das zweite Kapitel nimmt, so hat man darinnen das- 
jenige, was er nennt Idealwelt, etwa in unserer heutigen Sprache, 
Ideal aber vorgestellt als wesenhaft. Er schildert ja nicht abstrakte 
Ideen, sondern eben Engel, Erzengel und so weiter, er schildert die 
ganze intelligible Welt, wie man es nannte, die aber nicht eine in- 
telligible Welt wie die unsre war, sondern die eine Welt von leben- 
diger Wesenheit war, von lebendigen intelligiblen Wesenheiten. 

In dem dritten Kapitel schildert er, wie gesagt, dasjenige, was 
wir heute unsere Wissenschaft nennen wiirden, aber doch anders. 
Wir haben seit der Galilei-Kopernikus-Zeit, die ja spater fallt, nicht 
mehr dasjenige, was man in der Zeit des Scotus Erigena Kosmologie 
oder Anthropologic nennt . Was man die Kosmologie nennt , ist durch- 
aus noch etwas, das aus dem Geiste heraus beschrieben wird, ist et- 
was, das so beschrieben wird, dafi geistige Wesenheiten die Sterne 
lenken, dafi geistige Wesenheiten auch in den Sternen leben, dafi 
die Elemente Feuer, Wasser, Luft, Erde durchsetzt werden von gei- 
stigen Wesenheiten. Also es ist etwas anderes, was da als Kosmologie 
geschildert wird. Jene materialistische Anschauungsweise, die seit 
der Mitte des 1 5 . Jahrhunderts heraufgekommen ist, die gab es eben 
dazumal noch nicht, und was er etwa als Anthropologic hat, das ist 
auch etwas ganz anderes, als was wir heute etwa Anthropologic in 
unserem materialistischen Zeitalter nennen. 

Da kann ich Ihnen ja etwas sagen, was auiterordentlich charak- 
teristisch ist fur dasjenige, was bei Johannes Scotus Anthropologic 
ist. Er sieht den Menschen an und sagt: Der Mensch tragt zunachst 
das Sein in sich. Er ist also mineralisches Wesen, er hat in sich mine- 



ralisches Wesen. Also erstens: der Mensch ist ein mineralisches 
Wesen (siehe S. 262). Zweitens: der Mensch leibt und lebt wie eine 
Pflanze. Drittens: der Mensch empfindet als Tier. Viertens: der 
Mensch urteilt und schliefit, macht Schlusse als Mensch. Fiinftens: 
der Mensch erkennt als Engel. 

Nun, das 1st selbstverstandlich etwas in unserer Zeit Ungeheuer- 
liches! Wenn Johannes Scotus Erigena von Urteilen, Schliefien 
spricht, was man ja zum Beipiel auch macht in der Gerichtsstube, 
wenn man tiber jemanden aburteilen will, dann urteilt und schliefit 
der Mensch als Mensch. Wenn er aber erkennt, wenn er erkennend 
eindringt in die Welt, dann verhalt sich der Mensch nicht als Mensch, 
sondern als Engel! Ich will das zunachst aus dem Grunde sagen, um 
Ihnen zu zeigen, dafi Anthropologie fur diese Zeit noch etwas ande- 
res ist als fur die jetzige Zeit, denn, nicht wahr, es wiirde heute kaum 
irgendwo, nicht einmal an einer theologischen Fakultatgehort werden 
konnen, dafl der Mensch erkennt als Engel. So dafi man sagen mufi: 
Dasjenige, was Johannes Scotus Erigena im dritten Kapitel schildert, 
das haben wir als unsere Wissenschaft nicht mehr, Es ist etwas an- 
deres geworden bei uns. Wenn wir es mit einem Worte nennen 
wollten, das heute auf nichts Betriebenes anwendbar ist, so wurden 
wir etwa sagen miissen: Geistige Lehre vom Weltall und dem Men- 
schen, Pneumatologie. 

Und dann das vierte Kapitel. Dieses vierte Kapitel enthalt bei 
Johannes Scotus Erigena erstens die Lehre von dem Mysterium von 
Golgatha und die Lehre von dem, was der Mensch als die Zukunft zu 
erwarten hat, als seinen Hingang in die gottlich-geistige Welt, also 
dasjenige, was man etwa nach heutigem Gebrauche benennen 
wiirde Soteriologie, Soter ist ja der Heiland, der Erloser, und die 
Lehre von der Zukunft, Eschatologie. Wir finden da behandelt die 
Begriffe von Kreuzigung, Auferstehung, von der Ausstromung der 
gottlichen Gnade, von dem Hingang des Menschen zur gottlich- 
geistigen Welt und so weiter. 

Eines sollte Ihnen dabei auffallen, und das fallt einem ja wirklich 
auf, wenn man unbefangen ist, indem man so etwas wie dieses Werk 
«De divisione naturae» von Johannes Scotus Erigena, von der Gliede- 



rung der Natur, aufmerksam liest. Da ist von der Welt geredet 
durchaus als von etwas, das in geistigen Qualitaten erkannt wird. 
Man spricht vom Geistigen, indem man die Welt betrachtet. Und 
was ist nicht darinnen? Man mufi ja audi auf das aufmerksam sein, 
was nicht in einer solchen Universalwissenschaft ist, wie sie da Johan- 
nes Scotus Erigena begriinden will. 

Sie finden bei Johannes Scotus Erigena ungefahr gar nichts von 
dem, was wir heute Soziologie nennen, Sozialwissenschaft und der- 
gleichen. Man mochte fast sagen, es sieht so aus, als ob der Johannes 
Scotus Erigena den Menschen, wie er sich sie dachte, ebensowenig 
eine Sozialwissenschaft habe geben wollen, wie etwa, wenn irgend- 
eine Tierart, die Lowenart oder die Tigerart, oder irgendeine Vogel- 
art eine Wissenschaft herausgeben wiirde, sie auch nicht eine Sozio- 
logie herausgeben wiirde. Denn der Lowe wiirde nicht reden iiber 
die Art und Weise, wie er mit anderen Lowen zusammenleben soli, 
oder wie er zu seiner Nahrung kommen soli und so weiter; das ist 
ihm instinktmafiig gegeben . Ebensowenig konnen wir uns eine Sozio- 
logie der Spatzen denken. Spatzen konnten gewifi allerlei hochst In- 
teressantes an Weltengeheimnissen von ihrem Gesichtspunkte aus 
hervorbringen, aber sie wiirden niemals eine Okonomie, eineOkono- 
mielehre hervorbringen, denn das wiirden die Spatzen fur das ganz 
Selbstverstandliche ansehen, dafi sie das tun, was ihnen eben ihr In- 
stinkt sagt. Das ist das Eigentiimliche: Indem wir bei Johannes 
Scotus Erigena so etwas noch nicht finden, sind wir uns klar dariiber, 
dafi er die menschliche Gesellschaft noch so ansah, als ob sie das 
Soziale aus ihren Instmkten hervorbrachte. Er weist hin gerade in 
seiner besonderen Art von Erkenntnis auf dasjenige, was in dem 
Menschen noch als Instinkt lebte, auf die Triebe, die Impulse des 
sozialen Zusammenseins. Uber diesem sozialen Zusammensein ist 
dasjenige, was er schildert. Er schildert, wie der Mensch aus dem 
Gottlichen hervorgegangen ist, welche Wesenheitenuber der Sinnes- 
welt liegen. Er schildert dann, wie der Geist die Sinneswelt durch- 
zieht, etwa in einer Art Pneumatologie, er schildert dasjenige, was in 
die Sinneswelt als Geistiges eingedrungen ist in seinem vierten 
Kapitel in der Soteriologie, in der Eschatologie. Aber er schildert 



nirgendwo, wie die Menschen zusammenleben sollen. Ich mochte 
sagen, alles ist herausgehoben iiber die Sinneswelt. Das war iiber- 
haupt ein Charakteristikum dieser alteren Wissenschaft, dafi alles 
iiber die Sinneswelt hinausgehoben war. 

Und vertieft man sich im geisteswissenschaftlichen Sinn in so et- 
was wie die Lehre des Johannes Scotus Erigena, so sieht man, er hat 
gar nicht mit denjenigen Organen gedacht, mit denen heute die 
Menschheit denkt. Man versteht ihn eben nicht, wenn man ihn 
verstehen will mit demjenigen Denken, das heute die Menschheit 
vollfuhrt. Man versteht ihn nur, wenn man sich durch Geisteswissen- 
schaft eine Anschauung errungen hat von dem, wie man mit dem 
Atherleib denkt, mit demjenigen Leib, der als ein feinerer Leib dem 
groben sinnlichen Leib zugrunde liegt. 

Also Johannes Scotus Erigena hat nicht mit dem Gehirn, sondern 
mit dem Atherleib gedacht. Wir haben in ihm einfach einen Geist, 
der noch nicht mit dem Gehirn gedacht hat. Und alles dasjenige, 
was er niederschreibt, kommt zustande als Ergebnis des Denkens mit 
dem Atherleib. Im Gmnde genommen beginnt man erst nach seiner 
Zeit mit dem physischen Leib zu denken, und so recht eigentlich erst 
vom 15. Jahrhundert an. Was man gewohnlich nicht sieht, istdafi sich 
wirklich das menschliche Leben als Seelenleben in dieser Zeit gean- 
dert hat, dafi man wirklich, wenn man zurikkgeht ins 13., 12., 11. 
Jahrhundert, auf ein Denken stofit, wie es der Johannes Scotus 
Erigena hatte, dafi man da kommt an ein Denken, das noch nicht 
mit dem physischen Leib, sondern mit dem Atherleib voll- 
zogen worden ist. Dieses Denken mit dem Atherleib, das sollte nicht 
hereinragen in die spatere Zeit, in der man scholastisch dialektisiert 
hat iiber starre Begriffe; da wurde dieses altere Denken mit dem 
Atherleib, das aber durchaus auch das Denken der ersten christ- 
lichen Jahrhunderte war, eben verketzert. Deshalb auch die Ver- 
brennung der Schriften des Johannes Scotus Erigena. Und man wird 
es nun begreifen, wie die Seelenverfassung eines solchen Denkers in 
der damaligen Zeit eigentlich war. 

Wenn wir in altere Zeiten zuriickgehen, so linden wir da bei 
alien Menschen ein gewisses Hellsehen. Die Menschen dachten 



uberhaupt nicht mit ihrem physischen Leib, sondern sie dachten mit 
ihrem Atherleib in alteren Zeiten, und sogar mit ihrem astralischen 
Leib beziehungsweise fuhrten sie ihr Seelenleben durch. Vom 
Denken sollten wir da gar nicht reden, da ja der Intellekt, wie 
gesagt, erst im 8. vorchristlichen Jahrhundert entstanden ist. Aber 
von diesem alten Hellsehen hatten sich Erbstiicke erhalten, und 
gerade bei den hervorragendsten Geistern sucht man durch den 
Verstand, der jetzt schon geboren ist, einzudringen in dasjenige, was 
sich heraufvererbt hat durch die Tradition aus alteren Zeiten. Man 
versuchte zu begreifen, was in ganz anderer Art in alteren Zeiten 
angeschaut worden war. Man versuchte zu begreifen, aber mufite 
nun Hilfe haben durch abstrakte Begriffe: Sein, Weisheit, Leben. 
Man wufite also, mochte ich sagen, noch etwas von einer friiheren 
durchgeistigteren Erkenntnis und fiihlte sich schon ganz drinnen- 
steckend in der rein intellektualistischen Erkenntnis. 

Das wurde spater gar nicht mehr gefuhlt, als die intellektuali- 
stische Erkenntnis dann zum Schatten geworden war; aber dazumal 
fuhlten die Menschen: es war in alten Zeiten etwas, was den Men- 
schen aus den hoheren Welten lebendig durchlebte, was er nicht 
blofi dachte. Bei Johannes Scotus ist es so, daft er in diesem Zwiespalt 
lebt. Er kann blofi denken; aber wenn dieses Denken zum Erkennen 
wird, da fuhlt er, da ist noch etwas da von den alten Machten, welche 
den Menschen durchdrungen haben in der alten Art der Erkenntnis. 
Er fuhlt den Engel, den Angelos in sich. Daher sagt er, der Mensch 
erkenne als Engel. Es war Erbstiick aus den alten Zeiten, dafi in 
dieser Zeit der Verstandeserkenntnis ein solcher Geist wie Scotus 
Erigena noch sagen konnte, der Mensch erkenne wie ein Engel. In 
den Zeiten der agyptischen, der chaldaischen Zeit, in den alteren 
Zeiten der hebraischen Zivilisation wiirde niemand etwas anderes 
gesagt haben, als: Der Engel erkennt in mir, und ich nehme 
Teil als Mensch an der Erkenntnis des Engels. Der Engel wohnt in 
mir, der erkennt, und ich mache das mit, was der Engel erkennt. - 
Das war in der Zeit, als noch kein Verstand da war. Als dann der 
Verstand heraufgekommen war, da mufite man das mit dem 
Verstande durchdringen; aber es war eben in Scotus Erigena 



noch ein Bewulksein von diesem Durchdrungensein mit der An- 
gelosnatur. 

Nun geht es einem aber ganz eigentiimlich, wenn man sich ein- 
lafit in diese Schrift des Scotus Erigena und sie ganz verstehen will. 
Schliefilich bekommt man doch ein Geftihl, man habe etwas sehr 
Bedeutendes gelesen, etwas gelesen, was noch sehr in geistigen Re- 
gionen lebt, was uber die Welt als eine geistige Angelegenheit 
spricht. Aber dann wieder hat man doch das Gefuhl: Ja, es geht im 
Grunde alles durcheinander. Und dann sagt man sich: Wir leben 
eben mit dieser Schrift schon im 9- nachchristlichen Jahrhunderte; 
der Verstand hat schon manches in Unordnung gebracht. Und so ist 
es wirklich. Liest man namlich das erste Kapitel, so hat man es mit 
der Theologie zu tun, aber mit einer Theologie, die fur Johannes 
Scotus schon durchaus sekundar ist, der man es ansieht, dafl sie auf 
etwas Grofieres, Unmittelbareres zuriickweist. Es mufi einmal etwas 
dagewesen sein - ich rede jetzt so, als wenn die Dinge Hypothese 
waren, aber Geisteswissenschaft kann dann das, was ich jetzt in der 
Hypothese entwickele, durchaus als Tatsache konstatieren -, man 
sieht gewissermafien auf etwas zuriick, wo diese Theologie noch 
nicht so verstandesmafiig angesprochen wurde, wo sie angesprochen 
wurde als etwas, in das man sich hineingelebt hat. Und von solcher 
Theologie haben ohne Zweifel jene Agypter gesprochen, von denen 
jene Griechen, die ich angefuhrt habe, berichteten, dafi agyptische 
Weise zu ihnen gesagt hatten: Ihr Griechen seid ja wie die Kinder, 
ihr habt kein Wissen von dem Weltenursprung; wir haben dieses 
heilige Wissen von dem Weltenursprung. - Da wurden die Griechen 
offenbar auf eine alte lebendige Theologie hingewiesen. Und so 
mufi man sagen: In dem, was wir immer genannt haben die dritte 
nachatlantische Zeit, die ja im 4. vorchristlichenjahrtausend beginnt 
und im 1. vorchristlichenjahrtausend endet, im 8. vorchristlichen 
Jahrhundert, im Jahre 747 approximativ endet, in dieser Zeit gab es 
eine lebendige Theologie, die jetzt mit dem Verstande von Scotus 
Erigena durchschaut werden will. Viel lebendiger stand sie offenbar 
noch vor derjenigen Personlichkeit, die als Dionysius der Areopagite 
anzuerkennen ist und viel intensiver noch fuhlte dieser Dionysius 



gegeniiber dieser altenTheologie. Er fuhlte , da ist etwas, was da war, 
dem man sich nicht mehr nahern kann, das negativ wird, indem 
man sich ihm nahern will. Wir konnen nur, so meinte er, vom Ver- 
stande aus zur positiven Theologie kommen. Aber er meinte eigent- 
lich mit der negativen Theologie eine alte, die entschwunden ist. 

Und wiederum, wenn man dasjenige durchnimmt, was hier im 
zweiten Kapitel auftritt als Idealwelt, konnte man glauben, das sei 
etwas Jiingeres. Das ist aber nicht der Fall. Es trifft wirklich zu- 
sammen mit einer wahren Anschauung von dem, was in der urper- 
sischen 2eit, so wie sie in meiner «Geheimwissenschaft» geschildert 
ist, auftritt, also in der zweiten nachatlantischen Zeit. Bei Plato und 
bei den Platonikern war diese urpersische lebendige Engelwelt, die 
Welt der Amshaspands und so weiter, schon zur Idealwelt, zur 
Ideenwelt verblaftt. Das ist eben einer spateren Entwickelung zu- 
zuschreiben. Aber dasjenige, was eigentlich in dieser Idealwelt ent- 
halten ist, und was noch gut durchschaubar ist bei Scotus Erigena, 
das fuhrt zuruck in diese zweite urpersische Zeit. 

Und wenn wir zu dem kommen, was hier als Pneumatologie auf- 
tritt, was gewissermafien wie ein Pantheismus, aber jetzt nicht ein 
vager, nebuloser, wie er heute vielfach gilt, sondern als ein Pan- 
theismus lebendig-geistiger Art auftritt, wenn auch verblaftt bei 
Johannes Scotus Erigena, so ist das der letzte Rest, ich mochte sa- 
gen, der ganz durchsiebte Rest der ersten nachatlantischen, der ur- 
indischen Zeit. 

Und was ist denn das vierte? Ja, bei Scotus Erigena tritt es auf 
als eine lebendige Erkenntnis von dem Mysterium von Golgatha, 
von der Menschheitszukunft. Von denen reden wir ja eigentlich 
heute nicht mehr. Es wird noch als altes Erbstuck von den Theologen 
davon geredet, aber sie haben es in erstarrten Dogmen. Sie leugnen 
sogar, daft der Mensch es durch ein lebendiges Wissenerringenkann. 
Aber entstanden ist es aus demjenigen, was so gepflegt worden ist als 
Soteriologie und Eschatologie. Sie sehen, dasjenige, was Theologie 
war, das wurde gewissermafien den Konzilien iibergeben, das wurde 
zu Dogmen erstarrt und der Christologie einverleibt. Daran durfte 
nicht mehr geriihrt werden. Das wurde als etwas betrachtet, was fiir 



die Erkenntnis unzuganglich ist. Es wurde gewissermaiten entriickt 
demjenigen, was in den Schulen durch Erkenntnis getrieben worden 
ist. Die exoterischen Dinge waren ja ohnedies schon so erhalten wie 
Nebelgebilde aus alten Zeiten. Aber dasjenige, was in den Schulen 
getrieben worden ist, sollte immerhinanknupfenmitdenGedanken, 
die eben im Gedankenzeitalter hervorkamen, sollte immerhin an- 
kniipfen an das Mysterium von Golgatha, an die Menschheitszu- 
kunft. Man sprach da von dem Waken der Christus-Wesenheit 
unter den Menschen, man sprach von einem zukiinftigen Welten- 
gerichte; man verwendete dazu die Begriffe, welche man aufbringen 
konnte. 

Und so sehen wir eigentlich, dafi Scotus Erigena die drei ersten 
Kapitel eben verzeichnet wie etwas, was er gewissermafien ererbt 
hat. Seinen eigenen Verstand wendet er dann auf das vierte Kapitel 
an, aber durchaus so, dafi er da spricht von etwas, was erhaben ist 
iiber die sinnlich-physische Welt, aber doch mit der sinnlich-phy- 
sischen Welt etwas zu tun hat. Man sieht, wie er sich angestrengt hat, 
den Verstand zu handhaben an der Eschatologie, an der Soteriologie, 
und man sieht ja auch, in welche gelehrten Streitigkeiten, in welche 
gelehrten Diskussionen Erigena verwickelt war. Er war verwickelt in 
solche Diskussionen, wie zumBeispiel ob derMenschim Abendmahl, 
also in etwas, was zusammenhing mit dem Mysterium von Golgatha, 
das wirkliche Blut und den wirklichen Leib des Christus vor sich 
habe. Er war verwickelt in alle diejenigen Diskussionen, die sich 
iiber die Freiheit und Unfreiheit des menschlichen Willens ergingen 
im Zusammenhange mit der gottlichen Gnade. Also iiber alles das- 
jenige, was Gegenstand seines vierten Kapitels war, scharfte er 
seinen Verstand, schulte er seinen Verstand. Uber das diskutierte 
man dazumal. 

Man konnte sagen: Der Inhalt der drei ersten Kapitel war altes 
Erbgut. Man veranderte nicht viel daran, sondern man teilte es mit. 
Das vierte Kapitel aber, das war lebendiges Streben, da wandte man 
an den Verstand, der geschult wurde. 

Was wurde denn aus dem, was da als der Verstand geschult wurde, 
was in der Soteriologie, in der Eschatologie gesehen wurde von Men- 



schen wie Scotus Erigena im 9. Jahrhundert? Ja, sehen Sie, meine 
lieben Freunde, daraus wurde seit der Mitte des 15. Jahrhunderts 
unsere der Naturerkenntnis zugrunde liegende Wissenschaft. Der 
Verstand, mit dem man nachgedacht hat, ob im Altarsakrament 
Brot und Wein skh verwandeln in Leib und Blut Christi, ob dem 
Menschen auf diesem oder jenem Wege die Gnade zuflieftt, dieser 
selbe Verstand wurde spater verwendet dazu, nachzudenken, ob das 
Molekiil aus Atomen besteht, ob die Sonne dieser oder jener Korper 
ist und so weiter. Es ist die Fortentwickelung des Theologenver- 
standes, der in der Naturwissenschaft heute lebt. Ganz derselbe 
Verstand, den im Abendmahlsstreit Scotus und diejenigen, die mit 
ihm diskutiert haben - und die Diskussionen waren dazumal sehr 
lebhaft -, belebte, der lebte dann fort in der Galileischen, in der 
Kopernikanischen Lehre, lebte fort im Darwinismus, lebte fort in, 
sagen wir, dem Straufischen Materialismus. Das ist die gerade Linie. 
Daft immer das Altere erhalten bleibt neben dem Spateren, das 
wissen Sie ja. Aber derselbe Verstand, der in David Vriedrich Straufe 
das Buch ausbriitete «Der alte und der neue Glaube», wo gewisser- 
mafien volliger Atheismus gelehrt wird, dieser selbe Verstand be- 
schaftigte sich in jenen Zeiten mit Soteriologie und Eschatologie; das 
ist die gerade Linie. 

Und man konnte sagen: Wiirde dieses Buch heute geschrieben 
werden miissen, und wiirde es ebenso aus den Zeitverhaltnissen 
heraus geschrieben, wie der Scotus Erigena es aus den Zeitverhalt- 
nissen heraus geschrieben hat, dann wiirde, weil ja natiirlich ein 
vollstandiger Atheismus dem ersten Kapitel widersprechen wiirde, 
hier nicht ein vollstandiger Atheismus erscheinen, aber hier wiirde 
unsere Naturwissenschaft erscheinen. Im 9. Jahrhundert erschien 
noch Soteriologie und Eschatologie. Der Verstand wurde auf etwas 
anderes angewendet. Hier aber (siehe S. 262) wiirde die materiali- 
stische Wissenschaft erscheinen heute. Die Geschichte sagt uns nichts 
anderes als dieses. Und jetzt sehen wir vielleicht dasjenige, was 
einem aus der ganzen Auffassung dieses Werkes hervorgeht. 

Im Grunde genommen miifite eigentlich dasjenige, was hier 
(siehe S. 262) stent, in einer anderen Reihenfolge erscheinen, im 



dritten Kapitel miifke es heifkn: Weltanschauung der ersten nach- 
atlantischen Zeit, im zweiten Kapitel der zweiten, im ersten Kapitel 
der dritten. Das letzte Kapitel wird zunachst so, wie Scotus Erigena 
meinte - der im vierten nachatlantischen Zeitraum lebte, der ja erst 
im 15. Jahrhundert sein Ende erreichte -, das wird fur die vierte 
nachatlantische Zeit gelten. Es miifite also diese Reihenfolge sein: 
III, II, I, IV. Das meinte ich, als ich vorhin sagte, es komme einem 
vor, wie wenn die Dinge eigentlich durcheinandergewiirfelt seien. 
Scotus Erigena hatte einfach die alten Erbstiicke; aber er fuhrte sie 
nicht an der Zeit nach, sondern sie waren da in der Bildung seiner 
Zeit, und er fuhrte sie an in der Reihenfolge, wie sie ihm am 
nachsten lagen: das ihm Nachstliegende fuhrte er als das Hochste 
an; die anderen waren ihm so verschwommen, dafi er sie fur etwas 
Niedrigeres hielt. 

Aber das vierte Kapitel ist doch etwas sehr Merkwiirdiges. Ver- 
suchen wir einmal von einem gewissen Gesichtspunkte aus zu ver- 
stehen, was das eigentlich sein miiflte. Versetzen wir uns da jetzt in 
die vorchristliche Zeit zuriick. Da wiirde, wenn wir einen solchen 
reprasentativen Geist, wie der Scotus Erigena einer fur das 9. Jahr- 
hundert war, etwa unter den Agyptern suchen wiirden, da wiirde ein 
solcher Geist noch in sehr lebendiger Weise etwas wissen liber die 
Theologie. Er wiirde noch viel lebendigere Begriffe von der Ideal- 
oder Engelwelt haben, von dem, was die ganze Welt Durchstrah- 
lendes und Durchgeistigendes ist. Das alles wiirde er wissen und er 
wiirde sagen: Es hat einmal eine menschliche Anschauung in der 
ersten Zeit gelebt, die den Geist in alien Dingen sah. Dann wurde 
der Geist abstrakt hinaufgezogen in die Hohe. Er wurde zur Ideal- 
welt, dann zur gottlichen Welt. Und dann kommt das vierte Zeit- 
alter. Das sollte nun noch vergeistigter sein als das theologische Zeit- 
alter. Dieser griechisch-lateinische Zeitraum, in dem ja Scotus 
Erigena lebte, sollte also eigentlich vergeistigter sein als der dritte 
Zeitraum. Und gar erst der fiinfte, der darauf folgt, unser eigener, 
der miifite erst recht ein vergeistigter Zeitraum sein, denn der wiirde 
mit der materialistischen Wissenschaft anstelle der Soteriologie oder 
Eschatologie entweder als viertes angefuhrt werden mussen, oder 



man mufite ein funftes daranfugen mit unserer Naturwissenschaft, 
und die mufite das Geistigstc sein. 

Aber in der Tat, meine lieben Freunde, die Sachen sind nur 
verschiittet. Wenn man hort, wie Scotus Erigena sagt, der Mensch 
ist als ein mineralisches Wesen, leibt und lebt als Pflanze, empflndet 
als Tier, urteilt und schliefit als Mensch, erkennt als Engel - was 
Scotus Erigena noch wufite durch Tradition der alten Zeiten -, so 
miifiten wir, die wir uns aber aufschwingen zur Geist-Erkenntnis, ja 
nun weitergehen. Wir miifiten sogar jetzt sagen: Gut, der Mensch ist 
als ein mineralisches Wesen, der Mensch leibt und lebt als Pflanze, 
der Mensch empfindet als Tier, der Mensch urteilt und schliefit als 
Mensch, der Mensch erkennt als Engel und sechstens: der Mensch 
schaut - namlich imaginativ die geistige Welt - als Erzengel. Und 
wir miifiten uns nunmehr zuschreiben, wenn wir vom Menschen 
sprechen, seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts: wir erkennen 
als Engel und entwkkeln die Bewufitseinsseele durch Seelenkrafte 
des Schauens - unbewufit zunachst, aber doch als Bewufitseinsseele - 
als Erzengel. 

Und so hatten wir das Paradoxon, dafi im materialistischen Zeit- 
alter die Menschen eigentlich in der geistigen Welt leben, hoher 
geistig leben, als sie friiher gelebt haben. Wir konnten etwa sagen: 
Ja, Scotus Erigena hat Recht, das Engelerlebnis lebt auf im Men- 
schen; das Erzengelerlebnis lebt nun aber auch auf seit dem ersten 
Drittel des 15. Jahrhunderts. Wir waren also eigentlich in einer 
geistigen Welt. 

Wenn man auf dieses kommt, dann konnte man ja wohl auch 
zuruckblicken auf etwas, das immer sehr trivial ausgelegt wird in 
den Evangelien, wo ja gesagt wird: Das Weltenende ist nahe und 
die Reiche der Himmel beginnen. Ja, meine lieben Freunde, wenn 
wir von uns sagen miissen, dafi in uns der Erzengel schaut, damit wir 
eine Bewufitseinsseele bekommen, dann ergibt sich doch eine 
sonderbare Vorstellung iiber dieses Hereinkommen der Himmel, 
und es wird wohl notig sein, solche Vorstellungen des Neuen Testa- 
mentes von diesem geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus 
noch einmal zu revidieren. Diese Vorstellungen unterliegen gar sehr 



wohl drier Revision, und wir hatten zweierlei Aufgaben: Zunachst 
einmal zu verstehen, ob denn nicht unser Zeitalter gemeint ist wirk- 
lich als ein anderes, als es da war in der Zeit, als der Christus auf der 
Erde gewandelt ist, ob wir nicht jenen Weltuntergang, von dem der 
Christus sprach, schon hinter uns haben? Das ist die eine Aufgabe, 
vor der wir stehen. Und wenn wir diesen sogenannten Weltunter- 
gang hinter uns haben, wenn wir also gewissermafien schon die gei- 
stige Welt da haben, wie ist zu erklaren, dafi sie sich so ungeistig 
ausnimmt, dafi sie so materiell geworden ist, dafi sie zuletzt zu 
jenem furchtbaren, ungeheuerlichen Leben gekommen ist, welches 
das erste Drittel des 20. Jahrhunderts auszeichnet? Zwei gewaltige 
iiberwaltigende Fragen, kann man sagen, stellen sich vor unsere 
Seele hin. Dariiber werden wir morgen weitersprechen. 



SECHZEHNTER VORTRAG 



Dornach, 3. Juni 1921 



Wir haben gestern geschlossen mit zwei bedeutsamen Fragen, die 
sich ergeben haben aus der Betrachtung der Stellung einer solchen 
Personlichkeit wie Johannes Scotus Erigena es war. Bei diesem Mann 
flnden wir ja eine Anschauung, die heriiberleuchtet aus den ersten 
christlichen Jahrhunderten in das 9. Jahrhundert hinein. Wir kon- 
nen sagen, aus allem dem, was sich im Laufe der letzten Zeit 
ergeben hat, sind die Vorstellungsarten, ist die ganze Art zu denken 
in den ersten christlichen Jahrhunderten noch anders als spater. Und 
ein grofier Umschwung hat stattgefunden, wie wir ja schon wissen, 
im 4. nach christlichen Jahrhundert. Die Menschen haben einfach 
von der Mitte des 4. Jahrhunderts an viel verstandesmafiiger gedacht 
als vorher. Man mochte sagen: alles Erkennen, alles Vorstellungbil- 
den war vorher viel mehr einer Art von Eingebung entsprungen als 
spater, wo die Menschen sich immer mehr bewufit wurden, selber 
mit den Gedanken zu arbeiten. Und was sich als solches Bewufitsein 
fur die Menschen vor dem 4. nachchristlichen Jahrhunderte heraus- 
gestellt hatte, das klingt nach noch in einem solchen Ausspruche wie 
dem des Scotus Erigena, daft der Mensch als Mensch urteilt und 
Schlusse zieht, dafi er aber als Engel erkennt. Was da Scotus Erigena, 
ich mochte sagen wie ein altes Erbstiick, wie durch eine Reminiszenz 
noch heraufholt, das wurde von all denen angenommen vor dem 4. 
Jahrhundert, die uberhaupt Gedanken hatten. Sie kamen gar nicht 
darauf, die Gedanken, die ein Wissen, ein Erkennen vermittelten, 
dem Menschen als solchem zuzuschreiben, sondern sie schrieben das 
dem in ihnen wirkenden Engel zu. Ein Engel bewohnte den Leib des 
Menschen, der erkannte, und an dieser Erkenntnis nahm der 
Mensch teil. 

Solch ein unmittelbares Bewufitsein war ganz verglommen seit 
dem 4. nachchristlichen Jahrhundert, und in solchen Geistern wie in 
Johannes Scotus leuchtete es wieder auf, wurde es gewissermaflen 
mit Miihe herausgeholt aus der Seele. Das beweist eben, daft die 



ganze Art des Weltenschauens anders geworden ist im Laufe dieser 
Jahrhunderte, und daher wird es so schwer fur die Menschen der 
Gegenwart, sich zuriickzuversetzen in die Denk- und Anschauungs- 
weise der ersten christlichen Jahrhunderte. Erst mitHilfe derGeistes- 
wissenschaft mufi das wiederum angestrebt werden. Man mufi 
wiederum zu Vorstellungen kommen, die nunwirklichentsprechend 
sind dem, was in den ersten christlichen Jahrhunderten gedacht 
worden ist. Schon zur Zeit des Scotus Erigena begannen ja solche 
Dinge wie der sogenannte Abendmahlsstreit, wie der Streit iiber die 
Vorherbestimmung des Menschen. Es waren die Dinge, welche 
durchaus anzeigen, wie in die Sphare des menschlichen Diskutie- 
rens dasjenige hereingezogen ist, was vorher mehr einer Inspiration, 
einer Eingebung entsprach, und iiber das man eigentlich nicht ge- 
stritten hat. Aber es wurden eben spater viele Dinge ganz und gar 
nicht mehr verstanden. 

Zu den nkht mehr verstandenen Dingen gehort zum Beispiel der 
Anfang des Johannes-Evangeliums, so wie er einfach popular vor- 
liegt. Wenn wir diesen Anfang des Johannes-Evangeliums ernst 
nehmen, so besagt er ja eigentlich etwas, was im allgemeinen Be- 
wuiksein der christlichen Bekenner durch die spateren Jahrhunderte 
gar nicht mehr vorhanden ist. Bedenken Sie doch nur, daft im An- 
fang des Johannes-Evangeliums die Worte sind: Im Urbeginne war 
der Logos -, und daft es dann weiter heifit: Durch den Logos sind alle 
Dinge entstanden, ist alles dasjenige entstanden, was eben zu dem 
Entstandenen gehort, und aufier durch den Logos ist nichts von dem 
Entstandenen geworden. 

Wenn man diese Worte ernst nimmt, so mufi man sich sagen: 
Sie bedeuten, dafi durch den Logos die sichtbaren Dinge, die 
Weltendinge entstanden sind, und da!5 also der Logos der eigent- 
liche Schopfer der Weltendinge ist. Im christlichen Bewufitsein nach 
dem 4. Jahrhunderte wird ja der Logos, der im Sinne des Johannes- 
Evangeliums ganz rkhtig mit dem Christus identifiziert wird, durch- 
aus nicht als der Schopfer der sichtbaren Dinge angesehen, sondern 
der Schopfer wird dem Christus gegenubergestellt als der Vatergott, 
der Gottvater. Der Logos wird als der Sohn bezeichnet, aber nicht 



der Sohn wird zum Schopfer gemacht, sondern der Vater wird zum 
Schopfer gemacht. Das ist eine Lehre, die durch die Jahrhunderte 
gelebt hat, und die durchaus dem Johannes-Evangelium wider - 
spricht. Man kann nicht das Johannes-Evangelium ernst nehmen 
und in dem Chrisms nicht den Schopfer aller sichtbaren Dinge 
sehen, sondern in dem Vatergott den Schopfer der sichtbaren Dinge 
sehen. Sie sehen, meine lieben Freunde, wie wenig ernst eigentlich 
das Evangelium in den spateren christlichen Zeiten genommen 
worden ist. 

Nun miissen wir uns schon zuriickversetzen in die ganze Denk- 
weise, die, wie gesagt, einen Umschwung in dem gekennzeichneten 
Zeitpunkte erfahren hat, und die diejenige der ersten christlichen 
Jahrhunderte war, die ja im Grunde genommen aufgebaut war 
wiederum auf demjenigen, was aus alten heidnischen Zeiten iiber 
die geistige Welt dageblieben war. Wir miissen uns namentlich klar- 
werden dariiber, wie angesehen worden ist dasjenige, was sich ja 
dann in dem christlichen Mefiopfer fortsetzte, wie angesehen 
worden ist das Abendmahl, dessen wesentlicher Inhalt ja in dem 
Worte liegt: Dies ist mein Leib - wobei hingedeutet wird auf das 
Brot -, dies ist mein Blut - wobei hingedeutet wird auf den Wein. 
Dieser Inhalt des Abendmahles, er war wirklich in den ersten christ- 
lichen Jahrhunderten verstanden worden, sogar verstanden worden 
von Menschen, die gar nicht etwa gelehrte Naturen waren, sondern 
die sich einfach im Zeichen des Abendmahles zum Andenken an 
den Chrisms versammelten. Aber was meinte man denn damit 
eigentlich? Man meinte das Folgende. 

Man hatte im ganzen Altertum eine religiose Weisheitslehre, 
und im Grunde genommen war diese religiose Weisheitslehre um so 
mehr auf dem Wesen des Vatergottes aufgebaut, in je friihere Zeiten 
man zuriickschaut. Wenn wir die religiosen Bekenntnisse sehr alter 
Zeiten betrachten, die sich dekadent dann erhalten haben in den 
spateren religiosen Bekenntnissen, wenn wir diese alten Bekenntnisse 
nehmen, so zeigen sie uberall eine gewisse Verehrung desjenigen, 
was zuruckgeblieben war von dem Ahnherrn eines Stammes, eines 
Volkes. Man verehrte gewissermaften den Stammvater eines Stam- 



mes, eines Volkes. Sie wissen ja aus Tacitus' «Germania», wie auch 
diejenigen Volkerschaften, die dann ins Romische Reich gedrungen 
sind und die neue Zivilisation moglich gemacht haben, durchaus 
noch Erinnerungen hatten an solche Stammesgottheiten, obwohl sie 
schon vielfach ubergegangen waren, wie ich in den offentlichen Vor- 
tragen des letzten Kurses ausgefuhrt habe, zu einer anderen Form 
der Gottesverehrung, zu den Lokalgottheiten. Man hatte also die 
Meinung, Generation nach Generation ist verflossen, seitdem ein 
alter Ahne da war, der den Stamm, der das Volk begrundet hat, und 
die Seele, das Geistig-Seelische dieses Stammvaters, das waltete noch 
bis in die spatesten Generationen hinein. Und dieses Waken ist an 
die physische Gemeinschaft der Leiber des Stammes gebunden. 
Diese Leiber sind ja alle miteinander verwandt. Sie sind eben ge- 
meinsamer Abstammung. Durch ihre Adern fliefit das gemeinsame 
Blut. Der Leib und das Blut sind eines. Und wie man hinaufsah zu 
dem Seelisch-Geistigen des Stammvaters, indem man sich religios 
erhob, so fiihlte man das Waken der Gottheit, zu der der Stamm- 
vater gegangen ist, von der der Stammvater nunmehr wirkte durch 
sein Seelisch-Geistiges auf den ganzen Stamm, auf das ganze Volk. 
Das Waken dieser Gottheit sah man in den Leibern, in dem Blute, 
das durch Generationen herunterrann, und etwas tief Geheimnis- 
volles sah man in den geheimnisvollen Kraften des Leibes und in 
den Kraften des Blutes. 

Man sah wirklich in jenen alten heidnischen Zeiten in dem- 
jenigen, was im Leibe waltete und was durch das Blut rann, die 
Krafte der Gottheit selber. Man kann daher schon sagen, daft wenn 
ein Bekenner jener alten Weltanschauung tierisches oder gar Men- 
schenblut herausrinnen sah, er in diesem Blute den Leib der Gott- 
heit selber erblickte, und er sah in dem, was sich aus dem Blute auf- 
baute, in den Leibern der Stammesverwandten, der Volksverwand- 
ten, die Gestalten der Gottheit, das Ebenbild der Gottheit. Wie da 
in dem Materiellen zu gleicher Zeit das Gottlich-Geistige verehrt 
wurde, davon konnen sich die Menschen heute eben keine Vorstel- 
lungen mehr machen. 

Durch das Blut der Generationen rann also die Kraft der Gott- 



heit herunter; durch die Leiber der Generationen gestaltete die 
Gottheit ihr Ebenbild, und zu dieser Gottheit kam die Seele und 
der Geist des Ahnen und wirkte mit Gotterkraft auf die Nachkom- 
men, wurde verehrt als die Ahnengottheit. Nicht nur fur diese alten 
Bekenntnisse, sondern vor alien Dingen audi fur die wirkliche Wahr- 
heit hangt dasjenige, was im menschlichen Leibe wirkt, von den 
Kraften der Erde ab. Seine Anlagen, das wissen Sie ja, sind aus viel 
alteren Zeiten; aber in dem menschlichen Leib, so wie er heute ist 
mitdem mineralischenReiche in sich, und im Blute wirken die Krafte 
der Erde. 

Im menschlichen Blute zum Beispiel wirken nicht blofi diejeni- 
gen Krafte, die durch Nahrungsmittel einziehen in den Menschen, 
sondern die Krafte, die im ganzen Erdenplaneten tatig sind. Da- 
durch, dafi zum Beispiel der Mensch in einer Gegend lebt, die sehr 
viel von roter Erde hat, also eine gewisse geologische Beschaffen- 
heit, gewisse metallische Einschlusse hat in der Erde, dadurch 
wird von der Erde auf das Blut gewirkt. Und wiederum, von der 
Erde ist die Gestaltung, ist der Leib des Menschen abhangig. Anders 
gestaltet sich der Leib in warmeren, anders in kalteren Gegenden der 
Erde. Das Leibliche und das im Blute Wirkende hangt von dem ab, 
was in der Erde als Krafte waltet. Diese Wahrheit, zu der wir heute 
erst wiederum kommen durch geisteswissenschaftlkhe Untersu- 
chung, sie war aus ihrer instinktiven Erkenntnis heraus diesen alten 
Menschen noch ohne weiteres klar. Sie wufiten, im Blute pulsieren 
die Erdenkrafte. Wir sagen uns heute, wenn wir den einen Telegra- 
phenapparat von der Station A durch einen Draht verbinden mit 
dem Telegraphenapparat der Station B, so verbinden wir nur ein- 
sekig die Apparate. Wir leiten durch den Draht den elektrischen 
Strom; aber der elektrische Strom mull sich schliefien. Er schliefit sich 
dadurch, dafi wir die sogenannte Erdleitung bilden. Es ist Ihnen ja 
wohl bekannt, dafi wenn wir auf der einen Station einen Telegra- 
phenapparat haben, wir iiber die Telegraphenstangen den Draht 
fiihren; aber der Strom ist dann nicht geschlossen, der Strom mufi 
geschlossen werden. Wir leiten ihn in die Platte, die wir in die Erde 
versenken, hinein, hier ebenfalls in die Platte [auf der anderen 



Seite], die wir in die Erde versenken, tun sonst gar nichts. Wir konn- 
ten audi einen anderen Draht hier legen, dann wiirde der Strom 
geschlossen sein, aber wir tun das nicht, wir bringen hier eine Erd- 
leitungsplatte und hier eine Erdleitungsplatte an (es wird gezeich- 
net), und die Erde besorgt das andere selbst. Das wissen wir heute 
als ein Ergebnis der aufieren Wissenschaft. Wir mussen voraus- 
setzen, dafi die Elektrizitat, der elektrische Strom in der Erde drin- 
nen arbeitet. Nun, die alten Menschen wufiten nichts von der Elek- 
trizitat und dem elektrischen Strom. Aber sie wufiten dafur etwas 
von ihrem Blute. Sie standen auf der Erde und wufiten, da ist etwas 
in der Erde drinnen, was im Blute auch lebt. Sie sahen die Sache 
anders an; sie sprachen nicht von Elektrizitat, aber sie sprachen von 
etwas Irdischem, das in ihrem Blute lebt. Wir wissen nicht mehr, 
dafi sie im Blute lebt, die Elektrizitat der Erde. Wir reden nur, in- 
dem wir aufierlich durch mathematisch-mechanische Vorstellungen 
die Sache zu umfassen trachten. Und so kam es, dafi die Menschen 
mit dem Erdenkorper als solchem verbanden diese Gottesvorstel- 
lung, die sie hatten. Sie sagten sich: das Gottliche waltet im Blute, 
waltet im Leibe, es waltet durch die Erde. Das war dasjenige, was in 
der Gottvatervorstellung erschien. Die Gottvatervorstellung ist eine 
solche aus dem Grunde, weil man ja den Urvater des Stammes, des 
Volkes, als den Ausgangspunkt des Gottlichen ansah; aber als das 
Mittel, wodurch er wirkte, sah man die Erde an, und die Wirkungen 
der Erde im Blute, im ganzen Menschenleib sah man als dasjenige 
an, was eigentlich Wirkungen des Gottlichen sind. 

Nun aber hatten alle diese alten Menschen noch eine andere 
Vorstellung. Sie sagten sich: Nicht allein das Irdische wirkt auf den 
Menschen. Es ware ja gut, wenn blofi das Irdische auf den Menschen 
wirkte, aber das ist nicht der Fall, sondern es wirkt der Nachbar der 
Erde, der Mond, zusammen mit den Kraften der Erde. Und so 
sagten sie sich: Es wirkt eigentlich nicht die Erde allein, sondern 
Erde und Mond wirken zusammen, und mit dieser Mischung von 
Erden- und Mondenkraften verbanden sie die Vorstellungen von 
jetzt nicht nur einer einheitlichen Gottheit der Erde, sondern von 
vielen Untergottheiten, die eben dann in der heidnischen Welt da 



waren. Alles dasjenige, was als Gottesvorstellung da war, was auf 
den Menschen wirkte durch Leib und Blut, das also war der Urquell, 
der die Gottesvorstellung eigentlich speiste in dieser alten Zeit. 

Es war nun kein Wunder, dafl alles Erkennen in diesen alten 
Zeiten sich hinwandte zur Erde, sich hinwandte zum Monde, hin- 
wandte zu den Wirkungen der Erde, daft man das dazu ergrunden 
mufke, was auf die Erde wirkte. Da bildete man eine feine Wissen- 
schaft aus. Diese Wissenschaft von der Vatergottheit, die wirkte 
nach in den drei ersten Bikhern des Johannes Scotus Erigena, von 
denen ich Ihnen gestern gesprochen habe. Im Grunde genommen 
weilS er es nicht mehr recht, denn er lebte eben schon im 9- nach- 
christlichen Jahrhunderte; aber Erbstiicke der Urweisheit waren 
vorhanden, die davon sprachen, dafi in dem, was den Menschen ir- 
disch umgibt, der Vatergott lebt, der nicht geschaffen, aber schaf- 
fend ist, die anderen Gottheiten leben, die geschaffen sind, aber 
schaffend sind. Das sind also die verschiedenen Wesenheiten der 
Hierarchien. Dann ist ausgebreitet um den Menschen dasjenige, was 
sichtbare Welt ist, das Geschaffene und Nichtschaffende, und er- 
warten soil der Mensch diejenige Welt, in welcher die Gottheit als 
eine nichtschaffende und nichtgeschaffene, also als eine ruhende 
waltet, die alles andere in ihrem Schofie aufnimmt. Dies das vierte 
Buch des Scotus Erigena. 

Nun, in diesem vierten Buche, das habe ich Ihnen ja gesagt, ist 
vorzugsweise die Soteriologie und die Eschatologie behandelt. In 
diesem vierten Buche wird dargestellt die Geschichte des Christus 
Jesus, die Auferstehung, die Gnadengaben werden dargestellt, aber 
auch gewissermafien das Weltenende, das Hineingehen in die 
ruhende Gottheit. Die drei ersten Kapitel des grofien Buches des 
Scotus Erigena zeigen uns, ich mochte sagen, klar einen Nachklang 
alter Anschauungen, denn im Grunde genommen recht christlich 
wird erst das vierte Kapitel. Die drei ersten Kapitel, sie werden 
christlich durchsetzt mit allerlei Vorstellungen, aber dasjenige, was 
in ihnen eigentlich wirksam ist, ist im Grunde genommen noch aus 
der alten Heidenzeit, und wir finden es so, wie es in der Heidenzeit 
war, auch bei den Kirchenvatern der ersten christlichen Jahrhun- 



derte. Wir konnen sagcn: Durch die Natur, durch dasjenige, was 
der Mensch in den Wesen, die ihn umgaben, sah, sah er die Region 
des Vatergottes. Er sah eine Idealwelt hinter der Natur. Er sah ge- 
wisse Krafte in der Natur. Er sah endlich in der Aufeinanderfolge 
der Generationen, in diesem Werden der Menschheit selber in 
den einzelnen Stammen und Volkern das Waken des Vatergottes. 
In den ersten christlichen Jahrhunderten war zu dieser Erkenntnis 
nur eine andere noch hinzugetreten, die fast ganz verlorengegan- 
gen ist. 

Die ersten christlichen Kirchenvater - ihre spatchristlichen Kri- 
tiker haben ja das griindlich ausgerottet -, die sagten namlich: In 
dem, was namentlich durch die Generationen hindurch durch das 
Blut geflossen ist, was sich in den Leibern ausgestaltet hat, da wirkte 
schon der Vatergott, aber in fortwahrendem Kampf und in fortwah- 
rendem Zusammensein mit seinen gegnerischen Machten, den 
Naturgeistern. Das war eine besonders lebendige Vorstellung in den 
ersten christlichen Jahrhunderten, daft es dem Vatergott eigentlich 
nie gelungen war, allein zu wirken, sondern daft er imsteten Kampfe 
gelegen hatte mit den Naturgeistern, die in allem Moglichen der 
Aufienwelt walteten. Und so sagten diese ersten christlichen Kirchen- 
vater: Die Alten der vorchristlichen Zeit glaubten an den Vatergott, 
aber sie konnten ihn ja gar nicht unterscheiden von den Natur- 
geistern; sie glaubten eigentlich an dieses ganze Reich des Vater- 
gottes mit dem Naturreich zusammen. Sie glaubten, dafi von dem 
herruhrte die ganze sichtbare Welt. Das ist aber nicht wahr, so 
sagten sie. Es wirken zusammen alle diese geistigen Wesenheiten, 
diese verschiedenen Naturgottheiten, sie wirken in der Natur, aber 
sie haben sich erst in die irdischen Dinge hineingeschlichen. Die ir- 
dischen Dinge aber, die wir mit den Sinnen sehen, die aufier uns 
sind, die also geworden sind als irdische, die riihren nicht von diesen 
Naturgeistern und auch nicht vom Vatergotte her, der eigentlich nur 
in denjenigen Metamorphosen sein schaffendes Wesen hatte, die der 
Erde vorangegangen sind. Dasjenige, was Erde ist, dasjenige, was 
man sieht als Erde, das ruhrt nicht vom Vatergotte her und nicht von 
den Naturgeistern, das ruhrt von dem Sohne, von dem Logos her, 



den der Vatergott hat aus sich hervorgehen lassen, damit der Logos 
die Efde schaffe; und das Johannes-Evangelium ist aufgerichtet, ein 
grofles, bedeutsames Monument, um anzudeuten: Nein, es ist nicht 
so, wie die Alten geglaubt haben, dafi die Erde vom Vatergott ge- 
schaffen sei; der Vatergott hat den Sohn aus sich hervorgehen lassen, 
und der Sohn ist der Schopfer der Erde. 

Das sollte das Johannes-Evangelium sagen. Das war im Grunde 
genommen dasjenige, wofur die Kirchenvater der ersten christlichen 
Jahrhunderte gekampft haben, was dann zu fassen dem mensch- 
lichen Verstande, der sich entwickelte, so schwer geworden ist, dafi 
Dionysius der Areopagite vorgezogen hat, zu sagen: Alles dasjenige, 
was der Verstand schafft, ist positive Theologie und dringt nicht bis 
in die Regionen hinein, die die eigentlichen Geheimnisse der Welt 
enthalten. Dahinein kann man nur kommen, wenn man alle Pradi- 
kate negiert, wenn man spricht nicht von dem Sein Gottes, sondern 
von dem Ubersein Gottes, wenn man nicht spricht von der Person - 
lichkeit, sondern von der Uberpersonlichkeit, wenn man also alles 
ins Negative hiniiberversetzt; dann kommt man dutch die negative 
Theologie dem eigentlichen Geheimnis des Daseins bei. Aber Dio- 
nysius und ein solcher Nachfolger wie Johannes Scotus Erigena, der 
aber schon ganz von dem Verstande durchsetzt war, die glaubten 
eben nicht, daft man mit dem menschlichen Verstande uberhaupt 
noch fahig sei, diese Geheimnisse der Welt zu erklaren. 

Nun, was ist denn damit aber gesagt, dafi der Logos der Schopfer 
von allem ist? Denken Sie an dasjenige, was ja im Grunde genom- 
men, nur eben dann abgeschwacht gegen die Zeit des Mysteriums 
von Golgatha hin, aber was im Grunde genommen in alien alten vor- 
christlichen Zeiten vorhanden war. Die Menschen sagten sich: Durch 
das Blut, durch den Leib wirkt die Gottheit, und sie hatten damit 
die Vorstellung verbunden, dafi wenn das Blut durch die Adern des 
Menschen oder der Tiere rinnt, dieses Blut dann eigentlich den Got- 
tern weggenommen ist. Es ist der rechtmafiige Besitz der Gotter. 
Man kann also den Gottern sich nahern, wenn man ihnen Blut zu- 
riickgibt. Sie wollen das Blut eigentlich fur sich haben; die Men- 
schen haben das Blut in Besitz genommen, man mufi den Gottern 



wiederum das Blut zuriickgeben. Daher die Blutopfer in jenen alten 
Zeiten. 

Nun kam der Christus und sagte: Das ist nicht dasjenige, um was 
es sich handelt, da kommt man nicht an die irdischen Dinge heran. 
Die irdischen Dinge sind gar nicht von denjenigen Gdttern, die das 
Blut haben wollen. Sehen wir auf dasjenige, was wirkt im Menschen, 
bevor die Erde auf ihn wirkt, nehmen wir das Brot, also dasjenige, 
wo von sich der Mensch ernahrt, nehmen wir es so, wie es der Mensch 
zunachst aufnimmt. Er nimmt es auf durch seinen Geschmack. Es 
geht das Nahrungsmittel im Menschen bis zu einem gewissen Punkt, 
bevor es in Blut umgewandelt wird. Es wird ja erst in Blut umge- 
wandelt, nachdem es durch die Darmwande in die Organisation 
iibergegangen ist. Da beginnt erst die Erdenwirkung; solange das 
Nahrungsmittel noch nicht ubernommen ist vom Blute, hat die 
Erdenwirkung noch nicht begonnen. Sehet also nicht in dem Blute 
dasjenige, was dem Gotte entspricht, sehet es in dem Brote, bevor 
das Brot zu Blut wird, und sehet es in dem Wein, bevor der Wein in 
das Blut hineingeht. Da ist das Gottliche, da ist die Verkorperung 
des Logos. Sehet nicht auf dasjenige, was im Blute rinnt, denn das, 
was im Blute rinnt, das ist bei den Menschen altes Erbstiick der 
Mondenzeit, der vorirdischen Zeit. Dasjenige, was im Menschen ir- 
disch ist, mit dem hat das Nahrungsmittel zu tun, bevor es Blut 
wird. Also weg mit den Vorstellungen von dem Blute und von dem 
Leibe, von dem Fleische, dagegen hingelenkt die Vorstellungen zu 
demjenigen, was noch nicht Blut geworden ist und noch nicht 
Fleisch geworden ist, hingelenkt die Vorstellungen auf dasjenige, 
was auf der Erde draufien bereitet wird, was irdisch ist, ohne dafi der 
Mond einen Einflufi dabei hat, das heifit auf das, was vom Sonnen- 
einflufi herkommt. Denn wir sehen die Dinge durch das Licht der 
Sonne, und wir essen das Brot und trinken den Wein, indem wir in 
ihnen die Sonnenkraft essen und trinken. Die sichtbaren Dinge sind 
nicht durch den Vatergott, die sichtbaren Dinge sind durch den 
Logos. 

Denken Sie, da war die ganze Vorstellungswelt der Menschen 
hingelenkt auf dasjenige, was man nun nicht im Stile der Alten 



gewinnen konnte aus der ganzen Natur, was man nur dadurch ge- 
winnen konnte, dafi man hinsah auf dasjenige, was die Sonne 
erglanzen lafit auf der Erde. Es war auf etwas rein Geistiges hin- 
gewiesen. Man soil nicht heraussaugen aus den physischen Dingen 
der Erde dasjenige, was das Gottliche ist, man soil dieses Gottliche 
sehen in dem reinen Geistigen, in dem Logos. Es wurde der Logos 
entgegengesetzt den alten Gottvatervorstellungen, das heifit, es 
wurde der Menschen Sinn auf etwas rein Geistiges hingelenkt. Nie- 
mals hat in vorchristlichen Zeiten der Mensch durch etwas anderes 
als durch dasjenige, was in ihm gewissermafien organisch gekocht 
word en ist, und in ihm dann innerlich als eine Vision oder derglei- 
chen aufgegangen ist, das Gottliche gesehen. Er sah schon das Gott- 
liche auch fur ihn aufsteigen aus dem Blute. Jetzt suchte er es im 
reinen Geistigen zu erfassen. Jetzt sollte er aber auch die Dinge, die 
um ihn herum sichtbar sind, als ein Ergebnis des Logos ansehen, 
nicht desjenigen, was sich in die Dinge erst hineingeschlichen hat, 
als das Ergebnis eines Gottes, der im Vorirdischen geschaffen hat. 

Damit, wenn wir so denken, kommen wir den Vorstellungen der 
ersten christlichen Jahrhunderte eigentlich erst nahe. Aber damit 
war ja den Menschen zunachst etwas gegeben wie ein Hinweis, dafi 
sie nicht irgendwelcher anderen Kraft, als der Kraft ihres Bewufit- 
seins entnehmen sollen die Vorstellungen, um zum Gottlichen zu 
kommen. Die Menschen waren hingelenkt auf das Geistige. Was 
konnte man ihnen daher sagen? Man konnte ihnen sagen: Ehedem 
war die Erde so machtig, dafi sie euch die Vorstellung gegeben hat 
vom Gottlichen. Das hat aufgehort. Die Erde gibt nichts mehr her. 
Ihr mulk durch euch selbst zum Logos und zum schopferischen Prin- 
zip kommen. Ihr habt im Grunde genommen bisher verehrt das- 
jenige, was im Vorirdischen schopferisch war; jetzt sollt ihr dasjenige 
verehren, was im Irdischen schopferisch ist. Das konnt ihr aber nur 
durch die Kraft eures Ich, eures Geistes erfassen. 

Und das driickte sich aus in dem, dafi die ersten Christen sagten: 
der Weltuntergang ist nahe. Sie meinten, der Untergang derjenigen 
Erde, die dem Menschen Erkenntnis gibt, ohne dafi er mit seinem 
Bewulksein an diesen Erkenntnissen arbeitet. Und es ist in der Tat 



eine tiefe Wahrheit ausgesprochen mit diesem Weltuntergange, 
denn der Mensch war vorher ein Sohn der Erde. Der Mensch iiberliefi 
sich den Erdenkraften. Er verlieft sich darauf, dafi sein Blut ihm seine 
Erkenntnisse gab. Damit war es aus. Die Reiche der Himmel sind 
nahe herangekommen, die Reiche der Erde haben aufgehort. Der 
Mensch kann fortan nicht mehr ein Sohn der Erde sein. Der Mensch 
mufi sich zum Genossen eines geistigen Wesens machen, das von der 
geistigen Welt auf die Erde heruntergekommen ist, des Logos, des 
Chrisms. 

Der Weltuntergang wurde prophezeit fur das 4. nachchristliche 
Jahrhundert: Erdenuntergang, der Anbruch eines neuen Reiches, 
der Anbruch desjenigen Reiches, wo der Mensch sich fiihlen soil, 
wohnend als Geist unter Geistern. Das wird wohl dem Menschen der 
Gegenwart am schwierigsten sein, sich vorzustellen, dafi tatsachlich 
unsere gegenwartige Art, als Menschen zu wohnen, die Menschen 
der Christus-Zeit nicht als ein irdisches Wohnen angesehen haben 
wiirden, sondern als ein Wohnen schon im Geist erreiche, nachdem 
die Erde, wie sie war, als sie noch fur den Menschen die Krafte her- 
gab, untergegangen ist. Jemand, der in der richtigen Weise die 
Denkweise der ersten Christen verstanden hatte, wiirde heute nicht 
sagen, die ersten Christen hatten aberglaubisch an den Untergang 
der Welt geglaubt; er sei aber nicht gekommen. In dem Sinne, wie 
die ersten Christen das gesehen haben, ist dieser Untergang im 4. 
nachchristlich en Jahrhundert dagewesen, und diejenige Art, wie wir 
jetzt leben, wiirden eben diese ersten Christen schon als das neue 
Jerusalem angesehen haben, als das Reich, in dem der Mensch als 
Geist unter Geistern lebt. Nur wiirden sie gesagt haben: Nach 
unserer Anschauung ist eigentlich der Mensch in den Himmel ein- 
gezogen, aber er ist so schlecht, dafi er das nicht erkennt; er glaubt, 
dafi im Himmel drinnen nur alles von Milch und Honig iiberfliefit, 
dafi da nicht die bosen Geister seien, gegen die er sich zu wehren 
hat. - Die ersten Christen wiirden gesagt haben: vorher waren diese 
bosen Geister in den Naturdingen drinnen, nun sind sie losgelassen, 
schwirren unsichtbar herum; der Mensch mufi sich ihrer erwehren. 

Also Weltuntergang im Sinne der ersten christlichen Zeiten war 



eben durchaus da. Man hat es nur nicht verstanden. Man hat nicht 
verstanden, daft statt des in der Erde wohnenden Gottes, der also 
sich ankiindigte durch die Erdenereignisse, daft statt dessen da war 
der ubersinnliche Logos, den man im Ubersinnlichen erkennenmufi, 
an den man sich halten mull durch ubersinnliche Krafte. Und wenn 
man dies annimmt, dann wird man auch verstehen, wieso im 9-, 
10. , 11. Jahrhundert wiederum Weltuntergangsstimmung da war im 
zivilisierten Europa. Wiederum erwartete man den Weltuntergang. 
Man wuftte nicht, was die ersten Christen damit gemeint haben, 
aber aus dieser Weltuntergangsstimmung, die uber das ganze zivili- 
sierte Europa im 9- , 10. , 1 1 . Jahrhundert verbreitet war, bildete sich 
dasjenige, was nun auch auf mehr materielle Art den Weg zu dem 
Christus hin suchte, als man ihn eigentlich hatte suchen sollen. Man 
sollte erkennen: im Geiste soil man den Logos finden, nicht aus den 
Naturerscheinungen heraus. Dieses den Logos im Geiste Suchen, das 
haben diese Menschen, die nun wiederum in die Weltuntergangs- 
stimmung hineinkamen, nicht begriffen, sondern sie haben es auf 
mehr materielle Art gesucht. Und so entstand aus dieser Stimmung 
heraus die Stimmung der Kreuzziige: den Christus materiell im 
Orient in seinem Grabe wenigstens noch zu suchen, sich zu halten 
an den Christus in der Weltuntergangsstimmung, man mochte 
sagen, in der miftverstandenen Weltuntergangsstimmung. 

Ja, man fand nicht den Christus driiben im Oriente. Man hat 
ungefahr diejenige Antwort bekommen, die auch dazumal die Leute 
bekommen haben, die den Christus im Grabe sichtbarlich suchten, 
die Antwort: Der, den ihr suchet, der ist nicht mehr hier -, der mull 
eben im Geiste gesucht werden. 

Und jetzt im 20. Jahrhundert, und die Dinge werden sich wieder 
vermehren, ist ja auch Weltuntergangsstimmung, wenn auch die 
Menschen so lethargisch und gleichgultig geworden sind, daft sie 
nicht einmal mehr diese Weltuntergangsstimmung merken. Aber es 
hat immerhin derjenige, der von dieser Weltuntergangsstimmung 
im «Untergang des Abendlandes» spricht, einen bedeutenden, weit- 
hin bemerkbaren Eindruck gemacht, und diese Weltuntergangs- 
stimmung wird sich immer mehr und mehr verbreiten. 



Eigentlich aber brauchte man nicht von dem Untergang der 
Welt zu reden. Sie ist in dem Sinne, daft man aus der Natur heraus 
das Geistige finden kann, untergegangen, und es handelt sich 
darum, daft man gewahr wird, man lebt in einer geistigen Welt. 
Dieser Irrtum der Menschen, nicht zu wissen, daft sie in einer gei- 
stigen Welt leben, das ist es, was das Unheil iiber die Welt herauf- 
gebracht hat, das macht, dafi die Kriege immer blutiger und blutiger 
werden, und dafi immer deutlicher und deutlicher wird: die Men- 
schen sind wie besessen. Sie sind auch von den bosen Machten 
besessen, die sie durchemanderfuhren, denn sie reden gar nicht 
mehr, als ob sie dasjenige aussprechen wurden, was in ihrem 
Ich liegt. Sie sind wie von einer Psychose besessen. Diese Psycho- 
se ist ja etwas, von dem man viel redet, was aber wenig verstan- 
den wird. 

Was die ersten Christen als Weltuntergang gemeint haben, was 
sie darunter verstanden haben, das ist dagewesen, und die neue Zeit 
ist da. Sie mufi nur erkannt werden, es mufi nur durchschaut werden, 
- dafi tatsachlich der Mensch, wenn er erkennt, erkennt als ein Engel, 
und wenn er seiner selbst bewufit wird, er seiner selbst bewufit wird 
als ein Erzengel. Dafi also die geistige Welt bereits heruntergekom- 
men ist, dafi man sich ihrer nur bewufit werden mull, das ist das 
Wichtige. Viele haben gemeint, sie nehmen das Evangelium ernst. 
Aber obwohl es im Evangelium ganz deutlich steht, dafi alle Dinge, 
die da entstanden sind, die also in Betracht kommen, nicht aus ihren 
irdischen Kraften erklart werden sollen, sondern durch den Logos 
entstanden sind, trotzdem bekannten sich die Leute zum Vater- 
gotte, der eben anzuerkennen ist zwar als eins mit dem Christus, 
aber eben als derjenige Aspekt der Dreieinigkeit, der gewirkt hat, 
bis die Erde sich gebildet hat; wahrend der eigentliche Regent der 
Erde der Christus, der Logos ist. 

Diese Dinge konnten kaum mehr verstanden werden im 9- Jahr- 
hundert, als Scotus Erigena wirkte. Daher ist auf der einen Seite 
dieses Buch iiber die Gliederung der Natur von Scotus Erigena grofi 
und bedeutend, auf der anderen Seite, wie ich Ihnen eben gestern 
sagte, wiederum chaotisch, so dafi man sich eigentlich erst anfangt 



auszukennen, wenn man es in dem Sinne geisteswissenschaftlich 
betrachtet, wie wir das gestern und heute getan haben. 

Nun, wie gesagt, im vierten Kapitel spricht Johannes der Schotte 
von der nichtgeschaffenen und nichtschaffenden Wesenheit. Durch- 
schauen wir das, durchschauen wir den wirklichen Sinn desjenigen, 
was Scotus Erigena da schildert, die ruhende Gottheit, in der sich 
alles vereint, so ist der Schritt ja schon da. Die Welt, die in den 
friiheren drei Kapiteln geschildert wird, ist untergegangen. Diese 
Welt der ruhenden Gottheit, der nichtgeschaffenen und nicht- 
schaffenden Wesenheit, sie ist da. Die Erde ist im Niedergehen, in- 
sofern sie Natur ist. Ich habe ofter darauf aufmerksam gemacht, daft 
das so ist, indem ich Sie hingewiesen habe darauf, daft selbst der 
Geologe heute sagt: Im grofien ganzen entsteht ja auf der Erde 
nichts mehr. Gewift, als Nachklang bilden sich Pflanzen und so 
weiter, pflanzen sich Pflanzen, Tiere und Menschen fort; aber die 
Erde im grofien und ganzen, sie ist ja etwas anderes geworden, als sie 
war. Sie zersplittert, sie zerschellt. Die Erde ist ja im ganzen in ihrem 
mineralischen Reiche bereits im Zerfall. - Der grofie Geologe Suefi 
driickt das in seinem Werk «Das Antlitz der Erde» aus, indem er 
sagt, wir gehen auf den auseinanderfallenden Schollen der Erde 
herum. Und er weist auf gewisse Gebiete dieser Erde hin, wo man 
das sehen kann, wie man bereits diese auseinanderfallenden Erd- 
schollen hat. Er weist darauf hin, wie das fruher anders war. Das, 
allerdings nicht aus Naturtatsachen, aber aus den moralischen Tat- 
sachen der Menschheitsentwickelung heraus meint die Weltanschau- 
ung und Lebensauffassung der ersten christlichen Jahrhunderte. 

Und tatsachlich, seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts leben wir 
noch mehr, als das fur Scotus Erigena der Fall war, in der ruhenden 
Gottheit darin, die da wartet, bis wir nun in unserer Aktivitat dazu 
kommen, die Imagination, die Inspiration zu erlangen, um die Welt 
um uns herum als eine geistige anzusehen, um zu erkennen, daft wir 
ja in der geistigen Welt sind, die die irdische abgestoften hat, daft 
wir nach dem Weltuntergang leben, daft wir angekommen sind bei 
dem neuen Jerusalem. 

Es ist in der Tat ein eigentumliches geistiges Schicksal der 



Menschheit, daft sie in der geistigen Welt lebt und es nicht weift und 
nicht wissen will. Alle Interpretationen, die darauf ausgehen, das 
wirkliche Christentum so darzustellen, als ob es verquickt ware mit 
irgendwelchen unvollstandigen Vorstellungen, wie von einem Welt- 
untergang, der doch nicht eingetreten ist und der nur symbolisch ge- 
meint sein soil und so weiter, alle diese Auslegungen sindein Nichts. 
Dasjenige, was da steht in den Schriften des Christentums, das mufi 
nur eben im richtigen Sinne verstanden werden, das mufi nur richtig 
aufgefaftt werden. Es mufi Klarheit herrschen dariiber, daft es sich 
handelt darum, daft allerdings die ersten christlichen Vorstellungen 
solche waren, daft man von einer Welt gesprochen hat, die schon 
anders war nach dem 4. nachchristlichen Jahrhunderte. 

Solche Lehren, wie sie in den ersten christlichen Jahrhunderten 
vorhanden waren, solche Lehren bewunderten die Weistumer des 
Heidentums, und die christlichen Kirchenvater versuchten diese zu 
verbinden mit dem Geheimnis von Golgatha. Man sah tatsachlich 
die Dinge so an, wie ich sie heute geschildert habe. Aber man 
glaubte nicht daran, daft die Menschen sie zunachst verstehen kon- 
nen. Daher konservierte man in Dogmen, die nur geglaubt werden 
sollen, die nicht verstanden werden sollen, die Geheimnisse der 
alten Zeit. Die Dogmen sind nicht etwa Aberglaube oder Unwahr- 
heit. Die Dogmen sind schon wahr, nur daft sie in der richtigen 
Weise verstanden werden miissen. Verstanden konnen sie aber nur 
werden, wenn durch dasjenige, was nun heraufgekommen ist mit 
dem Beginne des 15. Jahrhunderts, dieses Verstandnis gesucht wird. 

Sehen Sie, als Scotus Erigena noch lebte, da war der mensch- 
liche Verstand noch eine Kraft. Scotus Erigena empfand noch, daft 
der Engel in ihm erkennt. Er war immerhin bei den Besten noch eine 
Kraft, dieser menschliche Verstand. Seit der Mitte des 15. Jahr- 
hunderts haben wir ja nur noch den Schatten dieses Verstandes, 
dieses Intellektes. Wir entwickeln die Bewufttseinsseele seit der Mitte 
des 15. Jahrhunderts; aber wir haben noch den Schatten des Ver- 
standes. Wenn der Mensch heute seine Begriffe entwickelt, nun, er 
ist wahrhaftig weit genug entfernt von der Vorstellung, daft da ein 
Engel in ihm erkennt. Er denkt sich nun halt: Ich denke da etwas aus 



uber die Dinge, die ich erfahren habe. Er redet jedenfalls nicht 
davon, dafi da eigentlich ein geistiges Wesen vorhanden ist, das da 
erkennt, oder gar ein noch hoheres geistiges Wesen, das er ist durch 
sein Selbstbewulksein. Dasjenige, womit der Mensch heute die 
Dinge zu erkennen versucht, das ist der Schatten des Intellektes, wie 
er skh fur die Griechen, zum Beispiel fur Plato und Aristoteles, wie 
er sich selbst fur die Romer noch herausgebildet hat, wie er selbst 
noch lebendig war fur Scotus Erigena im 9 . nachchristlichen Jahr- 
hundert. 

Aber gerade das, meine lieben Freunde, dafi wir uns durch den 
Verstand nicht mehr zu beirren lassen brauchen, das kannuns weiter- 
helfen. Die Menschen laufen heute einem Schatten nach, dem 
Verstande in ihnen, dem Intellekt. Von dem lassen sie sich beirren, 
statt zu streben nach Imagination, nach Inspiration, nach Intuition, 
die nun wiederum in die geistige Welt, die eigentlich uns umgibt, 
hineinfuhren. Dafi der Verstand schattenhaft geworden ist, das ist ja 
gerade gut. Aber wir haben zunachst mit diesem schattenhaften 
Verstande die aufiere Naturwissenschaft gegriindet. Wir miissen von 
ihm aus weiterarbeiten, und Gott ist zur Ruhe gekommen, damit er 
uns arbeiten lasse. Der vierte Zustand ist heute vollends da. Der 
Mensch mufi sich nur dessen bewufit werden. Und ohne dafi er sich 
dessen bewufit wird, kann nichts welter sich bilden auf der Erde. 
Denn dasjenige, was die Erde als Erbstuck empfangen hat, das ist 
dahin, das ist untergegangen. Neues mufi gegriindet werden. 

Solch ein Mensch wie Spengler schaut auf die Triimmer, die da 
sind noch von den alten Zivilisationen. Sie sind ja auch geniigend 
zubereitet worden. Im9-, 10., 1 1 . Jahrhundert war Weltuntergangs- 
stimmung. Nachher kamen die Kreuzziige. Sie haben nichts eigent- 
lich gebracht, weil ja im Materiellen gesucht worden ist dasjenige, 
was im Geiste hatte gesucht werden sollen. Nun, da die Kreuzziige 
nichts gebracht hatten, kam den Menschen, man mochte sagen, 
zunachst wie eine Aushilfe, die Renaissance. Das Griechentum 
wurde wieder erschlossen, dasjenige, was heute unter den Menschen 
als Bildung verbreitet wird, das Griechentum war wieder da, es war 
aber zunachst nicht da als ein Neues. Das Neue war nur in bezug auf 



die aufiere Natur in mathematisch-mechanischen Vorstellungen da 
scit dem Beginn des 15. Jahrhunderts. Dafur aber waren da die 
Trummer des Altertums. Unseren jungen Leuten werden die Triim- 
mer des Altertums als Gymnasialbildung eingepfropft. Sie bilden 
dann die Grundlage der Zivilisation. Oswald Spengler hat diese 
Trummer der Renaissance angetroffen. Wie erratische Blocke 
schwimmen sie auf dem Meer, das weiteres erzeugen will. Aber 
schaut man nur hin auf diese Eisblocke, die da schwimmen, dann 
sieht man den Untergang. Denn dasjenige, was da aus dem Alten 
sich erhalten hat, ist in Untergangsstimmung, und niemand kann 
galvanisieren dasjenige, was unsere heutige Bildung ist. Die geht zu- 
grunde. Eine andere Zivilisation mufi aus dem Geistigenheraus durch 
Urschopfung geschaffen werden, denn der vierte Zustand ist da. 

So mufi Scotus Erigena verstanden werden, der sich seine Weis- 
heit - ich mochte sagen, fur ihn schon schwer verstandlich - aus der 
Irischen Insel heriibergebracht hatte, aus den Mysterien, die da auf 
der Irischen Insel gepflegt worden waren; das mufi man heute aus 
dem Scotus Erigena herauslesen. Und so spricht nicht nur dasjenige, 
was man aus der Geisteswissenschaft als Urerkenntnis haben kann, 
sondern so sprechen auch die Dokumente der alteren Zeiten, wenn 
man sie wirklich verstehen will, wenn man endlich loskommen will 
von dem Alexandrinismus der neueren philosophischen Wissen- 
schaft, welche sich Philologie nennt. Man mufi schon sagen, so wie 
diese Dinge getrieben werden heute, merkt man weder viel von 
Philologie noch von Philosophic Wenn man die Einpaukereien und 
die Examensordnungen in unseren Bildungsanstalten sich anschaut, 
dann ist von «Philo» aufierordentlich wenig vorhanden, das mufi 
schon aus einer anderen Ecke heraus kommen, aber wir brauchen es 
wiederum. 

Ich wollte Ihnen vorfuhren erstens die Gestalt des Scotus Erigena, 
zweitens aber wollte ich zeigen, wie man die Wege erst suchen mufi, 
um dasjenige, was verschiittet ist von der Urweisheit, in der richtigen 
Weise fassen zu konnen. Solche Tatsachen beachten ja die Menschen 
heute nicht, dafi im Johannes-Evangelium klar ausgesprochen ist: 
Der Logos ist das Schopferische, nicht der Vatergott. 



SIEBZEHNTER VORTRAG 
Dornach, 5. Juni 1921 

Wir haben im Laufe der letzten Tage durch das spezielle Beispiel der 
Personlichkeit des Johannes Scotus Erigena noch einmal hinweisen 
konnen auf jenen Wendepunkt, der in der abendlandischen Zivili- 
sation eingetreten ist um das 4. nachchristliche Jahrhundert. Und 
gerade in unserer Gegenwart, wo sich so viele Dinge wenden sollen, 
ist es aufierordentlich notwendig, sich klarzumachen, was eigentlich 
dazumal geschah mit der ganzen Seelenverfassung der Menschen. 
Denn es ist schon einmal so, dafi wir in der Gegenwart wiederum in 
einem aufierordentlich wichtigen Momente der Menschheitsent- 
wickelung leben, daft wir notig haben, gewissermaflen auf die 
Zeichen der Zeit, auf die Stimmen der geistigen Welt hinzuschauen 
und hinzuhorchen, damit wir aus dem Chaos der Gegenwart heraus 
einen Weg in die Zukunft finden konnen. 

In diesem 4. nachchristlichen Jahrhundert sind Veranderungen 
mit den Menschenseelen, die den fiihrenden Volkern und Volks- 
stammen angehorten, geschehen, wie sie eben durchaus in unserem 
Jahrhunderte sich zum Teil schon wieder angebahnt haben, zum 
Teil wieder geschehen werden. Und in Johannes Scotus Erigena hat 
sich uns eine Personlichkeit gezeigt, die in gewisser Weise unter den 
Nachwirkungen desjenigen gestanden hat, was noch vor dem 4. 
nachchristlichen Jahrhundert als menschlkhe Anschauung vorhan- 
den war. 

Nun wollen wir uns einmal andere Dinge vergegenwartigen, an 
denen man den Charakterumschwung auch sehen kann. Betrachten 
wir einmal von diesem Gesichtspunkte aus, soweit das, ich mochte 
sagen, in mehr aufierlicher Weise geschehen kann, die Entwickelung 
des Naturkundlichen, vor allem der Anschauungen des Menschen 
uber Gesundheit und Krankheit. Wir wollen damit zunachst inner- 
halb der geschichtlichen Zeit stehenbleiben und kommen dann, 
wenn wir uns fragen, wie sich die Ansichten liber die Natur, nament- 
lich die Natur des Menschen in Zusammenhang mit Gesundheit 



und Krankheit fur den Menschen selbst darstellen, in die altere 
agyptische Zeit zuriick. Dafi man iiberhaupt von einer Ahnlichkeit 
der Anschauungen mit den unsrigen sprechen kann in bezug auf die 
angedeutete Frage, ist eigentlich doch erst bei den alten Agyptern 
der Fall. Aber diese alten Agypter hatten dann namentlich iiber 
Gesundheit und Krankheit und deren naturliche Grundlagen ganz 
andere Anschauungen, als wir sie heute haben, weil sie den Zusam- 
menhang mit der Naturumgebung ganz anders dachten, als wir das 
heute denken. Der alte Agypter hatte im Grunde genommen gar 
nicht das voile Bewufitsein davon, dafi er von der Erde allmahlich 
abgesondert ist. Er stellte den eigenen Leib - und der Agypter sah ja 
zunachst auf dasjenige, was wir Leib nennen, beim Menschen hin 
er stellte den menschlichen Leib in inniger Verbindung mit den 
Kraften der Erde dar. Wir haben schon vorigen Freitag davon ge- 
sprochen, wie eine solche Vorstellung zustande kommt, dafi sich der 
Mensch mit der Erde gewissermafien leiblich innig verbunden denkt. 
Ich habe Sie auf die alten Krafte hingewiesen, um Ihnen das zu ver- 
anschaulichen. Aber der alte Agypter war sich ganz und gar klar 
dariiber, daft er sich doch in einer gewissen ahnlichen Beziehung 
zur Erde rechnen musse, wie, sagen wir, die Prlanzen zur Erde gerech- 
net werden mussen. Wie man in der Pflanze mehr oder weniger 
sichtbarlich die Safte oder wenigstens die Krafteverhaltnisse von 
der Erde in die Pflanze hineinverfolgen kann, so fiihlte man im al- 
ten Agypten im Menschen gewisse Krafte waken, die zu gleicher 
Zeit in der Erde walteten. Man rechnete den menschlichen Leib 
zur Erde. 

Man konnte das nur aus dem Grunde tun, weil man iiber die 
Erde eine ganz andere Anschauung hatte, als man iiber diese Erde 
heute hat. Die Erde sich so als einen mineralischen Korper vorzustel- 
len, wie wir das heute tun, das ware einem alten Agypter gar nicht 
eingefallen. Er stellte sich gewissermafien die Erde als ein grofies 
organisches Wesen vor, als ein Wesen, das zwar nicht ganz so organi- 
siert ist wie ein Tier oder wie ein Mensch, das aber doch in einer 
gewissen Beziehung ein Organismus ist, und er stellte sich vor unter 
den Gesteinsmassen der Erde etwas wie eine Art Knochensystem der 



Erde. Er stellte sich vor, dafl in der Erde Vorgange geschahen, die 
einfach sich in den menschlichen Leib hinein fortsetzten. 

Sehen Sie, der alte Agypter empfand ja etwas dabei, wenn er den 
menschlichen Leichnam, nachdem er abgelegt war von der Seele, 
mumifizierte, wenn er Mumien bildete, wenn er gewissermaften die 
Form des menschlichen Leibes erhalten wollte. Er sah gewissermafien 
in den formbildenden Kraften, die von der Erde ausgehen und 
einen menschlichen Leib plastisch gestalten, er sah in ihnen etwas 
wie den Willen der Erde, und er wollte, dafi dieser Wille der Erde 
dauernd zum Ausdrucke kommt. Er hatte iiber das Seelische An- 
schauungen, dieser Agypter, die dem heutigen Menschen wiederurn 
etwas feme liegen. Wir miissen sie heute einmal charakterisieren. 

Sehen Sie, wir miissen ja betonen, dafi wir, wenn wir zuriick- 
kommen in die alteren agyptischen Zeiten, aber namentlich in die 
urpersischen und in die urindischen Zeiten, dafi wir da weit ver- 
breitet finden aus der instinktiven alten Weisheit heraus die Lehre 
von der Reinkarnation, von der Wiederkehr der eigentlichen mensch- 
lichen Wesenheit in aufeinanderfolgenden Erdenleben. Aber wir 
tun Unrecht, wenn wir glauben, dafi etwa diese alten Menschen der 
Meinung gewesen waren, dasjenige, was uns heute als Seele bewufit 
ist, das ware dasjenige, was immer wiederkehrt. Gerade die agyp- 
tische Anschauung zeigt es uns, dafi diese Anschauung nicht so 
bestand, sondern wir miissen uns vorstellen, das Geistig- Seelische 
des Menschen lebt in geistigen Welten zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt. Wenn die Zeit heranriickt fur das Geistig- Seelische, 
wo es heruntersteigen soil auf die physische Erde, dann wirkt es von 
sich aus gestaltend dasjenige, was hervorgeht durch die Vererbung in 
den Generationen als menschlicher Leib. Aber wahrend des Lebens 
zwischen Geburt und Tod stellten sich diese alten Menschen nicht 
vor, daft dasjenige, was sie in ihrem Bewufksein tragen, die eigent- 
lich geistig-seelische Wesenheit sei, welche zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt lebt und dann zwischen der Geburt und dem 
Tode formt an dem menschlichen Leibe. Nein, sie stellten sich die 
Sache anders vor, diese alten Menschen. Sie sagten sich: Wenn ich 
im vollen Wachzustande bin vom Morgen bis zum Abend, weifi ich 



iiberhaupt nichts von den geistig-seelischen Angelegenheiten, die 
auch meine Angelegenheiten als Mensch sind. Ich mufi abwarten, 
bis mir im Halbschlaf oder, wie es ja in diesen alten Zeiten der Fall 
war, in dem von Bildern erfullten Schlafe mein eigenes wahres 
Wesen erscheint, welches an mir gebaut hat, als ich hereingetreten 
bin in das irdische Dasein durch die Geburt. 

Also der alte Mensch war sich bewuflt, er habe im eigentlichen 
Wachzustande gar nicht sein wirkliches Seelisches zu erleben, 
sondern er miisse dieses wirkliche Seelische wie ein Aufieres an- 
schauen als Bild, das ihn uberkommt, wenn er in die Ihnen ofter 
geschilderten traumhaft-hellseherischen Zustande iibergehe. Sein 
eigenes Wesen empfand der alte Mensch in einer gewissen Weise als 
etwas, das ihm wie ein Erzengel oder wie ein Engel erschien. Und 
dafi man in einer gewissen Weise dieses menschliche Innere im 
Wachzustande als zum Seelenhaften unmittelbar gehorend betrach- 
tete, das war eigentlich erst im alten Agypten der Fall. Aber wenn 
wir charakterisieren sollen, wie der alte Agypter sich das vorstellte, 
so miissen wir das Folgende sagen. 

Er dachte sich: Mein Geistig- Seelisches, das erscheint mir im 
Traumbilde, wie es ist zwischen Tod und neuer Geburt. Das baut 
sich seinen Leib auf. Wenn ich den Leib ansehe in seiner Form, dann 
sehe ich, wie dieses Geistig- Seelische als Kiinstler an dem Leibe 
gearbeitet hat. Ich habe eigentlich an meinem Leibe viel mehr ein en 
Ausdruck meines Geistig- Seelischen, als wenn ich in mein Inneres 
hineinschaue. Deshalb will ich auch diesen Leib konservieren. Des- 
halb soil er als Mumie in seiner Form erhalten bleiben, denn das- 
jenige, was zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt die Seele 
skh erbaut hat an diesem Leibe, das ist in dieser Form enthalten. 
Das erhalte ich, wenn ich den Leib konserviere und als Mumie das 
Bild festhalte, an dem Jahrhunderte das Geistig- Seelische gearbeitet 
hat. Dagegen von dem, was der Mensch im Wachzustande erlebte 
zwischen Geburt und Tod, sagte sich der Agypter: Das ist eigentlich 
etwas wie eine Flamme, das ist etwas, was entziindet wird in mir, 
aber das hat sehr wenig zu tun mit meinem eigentlichen Ich. Dieses 
Ich ist eigentlich etwas, was sich aufierhalb halt, mehr oder weniger 



aufterhalb meiner seelischen Erlebnisse im Wachzustande zwischen 
Geburt und Tod. Diese seelischen Erlebnisse im Wachzustande 
zwischen Geburt und Tod, sie sind eigentlich eine voriibergehende 
Flamme. Sie werden angefacht in meinem Leibe durch mein hoheres 
Seelisches; aber sie erloschen wiederum mit dem Tode, und dann 
erst leuchtet mein wahrhaft Geistig- Seelisches auf. Dann lebe ich in 
meinem Geistig- Seelischen bis zu der neuen Geburt. 

Es war schon so, daft der alte Agypter sich vorstellte, er komme 
im Leben zwischen der Geburt und dem Tode gar nicht so recht 
zum Erleben seines Seelischen. Er sah in diesem Seelischen gewisser- 
mafien etwas, was liber ihm stand, was sein zeitliches Seelisches an- 
fachte und auch wieder ausloschte, und was aus der Erde heraus den 
Erdenstaub nimmt, um den Leib zu formen; diese Form wollte er 
dann erhalten in der Mumie. 

Der alte Agypter legte auf das Seelische, das im Wachzustande 
zwischen Geburt und Tod sich erlebte, eigentlich keinen besonderen 
Wert, denn er sah iiber dieses Seelische hinaus auf ein ganz anderes 
Geistig- Seelisches, das Leiber immer wieder aufbaut, das dann die 
Zeit durchmacht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Und 
so sah er ein Wechselspiel der Krafte zwischen dem, was hoheres 
Menschliches ist, und der Erde. Er sah eigentlich auf die Erde hin; 
die Erde war ihm ja auch das Haus des Osiris. Er sah iiber dasjenige, 
was inneres Bewufitsein war, hinweg. 

Und darinnen besteht gerade die griechische Entwickelung, die 
im 8. vorchristlichen Jahrhunderte begann, daft der Mensch immer 
mehr und mehr Wert legte auf dieses zwischen Geburt und Tod 
auflebende Seelische, das der alte Agypter noch wie eine angefachte 
und ausloschende Flamme ansah. Dem Griechen wurde wert dieses 
Seelische. Nur hatte er noch ein Gefiihl, der Grieche, daft mit 
diesem Seelischen wirklich im Tode etwas wie ein Ausloschen ge- 
schieht. Daher das beriihmte griechische Wort, das ich ja ofter von 
diesem Gesichtspunkte aus schon charakterisiert habe: Lieber ein 
Bettler auf der Erde, als ein Konig im Reiche der Schatten. -Diesen 
Ausspruch machte der Grieche, indem er auf das Seelische sah. Ihm 
wurde das Seelische wichtig, wahrend es fur den Agypter noch 



weniger wichtig war. Und damit hing dann bei den Agyptern zu- 
sammen die Ansicht, die sie uber Gesundheit und Krankheithatten, 
dafi sie sich sagten, von dem eigentlich Geistig-Seelischen, das gar 
nicht recht hereinkommt in den bewuiken Menschen zwischen 
Geburt und Tod, von diesem Geistig-Seelischen wird der mensch- 
liche Leib aus dem Erdenelemente entnommen, aus dem Wasser der 
Erde, der Luft, aus dem Festen der Erde, aus der Warme der Erde. 
Da sich der alte Agypter so sagte, dafi dieser menschliche Leib aus 
der Erde gebildet wird, so hielt er darauf, diesen menschlichen Leib 
rein zu halten. Und in der BLiitezeit der agyptischen Kultur war 
daher das Reinhalten des Leibes etwas, was ganz besonders kultiviert 
wurde. Der Agypter hielt viel auf diesen Leib, und er sagte sich: 
Wenn der Leib krank wird, so ist in einer gewissen Weise sein Ver- 
haltnis zur Erde gestort, so setzt er sich nicht in das richtige Verhalt- 
nis zum Wasser der Erde namentlich, und es mufi dieses Verhaltnis 
zum Wasser der Erde hergestellt werden. In Agypten gab es daher 
ganze Scharen von Arzten, welche das Verhaltnis des Irdischen zum 
menschlichen Leibe studierten, und welche damit beschaftigt waren, 
die Gesundheit der Menschen zu erhalten und herzustellen, wenn 
sie gestort war, gerade durch die Anwendung von Wasserkuren, von 
Luftkuren. Spezialarzte waren in der Blutezeit der agyptischen Kul- 
tur schon tatig, und diese Tatigkeit der Arzte bezog sich ganz beson- 
ders darauf, den menschlichen Leib in das richtige Verhaltnis zu 
dem irdischen Elemente zu bringen. 

Das wurde dann, vom 8. vorchristlichenjahrhundert angefangen, 
namentlich fur die griechische Zivilisation anders. Da wurde das 
Seelische, das man bewufit erlebt, wirklich wichtig. Aber man sah 
dieses Seelische nicht mehr so in Verbindung mit der Erde wie der 
alte Agypter es gesehen hatte. Gewissermafien war schon fur den 
alten Agypter der menschliche Leib etwas Pflanzenhaftes, das aus 
der Erde herauswuchs. Fur den Griechen war das Geistig-Seelische 
dasjenige, was zusammenhielt die Elemente, und er kummerte sich 
mehr um dieses Zusammenhalten der im Leibe befindlichen Ele- 
mente durch das Geistig-Seelische des Menschen. Und daraus ent- 
standen dann die naturwissenschaftlichen Anschauungen des Grie- 



chentums, die wir insbesondere stark ausgepragt finden bei dem 
Zeitgenossen des Phidias, Sokrates, Platos: bei Hippokrates, dem 
beruhmten griechischen Arzt. Bei ihm, der im 4. vorchristlichen 
Jahrhunderte gelebt hat, sehen wir schon klar ausgebildet dieses 
Wichtighalten des menschlichen Seelischen, wie es seiner selbst be- 
wufit wird zwischen Geburt und Tod. 

Aber wir wiirden ganz fehlgehen, wenn wir glauben wollten, dafi 
in dem griechischen Bewufitsein dieses Geistig-Seelische so lebte, 
wie wir es heute im Bewufitsein haben. Bedenken Sie nur, wie arm 
eigentlich fur den heutigen Menschen, wie abstrakt arm fur den 
heutigen Menschen dasjenige ist, was er seine Seele nennt. Denken, 
Fuhlen, Wollen - es sind recht nebelhafte Gebilde, die sich der 
Mensch vorstellt, wenn er von Denken, Fuhlen, Wollen spricht. Es 
ist etwas, was gar nicht mehr inhaltsvoll auf den Menschen wirkt. Bei 
dem Griechen hat es inhaltsvoll gewirkt, weil er ein Bewulksein 
davon hatte, dafi dieses Geistig-Seelische eigentlich die Elemente 
des Leibes zusammenhalt, durcheinanderbrodeln macht. Er hatte 
gar nicht ein solches abstrakt Seelisches im Auge, wie der Mensch es 
heute hat , sondern er hatte im Auge ein recht vollinhaltliches Kraf- 
tesystem, das namenthch das flussige Element formt, das dem flus- 
sigen Element die Menschenform gibt. Der Agypter sagte sich: 
Diesem flussigen Element gibt das Geistig-Seelische, das von dem 
Tod zu einer neuen Geburt sich lebt, die Form. - Der Grieche sagte 
sich: Dasjenige, was ich bewufit erlebe, dieses Seelische, das gibt 
dem Wasser die Form, das ist dasjenige, was sein Bediirfnis nach 
Luft hat und was die Zirkulationsorgane dann einformt, was die 
Warmeverhaltnisse des Korpers bewirkt, und was auch Salz und 
sonstiges Irdische im Korper ablagert. - So stellte sich der Grieche 
die Seele eigentlich nicht getrennt vom Korper vor, sondern er stellte 
sie sich vor, wie sie den wasserigen Leib bildet, wie sie in dem Leib 
die Luft, das Ein- und Ausatmen macht, wie sie in dem Leib die 
Warmeverhaltnisse bewirkt, dieses Warm- und Kaltwerden des 
Leibes, dieses Atmen, dieses iiberhaupt Bewegen der Safte, dieses 
Durchsetzen der Safte mit den festen Bestandteilen, die ja nur etwa 
acht Prozent im menschlichen Leibe ausmachen - das stellte sich der 



Grieche in voller Lebendigkeit vor. Und insbesondere auch auf 
dieses Gestalten der Safte legte er einen grofien Wert. Er stellte sich 
vor, dafi auch in diesen Saften selbst, durch alles dasjenige, was in 
den vier Elementen Wasser, Erde, Luft und Warme wirkt, wiederum 
ein Vierf aches wirkt. Das stellte er sich zunachst vor, der Grieche. Im 
Winter raufi der Mensch sich gewissermafien abschliefien von der 
aufieren Welt, da kann er nicht mit der aufieren Welt in innigem 
Kontakt leben; da ist er auf sich selbst zuriickgewiesen. Wahrend 
des Winters macht sich insbesondere der Kopf mit seinen Saften gel- 
tend. Da ist es dasjenige in den Saften, was am meisten wasserahn- 
lich ist, was im Menschen innerlich wirkt. Mit anderen Worten ist 
das fur den Griechen dasjenige, was als Phlegma, als Schleim wirkt. 
Dieses Schleimige im menschlichen Organismus, das sah er, seelisch 
durchsetzt, namentlich im Winter wirksam. Dann kam der Fruhling 
und der Grieche fand: da macht sich das Blut in grofierer Regsamkeit 
geltend, da kommt das Blut in starkere Erregung als wahrend des 
Winters, da ist vorzugsweise sanguinische Zeit fur den Menschen; 
da ist es dasjenige, was in den Adern zum Herzen hin sich zentrali- 
siert, was im Menschen besonders als Saftebewegung tatig ist. Im 
Winter die schleimige Bewegung des Kopfes, weshalb der Mensch 
da auch zu allerlei Erkrankungen gerade der Schleimsafte neigt; im 
Fruhling die Blutbewegung in besonderer Erregung. 

Das alles stellte sich der Grieche so vor, dafi fur ihn die Stoffe 
nicht gesondert waren vom Seelischen. Es war gewissermafien ein 
halb Seelisches, das Blut, der Schleim, und ein halb Korperliches die 
Seele selbst in ihren Kraften, wie sie da die Safte bewegte. 

Kam dann der Sommer heran, stellte sich der Grieche vor, dafi 
die Gallentatigkeit insbesondere - er nannte sie gelbe Galle -, 
welche in der Leber ihren Mittelpunkt hat, in besondere Erregung 
kommt. Der Grieche hatte noch eine besondere Anschauung, wie 
das bei dem Menschen selber ist. Diese Anschauung haben ja die 
Menschen schon zum grofien Teil verloren, Sie sehen nicht mehr, 
wie sich die Haut verfarbt im Fruhling von dieser Bluterregung, sie 
sehen nicht mehr den eigentlichen gelben Schimmer, der von der 
Leber kommt, in welcher die gelbe Galle ihren Mittelpunkt hat. Der 



Grieche sah in dem, was sich da rosig farbte im Fruhling, gelblich im 
Sommer, in dem sah er eine Seelentatigkeit. 

Und wenn der Herbst kam, dann sagte er: Da sind insbesondere 
diejenigen Safte in Tatigkeit, die in der Milz ihren Mittelpunkt 
haben, die Safte der schwarzen Galle. Und so sah der Grieche im 
Menschen eine Saftebewegung, eine Saftewirkung unmittelbar unter 
dem Einfluft des Seelischen. Er nahm gewissermafien den mensch- 
lichen Leib gegeniiber den Agyptern aus dem Erdganzen heraus. 
Er betrachtete ihn fur sich selber. Er kam dadurch mehr zu dem In- 
nerseelischen des Menschen, wie es sich auftert zwischen Geburt 
und Tod. 

Aber als dann diese Zivilisation weiter vorrikkte, als nament- 
lich sich mehr geltend machte das westliche Element, das lateini- 
sche, das romische Element, da ging bis zu einem gewissen Grad 
verloren diese Anschauung, die wir besonders bei Hippokrates fin- 
den, der darauf seine Heilkunde basierte. Er sagte sich, das Geistig- 
Seelische des Menschen, wie es sich auftert zwischen Geburt und 
Tod, bewirkt so diese Mischungen und Entmischungen des Safte - 
systems; wenn das nun nicht so weit geht, wie es das Geistig-Seelische 
will, so ist die Krankheit da. Aber das Geistig-Seelische, das hat 
eigentlich immer das Bestreben, normal diesen Gang zu gestalten. 
Daher hat der Arzt die besondere Aufgabe, dieses Geistig-Seelische 
in seinem Krafteeinflusse auf die Saftewirkungen zu studieren und 
die Krankheit zu beobachten. Ist irgendwie die Bestrebung im 
menschlichen Leibe, die Saftemischung unnormal zu machen, dann 
greift das Seelische ein, greift ein bis zur Krisis, wo es auf der Kippe 
steht, ob das Leibliche oder das Seelisch-Geistige siege. Der Arzt 
mufi die Sache so wenden, daft es zu dieser Krisis kommt. Dann 
zeigt sich das an irgendeiner Stelle, daft heraus will, was schlechte 
Saftemischung ist. Dann muft man in der Krisis, die man eingeleitet 
hat, in der richtigen Weise eingreifen, entweder dadurch, daft man 
die Safte, die sich in dieser Weise zusammengezogen haben, und 
die nicht dulden den Einfluft von seiten des Geistig- Seelischen, daft 
man diese entweder durch Purgieren entfernt, oder durch Aderlaft 
im richtigen Moment herausbringt. 



Es war ein ganz besonderes, eben mit dieser Anschauung des 
Menschen zusammenhangendes Heilen des Hippokrates, und es ist 
interessant, wie da ein inniges Zusammendenken von Geistig-Seeli- 
schem, wie es sich aufiert zwischen Geburt und Tod, und dem Safte- 
system, als Anschauung da war. Aber das wurde anders, als dann das 
lateinisch-romische Element diese Entwickelung fortsetzte. 

Dieses romische Element, das hatte weniger Sinn fur das pla- 
stische Erfassen der Form, fur das plastische Erfassen der Safte- 
mischung. Bei einem Arzt wie Galen, der im 2. nachchristlichen 
Jahrhundert lebte, sieht man es schon ganz genau, ihm ist dieses 
Saftesystem, das Hippokrates eben gesehen hat, nicht mehr so durch- 
sichtig. Sehen Sie, man mufi sich das schon so vorstellen: Wenn 
Sie heute im chemischen Laboratorium eine Retorte sehen, unter der 
die Flamme ist und Sie sehen da das Produkt der Stoffe darinnen - 
so durchsichtig in der Wirkung des Geistig-Seelischen in den Saften 
des Leibes, so durchsichtig, sinnlich-ubersinnlich durchsichtig war 
fur Hippokrates dasjenige, was im Menschen vorging. Aber fur 
dieses Plastisch-Anschauliche hatten die Romer keinen Sinn mehr. 
Sie wendeten dasjenige, was als Geistig-Seelisches im Menschen 
lebte, nicht mehr nach dem Leibe hin, sondern nach dem Abstrak- 
ten, nach dem Geistigen. Aber nur so erfafiten sie es, wie eben das 
Geistig-Seelische zwischen Geburt und Tod dieses Geistige in sich 
erleben kann. So wie der Grieche hinschaut auf den Leib, wie er in 
der Saftemischung und Entmischung das Geistig-Seelische geschaut 
hat, wie fiir ihndie sinnliche Anschauung in ihrer Plastik das Wesent- 
liche war, so wurde fur den Romer dasjenige, als was der Mensch 
sich fuhlt, das Wesentliche: das seelische Sich-Fuhlen. Fiir den 
Griechen war es das Anschauen dessen, wie Phlegma, wie Blut, wie 
schwarze und gelbe Galle durcheinandergehen, wie diese im Men- 
schen gewissermaften der Ausdruck sind des Irdischen, von Luft, 
Feuer, Wasser, Erde, das, was man im Menschen als ein Kunst- 
werk anschaut. Wahrend der Agypter die Mumie anschaute, schaute 
der Grieche das lebendige Kunstwerk an. Bei dem Romer war kein 
Sinn da fur das, sondern fiir das Sich-auf-seine-Beine-Stellen, inner- 
lkhes Bewuiksein entwickeln, den Geist sprechen lassen, nicht den 



Leib anschauen, den Geist sprechen lassen aus dem Seelischen zwi- 
schen Geburt und Tod. 

Das aber ist verbunden damit, dafi bei den Agyptern in der 
Bliitezeit ihrer Kultur namendich vier Wissenszweige in der alten 
Form ganz besonders lebten, das waren die Geometrie, die Astro- 
logie, die Arithmetik und die Musik. Indem der Agypter auf das- 
jenige hinschaute, was gewissermafien als ein Uberirdisches aus der 
Erde heraus den Leib bildete, stellte er sich vor: Dieser Leib wird 
gebildet in seinen Raumesformen nach dem Gesetz der Geometrie; 
er steht unter dem Sterneneinflusse nach dem Gesetze der Astrolo- 
gie; er betatigt sich von innen heraus nach dem Gesetz der Arith- 
metik, und er ist innerlich harmonisch gebaut nach dem Gesetz der 
Musik, wobei das Musikalische nicht blofi das Tonlich-Musikalische 
ist, sondern uberhaupt das in Harmonien sich Auslebende. Im Men- 
schen selber, der da eine Wirkung der Erde war, in diesem Mumien- 
menschen sah der Agypter das Ergebnis von Geometrie, Astrologie, 
Arithmetik und Musik. Das trat fur den Griechen zuriick. Der 
Grieche setzte an die Stelle des, ich mochte sagen, Leblosen, Mu- 
mienhaften, das man begreifen kann durch Geometrie, Astrologie, 
Arithmetik und Musik, er setzte das lebendige, das seelisch-leben- 
dige, innerliche, plastisch Sich-Gestalten, kiinstlerische Sich-Formen 
des menschlichen Leibes. 

Daher sehen wir in einer gewissen Weise untergehen in der grie- 
chischen Kultur Geometrie, wie sie vorhanden war bei den Agyptern. 
Sie wird zur blofien Wissenschaft; sie ist nicht mehr Offenbarung. 
Ebenso verhalt es sich mit der Astrologie, ebenso mit der Arithmetik. 
Hochstens das innere Harmonische, das dem Lebendigen zugrunde 
liegt, bleibt noch in der griechischen Auffassung der Musik. 

Und als dann das Lateinische an die Stelle trat, da, wie gesagt, 
stellte sich der Romer sein Geistig-Seelisches vor, wie es ist zwischen 
Geburt und Tod, mit dem innerlichen Geistigen, aber so wie es sich 
ausdriickt jetzt nicht innerlich anschaubar, sondern innerlich erleb- 
bar, sich selber auf die Erde hinstellend durch Grammatik, durch 
Dialektik und durch Rhetorik. Daher glanzte auf in den Zeiten, in 
denen das Griechische iiberging in das Lateinische, Grammatik: das 



Sich-Darstellen des Menschen als Geist durch das Wort; Rhetorik: 
das Sich-Darstellen des Menschen durch das Schone des Wortes, 
durch das Formen des Wortes; Dialektik: das Sich-Darstellen der 
Seele durch das Formen des Gedankens. Und nur wie eine alte Erb- 
schaft zur Wissenschaft geworden war en noch Arithmetik, Geo- 
metric, Astrologie und Musik. Diese Dinge, die im alten Agypten 
sehr lebendig waren, die wurden abstrakte Wissenschaften. Dagegen 
lebendig wurde das, was an dem Menschen haftet: Grammatik, 
Rhetorik, Dialektik. Es ist ein grofier Unterschied zwischen dem, wie 
im alten Agypten der voreuklidischen Zeit ein Dreieck empfunden 
wurde, und dem, wie es spater, nach Euklid, empfunden wurde. 
Das abstrakte Dreieck, das haben die nicht so empfunden, wie es 
nachher empfunden wurde. Euklid bedeutet die Dekadenz der 
agyptischen Arithmetik und Geometric Da empfand man Welten- 
krafte, wenn man sich ein Dreieck vorstellte. Da war das Dreieck eine 
Wesenheit. Jetzt wurde das alles Wissenschaft. Und lebendig 
wurden Dialektik und Grammatik und Rhetorik. 

Und nun gestaltete es sich so, dafi die Schulen in der Weise ge- 
bildet wurden, dafi man sagte: Derjenige, der ein gebildeter Mensch 
werden will, der mufi das Geistige in dem vorausgehenden Geistig- 
Seelischen des eigenen Menschen ausbilden. Er mufi zunachst ab- 
solvieren als erste Stufe des gebildeten Unterrichts Grammatik, 
Rhetorik, Dialektik; dann dasjenige, was nur als Erbschaft da ist, 
was Gegenstand des hoheren Unterrichts bildete, aber was doch 
eben als Erbschaft, als Uberlieferung da ist: Geometrie, Astrologie, 
Arithmetik, Musik. Und das waren dann auch noch spater durch das 
ganze Mittelalter hindurch die sieben freien Kiinste: Grammatik, 
Rhetorik, Dialektik, Geometrie, Astrologie, Arithmetik und Musik. 
Dasjenige, was mehr hervortrat: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, 
dasjenige, was mehr im Hintergrunde war, was der alte Agypter 
noch lebendig erfafite, als er mit der Erde im Zusammenhang stand, 
das war damals das hohere Unterrichten, Gegenstand des hoheren 
Unterrichtens, und das war das Wesentliche, was sich ausbildet 
zwischen dem 8. vorchristlichen und dem 4. nachchristlichen Jahr- 
hundert. Schauen Sie noch auf Griechenland hin im 4. nachchrist- 



lichen Jahrhundert oder audi weiter hinaus im 3., im 5. Jahrhun- 
dert, schauen Sie hiniiber nach dem heutigen Italien, Sie finden 
iiberall, dafi da in der Hochblute steht dieses Wissen von dem 
Menschen als einem plastischen aufieren Kunstwerke, einem Er- 
gebnis des Geistig-Seelischen, einem Leben des Geistigen durch 
Dialektik, Rhetorik, Grammatik. So etwa ist Julian Apostata in der 
athenischen Philosophenschule gebildet worden. So sah er das Men- 
schenwesen an. 

In diese Zeit schlug hinein der Anfang des Christentums. Aber 
er schlug hinein, als das schon alles in gewissem Sinne im Abglim- 
men doch war. Im 4. Jahrhunderte war es jaauf seinernHohepunkte, 
und wir haben gesehen, wie schon bei Johannes Scotus Erigena nur 
eine Erbschaft davon vorhanden war. Es ist ja dasjenige, was da 
gelebt hat zum Beispiel im Griechen aus einer solchen Anschauung 
heraus, wie ich sie Ihnen charakterisiert habe, es ist ja das dann iiber- 
gegangen auf Plato, auf Aristoteles, die das philosophisch ausge- 
sprochen haben, Aber als das 4. nachchristliche Jahrhundert heran- 
riickte, verstand man immer weniger den Plato und den Aristoteles. 
Man konnte hochstens das Logische, das Abstrakte herubernehmen. 
Man lebte in Grammatik, in Rhetorik, in Dialektik. Arithmetik, 
Geometrie, Astrologie und Musik waren Wissenschaften geworden. 
Man lebte sich immer mehr und mehr schon herein in eine Art Ab- 
straktionselement, man lebte sich schon hinein in ein Element, wo 
dasjenige, was fruher lebendig war, nur wie eine Erbschaft noch da 
sein sollte. Und als die Jahrhunderte weitergingen, da wurde es im- 
mer mehr Erbschaft. Diejenigen, die dann sich innerhalb der latei- 
nischen Sprache ausbildeten, sie behielten zuriick, ich mochte 
sagen, mehr oder weniger verknochert, Grammatik, Rhetorik, Dia- 
lektik, wahrend vorher der Mensch gelacht hatte dariiber, wenn man 
ihn gefragt hatte, ob denn dasjenige, was er denkt, auf etwas Reales 
hinweist; er wiirde gelacht haben, denn er sagte: Ich treibe ja Dia- 
lektik, ich treibe doch nicht die Kunst der Begriffe, um irgend etwas 
Irreales zu treiben. Da lebt doch in mir die geistige Realitat. Indem 
ich Grammatik treibe, spricht in mir der Logos. Indem ich Rhetorik 
treibe, ist es die Weitensonne, die in mich hereinwirkt. - Das Be- 



wufksein, so zusammenzuhangen mit der Welt, das ging immer 
mehr und mehr verloren. Die Dinge wurden abstrakte Seelenerleb- 
nisse, wie sie es ja schon vollends sind bei Johannes Scotus Erigena. 
Und dasjenige, was erhalten geblieben war aus den alteren Zeiten - 
der Plato, Aristoteles sie wurden eben nur mehr oder weniger 
noch logisch aufgefalk. Man fand nicht das Lebendige in ihnen. 

Und als nun der Kaiser Konstantin das Romische zum Herr- 
schenden machte unter dem Vorwande, dafi er das Christentum 
zum Herrschenden machen wollte, da wurde vollends alles abstrakt, 
da wurde es so abstrakt, dafi man verstummte, wie der in der athe- 
nischen Philosophenschule gebildete Julian der Apostat, der mit 
blutendem Herzen hinschaute auf dasjenige, was Konstantin an- 
gerichtet hatte an Verknocherung der Begriffe, Verknocherung des 
alten Lebendigen; und er, der Julian Apostata, nahm sich vor, dieses 
Leben zu erhalten, das ihm noch erschienen ist in den athenischen 
Philosophenschulen . 

Aber von jenem Byzanz und von jenem Konstantinopel aus, 
das von Konstantin begriindet ist, herrschte spater Justinian, der 
die letzten Reste dieser athenischen Philosophenschulen, wo noch 
ein Nachklangwar lebendigen Menschenwissens, aufgehoben hat, so 
dafi die sieben weisen Athener - Athener waren sie nicht, sie waren 
eigentlich ganz international, Damasker, Syrier und andere, sie 
waren aus aller Welt hier zusammen -, die sieben weisen Manner 
fliehen mufiten auf das Gebot des Justinian. Sie fluchteten hinuber 
nach Asien zum Konig der Perser, wohin sich vorher schon Philoso- 
phen fliichten mufiten, als Zeno der Isaurier eine ahnliche Akademie 
aufgelost hatte. Und wir sehen, wie in Asien driiben Zuflucht sucht 
dasjenige, was in Europa, namentlich in seinem Besten nicht mehr 
verstanden werden konnte: das lebendige Erleben, wie es im Grie- 
chentum war. 

Dasjenige, was als Griechentum dann spater in Europa tradiert 
worden ist, das ist ja nur der Schatten des Griechentums. Goethe hat 
ihn auf sich wirken lassen und hat selber als ein vollebendiger Mensch 
eine solche Sehnsucht bekommen, dafi er hatte herausfahren wollen 
aus dem, was ihm da als der Schatten des Griechentums dargeboten 



worden ist. Er ging hinunter nach dem Suden, um wenigstens die 
Nachklange noch erleben zu konnen. 

Und driiben in Asien, da empfingen die Leute, die dazu fahig 
waren, dasjenige, was ihnen hinubergebracht war von Plato und 
Aristoteles. Und da kam es dann dazu, dafi, als das 6. Jahrhundert 
herangerikkt war, man aus asiatisch-arabischem Geiste heraus den 
Aristoteles iibersetzt hatte. Da hatte der Aristoteles eine andere 
Gestalt bekommen. 

Was war da eigentlich versucht worden? Es war versucht worden, 
dasjenige, was der Grieche erlebt hatte als den Zusammenhang 
zwischen dem Geistig-Seelischen und dem Saftesystem des Leibes in 
voller geistig-seelisch-leiblicher Plastizitat und Gestaltungskraft, was 
der Grieche so gesehen hatte, dahin hinaufzuheben, wo die Ichheit 
voll erfafit werden konnte. Und dadurch entstand dann jene arabi- 
sierende Wissenschaft, welche besonders gepflegt wurde in der Aka- 
demie von Gondishapur und in der ganzen niedergehenden Zeit des 
4. nachatlantischen Zeitraums, und die auch durch Avicenna, durch 
Averroes herubergebracht worden ist in den spateren Jahrhunderten 
iiber Spanien nach Europa, und die dann auf solche Leute wie Roger 
Bacon und so weiter einen grofien Einflufi ausgeiibt hat. Aber es war 
ein vollig neues Element, was in einer Weise, die nicht bestehen 
konnte, die Akademie von Gondishapur der Menschheit geben 
wollte auf dem Umwege durch die Ubersetzung des Aristoteles und 
durch gewisse Mysterienweisheiten, die aber dann Wege genommen 
haben, von denen wir ein andermal sprechen wollen. Und was dann 
durch Avicenna, durch Averroes herubergebracht worden ist, es war 
das Ringen um dasjenige, was dann vom Beginn des 15. Jahrhun- 
derts an in die Zivilisation der Menschheit eintreten sollte; es war das 
Ringen um die Bewufitseinsseele, denn die Griechen haben es nur 
bis zur Verstandes- oder Gemutsseele gebracht. Und dasjenige, was 
dann Avicenna und Averroes herubergebracht haben, was gewisser- 
mafien der Aristoteles in Asien geworden war, das ringt mit dem 
Verstandnis des menschlichen Ich, das auf eine ganz andere Art - ich 
habe es in den offentlichen Vortragen hier wahrend des Kurses dar- 
gestellt -, durch die germanischen Volkerschaften von unten nach 



oben sich durchzuringen hat. In Asien driiben wurde es als eine 
Mysterienweishek wie eine Offenbarung von oben empfangen und 
es entstand jene Ansicht, welche in Europa so lange so schwerwie- 
gende Disputationen hervorgerufen hat: dafi das Ich des Menschen 
eigentlkh nicht eine selbstandige Wesenheit ist, sondern dafi es im 
Grunde genommen mit dem gottlichen Allsein vereinigt ist. Das Ich 
wollte man ergreifen. Das Ich sollte sein in dem, was der Grieche 
angeschaut hat als leiblich-seelisch-geistige Wesenheit. 

Aber man konnte den Einklang nicht finden zwischen dem und 
nun auch noch dem Ich. Daher bei Avicenna die Votstellung: Das- 
jenige, was individuelle Seele ist, entsteht mit der Geburt, es endet 
mit dem Tode. Der Grieche hatte ja, wie wir sahen, damitgerungen. 
Der Agypter stellte es sich iiberhaupt so vor, dafi es mit der Geburt 
aufglimmt, mit dem Tode erlischt. Mit dieser Vorstellung rang man 
noch immer, wenn man das eigentliche Seelische zwischen Geburt 
und Tod, das wahre Seelische ansah. Aber das Ich konnte nicht in 
dieser Weise verganglich sein. Daher sagte sich Avicenna: das Ich ist 
eigentlkh in alien Menschen eines nur, und es ist im Grunde der 
eine Strahl der Gottheit, und es geht wiederum in die Gottheit 
zuruck, wenn der Mensch stirbt. Es ist real, aber es ist nicht indi- 
viduell-real. Ein pneumatischer Pantheismus entstand, als ob das Ich 
keine Selbstandigkeit hatte, sondern als ob das Ich gewissermafien 
nur ein Strahl der Gottheit sei, der hineinstrahlt zwischen Geburt 
und Tod in dasjenige, was der Grieche als geistig-seelisch angesehen 
hat. Gewissermafien wird das vergangliche Seelische des Menschen 
durch den Strahl der Gottheit mit dem Ewigen durchseelt zwischen 
Geburt und Tod. So dachte man sich das. 

Das ist etwas von dem, was Ihnen zeigt, wie da rang die Zeit mit 
dem Hereinkommen des Ich, des Bewufitseins vom Ich, der Bewufit- 
seinsseele. Sehen Sie, das ist es, was sich zugetragen hat in dem Zeit- 
raume zwischen dem 8. vorchristlichen und dem 1 5 . nachchristlichen 
Jahrhundert, wovon die Mitte das 4. nachchristliche Jahrhundert 
war. Da waren die Menschen hineingestellt in die Ablosung des 
Konkreten, das noch ganz gelebt hat in der Saftemischung und Ent- 
mischung, das im leiblichen Wesen das Seelische geschaut hat, in 



dem Ablosen dieses plastischen Elementes durch ein nur Abstraktes, 
durch ein mehr Auf-das-Innere-Gerichtetes. Man kann schon sagen: 
bis zum 4. nachchristlichen Jahrhundert hat im Romertum noch das 
Griechentum geherrscht. Eigentlich wurde das Romertum erst herr- 
schend, als es schon untergegangen war. Es war in gewissem Sinne 
dazu pradestiniert, in seinem Toten erst zu wirken, in seiner toten 
lateinischen Sprache, in der es dann vorbereitet hatte dasjenige, was 
hereinkam in die menschliche Entwickelung im 15. Jahrhundert. 
Man rnufi den Gang der Zivilisation in dieser Weise ansehen. Denn 
jetzt stehen wir ja wieder davor, dafi wir uns den Weg suchen sollen 
zum Wissen des Hereinkommens von geistigen Offenbarungen aus 
hoheren Weken. Wir miissen lernen wiederum zu ringen, wie dazu- 
mal gerungen worden ist. 

Nun mufi man sich eben klar sein dariiber: dasjenige, was wir in 
der Naturwissenschaft haben, das haben wir auf dem Umwege durch 
die Araber bekommen, und wir miissen hinaufheben dasjenige, was 
wir durch die Naturwissenschaften bekommen haben, zur Imagina- 
tion, Inspiration und Intuition. Wir miissen gewissermafien aber 
auch unsere Kraft stahlen an der Beobachtung desjenigen, was ver- 
gangen ist, damit wir sie haben zum Erringen dessen, was wir 
brauchen fur die Zukunft. Das ist die Aufgabe anthroposophischer 
Geisteswissenschaft. An das miissen wir immer von neuem uns erin- 
nern, meine lieben Freunde, und wir sollen ganz anschauliche Vor- 
stellungen bekommen von dem, wie ein Grieche ganz anders von 
dem Seelischen und von dem Leiblichen dachte. Ihm ware es lacher- 
lich erschienen, wenn man ihm zweiundsiebzig oder sechsundsiebzig 
chemische Elemente aufgezahlt hatte. Er sah das lebendige Wirken 
von den Elementen draufien, von den Saften drinnen. 

Der Mensch lebt mit in den Elementen. Der Mensch lebt schon 
mit seinem Leibe, insofern der Leib von Seele durchdrungen ist, in 
den vier Elementen, von denen der Grieche sprach, und man ist 
dazu gekommen, den Menschen zu verlieren, weil man ihn nicht 
mehr so ansehen kann, weil man hinschaut auf dasjenige, was die 
Chemie an abstrakten Elementen heute liefert. 



HINWEISE 



Die in diescm Bande veroffentlichten Vortrage vom 2. bis 17. April 1921 fielen zeitlich zu- 
sammen mit dem Zweiten anthroposophischen Hochschulkurs am Goetheanum: Anthro- 
posophie und Fachwissenschaften, fiinf Vortrage vom 3. bis 10. April 1921, in «Die befruch- 
tende Wirkung der AnthroposophieaufdieFachwissenschaften», Bibl.-Nr. 76, Gesamtausgabe 
Dornach 1977, und mit dem zweiten Kurs fur Arzte und Medizinstudierende, neun Vortrage 
vom 11. bis 18. April 1921, «Geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte zur Therapie», Bibl.- 
Nr. 313, Gesamtausgabe Dornach 1963. Der bier abgedruckte Vortrag vom 9- April wendet 
sich auch an die Teilnehmer des zweiten Hochschulkurses. 

Textunterlage: Die von Rudolf Steiner frei gehaltenen Vortrage wurden von der offi- 
ziellen Stenographin Helene Finckh (1883-1960), die seit 1917 fast alle Dornacher und viele 
auswartige Vortrage Rudolf Steiners mitstenographierte, stenographisch aufgenommen und in 
Klartext ubertragen. Eine Oberpriifung des Textes anhand der noch vorhandenen Original- 
Stenogramme wurde nur fur einzelne Stellen vorgenommen. 

Werke Rudolf Steiners, welche in der Gesamtausgabe (GA) erschienen sind, werden in den 
Hinweisen mit Bibliographic -Nummer und Erscheinungsjahr der letzten Auflage angegeben. 
Siehe auch die Ubersicht am Schlufi des Bandes. 

Folgende Vortrage wurden in Zeitschriften veroffentlicht: 

2. April 1921: «Nachrichtenblatt» 1933, 10. Jg. Nrn. 34, 35; 

«Gegenwart» (Bern) 1947/48, 9- Jg. Nr. 11. 

3. April 1921: «NachrichtenbIatt» 1933, 10. Jg. Nrn. 36-38; 

«Gegenwart» 1947/48, 9- Jg. Nr. 12. 
9. April 1921: «Das Goetheanum» 1934, 13. Jg. Nrn. 32, 33; 

«Gegenwart» 1947/48, 9- Jg. Nr. 8. 
15. April 1921: «Das Goetheanum» 1930, 9. Jg. Nrn. 6-8. 
5. Mai 1921: «Nachrichtenblatt» 1933, 10. Jg. Nrn. 20-25. 
13. Mai 1921: «Individualitat» (Dornach) 1927, 2. Jg. Nrn. 5, 6 (gekiirzt); 

«Das Goetheanum* 1932, 11. Jg. Nrn. 16-20 (vollstandig). 
5. Juni 1921: «Das Goetheanum* 1930, 9.Jg. Nrn. 17, 18. 

zu Seite: 

17 «Geheimwissenschaft»: Siehe Rudolf Steiner, «Die Geheimwissenschaft im Umrift», 
1910, Bibl.-Nr. 13, GA 1977. 

22 Stuttgarter Vortrag: Siehe Vortrag vom 21. Marz 1921, in «Naturbeobachtung, Mathe- 
matik, wissenschaftliches Experiment und Erkenntnisergebnisse vom Gesichtspunkte 
der Anthroposophie», Bibl.-Nr. 324, GA 1972, S. 80 ff. Dort findet sich die Schil- 
derung etwas ausfiihrlicher, auch beziiglich der sich ergebenden Folgerungen. 

Versammlung des Berliner Giordano-Bruno-Vereins: Datum und Titel dieses Vortrags 
sind nicht nachweisbar. Zum«Giordano-Bruno-Bundfiireinheitliche Weltanschauung* 
siehe Rudolf Steiner, «Mein Lebensgang», Kap. XXIX, Bibl.-Nr. 28, GA 1962. 

Johann Friedrich Herbart, 1776-1841, deutscher Philosoph, Psychologe und Padagoge. 

29 Moriz Benedikt, 1835-1920, Kriminalpsychologe. Siehe M. Benedikt, «Aus meinem 
Leben». Erinnerungen und Erorterungen, Wien 1906, III. Band, S. 315:«Inmittenjener 
Aufregungen [Kampf mit der Wiener Fakultat um eine akademische Arbeitsstatte zur 
Griindung einer Schule fur Nervenpathologie] yerfafite ich innerhalb 22 Nachten von 



22 Tagen, in denen ich nicht eine Sekunde schlief, die Breslauer Rede [fiir die Natur- 
forscherversammlung 1874] <2ur Psychophysik der Morah, und zwar ohne Konzept, 
im Zimmer auf und ab schreitend. Als am Vortage des Vortrages der Redakteur def 
<Schlesischen Zeitung> das Konzept fiir sein Blatt und die <Neue Presse> verlangte, 
diktierte ich es ihm stenographisch so wortgetreu, dafi Stenogramm und Rede absolut 
aufs Wort stimmten». 

33 Kursusveranstaltungen: Vortrage des Zweiten Hochschulkurses; siehe Einleitung zu 
den Hinweisen. 

34 «Dreig/iederung des menschlichen Organismus»: Zuerst in Rudolf Steiner, «VonSeelen- 
ratsein», 1917, Bibl.-Nr. 21, GA 1976. 

36, 42 f. Imagination, Inspiration, Intuition: Siehe Rudolf Steiner, «Die Geheimwissen- 
schaft im UmriS», das Kapitel «Die Erkenntnis der hoheren Welten». 

48 die Freunde. . . , die hierher gekommen sind: Teilnehmer des Zweiten Hochschulkurses. 

51 Anaxagoras, um 500-428 v.Chr., griechischer Philosoph. Siehe Rudolf Steiner, «Die 
Ratsel der Philosophic in ihrer Geschichte als Umrifi dargestellt», 1914, Bibl.-Nr. 18, 
GA 1968 (Register). 

53 Herrn von Gleich: Der Generalmajor a.D. Gerold von Gleich trat 1921/22 mit Vor- 
tragen, die auch als Broschiiren erschienen und eine Fulle von Unwahrheiten und 
Veidrehungen enthieken, als Gegner Rudolf Steiners auf. 

54 Origenes, um 185-254, griechischer Kirchenschriftsteller. Vgl. auch den Vortrag vom 
2. Juni 1921, in diesem Band S. 254ff., sowie den Hinweis dort. 

57 Scotus Erigena, um 810-877, schottischer Philosoph am Hofe Karls des Kahlen in Paris. 
Siehe Rudolf Steiner, «Die Ratsel der Philosophies 1914, Bibl.-Nr. 18, GA 1968. 

was in der Schrift des Scotus «De divisione naturae*. Siehe die ausfuhrliche Aus- 
einandersetzung mit diesem Werk in den Vortragen vom 2. und 3. Juni 1921 in die- 
sem Band. 

58 einer der geschdtztesten Theologen: Um welchen Theologen es sich handelt, konnte 
bisher nicht festgestellt werden. Zu jener Zeit waren unter den Theologen zahlreiche 
aktive Gegner Rudolf Steiners. Vgl. Louis M. Werbeck, «Eine Gegnerschaft ais Kultur- 
Verfallerscheinung», zwei Bande, Stuttgart 1924, 1. Band «Die christlichen Gegner*. 

61 Aurelius Augustinus, 354-430, Kirchenvater, Philosoph. Siehe iiber ihn z.B. Rudolf 
Steiner, «Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums», 
1902, Bibl.-Nr. 8, GA 1976 (Register). 

70 Arianismus: Lehren des Presbyters Arius in Alexandria (gest. 336 n.Chr.), der die 
Wesensgleichheit Christi mit Gottvater ablehnte. 

Ulfilas-Bibel: Ulfilas (germanisch Wulfila), 311-383, Missionar der Westgoten im 
Balkan und Begriinder des arianisch-germanischen Christentums, der die Bibel ins 
Gotische iibersetzte. 

71/72 Dionysius der Areopagite: Mkglied des Areopags in Athen. Von Paulus bekehrt 
(Apostelgeschichte 17, 34). Vgl. auch den Vortrag vom 2. Juni 1921, in diesem Band 
S.254 ff. 



72 Konstantin der Grofie, 286 oder 287-337, rdmischer Kaiser von 306-337, unter dem 
das Christentum Staatsreligion wurde (324). 

Justinian L, 483-565, ostromischer Kaiser seit 527. Erbauer der Hagia Sophia in 
Konstantinopel. 529 schloft er die platonische Akademie von Athen. 

74 Basilius Valentinus, geb. um 1394, Alchimist des 15. Jahrhunderts. Seine Schriften: 
Chymische Schriften alle, soviel deren vorhanden, anitzo, zum ersten Mahl zusammen- 
gedruckt (hrsg. von W.S. Lange), Hamburg 1677. 

75 Theophrastus Bombastus Paracelsus von Hohenheim, 1493-1541. Uber den groflen 
Schweizer Arzt und Philosophen siehe: Rudolf Steiner, «Die Mystik im Aufgange des 
neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhaltnis zur modernen Weltanschauung* , 1901, 
Bibl.-Nr. 7, GA I960. 

Jakob Bohme, 1575-1624. Zur Mystik des GorlitzerSchuhmachermeisters siehe ebenda. 

81 Stoizismus: Philosophic und Geisteshaltung der Stoa (begriindet um 300 v. Chr. durch 
Zeno). - Epikuraismus: Lehre Epikurs in der von ihm begriindeten Philosophen- 
schule in Athen (306 v. Chr.) 

Beide philosophischen Richtungen sind hauptsachlich auf die Lebenspraxis gerichtet 
und suchen in ihr die «Gluckseligkeit»; verstanden wird diese in einem verniinftigen, 
mafivollen Streben nach Selbstbeherrschung und Vergeistigung, ohne dieNaturlichkeit 
zu negieren. (Die Ausschweifungen der Epikuraer gehoren einer spateren Zeit an.) 

Krankwerden und Absterben des alten Griechenvolkes: Uber die Grunde dieser Ent- 
wicklung siehe auch: Rudolf Steiner, «Die Mission einzelner Volksseelen im Zu- 
sammenhange mit der germanisch-nordischen Mythologies Bibl.-Nr. 121, GA 1962, 
Vortrag vom 12.Juni 19 10. 

Besserein Bettlerzu sein in der sinnlichen Welt...: Homer, Odyssee XI. Gesang, Vers 
490/91. Die Seele des Achill, durch Totenopfer aus dem Hades heraufbeschworen, 
spricht diese Worte zu Odysseus. 

82 Nietzsche hat richtig gefiihlt: Siehe Friedrich Nietzsche, «Die Philosophic imtragischen 
Zeitalter der Griechen» (1874; Fragment aus dem Nachlafi veroffentlicht). 

Thales von Milet, um 625-545 v. Chr. 

Anaxagoras: Siehe Hinweis zu S. 51. 

Heraklit aus Ephesus, um 535-475 v. Chr. 

Vorsokratische Denker; die von ihnen erhaltenen Bruchstiicke sind zuganglich durch: 
Hermann Diels und Walther Kranz, Die Fragrnente der Vorsokratiker, 12. Auflage 
1966. 

Rudolf Steiner, «Die Ratsel der Philosophic, in ihrer Geschichte als UmriJS dargestellu, 
2 Teile (1914), Bibl.-Nr. 18, GA 1968. 

86 Titurel: Der Begriinder des Gralsgeschlechtes (Grofivater der Herzeloide, Urgrofivater 
Parzivals), der in 30 Jahren den Gralstempel errichtete. Siehe Albrecht von Scharffen- 
berg, der um 1270/80 den «Jungeren Titurel» dichtete in Fortfuhrung Wolframs 
von Eschenbach. 

89 Wolfram von Eschenbach, um 1170-1220, mittelalterlicher Epiker, Dichter des Vers- 
romans «Parzival» (1210), sowie des «Willehalm» und eines Fragmentes «Titurel». 



89 Gottfried von Bouillon, um 1060-1100, Fuhrer des ersten Kreuzzuges 1096. 

Petervon Amiens, urn 1050-1115, Augustinerprior, der durch Frankreich zog und zum 
Kreuzzug aufricf; er schlofi sich spater Gottfried von Bouillon an. 

92 so Ziehen jetzt Ansammlungen des jildischen Volkes nach Jerusalem: Vgl. Rudolf 
Steiner, «Die Sehnsucht der Juden nach Palastina», 1897, in «Gesammelte Aufsatze zur 
Kulturgeschichte 1887-1901», Bibl.-Nr. 31, GA 1966, S. 196-201. 

Ich habe es erwahnt in meiner «Geheimwissenschaft»: Kapitel VI: «Gegenwart und 
Zukunft der Welt- und Menschheitsentwicklung»: «Man kanndas <verborgene Wissen> , 
welches von dieser Seite [der des Einfliefiens der Erkenntnisse neuzeitlichen ubersinn- 
Hchen Bewufkseins] die Menschheit ergreift und immer mehr ergreifen wird, nach 
einem Symbol die Erkenntnis vom <Gral> nennen. Wer dieses Symbol, wie es in der 
Erzahlung und Sage gegeben ist, seiner tieferen Bedeutung nach verstehen lernt, wird 
namlich finden, daft es bedeutungsvoll das Wesen dessen versinnlicht, was oben die 
Erkenntnis der neuen Einweihung, mit dem Christusgeheimnis in der Mitte, genannt 
worden ist. Die neuzeitlichen Eingeweihten konnen deshalb auch die <Eingeweihten 
des Grales> genannt werden. Zu der <Wissenschaft vom Gral> fiihrt der <Weg in die 
iibersinnlichen Welten>, welcher in diesem Buche in seinen ersten Stufen beschrieben 
worden ist.» 

98 «Heliand» ( = Heiland): Altsachsische Evangeliendichtung, entstanden um 830. 

101 Der «.schlichte Mann aus Nazarethv: So gepragt konnte der Ausdruck nicht nach- 
gewiesen werden; er fafit aber die Gesamttendenz der Jesusdarstellungen am Ende des 
19. und Beginn des 20. Jahrhunderts zusammen. 

Wladimir Solowjow, 1853-1900, russischer Philosoph und Dichter. 

107 Waldorf schule: Die «Freie Waldorfschule», gegrundet im Friihjahr 19 19 in Stuttgart als 
ernheitliche Volks- und hohere Schule unter der Leitung von Rudolf Steiner, der auch 
die an ihr wirkenden Lehrkrafte berufen und ihnen die vorbereitendenseminaristischen 
Kurse erteilt hat. Heute bestehen annahernd 200 Waldorf- bzw. Rudolf Steiner-Schulen 
in zahlreichen Landern. 

Bau: Das erste «Goetheanum», ein von Rudolf Steiner geschaffener kiinstlerischer Holz- 
bau, der in der Neujahrsnacht 1922/23 durch Brandstiftung ein Opfer der Flammen 
wurde. - Nach dem von Rudolf Steiner (fl925) noch plastizierten Modell ist dann ein 
neuer Bau in Beton und diesem Material entsprechenden Formen als zweites Goethe- 
anum an derselben Stelle errichtet worden. 

108 Vortrag des Herrn von Gleich: Gerold von Gleich beendete seinen Vortrag vom 6. April 
1921 in der Liederhalle in Stuttgart mit der Verszeile «Das Reich muftuns dochbleiben» 
aus dem Liede «Ein feste Burg ist unser Gott. . .». Der Jesuit Sorel hatte am Tag zuvor in 
der Nikolauskirche den Besuch des Vortrages mit dem Hinweis anbefohlen, durch den 
Besuch dieses Vortrages sei den Katholiken Gelegenheit geboten, ihren Glauben 
offentlich zu bekennen (vgl. die Wochenschrift «Dreigliederung des sozialen Orga- 
nismus», Stuttgart 2. Jg. 12. April 1921). 

110 Verzicht geleistet wird auf einen ... europaischen Willen: Es handelt sich um ein Er- 
suchen der deutschen Regierung an den Prasidenten der Vereinigten Staaten von Ame- 
rika, «in der Reparationsfrage die Vermittlung zu ubernehmen und die Summe festzu- 
stellen, die Deutschland an die alliierten Machte zu zahlen hat» und gleichzeitig um 
«die dringende Bitte, die Zustimmung der Alliierten zu einer solchen Vermittlung 



herbeizufiihren. Dabei erklaren sie (die Unterzeichneten) feicrlich, dafi die deutsche 
Regierung ohne Einschrankung oder Vorbehalte bereit und willens ist, den Alliierten 
Machten diejenige Summe als Reparation zu zahlen, die der Prasident def Vereinigten 
Staaten nach eingehender Untersuchung recht und billig befinden sollte...» (Mel- 
dung der Agentur Wolf vom 22. April 1921, Nationalzeitung Basel vom 22. April 
1921, Abendblatt.) 

110 anatomisch-physiologisch beschrieben werden kann: Siehe den Vortrag vom 2. April 
in diesem Band. 

111 Friedrich Nietzsche, 1844- 1900. Siehe Rudolf Steiner, «Friedrich Nietzsche, Ein Kamp- 
fer gegen seine Zeit», 1895, Bibl.-Nr. 5, GA 1963. 

112 Aschylos, 525-456, Sophokles, 496-406: Die ersten beiden groflen Tragodiendichter 
der griechischen Bliitezeit. 

113 Sokrates, 470-399, griechischer Philosoph, Lehrer Platos und der Hauptgesprachs- 
partner in dessen Dialogen. 

114 Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf, 1848-1931, Professor der klassischenPhilologie, 
zuletzt in Berlin, schrieb: «Zukunftsphilologie. Eine Erwiderung auf Friedrich Nietz- 
sches <Geburt der Trag6die>», Berlin 1872. 

«Unzeitgemaj3e Betrachtungem: Von Friedrich Nietzsche, geschrieben 1873-1876. 
I. David Straufi, der Bekenner und der Schriftsteller. II. Vom Nutzen und Nachteil der 
Historie fiir das Leben. III. Schopenhauer als Erzieher. IV. Richard Wagner in 
Bayreuth. - Friedrich Nietzsche, Werke in drei Banden, herausgegeben von Karl 
Schlechta. Miinchen 1954-56, Band I, S. 135-434. 

David Friedrich StraujS, 1818-1874, Theologe und Schriftsteller. «Der alte und der neue 
Glaube. Ein Bekenntnis», Leipzig 1872. 

115 Karl von Rotteck, 1775-1840. Allgemeine Geschichte, 6 Bande (1813-1818). 

116 Lu/o Brentano, 1844-1931, Nationalokonom. 

Friedrich Nietzsche, «Richard Wagner in Bayreuth*: Schriften und Entwiirfe 1872-1876, 
Werke Band X, hg. von C.G. Naumann, Leipzig 1896, S. 395-425. 

118 Friedrich Karl von Savigny, 1779-1861, Rechtshistoriker. 
Leopold von Ranke, 1795-1886, Historiker. 

119 Die Krahen schrein: Nietzsches Werke Bd. VIII, hg. von C. G. Naumann, Leipzig 
1896, S. 355/56 - Auf das Gedicht «Vereinsamt» (Die Krahen schrein...) folgt das 
Gedicht «Antwort», auf das hier Bezug genommen wird; es lautet: 

Dafi Gott erbarm' ! 

Der meint, ich sehnte mich zuriick 

Ins deutsche Warm, 

Ins dumpfe deutsche Stuben-Gliick! 

Mein Freund, was hier 

Mich hemmt und halt, ist dein Verstand 

Mitleid mit dirl 

Mitleid mit deutschem Quer- Verstand! 



120 ubermensch: Friedrich Nietzsche, «Also sprach Zarathustra. Ein Buch fur alle und 
Keinen.» (1882). Ausgabe Schlechta Band II, S. 177-562. Besonders Vorrede und Erster 
Teil. 

ewige Wiederkehr des Gleichen: Siehe: «Also sprach Zarathustra*, Dritter Teil, Aus- 
gabe Schlechta S. 403 ff. 

121 Adolf von Harnack, 1851-1930, protestantischer Theologe. «Das Wesen des Christen- 
tums». Sechzehn Vorlesungen an der Universitat Berlin, Leipzig 1910. 

«Der Antichrist. Fluch auf das Christentum»: (1888). Ausgabe Schlechta Band II, 
S. 1161-1236. 

122 Franz Overbeck, 1837-1905. Uber die Christlichkeit unserer heutigenTheologie(1873). 

«Und die Dichter liigen zu viel...»: «Also sprach Zarathustra». Zweiter Teil, Von den 
Dichtern. - Ausgabe Schlechta Band II, S. 382. 

123 Schlujl meiner letzten Betrachtungen; Siehe den Vortrag vom 17. April 1921 indiesem 
Band. 

in einer Wochenschrift: Diese konnte bisher nicht ausfindig gemacht werden. 

124 «vor ihre dummen Augen zaubern»: Rudolf Steiners Mysteriendrama «Der Seelen 
Erwachen», 2. Bild. In Bibl.-Nr. 14, GA 1962, S.421. 

130 Rudolf Steiner, «Theosophie». Einfiihrung in ubersinnliche Welterkenntnis und Men- 
schenbestimmung, 1904, Bibl.-Nr. 9, GA 1978. 

142 der seinem astralischen Leib: Der Text dieser und der folgenden Zeilen bis zum Ende 
des Absatzes jetzt wortlich gemafi Stenogramm. 

144 Bild von Raffael: II Sposalizio, in der Brera in Mailand. 

146 «Heliand»: Siehe Hinweis zu S. 98. 

147 Johannes Scotus Erigena: Siehe Hinweis zu S. 57. 

150 Konzil von 869: Vgl. hierzu Johannes Geyer, «Ein Konzilbeschlufi und seine kultur- 
geschichtlichen Folgen», in «Die Drei», 1. Jg., Heft 10 (1922)und Alfred Schutze, «Das 
Konzil 869 zu Konstantinopel und die Verleugnung des Geistes», in «Die Christen- 
gemeinschaft» Januar/Februar 1956. 

154 Somatrank (Sanskrit): Der mit Milch oder Gerste gemischte und vergorene Saft der 
Somapflanze, einer Sacrostemma-Art, dessen berauschende und begeisternde Kraft 
als Gott «Soma» verehrt wurde - dem griechischen Dionysos vergleichbar. - Siehe 
Adolf Kaegi, Der Rigveda, die alteste Literatur der Inder, Leipzig 1881 , bes. S. 99 sowie 
219. - Zur okkulten Bedeutung von «Soma» vgl. auch H.P. Blavatsky, «Die Geheim- 
lehre», Bande I und II. 

158 «Abendmahlsstreifo: Das Dogma von der Transsubstantiation, der Wandlung von Brot 
und Wein in Leib und Blut Christi (4. Laterankonzil 1215) wurde von den Reforraato- 
ren verworfen. 

Johannes Hus, um 1370-1415, tschechischer Vorreformator aus Bohmen, von der 
Kirche 1410 gebannt und 1415 als Ketzer verbrannt. 



158 Gottfried Wilhelm Leibniz, 1 646- 1716, deutscher Philosoph . 

«Nicbts lebt im IntellekU: Leibniz, Nouveaux Essais, II, l-§2 : Nihil est in intellectu, 
quod non ptius fuetit in sensu, nisi intellectus ipse. 

163 ein ganzes «Tat»-Heft: «Die Tat» Monatsschrift fur die Zukunft deutscher Kultur. XIII. 
Jahrgang 1921, Heft 1. 

175 Jesuitenflugschrift der Gegenwart: Der Bolschewismus, in Flugschriften der «Stimmen 
der Zeit», 6. Heft, 3. Auflage Freiburg im Breisgau 1919 - von Bernhard Duhr S.J. 
(1852- 1930), Geschichtsforscher. 

178 Charles Darwin, 1809-1882, englischer Naturforscher. 

Karl Marx, 1818-1883. 

Gustav Theodor Fechner, 1801-1887, Naturwissenschafter und Philosoph. 

Gustav Robert Kirchhoff, 1824-1887, Physiker. 

Robert Wilhelm Bunsen, 1811-1899, Chemiker. 

191 Kongrefi von Verona: Kongrefi der «Heiligen Allianz* (1822), der alle europaischen 
Machte mit Ausnahme von England und dem Vatikan angehorten, und die unter 
Metternich einen scharf reaktionaren Kurs verfolgte. 

196 Oswald Spengler, 1880-1936, Geschichts- und Kulturphilosoph. «Preufientum und 
Sozialismus», 1920. 

200 Ahura-Mazdao, in neupersischer Form: Ormuzd, der Weltenschopfer und Lichtgott in 
der dualistischen Weltanschauung Zarathustras im alten Persien; sein Widerpart, der 
Geist der Finsternis, ist Ahriman. 

202 Joseph-Marie Comte de Maistre, 1753-1821, franzosischer Diplomat und Staatstheore- 
tiker. 

205/206 Joseph de Maistre, «Betracbtungen iiber Frankreich. Berlin 1924, Originaltitel: 
«Considerations sur la France* , London 1796; «Versuch iiber den schopferischen Ur- 
grund der Staatsverfassungem , Berlin 1924, Originaltitel: «Essai sur le principe gene- 
rat eur des constitutions politiques», Petersburg 1810; «Vom Papste», 2 Bande Miin- 
chen 1923, Originaltitel: «Du pape», Lyon 1819. 

206 Plutarch, um 45 - um 125 n. Chr., griechischer Philosoph und Historiker der romisch- 
hellenistischen Zeit, aus Chaironea. 

206/207 Joseph de Maistre, «Abendstunden zu St. Petersburg!) oder Gesprache iiber das Wal- 
ten der gottlichen Vorsicht in zeitlichen Dingen, mit einem Anhang: Erlauterungen 
iiber die Opfer, 2 Teile, Frankfurt a.M. 1824 und 1825. Originaltitel: Les soirees de 
St.- Petersbourg, Petersburg 1821. 

207 Ignatius von Loyola, 1491-1556, Begriinder des Jesuitenordens, 1622 heiliggesprochen. 

Alfonso Maria di Liguori, 1696-1787, Begriinder der Redemptoristen-Kongregation 
(des Erloserordens) 1732; 1839 heiliggesprochen. 

Franz Xaverius, 1506-1552, Jesuit, Missionar in Indien und Japan. 



207 John Locke, 1632-1704, englxscher Philosoph der Aufklarung. «Uber den menschlichen 
Verstand». - Original titel: «Essay on Human Understanding*, 1690. 

Jacques Benigne Bossuet, 1627-1704, franzosischer Theologe und Kkchenpolitiker. 

208 Voltaire, eigentlich Frangois-Marie Arouet, 1694-1778, Schriftsteller und Philosoph der 
franzosischen Aufklarung. 

Frau von Sevigne von einem italienischen Schriftsteller: Siehe de Maistre, «Abendstun- 
den zu St. Petersburg*, Band I, S. 413. Zur Auseinandersetzung mit Locke siehe das 
ganze 6. Gesprach der «Abendstunden», Band I, S. 337-430. 

210 «Diese furchtbaren Keime»: Siehe de Maistre, «Abendstunden», Band I, S. 419; dort 
auch iiber die Tugenden der Person Lockes. 

Jonathan Swift, 1667-1745, Dublin, englischer Schriftsteller, Satiriker. 

211 iiber das Opfer und den Opferkultus: Siehe den 2, Hinweis zu S. 206. 

212 Leon Gambetta, 1838-1882, franzosischer Staatsmann, Republikaner. 

«Le clericalisme , voila l'ennemi!»: Rede Gambettas vom 4. Mai 1877. 

Kommune: Sozialistisch-kommunistischer Gemeinderat, der nach dem Waffenstill- 
stand von 1871 mit Deutschland Paris fur einige Monate beherrschte. Die Bewegung 
wurde im Mai 1871 blutig niedergeschlagen. 

Boulangismus; George Boulanger, 1837-1891, franzosischer General, Monarchist. 

Alfred Dreyfus, 1859-1935, franzosischer Offizier, wegen angeblichen Landesverrats 
1894 verbannt, 1899 begnadigt. Die Dreyfusaffare gab Anlafi zur Sammlung der 
politischen Linken in Frankreich. 

214 Richard Cobden, 1804-1865, und John Bright, 1811-1889, Anhanger des Freihandels, 
bewirkten die Abschaffung der Kornzolle, wodurch u.a. Englands industrieller Auf- 
stieg ausgelost wurde. 

Herbert, Earl of Oxford and Asquith, 1852-1928, war 1914 britischer liberaler Mini- 
sterprasident. 

Edward Grey, 1862-1933, war 1914 britischer Aufienminister, er gehorte zur imperia- 
listischen Gruppe der Liberalen. 

215 Benjamin Disraeli, Earl of Beaconsfield, 1804-1881, war 1868-1880 britischer Mi- 
nisterprasident. 

Baron George Cuvier, 1769-1832, und Geoffroy de St.-Hilaire, 1772-1844, franzdsische 
Naturforscher. Siehe Eckermanns Gesprache mit Goethe, 3. Teil. Gesprach vom 
2. August 1830 (das Zitat ist nicht wortlich). 

216 August Weismann, 1834-1914, Zoologe. 
Ernst Haeckel, 1834-1919, Naturforscher. 

218 nDreigliederung des sozialen Organismus»: Siehe hierzu Rudolf Steiner, «Die 



Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zu- 
kunft», 1919, Bibl.-Nr. 23, GA 1976. 

219 in dem beriihmten Gesprach (Schiller und Goethe): Goethe berichtet davon in «Natur- 
wissenschaftliche Schriften», herausg. und kommentiert von R. Steiner in Kiirschners 
«Deutsche National -Li tteratur», Band I, Bibl.-Nr. la, Nachdruck Dornach 1975, im 
Aufsatz : Gliickliches Ereignis , S. 111/112. 

237 die Vortrage iiber ... das We sen der Farben: Vortrage vom 6., 7. und 8. Mai 1921, 
in: Rudolf Steiner, «Das Wesen der Farben», Bibl.-Nr. 291, GA 1976. 

Vortrag am letzten Donnerstag; Vom 5. Mai, in diesem Band. 

238 die verschieden gefarbten Mineralien: Siehe den Vortrag vom 8. Mai in «Das Wesen 
del Farben». 

251 Prosahymnus «Die Natun: «Goethes Naturwissenschaftliche Schriften», herausg. und 
kommentiert von R. Steiner in Kiirschners «Deutsche National-Litteratur», Band II, 
Bibl.-Nr. lb, Nachdruck Dornach 1975, S. 45. - Vgl. auch Goethes «Erlauterung zu 
dem aphoristischen Aufsatz <Die Natur>» von 1828, a.a.O. , S.63. - Der Text erschien 
zuerst im 32. Stiick des Tiefurter Journals 1782 und, wie in diesem Organ iiblich, ohne 
Verfasserangabe. Zu der Frage des Autors (Goethe oder G. Chr. Tobler) siehe den 
Aufsatz Rudolf Steiners: «Zum <Fragment> iiber die Natur», in: «Methodische Grund- 
lagen der Anthroposophie 1884-1901», Bibl.-Nr. 30, GA 1961, S. 320-327. 

252 der hafilichste Mensch im Tal des Todes: Friedrich Nietzsche, «AlsosprachZarathustra», 
4. Teil, Ausgabe Schlechta, Band II, S. 501. 

255 Karl der Kahle, 828-877, Sohn des Karolingers Ludwig des Frommen, 840-877 Konig 
des Frankenreiches, seit 875 Kaiser. 

Johannes Scotus Erigena: Siehe Hinweis zu S. 57 

Dionysios Areopagita: Siehe den Vortrag vom 15. April in diesem Band sowie den 
Hinweis zu S. 71. 

259 Origenes, um 185-254, griechischer Kirchenvater aus Alexandrien, spater Presbyter in 
Caesarea; Grundlegung seiner philosophischen Theologie: De principiis (Peri archon). 
Durch das 5. okumenische Konzil in Konstantinopel 553 unter Justinian I. wurden 
seine Lehren als ketzerisch verurteilt. 

260 Verketzerung des Scotus Erigena: Nachdem schon seit dem 1 1 . Jahrhundert die Lekture 
seiner Schriften von kirchlicher Seite verboten war, wurde 1225 die Verbrennung aller 
Exemplare angeordnet. 

270 Ihr Griechen seid ja wie Kinder: Berichtet werden diese Worte von Plato im Timaios, 
22 b/c. 

271 die Welt der Amshaspands: Siehe einige Ausfuhrungen dariiber in: Rudolf Steiner, 
«Der Orient im Lichte des Okzidents. Die Kinder des Luzifer und die Briider Christi», 
Bibl.-Nr. 113, GA I960, Vortrag vom 30. August 1909, S. 163/64; und Rudolf Steiner, 
«Christus und die geistige Welt. Von der Suche nachdem HeiligenGral», Bibl.-Nr. 149, 
GA 1977, Vortrag vom 31. Dezember 1913, S. 63. 

273 David Friedrich StraujS: Siehe Hinweis zu S. 114. 



280 Publius Cornelius Tacitus, um 55 - um 120 n.Chr . , romischef Historiker, KonsuJ. Seine 
Schrift: «De origiae et situ germanorum» (entstanden um 98 n.Chr.) ist die alteste uns 
iiberlieferte Quelle iiber Geographie und Ethnographie der Gefmanen. 

offentliche Vortrage des letzten Kurses: Rudolf Steiner, «Die Naturwissenschaft und 
die weltgeschichtliche Entwicklung der Menschheit seit dem Altertum», 6 Vortrage, 
Dornach 15. und 16. Mai, Stuttgart 21.-24. Mai 1921, Bibl.-Nr. 325, GA 1969. 

289 Der, den ihrsuchet, der ist nicht mehr hier: Matth. 28, 5/6; Mark. 16, 6; Luk. 24, 5/6. 

Oswald Spengler, 1880-1936, Geschichts- und Kulturphilosoph. «Der Untergang des 
Abendlandes», 2 Bande, 1918/1922. 

291 Eduard SuejS, 1831-1914, Geologe. «Das Antlitz der Erde», 3 Bande, 1885-1909- 

296 vorigen Vreitag: Vortrag vom 3. Juni 1921, in diesem Band. 

299 «Lieber ein Bettler auf der Erde . . .»: Siehe Hinweis zu S.81. 

301 Phidias, nach 500 - vor 423 v.Chr.; Sokrates, 470-399; Plato, 427-347. 

Hippokrates, ASQ-ill v.Chr., gait schon im Altertum als der grofite Arzt; das Kom- 
pendium griechischen Wissens iiber die Heilkunde aus dem 5. und 6. Jahrhundert ist 
nach ihm «Corpus hippocraticum» benannt. 

304 Galen, 129-199 n. Chr., der bedeutendste Arzt der romischen Kaiserzeit, Leibarzt 
Marc Aurels, der in seinen Schriften die antike Heilkunde zusammenzufassen suchte. 

307 Julian Apostata, 332-363, Neffe Konstantins des Gto&en, 361-363 romischer Kaiser. 

308 Konstantin der GroJSe: Siehe Hinweis zu S. 72. 330 Weihung von Byzanz zur neuen 
Hauptstadt des Reiches unter dem Namen Konstantinopel. 

Justinian L: Siehe Hinweis zu S. 72, vgl. ferner Ernst von Lasaulx, «Der Untergang des 
Hellenismus und die Einziehung seiner Tempelguter durch die christlichen Kaiser», 
(1854), in «Verschiittetes deutsches Schrifttum», Stuttgart 1925, S. 199 f-, wo auch die 
Namen der «sieben weisen Manner* angegeben werden. 

zum Kbnig der Perser: Chosrau Nurschivan, (Konig von 531-580), zog die Weisen aus 
aller Welt, insbesondere die Heilkundigen, nach Persien und gilt vielfach als der 
Begriinder der Akademie von Gondishapur (siehe Hinweis zu S. 309). 

Zeno der Isaurier, 426-491, ostromischer Kaiser 474-491; die Philosophenschule von 
Edessa schlofi er 487. 

309 Gondishapur (Djundaisabur): Von dem Sassanidenkonig Shapur I. (242-272) gegriin- 
dete Stadt, die lange die geistige Metropole des Reiches war. - Zur geschichtlichen 
Bedeutung von Gondishapur siehe: Rudolf Steiner, «Die Polatitat von Dauer und 
Entwickelung im Menschenleben. Die kosmische Vorgeschichte der Menschheit», 
1918, Bibl.-Nr. 184, GA 1968, S. 280 ff. 

Ibn Sina Avicenna, 980-1037, persischer Philosoph und Arzt, der iiber 100 Bucher 
verfafke: Kommentare zu Aristoteles und Konfrontation dieser Gedankenrichtung mit 
dem Neuplatonismus. 

Ibn Roschd Averroe's, 1126-1198, arabischer Philosoph, universeller Wissenschafter 



Atzt aus Cordova; er suchte im Anschlufi an Aristoteles Philosophic und Glauben zu 
vereinen. Sein Vernunftglaube fuhrte zu seiner Verbannung. 

Roger Bacon, um 1216-1294, englischer Franziskaner, wegen seiner umfassenden 
Kenntnisse Doctor mirabilis genannt; er bezog in die theologische Denkart das natur- 
wissenschaftliche Erkennen mit ein. 

in den offentlichen Vortragen hier: Siehe Hinweis zu S. 280. 



tlBE R DIE V O RTR AGSNAC H SC HRIFTEN 



Aus Rudolf Steiners Auto bio grap hie 
«Mein Lebensgang» (35. Kap., 1925) 



Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse 
vor; crstens meine vor aller Welt veroffentlichten Bucher, zweitens eine 
grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck gedacht und verkauf- 
lich nur an Mitglieder der Theosophischen (spater Anthroposophischen) 
Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei den Vor- 
tragen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die - wegen man- 
gelnder Zeit - nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir ware es am 
liebsten gewesen, wenn mundlich gesprochenes Wort mundlich gespro- 
chenes Wort geblieben ware. Aber die Mitglieder wollten den Privatdruck 
der Kurse. Und so kam er zustande. Hatte ich Zeit gehabt, die Dinge zu 
korrigieren, so hatte vom Anfange an die Einschrankung «Nur fur Mit- 
glieder* nicht zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr als einem 
Jahre ja fallen gelassen. 

Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie 
sich die beiden: meine veroffentlichten Bucher und diese Privatdrucke in 
das einfiigen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete. 

Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fur das Hinstellen der 
Anthroposophie vor das Bewufttsein der gegenwartigen Zeit verfolgen will, 
der mulS das an Hand der allgemein veroffentlichten Schriften tun. In 
ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkenntnis- 
streben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mirkugeistigem 
Schauen» immer mehr gestaltete, was zum Gebaude der Anthroposophie - 
allerdings in vieler Hinsicht in unvollkommener Art - wurde. 

Neben diese Forderung, die « Anthroposophie* aufzubauen und da- 
bei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der 
Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu ubergeben hat, trat 
nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der Mit- 
gliedschaft heraus als Seelenbediirfnis, als Geistessehnsucht sichoffenbarte. 

Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und 
den Schrift-Inhalt der Bibel uberhaupt in dem Lichte dargestellt zu horen, 
das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in Kursen 
iiber diese der Menschheit gegebenen Offenbarungen horen. 



Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten 
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur Mit- 
glieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposophie be- 
kannt. Man konnte zu ihnen eben so spreehen, wie zu Vorgeschrittenen auf 
dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser internen Vortrage 
war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein konnte, die ganz fur die 
Offentlichkeit bestimmt waren. 

Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge spreehen, die 
ich fur die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an be- 
stimmt gewesen waren, hatte anders gestalten miissen. 

So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schriften, in 
der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergrunden stammt. Die 
ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir rang und 
arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesellschaft mit. Ich 
hore auf die Schwingungen im Seelenleben der Mitgliedschaft, und in 
meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich da hore, entsteht die 
Haltung der Vortrage. 

Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was nicht 
reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von irgend 
einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mitgliedschaft 
kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke Hest, kann sie im vollsten 
Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen hat. Deshalb 
konnte ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach dieser Richtung zu 
drangend wurden, von der Einrichtung abgegangen werden, diese Drucke 
nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur hinge - 
nomrnen werden miissen, daft in den von mir nicht nachgesehenen Vor- 
lagen sich Fehlerhaftes findet. 

Ein Urteil iiber den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja allerdings 
nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, was als Urteils- 
Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fur die allermeisten dieser 
Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des Menschen, des 
Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie dargestellt wird, und 
dessen, was als «anthroposophische Geschichte» in den Mitteilungen aus 
der Geist-Welt sich findet.